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14. Dezember 2017

Was soll das Pfand in meiner Hand?

by Gabriel Weber

Leute, die nicht wissen, was sie über Weihnachten und Neujahr tun sollen, können einen Blick in Ludwig von Alvenslebens Handbuch für Gesellschaftsspiele werfen.

27 Spiele für draussen sind da aufgeführt, darunter Klassiker wie Fussball und Krocket (Kennen Sie nicht? Das ist ein Spiel, bei dem man mit so einer Art Hammer einen Ball durch kleine Tore schiesst). Es gibt aber auch Bewegungsspiele für drinnen, man braucht nur ein bisschen Platz. Dann sind da natürlich die Pfänderspiele: nicht weniger als 26 Stück, gefolgt von insgesamt 86 verschiedenen Möglichkeiten, wie man die abgegebenen Pfänder wieder einlösen kann, sorgfältig aufgeteilt in solche mit Küssen und solche ohne Küsse. Foppspiele, also Spiele, bei denen jemand an der Nase herumgeführt wird, sind mit Vorsicht zu geniessen; man kann da nämlich leicht an jemanden geraten, dem der nötige Humor fehlt. Das würde für alle Beteiligten das Vergnügen stark dämpfen. Für fortgeschrittene Spielerinnen und Spieler gibt es Verstandes- und Gedächtnisspiele. Immer wieder furchtbar amüsant sind auch so kleine Stegreif-Aufführungen, mit denen beispielsweise Sprichwörter oder Silbenrätsel dargestellt werden.

Na, mit diesem Buch kann an langweiligen Weihnachtsfeiern und ähnlichen Anlässen ja nichts mehr schiefgehen. Vorausgesetzt natürlich, dass man Frakturschrift lesen kann (das Buch ist nämlich aus dem Jahr 1918 – gerade passend zum Jubiläum).

12. Dezember 2017

Tantchen amüsiert sich

by Gabriel Weber

Zu den bekanntesten Werken des russischen Schriftstellers Fjodor Michailowitsch Dostojewski gehört der Roman Der Spieler.

Ein junger russischer Hauslehrer mit Vornamen Alexei Iwanowitsch kommt im Gefolge seines Arbeitgebers, eines Generals, nach Roulettenburg (natürlich fiktiv, modelliert nach Wiesbaden, Bad Homburg und anderen deutschen Städten mit Spielbanken-Tradition). Der General hält mit Familie und Dienerschaft in einem Hotel grossartig Hof, ist aber in Wirklichkeit fast mittellos. Pauline Alexandrowna, die Stieftochter des Generals, bittet den Hauslehrer, für sie Roulette zu spielen, weil sie dringend Geld braucht. So kommt der junge Mann mit dem Glücksspiel in Berührung. Und das hat seine Folgen; schon bald spielt er auf eigene Rechnung. Eines Tages trudelt die ebenso betagte wie reiche Erbtante des Generals in Roulettenburg ein – Antonida Wasiljewna Tarasewitschewa (Wiederholen Sie das dreimal hintereinander!), auf deren Ableben man schon lange wartet – und begibt sich geradewegs an den Spieltisch. Die temperamentvolle alte Dame hat nämlich absolut nicht die Absicht, demnächst zu sterben. Und so rollt und rollt die Kugel.

Der Rausch des Glücksspiels, die Sucht (siehe Blog vom 15. Dezember 2016)… Vermögen, die in kürzester Zeit gewonnen und wieder verloren werden… Dostojewski wusste, wovon er sprach bzw. schrieb. Er verspielte selber sein Geld in Wiesbaden – und hat dort heute ein Denkmal.

7. Dezember 2017

Alles nur heisse Luft?

by Gabriel Weber

(Dies ist mein Blog Nr. 400!) Bis in die 1930er Jahre war es möglich, mit riesigen Zigarren über den Atlantik zu fliegen. An Bord einer solchen Zigarre spielt Cay Rademachers Das Luftschiff.

Im Jahr 1937 fliegt ein Zeppelin mit dem originellen Namen „Graf Zeppelin“ von Rio de Janeiro nach Friedrichshafen. An Bord befindet sich auch der deutsche Journalist Walter Jaeger, der für seine Zeitung über den Flug berichten soll. Eine behagliche, komfortable Reise – doch dann, irgendwo über dem atlantischen Ozean, kommt per Funk eine Meldung, die es in sich hat. Ein anderes Luftschiff, die Hindenburg, ist in Flammen aufgegangen, möglicherweise durch Sabotage! Und nun befürchtet man etwas Ähnliches für die Graf Zeppelin! Plötzlich verändert sich die Atmosphäre an Bord, man verdächtigt sich gegenseitig und denkt darüber nach, was im Falle eines Falles wohl zu tun wäre. Der hochrangige Nazi Augustus Steicher in Begleitung der Prostituierten Ute Schmitz; Der Gestapo-Mann Hans Thomsen, der – auf Befehl von ganz oben! – den jüdischen Arzt Johann Forster aus seinem brasilianischen Exil nach Deutschland zurückspediert; Der Dirigent Rafael Schoschowski und seine Frau Annegret mit ihrer zerrütteten Ehe; Die Millionärstochter Sarah Livingston, die nicht weiss, warum ihr Vater plötzlich so dringend nach Deutschland muss; Der kleine, unauffällige Buchhalter Arthur Ohlbaum, der fest entschlossen ist, nicht ewig ein kleiner, unauffälliger Buchhalter zu bleiben; Der Steward Carl Pflug, immer freundlich und hilfsbereit, seine persönlichen Gefühle verbergend; Der Funker Heinrich Parsch, voller Angst wegen einiger gewagter politischer Witze…

Passagiere und Mannschaft – jede Person mit ihrer Vorgeschichte, mit ihren kleinen Heimlichkeiten und, besonders die Deutschen, mit ihrer Angst. Auf engstem Raum sitzen sie beieinander, niemand kann entkommen. Die Situation erinnert ein wenig an Agatha Christies Murder on the Orient Express. Da und dort gibt es sogar erotische Eskapaden (man scheint sich da oben keinen Zwang anzutun!). Wer wäre imstande, den Zeppelin zu sprengen?

5. Dezember 2017

Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da

by Gabriel Weber

Die Nacht ist da, dass was gescheh‘! (Das sang einst Gustaf Gründgens im Film Tanz auf dem Vulkan.) So, jetzt werden wir mal ganz indiskret und stöbern im intimsten Bereich der Weltgeschichte. In Birgit Lahanns Buch Hochzeit, die erste Nacht wird so richtig schmutzige Wäsche gewaschen.

Lord Byron hatte mit Frauen schon so ziemlich alles erlebt, mit Ausnahme der Ehe. Also suchte er sich kurzerhand eine Gattin, Annabella Milbanke. Schon kurz nach der Verlobung bekam der Poet kalte Füsse, doch es gab kein Zurück mehr… Romola de Pulszky, die frisch angetraute Ehefrau von Vaslav Nijinsky, sass am Abend nach ihrer Hochzeit in einem Hotelzimmer in Buenos Aires mit einem homosexuellen Mann zusammen, mit dem sie sich sprachlich gar nicht verständigen konnte. Wie wichtig Aufklärung ist, erkennt man am Fall von Laurence Olivier und Jill Esmond, die beide hoffnungslos überfordert waren. Eigentlich gar nicht heiraten wollten Marta Löffler und Lion Feuchtwanger. Doch Marta war schwanger – und noch bevor die werdenden Eltern „Illegitimität“ buchstabiert hatten, waren sie von ihren Familien auch schon miteinander verlobt worden. Adolf Hitler diktierte in seiner Hochzeitsnacht bereits sein Testament und liess nebenbei den Schwager seiner Frau Eva Braun erschiessen.  Bei Monarchen war der „Vollzug der Ehe“ früher ein veritabler Staatsakt und wurde entsprechend beobachtet und kommentiert. Der französische König Louis XV behauptete, in seiner Hochzeitsnacht mit Maria Leszczynska nicht weniger als sieben Mal… äh… na, Sie wissen schon… Nicht übel für einen Fünfzehnjährigen ohne die geringste Erfahrung! Bei seinem Enkel Louis XVI und dessen Gemahlin Marie Antoinette hingegen war jahrelang gar nichts los. Die Ehe Katharinas der Grossen war nicht nur tagsüber, sondern auch nachts ein Desaster – schon in der Hochzeitsnacht liess ihr Gatte Peter III. sie stundenlang warten, um dann betrunken anzutanzen.

Auch das berühmteste Liebespaar der Welt wird unter die Lupe genommen: Romeo und Julia

30. November 2017

Confutatis

by Gabriel Weber

Der frühe Tod Wolfgang Amadeus Mozarts ist ein Mysterium, nicht erst seit dem Film Amadeus. Jetzt bei buchplanet.ch: Mozarts letzte Arie von Matt Beynon Rees.

1829: Maria Anna Berchtold von Sonnenberg, geborene Mozart, als „Nannerl“ einst die berühmte Schwester des noch viel berühmteren Bruders, übergibt ihrem Neffen Franz Xaver Wolfgang (er ist das jüngste Kind Wolfgangs, beim Tod des Vaters erst einige Monate alt) ein geheimnisvolles Buch. Es enthält Aufzeichnungen über eine Reise, die Nannerl im Dezember 1791 unternommen hat. Ihre Schwägerin Constanze hat ihr damals geschrieben, Wolfgang sei verstorben – und habe zuvor den Verdacht geäussert, vergiftet worden zu sein… Nannerl fährt also nach Wien. Und stösst, kaum dort angekommen, auch schon auf geheimnisvolle Tatsachen im Zusammenhang mit ihrem toten Bruder. Sie spricht nicht nur mit Constanze, sondern auch mit Emanuel Schickaneder (Librettist der Zauberflöte), Anton Stadler (ein Freund des Hauses Mozart), Magdalena Hofdemel (eine Schülerin Wolfgangs) sowie mit Baron van Swieten und Prinz Lichnowsky (Wolfgangs Gönner und Förderer). Nannerl ist, wie sich herausstellt, nicht die einzige, die an der offiziellen Todesursache („Hitziges Frieselfieber“) zweifelt. Gab es etwas oder jemandem, vor dem Wolfgang Angst hatte? Hat seine Verbindung zu den Freimaurern etwas mit seinem Tod zu tun? Besteht ein Zusammenhang mit politischen Intrigen? Welche Rolle spielt Kaiser Leopold II.? Die Aufklärung, die Revolution in Frankreich, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit…

Nicht nur die Spannung eines historischen Thrillers, sondern auch die unvergleichliche Herrlichkeit von Mozarts Musik… Ach ja, was den Titel dieses Blogs betrifft: Confutatis ist ein Teil von Mozarts legendärem Requiem, seinem letzten Werk.

28. November 2017

Die Mitternacht zog näher schon…

by Gabriel Weber

Dass es zum Beispiel in Grossbritannien von Gespenstern nur so wimmelt (und ich meine jetzt nicht das Schreckgespenst namens „Brexit“), das ist ja allgemein bekannt. Aber haben Sie gewusst, dass auch in unserer braven, sauberen, gut organisierten Schweiz immer wieder Unheimliches geschieht?

In der Guntenschlucht bei Sigriswil BE ist schon mehrmals ein geisterhafter Hund gesichtet worden. Am Pilatus sollen Drachen hausen, im Jura hingegen wird von Feen berichtet. Der Bözbergtunnel und der Gubristtunnel waren beide schon oft Schauplatz unerklärlicher Vorfälle. Das geisterhafte Jodeln im Klöntal GL soll von einem Sennen stammen, der einst im Kampf gegen fremde Soldaten getötet wurde. Auf der Bechburg im Kanton Solothurn (einem Spukschloss wie aus dem Bilderbuch) geht der Geist von Junker Kuoni um. Im Kanton Luzern sind Tote in Richtung Jenseits unterwegs. Besonders gefährliches Gelände sind natürlich auch die wenigen noch existierenden, sich an ihrem ursprünglichen Platz befindenden Galgen der Schweiz, einer in Olten, einer in Hospental UR und einer in Ernen VS. „Weisse Frauen“, also individuelle, genau identifizierbare weibliche Spukgestalten, kommen in der Schweiz gleich an mehreren Orten vor. Es spukt aber nicht nur auf dem Land, sondern auch in den Städten: Ein Haus am Claraplatz in Basel (leider 1951 abgerissen) beherbergte lange einen regelrechten Hausgeist. In der Berner Altstadt gibt es mindestens zwei Spukhäuser, weitere Exemplare dieser Sorte sind in Biel und in Stans zu finden.

Hans Peter Roth und Niklaus Maurer haben in ihrem Buch Orte des Grauens in der Schweiz solche Geschichten gesammelt. Die Innerschweiz und das Emmental sind besonders ergiebig.

23. November 2017

Diktatoren, Dummköpfe und Denkmäler

by Gabriel Weber

Im Mai 1938 besuchte Adolf Hitler seinen italienischen Kollegen Benito Mussolini. Der Staatsbesuch wurde in bewährter faschistischer Manier unglaublich pompös und bombastisch inszeniert. Natürlich wollte man dem befreundeten Diktator neben der Armee auch die Kunstwerke und Baudenkmäler in Rom und Florenz zeigen. Der Archäologe Ranuccio Bianchi Bandinelli fungierte dabei als „Führer-Fremdenführer“.

Eben dieser Ranuccio Bianchi Bandinelli führte damals ein Tagebuch, in dem er sehr deutlich formuliert, was er von den beiden Tyrannen hält: „Mario [Mussolini] und Silla [Hitler] gesehen. Erster und befremdlicher Eindruck von Mario: grotesk und sehr hässlich. (…) [Silla ist] eine Persönlichkeit von untergeordnetem Rang: jemand wie ein Strassenbahnkontrolleur.“ Jedes Mal, wen Bandinelli etwas erklärte, „übersetzte“ Hitler dies für sein Gefolge in nazikompatible Sprache, und Mussolini sah sich immer verzweifelt nach Hilfe (sprich nach Bandinelli) um, wenn er in der kulturellen Konversation nicht mithalten konnte. Ihr Fremdenführer scheute sich nicht, für die beiden Besucher (den grossspurigen Angeber und das substanzlose Würstchen, einer so dämlich wie der andere) spontan Auskünfte zu erfinden, falls er etwas gerade nicht wusste. Bandinelli entlarvt auch den völligen Dilettantismus des Möchtegern-Künstlers Hitler.

In seinem Buch Hitler, Mussolini und ich gibt Bandinelli auch andere Erinnerungen wieder, zum Beispiel an seinen Besuch bei Ex-Kaiser Wilhelm II. in Doorn.

21. November 2017

Der dunkle Stern

by Gabriel Weber

Es ist wieder einmal ein „wahres Märchen“ fällig.

Es war einmal ein Mann, um dessen Leben sich viele Legenden ranken. Sein Geburtsdatum und sein Geburtsort sind nicht genau bekannt, auch die fürstliche Abstammung, die man ihm später oft nachsagt, ist höchst ungewiss. Jedenfalls gelangt der „Mohr“ (wie seine Zeitgenossen sagen, auch wenn es heute nicht mehr politisch korrekt ist) zu Beginn des 18. Jahrhunderts im zarten Alter von etwa acht oder neun Jahren als Sklave aus Konstantinopel nach Moskau, an den Hof Peters des Grossen. Der Zar findet Gefallen an dem klugen kleinen Afrikaner, lässt ihn taufen und sorgt für seine Ausbildung. Der „Mohr des Zaren“ wird sogar Peters ganz besonderer Liebling und begleitet ihn oft auf seinen Feldzügen. Damit ist seine Karriere schon klar geplant: Bei seiner Verabschiedung aus dem Militär unter Peter III. wird der einstige Sklave hochdekorierter General sein und mehr als 50 Dienstjahre unter sieben russischen Monarchen auf dem Buckel haben. Doch er ist nicht nur Offizier, sondern auch Grundbesitzer (ein ehemaliger Sklave mit Leibeigenen), Diplomat, Salonlöwe und Intellektueller von europäischem Ruf – dennoch existiert anscheinend kein einziges wirklich authentisches Porträt von ihm. Voltaire und andere Geistesgrössen kennen und schätzen ihn. Für viele Leute im Zeitalter der Aufklärung ist dieser erfolgreiche, intelligente, gebildete „Mohr“ der lebende Beweis dafür, dass die Schwarzen keineswegs minderwertig sind, trotzdem hat er immer wieder mit rassistischen Vorurteilen zu kämpfen. Der „dunkle Stern der Aufklärung“, der „russische Othello“, das Patenkind des grossen Peter stirbt 1781. Er ist übrigens zweimal verheiratet und hinterlässt mehrere Kinder.

In der Geschichte kennt man ihn als Abram Petrowitsch Gannibal, was offenbar nicht zufällig sowohl an Hannibal als auch an Kannibale erinnert. Ein Urenkel von ihm ist der berühmte Dichter Alexander Sergejewitsch Puschkin, der sich eingehend mit seinem rätselhaften Vorfahren befasst hat. Jetzt bei buchplanet.ch: Der Mohr des Zaren von Hugh Barnes.

16. November 2017

Jetzt haben wir den Salat!

by Gabriel Weber

Das könnte der Gemüsehändler Jérôme Crainquebille gedacht haben. Er ist der „Held“ der Erzählung Kleiner Mann vor Gericht (L’Affaire Crainquebille) von Anatole France.

Jérôme Crainquebille ist ein braver, rechtschaffener älterer Mann. Als er eines Tages wieder einmal mit seinem Karren in den Strassen von Paris unterwegs ist und sein Gemüse verkauft, gerät er (eigentlich ohne Schuld, mehr durch einen unglücklichen Zufall) mit einem Polizisten aneinander – der ihn prompt auf die Polizeiwache schleppt. Nach einigen Tagen im Gefängnis wird Crainquebille dann wegen Beamtenbeleidigung vor Gericht gestellt. Obwohl der Gemüsehändler die ihm zur Last gelegten beleidigenden Worte gar nicht gesagt hat und dies auch von einem Zeugen bestätigt wird, lautet das Urteil: 14 Tage Gefängnis und 50 Francs Busse. Nicht besonders viel, könnte man meinen. Aber die längerfristigen Folgen sind dramatisch…

Der sture, engstirnige Polizist; der mit der Situation völlig überforderte Angeklagte, der irgendwann selber glaubt, was man ihm vorwirft – und insbesondere Gerichtspräsident Bourriche, nach dessen Ansicht die Polizei per se immer Recht haben muss, gar nicht Unrecht haben darf, weil sonst nämlich das ganze Staatsgefüge ins Wanken geraten würde… Anatole France beschreibt das französische Justizsystem (vermutlich unter dem Einfluss des Dreyfus-Prozesses, die Erzählung erschien erstmals 1901) ziemlich bitter und mit einer grossen Portion Galgenhumor.

14. November 2017

Der Umgang mit Menschen

by Gabriel Weber

Eines der berühmtesten Bücher deutscher Sprache, das keiner je gelesen hat und doch jeder zu kennen glaubt, ist der „Knigge“, genauer gesagt Über den Umgang mit Menschen von Adolph Freiherr von Knigge. Eine witzige Einführung in dieses Werk ist das Buch Expedition Knigge oder Das Geheimnis eines alten Buches von Alexander Freiherr Knigge (Jawohl, ein Nachfahre) und Claudia Cornelsen.

Arthur Müller, genannt Miller (wegen der Ähnlichkeit mit dem Namen des amerikanischen Schriftstellers Arthur Miller), und Melusine von Wiebelsaat, genannt Lucy (weil sie ihren Vornamen nicht ausstehen kann), erleben etwas Merkwürdiges: Sie lernen durch einen Zufall den Ausserirdischen LambdaPhi 2.3 kennen, der zu Studienzwecken auf der Erde ist. „Philo“, wie Lucy und Miller ihn nennen, gehört einer Spezies an, die dem homo sapiens eigentlich weit überlegen ist, doch über die Menschen weiss er im Grunde nur das, was in seinem Erdkundebuch steht. Dieses Erdkundebuch, aus dem Philo immer wieder ausführlich zitiert, ist eben der legendäre Knigge. Lucy und Miller schmuggeln den Besucher unter einem Vorwand in ihr Internat und stellen fest, dass Philo – perfekt intellektuell, vollkommen gefühlskalt – ihnen trotz seiner Seltsamkeit einiges beibringen kann. Knigges Theorien haben immer noch Gültigkeit, seine etwas verstaubt klingenden Sprüche lassen sich sehr gut auf das Internats-Leben anwenden.

Man kann mit diesem Buch viel lernen; Zum Beispiel, dass es Herrn Knigge in erster Linie darum ging, wie vernünftige Menschen in ethisch korrekter Weise miteinander umgehen sollen – nicht (ein weit verbreiteter Irrtum) darum, wie man beim Essen das Besteck halten muss oder wer wen zuerst zu grüssen hat!