„Bin in einen Mann verliebt und weiss nicht, in welchen“

Ich sehe mich immer mal wieder zu einem Plädoyer veranlasst, einem Plädoyer für die „Love that dares not speak its name“ (Oscar Wilde), für die Liebe zum gleichen Geschlecht. Ach, Sie glauben, das sei heutzutage nicht mehr nötig? Da wäre ich mir nicht so sicher! Also: Erstens existiert die Homosexualität und zweitens ist sie weder eine Krankheit noch ein Verbrechen.

Im antiken Griechenland war gleichgeschlechtliche Liebe weit verbreitet, nicht nur mythologisch (Zeus und Ganymed; Achilles und sein Busenfreund Patroklos…). Auch den alten Römern war die „Liebe, die ihren Namen nicht zu sagen wagt“ durchaus nicht unbekannt. In der frühen Neuzeit war die moralische Entrüstung über Monarchen, denen man homophile Tendenzen nachsagte (wie zum Beispiel den französischen König Henri III oder den englischen König James I), oft nur ein billiger Deckmantel für politische Angriffe. Die Aufklärung trug leider nicht viel zur Sache der Homosexuellen bei. Nur wenige Denker, wie etwa der Marquis de Sade, der in sexuellen Dingen ohnehin Narrenfreiheit genoss, verteidigten sie. Während der Französischen Revolution wurden Pamphlete veröffentlicht, in denen scheinbar Homosexuelle Toleranz forderten. In Wirklichkeit waren diese Pamphlete jedoch eher ironisch gemeint; anhand eines völlig „abwegigen“ Beispiels sollte die Absurdität dieser neumodischen Ideen von liberté und egalité demonstriert werden. Als sich im späten 19. Jahrhundert anstelle von Sodomie der Begriff Homosexualität durchsetzte, war damit ein wichtiger Fortschritt im Denken verbunden: Weg von der Idee der religiösen Sünde hin zu einem mehr psychologischen Ansatz. An der Schwelle des 20. Jahrhunderts setzten sich einerseits Pioniere wie Magnus Hirschfeld für Toleranz ein, andererseits zementierten Skandale wie jene um Oscar Wilde oder Philipp zu Eulenburg das negative Image. Wilde war es übrigens auch, der in der breiten Öffentlichkeit ein bis heute bekanntes Klischee prägte: Die „Schwuchtel“ als schriller, herausgeputzter Dandy.

Jetzt bei buchplanet.ch: Gleich und anders. Eine globale Geschichte der Homosexualität von Robert Aldrich.

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