Angst für Fortgeschrittene

Bereits am 16. Mai 2017 habe ich über die Angst geschrieben. Über jene Angst, die mich seit rund 20 Jahren ständig begleitet, immer und überall, was ich auch tue, wohin ich auch gehe. Markus Limacher schildert in seinem Buch Krieg im Kopf einen besonders krassen Fall von irrationaler Angst.

Der Jugendliche Ronald, genannt Ronni, hat ein Problem, ein sehr grosses Problem. Durch Medien, Geschichtsbücher usw. ist er so lange mit Horrorgeschichten von Krieg, Tod und Zerstörung konfrontiert worden, bis sein empfindsames Gemüt dem Ansturm nicht mehr gewachsen war. Seither lebt Ronni zur Hälfte in einer bizarren Traumwelt voller Gewalt und Todesangst, versinkt immer tiefer und tiefer in seinen Wahnvorstellungen, die er kaum noch von der Realität unterscheiden kann. Ein Heim für psychisch kranke Kinder und Jugendliche (der sogenannte „Kasten“) wird sein provisorisches Zuhause. Die Leidensgenossen dort machen Ronni bewusst, dass er nicht alleine ist und dass es Leute gibt, denen es noch schlechter geht als ihm. Da ist Lena, die ständig mit einer unsichtbaren „Meisterin“ spricht; Kornel, der beim Sprechen zwischendurch bellt und knurrt; Bruno, der immer wieder unkontrolliert zuschlägt; Anina, ein schwer traumatisiertes Flüchtlingskind aus Bosnien… Wenn die ganze Gruppe zusammen ist, geht es oft turbulent zu und her! Wird Ronni einen Ausweg finden? Oder blüht ihm, irgendwann – wie Lena es auf Seite 93 resigniert ausdrückt – „vollgestopft mit Psychopharmaka nur noch in irgendeiner Gummizelle dieses Irrenhauses“ dahinzuvegetieren? Was werden Ronnis Freunde in der Schule denken? Und wird seine Freundin Yvonne zu ihm halten, auch wenn er vielleicht monatelang im „Kasten“ bleiben muss?

Oh ja, ich kann nachvollziehen, wie Ronni sich fühlt! Ich war zwar selber bisher noch nie in einem solchen „Kasten“, aber ich kenne den Verdruss, die Hilflosigkeit, die psychische Erschöpfung nur zu gut. Und ich weiss auch genau, was Ronni meint, als er auf Seite 82 fragt: „Wann werde ich endgültig irrsinnig?

One Reply to “Angst für Fortgeschrittene”

  1. Lieber Gabriel!
    Ich habe das Buch nicht gelesen. Aber ich habe in meinen mehr als 80 Jahren auch Menschen gekannt, die sich mit solchen Gedanken haben herumschlagen müssen. Aber gerade bei denen ist mit aufgefallen, wie feinfühlig und sensibel sie auf eine Situation und eine Person reagierten – oft viel eher und klarer als die sogenannten „normalen“ Zeitgenossen. So hat auch eine solche Veranlagung offenbar ihre zwei Seiten.
    Gute Wünsche aus Dresden! Dein Michel.

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