Wie macht man ein Genie?

Es gibt Leute, die sich ernsthaft mit dieser Frage beschäftigen.

William James Sidis, genannt Billy, geboren am 1. April 1898 in New York, ist ein Versuchskaninchen. Sein Vater Boris, einst aus Russland nach Amerika eingewandert, vertritt die Ansicht, jedes Kind könne ein Genie werden, das sei nur eine Frage der Erziehung und der Lernmethode. Und das ganze Elend auf der Welt komme letztlich nur daher, dass die Menschen ungebildet seien. Schon an Williams erstem Lebenstag fasst Boris Sidis daher einen unumstösslichen Entschluss: Der Junge wird eine Geistesgrösse, Punktum! Und so beginnt unverzüglich das Training. Boris, selber überaus begabt (und ausserdem so hochnäsig, dass es ihm glatt zu den Nasenlöchern reinregnen könnte), trichtert seinem Sohn systematisch Wissen ein. Zunächst scheint das Experiment ein voller Erfolg zu werden. Billys intellektuelle Leistungen liegen haushoch über dem Durchschnitt; die Grundschule durchläuft er in Rekordzeit (es ist sowohl für ihn als auch für die Lehrer und die Mitschüler eine Tortur); mit acht Jahren macht er seinen Abschluss an der High School; als er zwölf ist, staunt ganz Amerika über das „Wunderkind von Harvard“. Doch der Preis dafür ist hoch – Billy ist emotional verkrüppelt und kaum zu einer halbwegs normalen zwischenmenschlichen Interaktion fähig. Ausserdem lernt er von seinem Vater unter Anderem auch Arroganz und Hochmut. Dem dünkelhaften Sidis Senior ist das wurst, er badet in seinem Triumph und merkt nicht, dass er aus seinem Sohn eine lebensuntaugliche Kunstfigur gemacht hat. Aber eines Tages meldet sich dann doch noch die Natur zu Wort. Als Billy in die Pubertät kommt, beginnt er zu rebellieren.

In seinem Roman Das Genie erzählt Klaus Cäsar Zehrer eine wahre Geschichte. William James Sidis starb 1944 an einer Hirnblutung. Wo liegt die Grenze zwischen antrainierter, mechanischer Perfektion und echter, naturgegebener Genialität? Und wollen wir wirklich Kinder zu Geistesriesen machen, wenn wir sie dafür menschlich zugrunde richten?

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