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17. August 2012

Aberglaube, Volksdeutungen, Bauernregeln – (Fortsetzung)

by Urs Steiner

Kräht der Hahn noch abends, so muss man sich auf Witterungsumschlag gefasst machen. (Sarganserland, 1916)

Wenn die Henne Gras pickt oder nicht unter Dach will, so glaubt man auf Regen, sucht sie hingegen früh ihr Lager auf, auf gutes Wetter schliessen zu müssen. (Sarganserland, 1916)

Raben sind die Begleiter Wodans. Ihr Geschrei verkündet Unglück. Doch sind sie auch die Ankläger der Mörder; so bei Meinrad. Einem Schlosser in Rottweil sollen sie (1721) das Schurzfell an den Galgen getragen haben, um ihn als Verbrecher anzuklagen.

Der Ruf der Aegersten und Krähen bedeutet Unglück.

Die Eule, ein gefürchtetes Hexentier, oft ein verwandelter Kobold, zeigt durch ihren Ruf den Tod an. Nagelt man sie ans Scheunentor, so schützt sie vor Hexenspuk und Blitz. Legt man den rechten Fuss und das Herz der Eule dem Schlafenden auf die Brust, so kann man ihn über Alles ausfragen.

Die Eule auf dem Dache bedeutet, dass im Hause jemand stirbt.

Die weissen Tauben stellen die unschuldigen Seelen, besonders bei Hinrichtungen, vor, auch den heiligen Geist. Turteltauben ziehen als Haustiere vielerlei Krankheiten an sich, gewähren also den Menschen willkommenen Schutz. Gegen Unterleibsentzündungen legt man eine frisch aufgeschnittene, blutende Taube auf. Hat man Turteltauben im Hause, ziehen sie alles Gift von Gicht und Rheuma an sich, ohne dass es ihnen schadet.

Der Kuckuck ist in der Sage ein verwünschter Bäckerknecht oder auch eine Jungfrau, welche den Tod ihres Bruders allzu sehr beklagt hat. Er verwandelt sich nach dem Volksglauben beliebig in einen Specht. Sein Küster ist der Wiedehopf. Der Kuckucksruf schliesst Glück in sich. Hat man Brot in der Tasche, wenn man ihn im Frühling zum ersten Male hört, so wird es einem in dem betreffenden Jahre nie an Brot gebrechen; hat man Geld bei sich, so hat man dessen immer genug. Den heiratslustigen Mädchen gibt der Kuckuck durch die Zahl, in der er ruft, an, wie viele Jahre sie noch auf den Freier zu warten haben.

Jedermann soll den Schwalben Obdach für ihre Nester geben; sie bedeuten „Friede im Haus“.

Wenn man die Geissmelker (Nachtschwalbe) rufen hört, war dies ein sicheres Zeichen für einen Wetterumschlag.

Schwalben bringen der Häusern, an und in denen sie nisten, Glück. Ziehen sie weg, so ist es ein Zeichen, dass in dem hause kein Friede mehr wohnt oder dass der Blitz einschlagen wird.

Dasselbe gilt vom Storch; nur trifft das Glück oder Unglück dort das ganze Dorf.

Das Rotkehlchen ist ebenfalls dem Donar heilig und schützt das Haus gegen Blitz, die Bewohner gegen Fallsucht. Plagt man die „Rothüseli“ oder „Husröteli“, so geben die Kühe rote Milch.

Wenn Spatzen im Sand baden, wird es bald Regen geben. (Lütisburg, 1972)

Der Gitzelilocker (vermutlich das Schneehuhn) kündete Schneefall an. Ebenso ungern sah man die weissen Schnee- oder Alpenhasen herumhüpfen. (Flumserberg, 1900)

Unter den Haustieren steht das Pferd obenan. Wie bei den Söhnen der Steppe heute noch, so gehörte es bei den alten Deutschen eigentlich zur Familie. Es war Wodans heiliges Tier und das beste Opfertier. Bei den grossen Festgelagen wurde es geschlachtet und sein Fleisch gegessen, sogar sein Blut getrunken. Der Genuss des Pferdefleisches musste auch einzelnen Stämmen bei der Christianisierung ausdrücklich gestattet werden, während man im Allgemeinen den Christen den Gebrauch des Pferdefleisches strenge verbot; hauptsächlich darin sollten sie sich äusserlich von den Heiden unterscheiden. Die weissen Rosse gehören den guten Göttern zu; sie sind auch die Königsrosse. Das Pferd ist heute noch geistersichtig. Sein Wiehern bedeutet Glück. Jedes der zufälligen Zeichen, wie Stern und Weissfuss etc. hat seine besondere Bedeutung.

Der Hund ist ebenfalls geistersichtig. Sein nächtliches Heulen zeigt einen Todesfall an. Ein schwarzes, kurzhaariges Hündchen befreit uns von der Gicht, wenn wir’s zu uns ins Bett nehmen.

Der heulende Hund im Hause bedeutet, dass im Hause jemand stirbt.

Heult der Hund während des Läutens der Kirchenglocken, so ereignet sich ein Unglück. (Sarganserland, 1916)

Die Katze ist das Tier der Freija; sie zieht ihren Wagen. Mit den Hexen steht sie in engerer Beziehung als jedes andere Tier. Ihr Miauen bedeutet Unglück, Feuer, Lawinen, Bergstürze. Läuft sie uns über den Weg, so haben wir kein Glück. Wer ein Katzenhaar verschluckt, bekommt die Schwindsucht. Putzt sie sich, so haben wir Gäste zu erwarten. Eine Feuersbrunst löscht man, indem man eine dreifarbige Katze rückwärts ins brennende Haus wirft.

Frist die Katze Gras oder wird sie während des Tages von Schlafsucht befallen, so steht Regen in Aussicht. Putzt sie sich, so kann mit Besuch, fährt sie sich mit den Pfoten über die Ohren, mit einem angenehmen Gast gerechnet werden. (Sarganserland, 1916)

Wenn die Katze gemütlich ihre Schnauze putzt, ist Aussicht auf gutes Wetter da.

Der Bock zieht den Wagen Thor’s und ist ein rechtes Teufelstier. Er erscheint gern an Orten, wo sich jemand gehängt hat.

Wenn sich die Ziege stark und anhaltend schüttelt, so steht Regen bevor. (Sarganserland, 1916)

 

Fortsetzung folgt!

 

 

30. Juli 2012

Aberglaube, Volksdeutungen, Bauernregeln – (Fortsetzung)

by Urs Steiner

Die Schlangenähnlichkeit macht auch den Aal zu einem zauberkräftigen Tier. Tragen Frauen einen Gürtel, aus Aalshaut bereitet, so werden sie leicht entbunden.

Die Kröte ist ein Hexentier, ist daher giftig, aber heilkräftig. Will man einen unliebsamen Nachbarn umbringen, so hängt man eine lebende Kröte in’s Kamin. So wie sie verdorrt, siecht auch der Betreffende hin. Trägt man Kröten bei sich, so schützt man sich gegen allerlei Uebel. Durchsticht man eine Kröte und bestreicht man damit seine Warzen am Finger, so vergehen die Warzen, wie die Kröte stirbt.

Haare darf man nicht fortwerfen, weil die Kröte sie in ihr Nest trägt und dann der Mensch, dem die Haare angehört haben, dahinsiecht. Ist das Vieh behext, so begräbt man unter die Schwelle des Stalles eine lebendige Kröte. Recht grausam muss in einem Falle die Kröte ihr Ansehen büssen. Man braucht sie als Mittel gegen Rheuma. Zuerst wird sie an einem Bein aufgehängt, bis sie tot ist – am rechten, wenn der Patient auf der rechten Seite die Schmerzen hat, am linken im anderen Falle. Ist die Kröte dann endlich tot, sind auch die Schmerzen vorbei, was bei der Langlebigkeit dieses Tieres bei nicht verhärteten Gliederschmerzen freilich zutreffen mag, aber ohne Kröte desgleichen zuträfe.

Auch der Frosch ist heilkräftig. Hat eine Hexe das Vieh aufgebläht (Völle), so reicht man dem „verderbten Vieh“ einen lebenden Frosch durch’s Maul in den Magen; er wird es heilen.

Hustet das Rindvieh, so gibt es Schnee. Uebermütiges Herumspringen desselben auf der Weide lässt auf Witterungswechsel schliessen. (Sarganserland 1916).

Wenn das Vieh unruhig auf der Weide umherrennt, gibt’s schlechtes Wetter. (Flawil, 1972)

Auch die Mäuse sind Hexentiere. Treten sie massenhaft auf, so zeigen sie einen nahen Todesfall an. Weisse Mäuse zeigen Glück an; tötet man sie aber, so schlägt es in Unglück um. Mäusefleisch isst der Bettnässer. Wirft man eine Maus einer tragenden Kuh auf den Rücken, so wird diese „verwerfen“.

Der Maulwurf, eigentlich Mulmwurf, steht als ein wühlendes Tier mit den unterirdischen Schätzen in Verbindung. Unsere Bauern glauben, das Vermögen seiner Fortpflanzung sei ihm versagt. Lässt man den Maulwurf auf der Hand sterben, so vertreibt man damit den Handschweiss. Die Tätzchen, die man einem lebend gefangenen Maulwurf abschneidet und in einem leinenen Läppchen dem Kind um den Hals hängt, erleichtern diesem das Zahnen; sie sind überhaupt gut gegen das Zahnweh. Ein Geldbeutel, aus dem Felle des Maulwurfs bereitet, wird nie leer. Es bedeutet der Maulwurf bei der Haustüre, dass im Hause jemand stirbt.

Viele Mäuse im Hause bedeuten künftigen Mangel.

Gelbe Schnecken, roh gegessen, heilen die Auszehrung. Aus ihnen bereitet man auch einen Krafttrank für Schwache. Bestreicht man mit ihnen die Warzen und spiesst man sie dann an einen Dorn, so wird die Hand glatt. Auf entzündete Brüste legt man gequetschte Weinbergschnecken.

Die Spinnen gehören zu Freija. Sie sind heilige Tiere, besonders die Kreuzspinne. Sie bringen dem Hause Glück. Begegnet uns die schwarze Hausspinne, so bedeutet das am Morgen Glück, am Abend Unglück; hie und da hört man es auch umgekehrt. Unglück zieht sich auf den Hals, wer das Netz der Kreuzspinne mutwillig zerstört. Kriechen grosse Spinnen herum, so folgt bald Regen. Sitzt die Spinne mitten im Netze, so ist gutes Wetter zu erhoffen. (Sarganserland, 1916).

Die Heimchen stehen in Beziehung zu den Zwergen oder Hausgeistern. Man hält sie auch für die Seelen der ungeborenen Kinder. Töten darf man sie nicht.

Auch der Käfer ist ein Hexentier. Findet man ihn auf dem Rücken liegend, so muss man ihn aufrichten, sonst bekommt man Zahnweh. Der „Donnergugi“ (Rosskäfer) steht zu Donar in Beziehung.

Legt man Gegenstände in einen Ameisenhaufen, so werden sie zauberfähig. Wein, der (in einer Flasche verschlossen) ein Jahr darin liegt, macht riesenstark. Waschungen mit einem Absud von Ameisen macht das Vieh schön und stark. Ameisen entstehen im Honig aus Brosamen.

Wer Bienen und Ameisen aus Uebermut tötet, provoziert schlechtes Wetter.

Sogar die Läuse haben im Volksglauben einen Fürsprecher. Wer viele Läuse hat, hat auch viel Glück. Kinder mit Läusen gedeihen gut und bekommen leicht Zähne. Filzläuse schützen vor Brüchen. Zimmerleute sollen sich diese – so versichert man uns – in brüderlicher Treue und Liebe gegenseitig borgen.

Unter den Vögeln ist der Hahn das beliebteste Göttertier. Er gehört dem Wodan zu, wie auch Swantewit, welch letzterer als St. Vit von den Bettnässern viel angerufen wird. Der Hahnenschrei schreckt die Gespenster. Ein Stumpfhahn auf dem Hofe schützt gegen Ratten. Ein siebenjähriger schwarzer Hahn legt ein Ei, aus dem ein Drache ausschlüpft.

 

Fortsetzung folgt!

 

18. Juni 2012

Aberglaube, Volksdeutungen, Bauernregeln – (Fortsetzung)

by Urs Steiner

Eine zauberische Wirkung hat auch das Blut der hingerichteten Verbrecher. Warm getrunken, heilt es die bösartigsten Krankheiten. Ein Glas Blut (von einem hingerichteten Menschen) getrunken, vertreibt das falsche Weh.

Trägt man ein Knöchelchen von einem Hingerichteten bei sich, so geht das Geld nie aus. Alles, was man von einem solchen haben kann, wirkt Wunder. Dieser Glaube erinnert an die alten Menschenopfer. Der Verbrecher sühnt mit dem Tode seine Schuld; deswegen ist auch seine Fürbitte bei Gott sehr wirksam. Noch 1864 musste in Berlin – so erzählt Wuttke – der Scharfrichter bei der Hinrichtung zweier Mörder dem Publikum eine Masse weisser Tücher in’s Blut der Hingerichteten tauchen und erhielt für jedes 2 Taler!

Einen bösen Zauber führt auch der Kranke aus, wenn er Pflanzen berührt. Sie sterben hernach ab. Stirbt jemand, so bedeutet es für die Blumenstöcke im Zimmer, wo der Betreffende starb, dass diese auch schnell absterben werden. (Aus dem Rheintal)

Aehnlich die Frauen, wenn sie zu gewissen Zeiten Blumenstöcke berühren, verdorren diese auch. Holen sie Most oder Wein im Keller, so stirbt der ganze Inhalt  des Fasses ab. Zaubereien sind am wirksamsten, wenn sie von reinen Jungfrauen, von hoffenden Müttern oder von Frauen ausgeführt werden, die schon Zwillinge geboren haben. Die erste Frucht eines jungen Baumes soll ein Kind auf der Mutter Arm pflücken und in ein grosses Tuch legen. Essen soll diese Frucht aber eine hoffende Frau; der Baum wird dann recht fruchtbar. Die Märchen von den Gelüsten und Muttermälern sind allbekannt. Eine Mutter soll das Kindszeug nicht richten, bevor das Kind geboren ist, sonst stirbt es. Begegnet dem Jäger oder Reisenden  am Morgen zuerst eine alte Frau und wünscht sie ihm einen guten Tag, so kehrt er um, denn er weiss, dass er weder Glück noch Stern haben würde. Begegnet dem Manne am Neujahrsmorgen zuerst eine Frauensperson, so hat er Unglück zu gewärtigen. Dieser böse Zauber, der in der Frau liegt, ist ein unchristlicher, er stammt offenbar aus dem Heidentum, das der Frau auch in andern Dingen eine niedrige Stufe anweist.

Zauberkräftig ist auch ein Kind unter 7 Jahren. Dieses hat viel Glück in der Lotterie; man lässt es darum die Lose ziehen. Wägen und messen darf man ein Kind nicht; das ist ihm schädlich. Auch wächst es nicht mehr, wenn man mit dem Fuss über seinen Kopf wegspreizt oder wenn man ihm Branntwein zu trinken gibt. Kluge und fromme Kinder sterben früh. Das Händchen oder auch nur ein Fingerchen eines ungeborenen Kindes ist der beste Dietrich für Diebe; er öffnet alle Türen. Zündet der Dieb das Händchen an, so brennen so viele Finger nicht, als Personen im Hause nicht schlafen. Dieser Aberglaube soll nach Wuttke schon zu schrecklichen Verbrechen geführt haben, noch bis in’s 17. Jahrhundert herein.

Das Ohrenläuten deutet an, dass über das Betreffende gesprochen wird; läutet es im rechten Ohr, so geschieht es im günstigen Sinne, läutet es im linken, ist der Sinn ein ungünstiger. Das Zucken in den Augen stellt ein Zusammentreffen mit einem Bekannten in Aussicht, im erfreulichen Sinne, wenn es im rechten Auge zuckt, im unerfreulichen beim linken Auge. Das Nasenbeissen hat die Vorbedeutung für eine eintreffende Neuigkeit, und wer morgens mit dem linken Fuss zuerst aufsteht, riskiert tagsüber Missgeschick. Auch unter den Tieren sind viele zauberhaft. Ganz der Sagenwelt gehört der Drache oder Lintwurm an. Er ist eine geflügelte Schlange, die Schätze bewacht und davon in Gold glänzt. Drachenblut macht unverwundbar; wer das Herz eines Drachen isst, versteht die Sprache der Tiere. In der christlichen Sage, z.B. von Beat, ist der Drache auch der Inbegriff des Heidentums; er flieht vor dem frommen Gebete des Gottesmannes.

Die Schlange ist das Sinnbild des Blitzes, daher ein Tier Thor’s, bei den Heiden ein heilbringendes, unverletzliches Tier. Bei den Letten heissen die Schlangen Milchmütter und stehen unter dem Schutz einer höhern Göttin. Die alten Preussen unterhielten eine grosse Schlange, welche die Priester zu pflegen hatten. Sie betteten sie auf Kornähren und tränkten sie mit Milch. Daher ist auch bei uns njoch die Schlange geehrt. Als Hausotter schützt sie namentlich die Kinder. Tötet man sie, so sterben diese. Unter der Türschwelle hat sie ihren Sitz; auf dieser darf man darum nicht Holz spalten. Das Fett der Schlangen ist heilkräftig. Die Aerzte verwenden dasselbe nach dem Volksglauben häufig. Wir Knaben brachten einst eine erlegte Ringelnatter dem Dorfarzt und meinten, dafür ein grosses Stück Geld zu bekommen, wurden aber tüchtig ausgelacht. Wer das Fleisch einer weissen Schlange isst, lernt die Sprache der Vögel verstehen. Die Schlangen im Wald und Feld haben auch ihre Könige, die goldene Kronen tragen. Gehen sie baden, so legen sie diese Krone ab. Wer sie findet und damit entfliehen kann, wird unermesslich reich.

Wer einen Haselwurm fängt, bei sich trägt oder gar isst, erhält Zauberkräfte, kann sich unsichtbar machen, Schätze finden und heben, Kräuter reden hören. Zeigen sich Würmer oder Blindschleichen auf der Strasse, hat man Regen zu erwarten. (Sarganserland, 1916)

Fortsetzung folgt!

 

 

24. Mai 2012

Aberglauben, Volksdeutungen, Bauernregeln – (Fortsetzung)

by Urs Steiner

Unter den zauberischen Personen stellen wir die Hexen obenan. Der Hexenglaube ist alt und nimmt seinen Ursprung wieder im Heidentum. Nicht, dass bei den Germanen ein so unglückliches Hirngespinst nachweisbar wäre, aber die alten heidnischen Priesterinnen haben ohne Zweifel Veranlassung zu dem christlichen Hexenglauben gegeben. Diesen Priesterinnen war nämlich an den Opferfesten ein nicht unwichtiger Teil der Opferhandlungen zugeschieden. Das Christentum aber setzte mit einemmale die Frauen in ihren priesterlichen Eigenschaften ab. Es darf daher mit Sicherheit angenommen werden, dass diese Frauen noch Jahrhunderte lang am heidnischen Kultus wenigstens heimlich festgehalten haben und dass ihre nächtlichen Zusammenkünfte Veranlassung zu dem Glauben an die Hexenfeste  und Hexentänze gegeben haben. Die Tänze, der Genuss des Pferdefleisches, das Trinken aus Pferdehufen, das Aufrichten von Pferdeköpfen, was alles den Hexen nachgeredet wird, weisen deutlich auf die heidnischen Opferbräuche hin. Die Hexern gehören zu Donar und zu Wodan zugleich, darum reiten sie auf Besen und tanzen gern unter Eichen. Sie machen Sturm, Hagel und Mäuse.

Die traurigen Hexenverfolgungen begannen aber erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts und endeten, nachdem mindestens 30‘000 Personen ihnen zum Opfer gefallen waren, nach 3 Jahrhunderten. Der Hexenglaube ist aber damit keineswegs abgetan worden. Derselbe sitzt in den Bergtälern im Gegenteil noch ganz fest; jedes Dorf hat heute noch seine Hexen unter den eigenen Bewohnern und diese reiten heute noch auf Besen, Bänken, Bohnenstangen, Kochlöffeln, Deichseln, Heu- und Ofengabeln an ihre Feste, melken ihren Nachbarn das Vieh, „verderben“ ihnen Alles, was lebt, in Haus und Stall.

Auch die Zigeuner sind, wie die Hexen, mit dem Teufel im Bunde. Sie können auf dem Heustock Feuer machen, ohne das Heu zu gefährden. Wenn man ihnen aber entgegenkommt, d.h. wenn man ihr Begehren erfüllt, so fügen sie uns kein Leid zu, während die Hexe das Böse tun muss, wenn nicht an den Fremden, so an den eigenen Leuten. Der Zigeuner übt seine Kunst nur zum eigenen Unterhalt. Freilich, gibt man ihm ein Stück Fleisch aus dem Kamin, so bekommt er die ganze Sau; gibt man ihm ein Stück Geld, so zaubert er uns Alles aus der Tasche; zeigen wir ihm unsere Pfannen und Kessel, so bläst er in den besten Boden ein Loch und flickt ihn dann um ein Stück Geld so, dass von einem Flick wieder nichts zu sehen ist.

Die Schatzgräberei gehört zum spekulativen Aberglauben. Die Schatzgräber sind Betrüger, die den Einfältigen um sein Geld bringen und an den Hokuspokus, den sie treiben, selbst nicht glauben.

Hierher gehört auch das Wahrsagen; nur handelt es sich um kleinere Beträge. „Mein Gott! Man muss doch mit etwas sein Brot verdienen“, sagt die Alte, die wir über ihren Betrug zur Rede stellen. Das Wahrsagen aus der Hand und aus dem Kaffeesatz sieht ziemlich unschuldig aus und stellt in der Regel günstige Tage in Aussicht. Schlimmer ist es schon mit dem Kartenschlagen, das noch viel verbreiteter ist, als man erwarten sollte. Da stellt sich zwischen uns und den Herzbub oder die Herzdame nicht selten ein Schaufelträger, der in einem unserer nächsten Anverwandten erkannt wird und es können die schönsten Verhältnisse gestört werden. Ueberhaupt ist der Hang, die Zukunft vorauszuwissen, ein krankhafter und lähmt die Lebenskräfte mehr, als er sie zu stärken vermöchte. Traurig aber ist die Verirrung des menschlichen Geistes, die die Seelen der Abgestorbenen vor sich zu rufen vorgibt, wie es beim Tischrücken geschehen ist, das vor wenigen Jahrzehnten wie eine Epidemie über die christlichen Völker der zivilisierten Welt hereingebrochen ist. Die Epidemie ist glücklicherweise vorbei, aber einzelne Kranke liegen noch hier und dort; sie wären auch in der Schweiz nicht in einem Tage zu zählen.

Den Zauber einer dieser Personen, namentlich der Hexen, weiss der Kapuziner zu lösen und der Priester, doch nur der katholische. Mit ihren geweihten Palmen, Broten, Oelen, Salzen, Kreuzen und Amuletten entkräften sie den Spuk.

Zu den zauberhaften Personen gehört auch die Pfarrersköchin seltsamerweise, doch so viel bekannt ist nur mit einer Notiz. Will man nämlich ein Pferd hinkend machen, so schlägt man in seine Hufspur einen Nagel von einem behagelten Baum oder von einem neuen Galgen oder das Messer einer Pfarrersköchin.

Fortsetzung folgt!

 

 

15. Februar 2012

Aberglauben, Volksdeutungen, Bauernregeln – (Fortsetzung)

by Urs Steiner

Wichtig sind die Tage der   k i r c h l i c h e n   F e s t e .   Das Weihnachtsfest schliesst sich mit seinen Festfreuden deutlich an das heidnische Julfest an, zur Erinnerung an die neu erstandene Sonne gefeiert. In dieser Zeit kommen die verborgenliegenden Schätze zum Vorschein und können von Leuten, die zu schweigen wissen, gehoben werden. Das Wasser der Brunnen verwandelt sich zu Mitternacht für drei Minuten in Wein. Dieser muss schweigend geschöpft werden. Eine Jerichorose, in’s Wasser gestellt, geht unfehlbar auf. Weihnachtsschnee, auf die Fussböden gestreut, vertilgt das lästige Ungeziefer.

Grüne Weihnacht, weisse Ostern (Sarganserland 1916).

Frohnfastenkinder sehen Geister. In den Zwölften, deren Bedeutung wir eingangs kennengelernt, legt der Bauer auch bei uns in 12 Zwiebelschalen Salz, um aus dem schnelleren oder weniger schnellen Flüssigwerden desselben zu ersehen, welche Monate nass und welche trocken sein werden.

Stephan ist der Pferde-Heilige. Wenn man am Stephanstag den Pferden zu Ader lässt, bleiben sie das ganze Jahr gesund. Reitet man an diesem Tage zu Pferd um die Kirche herum, so bleibt man vor allem Bösen bewahrt. Macht man den Bannritt über die Felder und streut dabei geweihtes Brot und Salz, so werden die Felder fruchtbar. Geht die am Neujahrstag ins Wasser gestellte Jerichorose auf, so bedeutet das ein gutes Jahr; geht sie nicht auf, so wird das Jahr unfruchtbar sein. Wer Glück haben will im neuen Jahr, muss vor dem Neujahrstage noch seine Schulden bezahlen.

Schaltjahre sind Unglücksjahre, Schalttage ebenfalls Unglückstage.

Viele Vorbedeutungen schliessen auch der Tauf- und Hochzeits-Tag in sich. Regnet es am Hochzeitstag, so haben die Eheleute so viel zu weinen. Der Regen bedeutet auch grossen Kindersegen. Ist auf dem Friedhof ein Grab offen, so stirbt bald eines der Ehegatten.

Es bedeutet Unglück, wenn der Hochzeitszug einer Leiche begegnet.

Beim Hochzeits-Mahle darf eine grüne Platte nicht fehlen; diese bringt Glück. Am Morgen trinkt man Glühwein.  –  Läutet der Messmer lang zur Taufe, so wird das Kind klug. Merkwürdigerweise soll das Kind (in Graubünden) auch klug werden, wenn man es lange ungetauft lässt, obwohl die Taufe das Judenkind erst zum Christenkind macht, ihm ein Anrecht auf die Seligkeit gibt und es ferner der Gewalt des Bösen entreisst. Ein Kind, das bei der Taufe schreit, stirbt bald. Die Taufnamen müssen vor der Taufe geheim gehalten werden, sonst wird das Kind vorwitzig. Knaben und Mädchen darf man nicht in dem gleichen Wasser taufen, sonst bekommt das Mädchen einen Bart und läuft später den Knaben nach.

Z a u b e r h a f t e   O r t e   sind allererst die vorspringenden Felskanzeln und die erratischen Blöcke, die Teufelssteine im Wald oder Feld. Solche haben unzweifelhaft schon den Heiden als Versammlungsorte gedient und haben bis weit herein in’s Mittelalter noch heimliche nächtliche Zusammenkünfte gesehen. So blieben sie im Rufe der Zauberstätten bis auf unsere Zeit. Dass diese Blöcke Fremdling sein müssen, sah auch der ganz Ungebildete, und da musste sich bei dem den Menschen anhaftenden Hang zum Sagenhaften der Glaube an sie heften, dass diese Steine von den Göttern hergetragen worden seien und dass sie hier verehrt zu werden wünschten. Das Christentum schreibt sie dem Teufel zu und lässt namentlich die Hexen an denselben ihren Tanz ausführen. Auch die Dorflinde dient ihnen als Sammelplatz. Der unheimlichste Ort ist aber zur Nachtzeit der Kirchhof, der allerdings bei allerlei Zauber besucht werden muss. Geister erscheinen in grünen Zimmern, besonders auch auf den Kreuzwegen, d.h. sie gehen jede Strasse, auf den Kreuzwegen aber kann man sie ohne Gefahr begegnen, namentlich wenn man das Kreuz schlägt und sich auf die Erde legt. Die Seelen der Wucherer sitzen nicht ungern auf den Dachfirst und werden von den Zauberern unter das Dach hinauf gebannt. Der Herd mit seinem Feuer entkräftet den Zauber. Zauberische Dinge begräbt man unter der Dachtraufe, unter der Türschwelle oder unterm Holunderbusch. So vertreibt man die Warzen, indem man in eine Seidenschnur so viele Knoten macht, als man Warzen hat und hernach die Schnur an einem der genannten Orte begräbt. Legt man die Schnur nur auf den Weg, so bekommt derjenige die Warzen, der sie aufhebt und die Knoten auflöst. Auch die Äpfel, mit denen man die Hühneraugen vertreibt, werden unter der Dachtraufe begraben; fällt aber ein Tier im Stalle, so begräbt man es oder statt seiner auch den Haushund unter der Türschwelle, so ist der Viehstand vor weiterm Unglück geschützt. Unter den Holunder begräbt man namentlich die abgeschnittenen Haare und Nägel.

Z a u b e r i s c h e   Z a h l e n   sind 3, 7, 9, 13, 33, 77, 99. In den drei höchsten Namen spricht man den Zauber; wirkt er so nicht, so zaubert man in des Bösen Namen. Sieben ist überhaupt eine heilige Zahl. Zu einem Zauber nimmt man neunerlei Kräuter. Von dreizehn Personen, die um einen Tisch sitzen, stirbt eine. Wo 3, 7 und 9 zu wenig sind, da nimmt man das 11fache davon. Störche brüten nur in gerader Zahl, den Hühnern aber muss man die Eier in ungerader Zahl unterlegen.

Fortsetzung folgt!