Die Rothaarige

Ein „wahres Märchen“ für den Monat Dezember:

Es war einmal eine Frau, die ich hier E. nenne. E.s Leben beginnt nicht gerade positiv. Für ihren Vater ist sie die grösste Enttäuschung seines Lebens; er ist ein König und hat sich verzweifelt einen männlichen Thronerben gewünscht, so verzweifelt, dass er sich dafür mit dem Papst und mit halb Europa angelegt hat. Für die Mutter ist E.s Geburt der Anfang vom Ende; der König hat für sie und die Hoffnung auf einen Sohn soviel geopfert, dass er ihr dieses „Versagen“ nicht verzeihen kann – E. ist noch nicht drei Jahre alt, als ihre Mutter unter zweifelhaften Beschuldigungen verurteilt und geköpft wird. Zum illegitimen Kind (im Fachjargon: „Bastard„) degradiert, wächst E. im Schatten ihres Halbbruders (E.s Vater bekommt schliesslich doch noch seinen Kronprinzen), ihrer Halbschwester und der insgesamt vier Stiefmütter (nacheinander, nicht gleichzeitig!) auf. Doch dann, E.ist inzwischen fünfundzwanzig, kommt ihr grosser Tag. Nachdem ihre Geschwister kinderlos gestorben sind, besteigt sie den Thron – noch wenige Jahre zuvor hätte das niemand für möglich gehalten. Die rothaarige Letzte ihres Hauses ist nicht nur aufgrund ihres Geschlechts ein untypischer Herrscher jener Zeit. E. weiss aus ihrer Familiengeschichte, dass es äusserst mühsam sein kann, wenn um jeden Preis ein Thronfolger in die Welt gesetzt werden muss. Deshalb entwickelt sie ein neues System: Sie heiratet nie (was nicht bedeutet, dass es in ihrem Leben keine Männer geben würde) und macht ihre Ehe- und Kinderlosigkeit zum politischen Programm. Unter E.s erfolgreicher Herrschaft, die 45 Jahre dauert, avanciert ihr Land zur europäischen Grossmacht. Auch die Kultur blüht, besonders in Form eines bestimmten Dichters, dessen Stücke bis heute als Inbegriff des klassischen Theaters gelten.

The Virgin Queen, die „jungfräuliche Königin“ wird sie ihrer Ehelosigkeit wegen genannt, Elizabeth Tudor, Königin Elisabeth I. von England und Irland. Susan Key erzählt in Die Königin ihre Geschichte.

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