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Miss Universum

von Gabriel Weber

Es gab eine Zeit, in der Menschen mit körperlichen Anomalien vor zahlendem Publikum zur Schau gestellt wurden wie Tiere im Zoo. Daran erinnert nicht nur Tod Browning in seinem Film Freaks (1932), sondern auch Margrit Schriber in ihrem Roman Die hässlichste Frau der Welt.

Rösli aus Morschach in der Zentralschweiz wollte eigentlich nach Amerika auswandern. Doch es kommt ganz anders. Das Mädchen strandet in der englischen Hafenstadt Southampton (während der Rest ihrer Gruppe davonsegelt) und läuft dort einem Herrn namens Theodore Fairchild Lent über den Weg. Lent ist Schausteller und hat gerade eine neue Errungenschaft aus Amerika mitgebracht: Julia Pastrana. Mit ihrem deformierten, haarigen Gesicht wird Julia dem Publikum als „Affenfrau“ und „Hässlichste Frau der Welt“ präsentiert und ist eine enorme Attraktion im Varieté. Doch nicht nur das Publikum, sondern auch die Wissenschaft interessiert sich brennend für Julia – schliesslich befindet man sich gerade in der Zeit von Darwins Evolutionstheorie, da sind Affen grosse Mode. Lent engagiert Rösli; ihre Aufgabe besteht darin, für das Publikum durch ihre Schönheit den Effekt von Julias Aussehen zu unterstreichen. Ausserdem wird „Rosie la Belle“, wie man sie nun nennt, sozusagen das Faktotum von Mr. Lent und die Zofe des Stars. So tut Rösli manche Einblicke ins Showbusiness. Am Anfang hat sie Angst vor Julia, doch dann erkennt sie den Menschen hinter dem „Monster“. Einen Menschen mit Gefühlen, Empfindungen – und einer Leidenschaft für Handarbeit.

Diese menschenverachtende Sensationsgier, diese makabere Schaulust… Da sieht man wieder einmal, das in der „guten alten Zeit“ eben doch nicht alles besser war!

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