Es waren zwei Königskinder…

Eine der sagenumwobensten Personen in der Geschichte Frankreichs ist Louis-Charles, jener Dauphin, der (obwohl er nie regierte) manchmal auch als Louis XVII bezeichnet wird. 1785 geboren, wurde der Duc de Normandie, zweiter Sohn von König Louis XVI, nach dem Tod seines älteren Bruder 1789 Dauphin (Kronprinz).

1795 sitzt in Paris ein zehnjähriger Junge in einer Festung, die Temple genannt wird. Der kleine Louis-Charles Capet, wie er genannt wird (die Bourbonen sind, genealogisch gesehen, eine Nebenlinie der Kapetinger), ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Samtrock, Brokatweste, Spitzenhemd, Atlashose und Seidenstrümpfe? Ersetzt durch die Kleidung eines Pariser Gassenjungen. Polierte Schnallenschuhe? Kein Vergleich zu den Stiefeln, die er jetzt trägt. Die blonden Locken, einst sorgfältig gepflegt? Abgeschnitten. Vater und Mutter, Louis XVI und Marie Antoinette? Per Guillotine getötet. Der Prunk von Versailles? Nur noch eine ferne Erinnerung. Dabei ist er doch, seit dem Tod seines Vaters vor zwei Jahren, eigentlich der rechtmässige König von Frankreich, eben Louis XVII, auch wenn die Revolutionäre da draussen das nicht wahrhaben wollen! Aber das ist nicht die Hauptsache. In erster Linie ist er ein Büblein, dem man seine Eltern entrissen hat! Doch Louis-Charles trägt sein Schicksal mit Fassung. Etwas anderes bleibt ihm auch gar nicht übrig, er hat nämlich nicht mehr lange zu leben…

Der Ahnherr dieses Dauphins, König Louis XIV, wird im gleichen Alter (Frankreich hatte im 17. und 18. Jahrhundert diverse Kindkönige) von einem Köhler vor dem Ertrinken gerettet – der nicht ahnt, mit wem er es zu tun hat. Eugénie Foa erzählt in Petits Princes et Petites Princesses diese und andere Geschichten von französischen Königskindern – manchmal etwas kitschig, aber historisch dennoch interessant. In späteren Jahrzehnten traten immer wieder Hochstapler auf, die behaupteten, der auf geheimnisvolle Weise entkommene Dauphin zu sein (ähnlich wie bei den Romanows im 20. Jahrhundert). Mark Twain hat dieses Motiv sogar in seinem Roman Huckleberry Finn verarbeitet.

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