Das Wunder im Westen

Der Erste Weltkrieg gilt als die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Er war ein Blutbad, wie unser Planet bis dahin noch keines erlebt hatte; eine ganze Welt und eine ganze Generation gingen mit ihm zugrunde. Und doch blieb die Menschlichkeit nicht ganz auf der Strecke.

Im Dezember 1914 war die Situation an der Westfront bereits ziemlich festgefahren. Hier ein Schützengraben, da ein Schützengraben; die Front bewegte sich mal ein paar Kilometer in die eine Richtung, dann wieder ein paar Kilometer in die andere; hüben und drüben starben Soldaten wie die Fliegen. Doch an Weihnachten kam es in Flandern zu einem unerhörten Vorfall: Deutsche und Entente-Truppen erklärten an mehreren Stellen auf eigene Faust einen vorübergehenden Waffenstillstand. „Zum Kuckuck mit den hohen Herren in den Generalstäben, es ist Weihnachten! Und wir sind schliesslich alle nicht freiwillig hier!“ Man setzte sich zusammen, im Niemandsland zwischen den Fronten, zuerst Deutsche und Briten, dann kamen auch Franzosen und Belgier, man sang Weihnachtslieder (Stille Nacht bzw. Silent Night wurde dadurch auch in England populär) und tauschte Waren. Ausserdem nutzten die Soldaten beider Seiten die Gelegenheit, ihre Gefallenen zu bestatten. Man schnitt sich gegenseitig die Haare oder spielte sogar Fussball. Ein paar kostbare Tage lang dauerte das Wunder, dann ging der mörderische Irrsinn weiter.

In Der kleine Frieden im Grossen Krieg erzählt Michael Jürgs diese wahre Geschichte. Nicht nur die hohen Herren von den Generalstäben waren gar nicht erfreut über dieses Ereignis; auch ein Gefreiter in der deutschen Armee, ein gewisser Adolf Hitler, soll sich sehr missbilligend darüber geäussert haben.

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