Kindermund

Der Erste Weltkrieg, die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, war auch insofern aussergewöhnlich, als zum ersten Mal in der Geschichte die meisten Kinder in den beteiligten Ländern lesen und schreiben konnten, sie verfassten Briefe und Tagebücher. Yury und Sonya Winterberg haben in ihrem Buch Kleine Hände im Grossen Krieg diese Quellen untersucht.

Da waren zunächst einmal die Kindersoldaten. Knaben in Uniform gab es in fast allen beteiligten Armeen; patriotisch aufgeladene Teenager meldeten sich scharenweise freiwillig (zwecks Vaterlands-Verteidigung und Heldentum), manche Kriegswaisen wurden von Truppen gewissermassen „adoptiert“ und in ihre Reihen aufgenommen. Manchmal stilisierte die Propaganda diese „kleinsten Soldaten“ sogar zu ganz besonderen Helden. Aber auch in der Heimat war der Krieg natürlich spürbar. Wenn Väter und Brüder in den Kampf zogen (und entweder als Krüppel oder gar nicht zurückkehrten), wenn in der Ferne die Kanonen donnerten, wenn die Lebensmittel knapp wurden, wenn Legionen von Flüchtlingen durchs Land zogen… Nicht zu vergessen die mit dem Krieg verbundene Propaganda, die schon die Kleinsten ins Visier nahm und sie gegen den „Feind“ aufhetzte! Hüben und drüben wurden die Kinder mit Schauermärchen über die angebliche Brutalität des Feindes traktiert. Hüben und drüben spielten die Kinder in den Gärten und Höfen Krieg – teilweise beängstigend realistisch. Und das Ganze war im November 1918 keineswegs überstanden; was die Kinder erlebt hatten, verfolgte sie ihr ganzes restliches Leben lang. Unter den Autoren dieser Quellentexte befinden sich Berühmtheiten wie die Schauspielerin Marlene Dietrich oder der Schriftsteller Ödön von Horváth, die Philosophin Simone de Beauvoir oder der Regisseur Alfred Hitchcock; aber die meisten waren „Normalverbraucher“, heute längst vergessen.

Es gibt übrigens auch eine Serie von Fernsehfilmen mit dem gleichen Titel, in der exemplarische Geschichten von Kriegskindern erzählt werden (zum Beispiel online auf SRF mySchool). Auch die Serie Mino aus dem Jahr 1986 (mit Guido Cella, Mario Adorf und Michael Heltau) behandelt ein ähnliches Thema.

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