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Archiv vom ‘Bücher’

18. Januar 2018

Der magnetische Doktor

by Gabriel Weber

Das erste „wahre Märchen“ des neuen Jahres:

Es war einmal ein Mann, der 1734 in Iznang zur Welt kommt (das liegt in der Gegend von Radolfzell, nicht weit von der Schweizer Grenze entfernt). Der Sohn eines fürstbischöflich-konstänzischen Jagdaufsehers studiert in Ingolstadt und Wien zunächst Theologie, dann Medizin und promoviert 1766. Im Stephansdom heiratet der süddeutsche Arzt am 10. Januar 1768 Anna Maria von Bosch, eine der reichsten Frauen Wiens. Einige Jahre lang arbeitet er als gewöhnlicher Schulmediziner, dann jedoch entwickelt er eine eigene medizinische Theorie, den „animalischen Magnetismus“. Genau zu explizieren, was das ist, würde den Rahmen dieses Blogs sprengen; es hat jedenfalls etwas mit Magneten, Elektrizität und Wasser zu tun. Die Fachwelt mit ihren Aderlässen und ähnlichen Methoden ist zwar entsetzt, aber die Patienten strömen in Scharen herbei. Der Entdecker dieses „Universalheilmittels“ kann einige aufsehenerregende Erfolge verbuchen (was sein Selbstbewusstsein beträchtlich ankurbelt). Doch die Feindschaft der Herren Kollegen ist zu gross, deshalb zieht der Doktor 1778 nach Paris. Sein Erfolg ist sensationell, die ganze vornehme Gesellschaft geht bei ihm ein und aus (man bietet ihm sogar Geld dafür, dass er nicht wegzieht), die ersehnte Anerkennung der Ärzteschaft hingegen erreicht er auch dort nicht. Zur Zeit der Französischen Revolution ist der Doktor wieder in Wien, wird vorübergehend verhaftet (er betätigt sich nämlich auch politisch) und kehrt, aus Österreich ausgewiesen, in die Bodenseeregion zurück. Eine Weile lebt er in Wagenhausen bei Stein am Rhein, zeitweise auch in Frauenfeld, zuletzt in Meersburg, wo er am 5. März 1815 stirbt.

Er machte Furore und wurde zur Legende: Franz Anton Mesmer. Ganz Europa sprach seinerzeit von ihm. Der Spiritismus wurde ebenso von ihm beeinflusst wie die Psychoanalyse und die Hypnose. Übrigens war Mesmer auch sehr musikalisch, spielte mehrere Instrumente und zählte, besonders in Wien, zahlreiche Künstler zu seinem Freundeskreis. Ernst Florey verfolgt in Ars Magnetica den Werdegang des „Magiers vom Bodensee“.

16. Januar 2018

Mädchen, anständig, sucht…

by Gabriel Weber

Die gesammelten Ausgaben des Schweizerischen Katholischen Sonntagsblattes aus dem Jahr 1892 sind eine kulturhistorisch hochinteressante Lektüre.

Besonders spannend sind die Inserate beziehungsweise die Annoncen. Oft ist da von Hausangestellten die Rede. „Rechtschaffene Eltern“ sind dabei sehr wichtig (uneheliche Kinder sind also nicht erwünscht), auch auf das Wort „katholisch“ wird grosser Wert gelegt (als ob damals ein Nicht-Katholik dieses Blatt gelesen hätte). Zukünftige Dienstmädchen sollten „treu„, „brav“ und „willig“ sein. Manche Inserate entbehren aus heutiger Sicht nicht einer gewissen Komik, etwa wenn ausdrücklich „Gute Behandlung wird zugesichert“ steht oder wenn die Stellensuchende betont, es werde „mehr auf gute Behandlung als auf grossen Lohn gesehen„. Am besten gefällt mir das „Mädchen mit schöner häusl. Einrichtung„, das eine „Stelle bei einem H. Geistlichen“ sucht. Erschütternd ist hingegen die Frage, wer einer „armen Wittwe eines ihrer 4 braven Kinder abnehmen“ würde. Das Ganze verläuft übrigens äusserst diskret; meistens wird für nähere Informationen auf die Expedition des Blattes (Firma L. Gegenbauer in Wil) verwiesen. Nur ganz selten werden Namen genannt.

Doch nicht nur die Stellenanzeigen sind lesenswert. Am 27. Februar wollte jemand eine „ca. 50 Kilo schwere, ältere Glocke zu Verwendung für eine überseeische Missionsstation“ erwerben. „Der ächte Eisencognac Golliez“ wird immer wieder als „das anerkannt beste Eisenpräparat“ angepriesen.

11. Januar 2018

Herr Weihnachten Feigling

by Gabriel Weber

Sir Noël Coward (1899-1973), britischer Schriftsteller, Schauspieler und Komponist, ist die Hauptperson im Krimi Mordfall für Noël Coward von George Baxt.

1935: Noël Coward (Sir Noël wird er erst viel später) ist der Superstar der Londoner High Society, ein würdiger Nachfolger von Oscar Wilde (vergleiche Blog vom 18. März 2014) – nicht nur als Autor ebenso geistreicher wie satirischer Gesellschaftskomödien, sondern auch als Dandy und Salonlöwe (und als Homosexueller). Jetzt versucht Noël sein Glück in New York. Dort lässt er sich, neben Theater und Film, für die Eröffnung eines Nachtklubs engagieren – eines ebenso pompösen wie dubiosen Nachtklubs. Aber da geht während der Proben für die Eröffnung eine Kleinigkeit schief. Auf offener Bühne wird die Tänzerin Edna Dore ermordet; genauer gesagt, sie wird mit einem Pfeil aus einem Blasrohr erschossen. Noël ist höchst erstaunt (als Leser kann man förmlich sehen, wie er die Augenbrauen hochzieht), streckt seine Nase noch etwas höher in die Luft, als er das ohnehin schon immer tut, lässt einige süffisante Bemerkungen vom Stapel und beteiligt sich dann fleissig an den Ermittlungen. Da ist zunächst einmal das Gangster-Trio, das den besagten Nachtklub leitet; ein Pärchen, das sich mit Voodoo befasst; eine noch recht junge Dame, die schon sage und schreibe drei Ehemänner überlebt hat; ferner eine weitere weibliche Leiche, die kürzlich in Shanghai gefunden wurde… Nur mit seiner Zigarettenspitze und seinem Esprit bewaffnet, macht sich Noël an die Arbeit.

Ein Gentleman und Snob, letzteres aber nicht nur aus persönlicher Eitelkeit, sondern in erster Linie aus Image-Gründen – Noël Coward gibt einen famosen Krimihelden ab.

9. Januar 2018

Kräuter unter sich

by Gabriel Weber

Eine Variation des berühmten The Prince and the Pauper-Motivs (vergleiche Blog vom 20. März 2014) liefert Lisa Tetzner in ihrem Kinderroman –was am See geschah.

Rosmarin von Stetten (seine Eltern haben während der Schwangerschaft gehofft, es würde eine Rosemarie), wohlbehüteter Sohn aus reichem Haus, verbringt seine Ferien auf dem Land, auf dem historischen Stammsitz seiner Familie. Ganz in der Nähe, im Dorf Dittersbach, lebt ein Junge, der August Holt heisst, Rosmarin verblüffend ähnlich sieht und ausgerechnet Thymian genannt wird. Er ist als Waisenkind im Armenhaus aufgewachsen und jetzt bei verschiedenen Leuten im Dorf in Pflege. So weit, so gut. Doch die Leute auf dem Schloss wundern sich über Rosmarin, der sich so merkwürdig verhält, gar nicht wie ein wohlerzogenes Herrensöhnchen, und auch körperlich nicht ganz den Erwartungen entspricht. Zur gleichen Zeit schüttelt die Bevölkerung von Dittersbach kollektiv den Kopf über diesen kleinen Armenhäusler Thymian, der sich plötzlich so manierlich benimmt, so gewählt spricht und in der Dorfschule mit einem Wissen brilliert, dass selbst dem Lehrer angst und bange wird. Das geschätzte Publikum hat es vermutlich bereits erraten: Ros und Thym (wie sie auch genannt werden) haben sich per Zufall kennen gelernt. Nach einem Bootsunglück werden beide unbekleidet aus dem See gefischt – und prompt miteinander verwechselt. Während sich der etwas abergläubische Thymian durch einen rätselhaften Zauber in ein anderes, märchenhaftes Leben versetzt wähnt, lernt Rosmarin ausserhalb seines gewohnten Alltags eine komplett andere Welt kennen.

Ich weiss nicht, ob es den Ort gibt, aber der Sprache nach befindet sich Dittersbach irgendwo in Süddeutschland.

21. Dezember 2017

Die Fantasie macht sich selbständig

by Gabriel Weber

Ein Autor kann mit seiner Fantasie ganze Welten erschaffen. Doch was passiert, wenn sich das Erdachte plötzlich verselbständigt? Diese Erfahrung macht das Publikum in dem Buch Das Volk von Tarkaan von Pierdomenico Baccalario.

Antonello kann Bücher nicht ausstehen. In diesem speziellen Fall ist das ausnahmsweise ein Glück. Anlässlich eines Faschingsfestes der Pfadfinder in seinem Dorf wird die berühmte Fantasy-Autorin Apollonia J. Brennan zu einer Autorenlesung erwartet. Doch die Brennan taucht nicht auf, dafür zwei seltsame Fremde – und plötzlich sind alle Kinder, die zu der Lesung erschienen sind (insgesamt 28 Stück), spurlos verschwunden. Antonello, der sich glücklicherweise vor dem Anlass gedrückt hat, muss etwas unternehmen. Aber was? Er braucht Hilfe, und zwar von Leuten, die viel lesen. Übrigens ist das Verschwinden der örtlichen Schuljugend nicht das einzige merkwürdige Ereignis an diesem Tag.

Die kostümierten Kinder wissen zuerst gar nicht, wie ihnen geschieht. Zwei bewaffnete Ungetüme, sogenannte Kolosse, schleppen sie durch eine Höhle in eine andere Welt – exakt jene Welt, die Apollonia J. Brennan in ihren Büchern kreiert hat: Tarkaan. Aber das kann doch gar nicht sein! (Oder doch?) In der „Verborgenen Stadt“ werden die Kinder eingesperrt. Die Entführten gehen mit der Situation ganz unterschiedlich um: Einige jammern verzweifelt, andere sind von diesem einmaligen Erlebnis begeistert (davon hat doch jeder Fantasy-Leser und jede Fantasy-Leserin schon einmal geträumt). Mariano, genannt Houdini, kann zwar den Kolossen entwischen, sitzt aber trotzdem immer noch in dieser fremden Welt fest. Giacomo, der Brennans Bücher genau gelesen hat und so ziemlich alles über Tarkaan und seine Einwohner weiss, versteht diese Kenntnisse zu nutzen. Ihm gefällt es bei den Kolossen viel besser als zuhause; Durch sein Wissen eröffnen sich ihm hier ungeahnte Möglichkeiten. Und vielleicht kann er sogar Raffaella, das hübscheste Mädchen in der Klasse, für sich erobern.

Eine wunderbare, humorvolle Hommage an die Fantasy-Literatur – und an die Fantasie überhaupt.

19. Dezember 2017

Musik für Anfänger

by Gabriel Weber

Waren Sie schon einmal in einem klassischen Konzert? Dann wissen Sie, was für eine komplizierte Angelegenheit das ist. Nur schon das Programm mit diesen vielen Fachbegriffen… andante maestoso und allegro con brio und fis-moll und ces-dur und was weiss ich noch alles. Überhaupt stösst man, wenn man sich mit klassischer Musik und Komponisten befasst, ständig auf Ausdrücke, die man nicht versteht.

Was Noten und Tonleitern sind, das dürfte noch einigermassen klar sein. Bei Modulation oder Harmonie (im musikalischen Sinn) wird es schon schwieriger. Und spätestens beim Kontrapunkt müssen vermutlich die meisten Laien kapitulieren. Wenn man den berühmten Messias von Georg Friedrich Händel hört, fragt man sich vielleicht plötzlich, was genau man unter einem Oratorium versteht. Und wie viele Fugen, zum Beispiel von Johann Sebastian Bach, hat man schon gehört, aber mal ehrlich: Wissen Sie, was eine Fuge eigentlich ist? (Ich nicht!) Wie ist eine Symphonie (oder Sinfonie) von Ludwig van Beethoven aufgebaut und inwiefern unterscheidet sie sich von einer Sinfonie (oder Symphonie) von Edward Elgar? Kann man Kammermusik trotz des Namens auch in grossen Räumen spielen? Gibt es neben dem Kontra-Bass auch einen Pro-Bass? Was ist der Unterschied zwischen einer Oboe und einer Klarinette? Hat das Englischhorn etwas mit England zu tun? Muss man bei der Kesselpauke bloss im wahrsten Sinne des Wortes „auf die Pauke hauen“, sonst nichts?

Jetzt bei buchplanet.ch: ABC des Musikhörens. Einführung zu besserem Verstehen von Percy A. Scholes. Allerdings sollte man über all dieser Theorie nicht vergessen, sich zurückzulehnen und einfach die Musik zu geniessen.

14. Dezember 2017

Was soll das Pfand in meiner Hand?

by Gabriel Weber

Leute, die nicht wissen, was sie über Weihnachten und Neujahr tun sollen, können einen Blick in Ludwig von Alvenslebens Handbuch für Gesellschaftsspiele werfen.

27 Spiele für draussen sind da aufgeführt, darunter Klassiker wie Fussball und Krocket (Kennen Sie nicht? Das ist ein Spiel, bei dem man mit so einer Art Hammer einen Ball durch kleine Tore schiesst). Es gibt aber auch Bewegungsspiele für drinnen, man braucht nur ein bisschen Platz. Dann sind da natürlich die Pfänderspiele: nicht weniger als 26 Stück, gefolgt von insgesamt 86 verschiedenen Möglichkeiten, wie man die abgegebenen Pfänder wieder einlösen kann, sorgfältig aufgeteilt in solche mit Küssen und solche ohne Küsse. Foppspiele, also Spiele, bei denen jemand an der Nase herumgeführt wird, sind mit Vorsicht zu geniessen; man kann da nämlich leicht an jemanden geraten, dem der nötige Humor fehlt. Das würde für alle Beteiligten das Vergnügen stark dämpfen. Für fortgeschrittene Spielerinnen und Spieler gibt es Verstandes- und Gedächtnisspiele. Immer wieder furchtbar amüsant sind auch so kleine Stegreif-Aufführungen, mit denen beispielsweise Sprichwörter oder Silbenrätsel dargestellt werden.

Na, mit diesem Buch kann an langweiligen Weihnachtsfeiern und ähnlichen Anlässen ja nichts mehr schiefgehen. Vorausgesetzt natürlich, dass man Frakturschrift lesen kann (das Buch ist nämlich aus dem Jahr 1918 – gerade passend zum Jubiläum).

12. Dezember 2017

Tantchen amüsiert sich

by Gabriel Weber

Zu den bekanntesten Werken des russischen Schriftstellers Fjodor Michailowitsch Dostojewski gehört der Roman Der Spieler.

Ein junger russischer Hauslehrer mit Vornamen Alexei Iwanowitsch kommt im Gefolge seines Arbeitgebers, eines Generals, nach Roulettenburg (natürlich fiktiv, modelliert nach Wiesbaden, Bad Homburg und anderen deutschen Städten mit Spielbanken-Tradition). Der General hält mit Familie und Dienerschaft in einem Hotel grossartig Hof, ist aber in Wirklichkeit fast mittellos. Pauline Alexandrowna, die Stieftochter des Generals, bittet den Hauslehrer, für sie Roulette zu spielen, weil sie dringend Geld braucht. So kommt der junge Mann mit dem Glücksspiel in Berührung. Und das hat seine Folgen; schon bald spielt er auf eigene Rechnung. Eines Tages trudelt die ebenso betagte wie reiche Erbtante des Generals in Roulettenburg ein – Antonida Wasiljewna Tarasewitschewa (Wiederholen Sie das dreimal hintereinander!), auf deren Ableben man schon lange wartet – und begibt sich geradewegs an den Spieltisch. Die temperamentvolle alte Dame hat nämlich absolut nicht die Absicht, demnächst zu sterben. Und so rollt und rollt die Kugel.

Der Rausch des Glücksspiels, die Sucht (siehe Blog vom 15. Dezember 2016)… Vermögen, die in kürzester Zeit gewonnen und wieder verloren werden… Dostojewski wusste, wovon er sprach bzw. schrieb. Er verspielte selber sein Geld in Wiesbaden – und hat dort heute ein Denkmal.

7. Dezember 2017

Alles nur heisse Luft?

by Gabriel Weber

(Dies ist mein Blog Nr. 400!) Bis in die 1930er Jahre war es möglich, mit riesigen Zigarren über den Atlantik zu fliegen. An Bord einer solchen Zigarre spielt Cay Rademachers Das Luftschiff.

Im Jahr 1937 fliegt ein Zeppelin mit dem originellen Namen „Graf Zeppelin“ von Rio de Janeiro nach Friedrichshafen. An Bord befindet sich auch der deutsche Journalist Walter Jaeger, der für seine Zeitung über den Flug berichten soll. Eine behagliche, komfortable Reise – doch dann, irgendwo über dem atlantischen Ozean, kommt per Funk eine Meldung, die es in sich hat. Ein anderes Luftschiff, die Hindenburg, ist in Flammen aufgegangen, möglicherweise durch Sabotage! Und nun befürchtet man etwas Ähnliches für die Graf Zeppelin! Plötzlich verändert sich die Atmosphäre an Bord, man verdächtigt sich gegenseitig und denkt darüber nach, was im Falle eines Falles wohl zu tun wäre. Der hochrangige Nazi Augustus Steicher in Begleitung der Prostituierten Ute Schmitz; Der Gestapo-Mann Hans Thomsen, der – auf Befehl von ganz oben! – den jüdischen Arzt Johann Forster aus seinem brasilianischen Exil nach Deutschland zurückspediert; Der Dirigent Rafael Schoschowski und seine Frau Annegret mit ihrer zerrütteten Ehe; Die Millionärstochter Sarah Livingston, die nicht weiss, warum ihr Vater plötzlich so dringend nach Deutschland muss; Der kleine, unauffällige Buchhalter Arthur Ohlbaum, der fest entschlossen ist, nicht ewig ein kleiner, unauffälliger Buchhalter zu bleiben; Der Steward Carl Pflug, immer freundlich und hilfsbereit, seine persönlichen Gefühle verbergend; Der Funker Heinrich Parsch, voller Angst wegen einiger gewagter politischer Witze…

Passagiere und Mannschaft – jede Person mit ihrer Vorgeschichte, mit ihren kleinen Heimlichkeiten und, besonders die Deutschen, mit ihrer Angst. Auf engstem Raum sitzen sie beieinander, niemand kann entkommen. Die Situation erinnert ein wenig an Agatha Christies Murder on the Orient Express. Da und dort gibt es sogar erotische Eskapaden (man scheint sich da oben keinen Zwang anzutun!). Wer wäre imstande, den Zeppelin zu sprengen?

5. Dezember 2017

Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da

by Gabriel Weber

Die Nacht ist da, dass was gescheh‘! (Das sang einst Gustaf Gründgens im Film Tanz auf dem Vulkan.) So, jetzt werden wir mal ganz indiskret und stöbern im intimsten Bereich der Weltgeschichte. In Birgit Lahanns Buch Hochzeit, die erste Nacht wird so richtig schmutzige Wäsche gewaschen.

Lord Byron hatte mit Frauen schon so ziemlich alles erlebt, mit Ausnahme der Ehe. Also suchte er sich kurzerhand eine Gattin, Annabella Milbanke. Schon kurz nach der Verlobung bekam der Poet kalte Füsse, doch es gab kein Zurück mehr… Romola de Pulszky, die frisch angetraute Ehefrau von Vaslav Nijinsky, sass am Abend nach ihrer Hochzeit in einem Hotelzimmer in Buenos Aires mit einem homosexuellen Mann zusammen, mit dem sie sich sprachlich gar nicht verständigen konnte. Wie wichtig Aufklärung ist, erkennt man am Fall von Laurence Olivier und Jill Esmond, die beide hoffnungslos überfordert waren. Eigentlich gar nicht heiraten wollten Marta Löffler und Lion Feuchtwanger. Doch Marta war schwanger – und noch bevor die werdenden Eltern „Illegitimität“ buchstabiert hatten, waren sie von ihren Familien auch schon miteinander verlobt worden. Adolf Hitler diktierte in seiner Hochzeitsnacht bereits sein Testament und liess nebenbei den Schwager seiner Frau Eva Braun erschiessen.  Bei Monarchen war der „Vollzug der Ehe“ früher ein veritabler Staatsakt und wurde entsprechend beobachtet und kommentiert. Der französische König Louis XV behauptete, in seiner Hochzeitsnacht mit Maria Leszczynska nicht weniger als sieben Mal… äh… na, Sie wissen schon… Nicht übel für einen Fünfzehnjährigen ohne die geringste Erfahrung! Bei seinem Enkel Louis XVI und dessen Gemahlin Marie Antoinette hingegen war jahrelang gar nichts los. Die Ehe Katharinas der Grossen war nicht nur tagsüber, sondern auch nachts ein Desaster – schon in der Hochzeitsnacht liess ihr Gatte Peter III. sie stundenlang warten, um dann betrunken anzutanzen.

Auch das berühmteste Liebespaar der Welt wird unter die Lupe genommen: Romeo und Julia