Pädagogik im Eimer

Ein skurriler und nicht ganz einfach zu lesender Roman ist Andersen von Charles Lewinsky.

Der Ich-Erzähler kommt in einer sehr merkwürdigen Umgebung zu sich. Erst nach einiger Zeit wird ihm klar, was und wo er ist – ein Embryo im Mutterleib. Merkwürdigerweise kann er sich jedoch genau an sein früheres Leben erinnern, als er sich Damian Andersen nannte (das war aber offenbar nicht sein richtiger Name). Als er schliesslich geboren wird, muss Jonas (wie er jetzt heisst) sich auf viele Jahre als Erwachsener im Körper eines Kindes einrichten. Seine Eltern Helene und Arno könnten sich ihre ganze dämliche Pädagogik eigentlich sparen! Jonas bemüht sich, möglichst schnell alles Nötige zu lernen (intellektuell erinnert er sich zwar an alles, aber die Motorik muss er erst wieder erlernen) und brennt, als er körperlich zwölf Jahre alt ist, durch. Glücklicherweise kennt er sich mit neuen Identitäten aus. So verwandelt sich der zwölfjährige Ausreisser Jonas im Nu in den vierzehnjährigen Waisenjungen Kilian. Als solcher wird er Schüler des noblen Elite-Internates Schloss Ainburg, und zwar nicht zufällig: Diese Schule besucht nämlich auch ein gewisser Felix Andersen. Sein Enkel. Ihn will der Wiedergeborene kennen lernen, mit ihm will er sich anfreunden. Und tatsächlich sind Grossvater und Enkel (der Letztere ahnt natürlich nichts von der Wahrheit) schon bald die besten Kumpels. In seiner Freundschaft mit Felix (die durchaus auch eine gewisse inzestuös-homoerotische Komponente hat) erlebt Kilian zum ersten Mal so etwas wie Glück. Doch kann dieses Glück wirklich Bestand haben?

Damian-Jonas-Kilian ist ganz und gar kein Sympathieträger, sondern ein brutaler, skrupelloser Egoist, der für seinen Vorteil buchstäblich über Leichen geht. Dass er seine Grossmutter vor die Strassenbahn stösst und seinen Hund jämmerlich verhungern lässt, bedauert er zwar (das behauptet er zumindest), aber es ist nun einmal notwendig für seine Pläne, und damit basta. Trotzdem berührt einen die Geschichte irgendwie.

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