Goethes gesammelte Galanterie

Johann Wolfgang von Goethe ist der deutsche Nationaldichter schlechthin, der Inbegriff des poetischen Genies. Aber wie die meisten Menschen hatte auch der Herr Geheime Rat vom Frauenplan in Weimar so seine weniger angenehmen Seiten.

Schon als Kind in Frankfurt am Main soll Goethe auf die diversen Todesfälle unter seinen Geschwistern auffallend indifferent reagiert haben. Schwester Cornelia fällt bei ihm in Ungnade, als sie heiratet und sich damit dem Einfluss des Bruders entzieht. Auch das Sterben von vier seiner insgesamt fünf Kinder scheint den Dichterfürsten relativ kalt gelassen zu haben. Er hat Besseres zu tun, als an der Beerdigung seiner Frau Christiane teilzunehmen und Sohn August wird für ihn erst dann einigermassen interessant, als er alt genug ist, um dem Herrn Papa lästige Arbeit abzunehmen. Nach Augusts Tod macht Goethe seiner Schwiegertochter Ottilie unmissverständlich klar, wie sie sich verhalten solle, wenn ihr sein Geld lieb sei. Friedrich Hölderlin, Heinrich von Kleist, Jakob Michael Reinhold Lenz – Kollegen, die Seiner Exzellenz ganz persönlich nicht in den Kram passen und deshalb von ihm (der seinen weitreichenden Einfluss durchaus kennt) bekämpft werden. Ein weiteres prominentes Opfer ist Johann Peter Eckermann. Den nutzt Herr von Goethe nach Strich und Faden aus, zahlt ihm keinen Heller für seine Arbeit (Goethe weiss nämlich ganz genau, dass Eckermann schon selig ist, wenn er nur in der Nähe des Literatur-Giganten sein darf) und hintertreibt sogar seine Heirat. Selbst der Co-Dichterfürst und ewige Zweite, Friedrich von Schiller, ist nicht sicher vor Johann Wolfgangs Bosheiten (vergleiche Blog vom 12. Juli 2016).

Tilman Jens hat seinem Buch Goethe und seine Opfer den passenden Untertitel Eine Schmähschrift gegeben. Sein Fazit: Der ordentragende Höfling nutzte Leute skrupellos aus und liess sie dann fallen; er dachte immer nur an sich selbst und pfiff auf die Befindlichkeiten anderer Menschen. Künstlerische Begabung ist nun einmal keine Garantie für menschliche Qualitäten.

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