On ne voit bien qu’avec le coeur

Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. So formulierte es Antoine de Saint-Éxupéry. Und das gilt in gewissem Sinn auch für die Hauptperson in G. P. Taylors Roman Tersias.

Spätes 18. Jahrhundert, London: Der kleine Tersias ist blind – nicht von Natur aus, sondern mit Absicht geblendet, damit er beim Betteln mehr einbringt. Und ausserdem kann er die Zukunft vorhersagen. Das macht den Jungen zu einer begehrten Persönlichkeit! Der Jahrmarkts-Magier Magnus Malachi; der zwielichtige Lord Malpas; der Sektenprediger Salomon – alle wollen den kleinen Hellseher für ihre Zwecke ausnutzen. Malachi will mit ihm möglichst viel Geld verdienen, Malpas möchte wissen, ob seine politischen Pläne erfolgreich sein werden. Und was Salomon und seine „Jünger“ betrifft… Dann sind da noch der jugendliche Kriminelle Jonah, der sich viel härter und abgebrühter gibt, als er in Wirklichkeit ist, sowie seine Freunde Tara und Maggot, Strassenkinder aus dem Elendsviertel. Ein Werwolf treibt sein Unwesen, ein geheimnisvolles Messer ist im Umlauf und in der sogenannten „Zitadelle“ gehen unheimliche Dinge vor sich. Aber wo Schatten ist, da ist irgendwo auch Licht, in diesem Fall das Landhaus Strumbelo an der Themse, Wohnsitz der alten Lady Grizelda, und die Tatsache, dass Zuneigung und menschliche Wärme auch in „schlechten“ Menschen etwas bewirken können. Die Rückseite des prachtvollen, imperialen London ist ein Sumpf aus Armut, Brutalität und Ungerechtigkeit; und wenn dann auch noch das Übernatürliche mitmischt, wird es erst richtig spannend! Das Rezept? Poe und Lovecraft gemischt, dazu ein Hauch Dickens, garniert mit etwas Nesbit.

Doch Tersias sieht die Zukunft nicht mit dem Herzen. Er verdankt seine Fähigkeit einem mysteriösen Wesen, das sich ungefragt in seinem Kopf einquartiert hat… Eines Tages fasst Tersias den Entschluss, sich nicht mehr herumschubsen zu lassen! Der falsche Prophet Salomon erinnert mich sehr unangenehm an den grössenwahnsinnigen Pfarrer Demurral (Blog vom 26. April 2018).

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