Mein schönes Fräulein, darf ich’s wagen

Bekanntlich hat auch Schundliteratur ihren Platz bei buchplanet.ch (vergleiche Blog vom 21. April 2016). Dies gilt erst recht, wenn es sich um einen parodistischen Kolportage-Roman wie Julius Stindes Emma, das geheimnisvolle Hausmädchen aus dem Jahr 1904 handelt.

Emma Siebenklietsch ist eine junge Frau mit zwei entscheidenden Eigenschaften: Zum Einen ist sie wahnsinnig schön, zum Anderen besitzt sie einen lebenslang reichenden Vorrat an Tugend (der Untertitel des Romans lautet: Der Sieg der Tugend über die Schönheit). Selbst als sie den reichen Grafen Szmoltopski heiratet, tritt sie weiterhin als Chorsängerin im Theater auf und nimmt von ihrem Mann keinen Groschen an; schliesslich soll niemand auf die Idee kommen, sie hätte den Grafen nur des Geldes wegen geheiratet. Doch eine Gruppe düsterer Unholde hat beschlossen, die tugendreiche Dame in die Pfanne zu hauen. Und zwar handelt es sich um die Erzfeinde des protestantischen Preussen der damaligen Zeit, die Jesuiten! Emma wird entführt, eingesperrt, zur Spionage gezwungen… Später wird sie sogar von Piraten in die Sklaverei verkauft und gerät in den Harem eines Sultans! Aber keine Sorge, Emmas Tugend ist nicht kleinzukriegen. Weitere Figuren aus diesem Panoptikum: Gottfried Nordhäuser, Emmas Jugendfreund, der sie immer noch über alles liebt – aus respektvoller Distanz, versteht sich, schliesslich ist sie verheiratet. Fritz, ein stürmischer junger Kavallerieoffizier und Frauenheld. Lenchen, eine streng erzogene Pfarrerstochter, von ihrem Vater einer Liebelei wegen verstossen. Matthias Kneissl, bayrischer Räuberhauptmann, der sich rührend um seine kleinen Geschwister kümmert. Viktor Habicht, genannt „Viktor der Würger“, Serienmörder, in seinem finsteren Schlupfwinkel „bis an die Kniee in Blut watend“ (Originalzitat aus dem Buch). Katharina Aderlass, Witwe eines hingerichteten Mörders, als solche im Varieté auftretend. Augenlieb und Herzensdieb, zwei allerliebste Haremsdamen. Iwan Schulz, ein Gangster. Iskar Schippka, von Beruf Mädchenhändler…

Man muss gar nicht so genau wissen, welche Groschenroman-Klischees da durch den Kakao gezogen werden, um sich köstlich zu amüsieren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.