„Der hat ja gar nichts an!“

Dieses vernichtende Verdikt über Andersens Kaiser mit den neuen Kleidern lässt sich auch auf Seite 141 des Bildbandes Nikolaus und Alexandra anwenden, den Prinz Michael von Griechenland herausgegeben hat. Der russische Zar Nikolaus II. beim Baden – im Adamskostüm…

Die Romanows waren leidenschaftliche Hobby-Fotografen, deshalb gibt es neben den offiziellen Repräsentationsbildern auch zahlreiche private Aufnahmen. Der Zar gibt an Ostern einem einfachen Matrosen den Friedenskuss; bei einer anderen Gelegenheit stapft er mit hochgekrempelten Hosenbeinen durch das Wasser. Der Thronfolger Alexei geht im Urlaub bei Verwandten in Deutschland inkognito mit seiner Gouvernante spazieren; ein zufälliger Passant zuckt nicht einmal mit der Wimper. Bei Kriegsausbruch vertauscht Alexei seinen gewohnten Matrosenanzug mit der Uniform eines einfachen Soldaten. Anastasia versucht, im Park der Residenz von Zarskoe Selo eine Schneeburg zu erklimmen, während Olga unten schiebt und Alexei oben zieht. Anastasia ist der Spassvogel in der Familie und auch vor der Kamera immer für einen Jux zu haben. Nach der Revolution arbeiten Tatjana und Anastasia im Gemüsegarten; es könnten auch zwei Bauerntöchter sein. Die Zarenkinder – vier bildhübsche Töchter und ein gut aussehender Sohn – sind zu jener Zeit vermutlich die meistfotografierten und meistgefilmten Kinder der Welt. Zarin Alexandra hingegen wirkt mit ihrer ewigen Leichenbittermiene weniger fotogen. Aufnahmen von Rasputin mit der Zarenfamilie gibt es – angesichts der privilegierten Stellung des sibirischen Wunderheilers – auffallend wenige. Vergleiche dazu die Blogs vom 13. Dezember 2016 und vom 16. Dezember 2013.

Dabei muss man wissen, dass das Familienidyll in diesem Fall nicht nur gespielt war, sondern durchaus der Realität entsprach. Eigentlich eine Musterfamilie, könnte man sagen – nur leider zur falschen Zeit am falschen Platz. Am Besten gefällt mir übrigens ein Foto auf Seite 87: Der Zar und der Zarewitsch stehen auf einem Balkon, in Kosakenuniformen gekleidet, und blicken ernst in die Ferne… Durch die Pose und die Schwarzweiss-Effekte scheint das Bild geradezu symbolisch für die untergehende russische Monarchie.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site is protected by reCAPTCHA and the Google Privacy Policy and Terms of Service apply.