Kinder an die Macht!

Erika Mann untersucht in ihrem Buch Zehn Millionen Kinder (erstmals erschienen 1938), wie Kinder in Nazi-Deutschland dem System zum Opfer fielen.

  • Die Familie: Obwohl die Nazis ständig das Gegenteil behaupten, arbeiten sie mit Feuereifer daran, die Familien zu zerstören. Man holt die lieben Kleinen möglichst früh in die Jugendorganisation der Partei, macht den potentiell unzuverlässigen Eltern dadurch die Erziehungshoheit streitig und platziert so (weil das Wort der Organisation im Zweifelsfall mehr Gewicht hat als das Wort der Eltern) in jeder Familie mindestens einen kleinen Spion. Irgendwann trauen die Eltern ihren uniformierten Sprösslingen nicht mehr und diese verachten die Eltern womöglich für ihre nicht-arische Abstammung, ihre nicht ganz linientreue Einstellung usw.
  • Die Schule: Diese ist im Dritten Reich komplett pervertiert. Die Nazis machen nicht einmal einen Hehl daraus, dass die Wissensvermittlung hier nicht im Vordergrund steht (wozu denn – der Führer hat ja schliesslich auch keine höhere Bildung genossen). Die Kriterien zur Bewertung eines Schülers sind, und zwar genau in dieser (absteigenden) Reihenfolge: 1. Die arische Rasse; 2. Die nationalsozialistische Einstellung; 3. Die körperliche Fitness (sprich Kriegstauglichkeit); und endlich 4. Das Wissen. Was von der Schulbildung zuletzt noch übrig bleibt, steht von A bis Z in Zusammenhang mit Politik, Ideologie und Krieg.
  • Die „Staatsjugend“: Sobald ein deutscher Junge mit 10 Jahren erstmals die Uniform des Jungvolks anzieht, mit Halstuch und Schulterriemen, verwandelt er sich nicht nur in einen sogenannten „Pimpf“, sondern auch in einen Miniatur-Vertreter der Staatsgewalt. Und wenn er etwas älter wird, kann es vorkommen, dass er nicht bloss neue Zehnjährige im Kasernenhofton zusammenstaucht, sondern auch gegenüber deren Eltern arrogant den Vorgesetzten herauskehrt. Die Loslösung von der Familie wird systematisch forciert; für einen richtigen Hitlerjungen gibt es keine schlimmere Beleidigung als „Muttersöhnchen“! Anstatt Kindheit gibt es nur eines: Kriegsvorbereitung.

Für dieses Buch hat Erika Mann vom Exil aus gründlich recherchiert. Ihr Vater Thomas steuerte eine Einführung bei.

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