Die friedliche Linde

Manchmal ist die Bezeichnung „Schwarzes Schaf der Familie“ auch positiv. So zum Beispiel im Fall von Friedelind Wagner (1918-1991).

Friedelind Wagner, genannt Mausi, wurde am 28. März 1918 geboren – in Bayreuth, wo sonst. Sie war das zweite Kind von Siegfried und Winifred Wagner und damit eine Enkelin von Richard und Cosima Wagner (Blog vom 6. Februar 2014). Es war eine seltsame Umgebung, in der Friedelind aufwuchs – die „Sekte“ der Wagnerianer, den „Meister“ Richard geradezu abgöttisch verehrend (was natürlich auf seine Nachkommenschaft abfärbte), mit ihrer Deutschtümelei und ihrem Antisemitismus ein fruchtbarer Boden für die Nazis. Als Friedelind fünf Jahre alt war, kam Adolf Hitler zum ersten Mal nach Bayreuth und mauserte sich bald zum engen Freund der Familie. Nach 1933 zahlte sich dieses Engagement aus, denn der neue Machthaber förderte die Bayreuther Festspiele nach Kräften, doch Friedelind, bekannt als selbstbewusst und freiheitsliebend (sehr zum Verdruss ihrer dominanten Mutter) ging zunehmend auf Distanz. Zum Zeitpunkt des Kriegsbeginns, der ihr endgültig klar machte, dass der Führer und Hausfreund Deutschland nicht retten, sondern ins Verderben stürzen würde, war der Bruch komplett und Friedelind zog nach England, später weiter nach Amerika. Nach dem Krieg schien der grosse Moment gekommen zu sein. Mit ihrer relativ unbelasteten Vergangenheit wäre Friedelind geradezu prädestiniert gewesen, die Bayreuther Festspiele neu zu erfinden, doch die Familie empfing sie keineswegs mit offenen Armen – die verlorene Tochter galt als „Verräterin“. Die Brüder Friedelinds, Wieland und Wolfgang, hielten die Zügel fest in der Hand und liessen der unbequemen Schwester nur einen Platz in der zweiten Reihe übrig. Regie führen, was ihr Traum war, durfte sie in Deutschland nur ein einziges Mal: 1968 inszenierte sie in Bielefeld Lohengrin. Am 8. Mai 1991 starb Friedelind Wagner.

Eva Rieger folgt in Friedelind Wagner den Spuren der „Rebellin vom Grünen Hügel“. Übrigens gingen innerhalb des Wagner-Clans Dinge vor sich, die jede Seifenoper in den Schatten stellen würden…

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