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Archiv vom Juli, 2018

26. Juli 2018

Lasset uns graben!

Die Familie Gruber macht ihrem Namen Ehre. Vater, Mutter, Tochter Fabienne und Sohn Henrik – alle graben neuerdings mit Leidenschaft Löcher im Garten. Warum? Tja – um das zu erfahren, muss man das Buch Hilfe! Ich will hier raus! von Salah Naoura lesen.

Eines schönen Tages steht Oma Cordula vor der Tür. Diese alte Dame, die je nach Situation geistig mehr oder weniger verwirrt ist, quartiert sich bei den Grubers ein und stellt das Leben ihrer sterbenslangweiligen Verwandtschaft gewaltig auf den Kopf. Unter Anderem behauptet sie, irgendwo im Garten seien Goldbarren versteckt. Die Grubers greifen zum Spaten und bald hat der Garten (den Frau Gruber wohlgemerkt bisher immer mit so viel Hingabe gepflegt hat) mehr Löcher als ein Emmentaler Käse. Nun gut, das ginge ja noch. Doch als die Nachbarn Wind von dem Gold bekommen, gerät die Sache ausser Kontrolle! Da der Kurpark direkt an den Gruberschen Garten angrenzt und der Schatz nach Oma Cordulas Aussage auch irgendwo dort vergraben sein könnte, bricht ein regelrechter Goldrausch aus. Die ganze Stadt schaufelt im Kurpark herum, die Strassen sind leer, das öffentliche Leben kommt beinahe zum Erliegen. Es wird gebuddelt, was das Zeug hält! (Goethe, Faust I: „Am Golde hängt, zum Golde drängt…„) Doch von den Goldbarren fehlt jede Spur…

Und Oma Cordula liegt unterdessen seelenruhig im Liegestuhl und schaut zu! Aber wer weiss, vielleicht bringt sie bei den Grubers endlich mal ein bisschen Leben in die Bude – unabhängig davon, ob der Schatz nun gefunden wird oder nicht (und ob es ihn überhaupt gibt).

24. Juli 2018

Miss Universum

Es gab eine Zeit, in der Menschen mit körperlichen Anomalien vor zahlendem Publikum zur Schau gestellt wurden wie Tiere im Zoo. Daran erinnert nicht nur Tod Browning in seinem Film Freaks (1932), sondern auch Margrit Schriber in ihrem Roman Die hässlichste Frau der Welt.

Rösli aus Morschach in der Zentralschweiz wollte eigentlich nach Amerika auswandern. Doch es kommt ganz anders. Das Mädchen strandet in der englischen Hafenstadt Southampton (während der Rest ihrer Gruppe davonsegelt) und läuft dort einem Herrn namens Theodore Fairchild Lent über den Weg. Lent ist Schausteller und hat gerade eine neue Errungenschaft aus Amerika mitgebracht: Julia Pastrana. Mit ihrem deformierten, haarigen Gesicht wird Julia dem Publikum als „Affenfrau“ und „Hässlichste Frau der Welt“ präsentiert und ist eine enorme Attraktion im Varieté. Doch nicht nur das Publikum, sondern auch die Wissenschaft interessiert sich brennend für Julia – schliesslich befindet man sich gerade in der Zeit von Darwins Evolutionstheorie, da sind Affen grosse Mode. Lent engagiert Rösli; ihre Aufgabe besteht darin, für das Publikum durch ihre Schönheit den Effekt von Julias Aussehen zu unterstreichen. Ausserdem wird „Rosie la Belle“, wie man sie nun nennt, sozusagen das Faktotum von Mr. Lent und die Zofe des Stars. So tut Rösli manche Einblicke ins Showbusiness. Am Anfang hat sie Angst vor Julia, doch dann erkennt sie den Menschen hinter dem „Monster“. Einen Menschen mit Gefühlen, Empfindungen – und einer Leidenschaft für Handarbeit.

Diese menschenverachtende Sensationsgier, diese makabere Schaulust… Da sieht man wieder einmal, das in der „guten alten Zeit“ eben doch nicht alles besser war!

19. Juli 2018

Marlenes Suppe

À propos Essen (Blog vom 17. Juli 2018): Interessant ist auch die Frage, was berühmte Leute vor ihrem Ableben gespeist haben.

Es gibt Leute, die ganz genau wissen, welche Mahlzeit ihre letzte sein wird. Marie Antoinette nimmt vor ihrer Enthauptung nur ein Mignonette-Brötchen und ein Tasse Schokolade zu sich. Aus Hühnchen mit Pommes Frites und Erbsen besteht die Henkersmahlzeit von Bruno Richard Hauptmann, ehe der angebliche Mörder des Lindbergh-Babys den Gang zum Elektrischen Stuhl antritt. Heinrich von Kleist isst eine heisse Bouillon, bevor er sich das Leben nimmt. Maria Stuart lässt sich Haferbrot und Wein servieren. Die berühmteste Henkersmahlzeit überhaupt besteht ebenfalls aus Brot und Wein: jene von Jesus. In anderen Fällen ist es eher Zufall. Am Abend vor der Katastrophe, die für ihn tödlich enden wird, geniesst John Jacob Astor auf der Titanic ein Menü mit sage und schreibe elf Gängen. Franklin D. Roosevelt verzehrt einige Löffel Haferschleim. Ein amerikanisches Frühstück ist das letzte, was John F. Kennedy konsumiert. Menelik II., Kaiser von Äthiopien, isst (kein Witz!) einige Seiten aus dem Alten Testament, bevor er dahinscheidet. Marlene Dietrich lässt sich noch einmal ihr Leibgericht zubereiten: Hühnersuppe.

Richard Fasten (welch passender Name!) hat in Das letzte Gericht diese Fakten zusammengetragen, inklusive Rezepte.

17. Juli 2018

Än Guätä!

Auguste Escoffier war zu seiner Zeit der berühmteste Koch der Welt. Sein Kochkunstführer (Guide Culinaire) war bis vor Kurzem bei buchplanet.ch erhältlich. Kaum hatte ich das Buch ins System eingespeist und mit dem Blog angefangen, schon wurde es bestellt.

Wissen Sie,  was ein Sauté de Veau aux Nouilles ist? Nein? Kalbsragout mit Nudeln (Seite 406). Und wissen Sie, was ein Soufflé aux Avelines ist? Was, auch nicht? Haselnuss-Auflauf (Seite 634). Aber dann ist Ihnen doch wenigstens die Potage d’Orge au Céleri ein Begriff? Na, Sie wissen aber auch gar nichts! Das ist Gerstensuppe mit Sellerie (Seite 149). Escoffiers Buch ist sehr gründlich: 82 weisse Saucen, 56 braune Saucen. 11 einfache Salate, 57 zusammengesetzte Salate. Selbstverständlich gibt es nicht nur Rezepte, sondern auch technische Erläuterungen, zum Beispiel folgende: Suppen werden in zwei Kategorien eingeteilt, nämlich klare und gebundene Suppen. Die gebundenen wiederum werden in fünf Arten eingeteilt. Ausserdem ist es in jedem Fall äusserst wichtig, dass die Suppe sehr heiss serviert wird. Neben der Kochkunst kann man hier zugleich auch die französische Sprache erlernen, die Gerichte haben nämlich (auch in der deutschen Version) alle klangvolle französische Namen.

Also, auf in die Küche! Arbeiten wir den ganzen Escoffier systematisch durch, von den Vorspeisen bis zu den Desserts. Guten Appetit!

12. Juli 2018

Nur für Fortgeschrittene!

Es gibt viele Bücher über das Schach (vergleiche Blog vom 13. April 2017), auch solche für Anfänger. Schachphilosophie von Josef Seifert hingegen ist definitiv nur etwas für Fortgeschrittene.

Es gibt viele interessante philosophische Knacknüsse beim Schach. Man stelle sich vor: In der Realität nur ein kariertes Brett (sozusagen das Brett, das die Welt bedeutet) und 32 komische kleine Figürchen – in der Fiktion des Spiels eine ganze Miniaturwelt. Der König als schwache und angreifbare Figur, die aber dennoch direkt oder indirekt das ganze Geschehen bestimmt. Die Dame als starke, dominante Figur, die meistens eine sehr zentrale Rolle spielt (ausgesprochen feministisch). Eine fast unendliche Vielfalt an Möglichkeiten. Regeln, die im Grunde völlig willkürlich sind, aber trotzdem von jedermann eingehalten werden (der Läufer zieht so, der Turm zieht so, der Bauer zieht so…). Daneben gibt es auch noch „inoffizielle“ Faustregeln (zum Beispiel: Möglichst früh das Zentrum besetzen), die nicht willkürlich, sondern das Ergebnis jahrhundertelanger Erfahrung sind. So geht es über 100 Seiten weiter: „Anwendung allgemeiner logischer, ontischer und mathematischer Wesensgesetze beim Schach“ (Du lieber Himmel!), „Empirische und apriorische Erkenntnis notwendiger Gesetze“ (Wie bitte?)… Ein eigenes Kapitel ist der Ethik des Schachspiels gewidmet (es gibt nämlich eine solche!), ein weiteres dem Schach in der Kunst. Ebenfalls betrachtet wird die Frage, ob der Computer je den menschlichen Schachspieler verdrängen wird. Ich persönlich glaube das nicht. Ausserdem macht das Schachspielen gegen Menschen viel mehr Spass, von den Erfolgschancen mal ganz zu schweigen.

Sind Sie noch da, geschätztes Publikum? Lassen Sie sich durch dieses ganze Gequassel ja nicht vom Schachspielen abhalten!

10. Juli 2018

Die Fahrt der Frau Benz

Berta Benz, die Gattin von Carl Benz, fuhr 1886 mit ihren beiden Söhnen Eugen und Richard von Mannheim nach Pforzheim – die erste Autoreise der Geschichte. Frau Benz wollte der Welt (und insbesondere ihrem Ehemann) beweisen, dass diese neue Maschine etwas taugte.

Bis nach dem Zweiten Weltkrieg blieb das Auto ein kostspieliges Luxusobjekt. Unternehmen wie Rolls-Royce (Blog vom 29. März 2016), Maybach und Duesenberg bauten exquisite Strassenkreuzer für eine wohlhabende Kundschaft. Obwohl die Vorteile des Kraftwagens offensichtlich waren (im Gegensatz zu Pferden verbraucht er nur dann Treibstoff, wenn man ihn benutzt), hatte das Automobil in manchen Gegenden Mühe, sich durchzusetzen. Kaum hatte man sich einigermassen an das neue Verkehrsmittel gewöhnt, wollte man auch schon seine Grenzen austesten. Autorennen kamen in Mode, immer noch weiter und noch spektakulärer. Einer der Höhepunkte war das Rennen Peking-Paris im Jahr 1907 (siehe Blog vom 20. Oktober 2015). In den 1950er Jahren begann schliesslich das Zeitalter des Autos als Massenprodukt, und zwar mit allen Nebenwirkungen. 30 Jahre später wurde der „Umweltverschmutzer Nummer 1“ dann vom Sockel gestürzt. Ein eigenes Kapitel ist die Beziehung zwischen dem Auto und dem Kino. Das Automobil und der Film sind nicht nur fast gleich alt, sie haben sich auch gegenseitig beeinflusst, man denke nur an James Bonds legendären Aston Martin in Goldfinger oder an das Wunderauto Chitty-Chitty-Bang-Bang (siehe Blog vom 19. Januar 2016).

Jetzt bei buchplanet.ch: Eine Jahrhundertliebe. Menschen und Automobile von Judith Jackson. In zahlreichen Bildern (und mit einem Geleitwort von Henry Ford II, dem Sohn von Autokönig Henry Ford) erlebt man da die ganze Geschichte der „Kutschen ohne Pferde“.

5. Juli 2018

Will ich in mein Gärtlein geh’n…

Auf weit mehr als das „bucklicht Männlein“ aus dem Gedicht stossen die Protagonisten im Jugendbuch Wolfsgarten von Antonia Michaelis.

Achim und Karl sind zwei Jungen, die in einem Kinderheim aufgewachsen sind. Inzwischen leben beide in Adoptivfamilien, aber jetzt kehren sie noch einmal in das Heim zurück, in dem sich nämlich rätselhafte Dinge abspielen. Achim und Karl finden in der Nähe des Kinderheims einen ummauerten Garten, in dem ein uraltes, verlassenes Herrenhaus steht. Das wäre ja noch nicht so aussergewöhnlich – aber die Tatsachen, dass sich erstens das Tor des Gartens von innen nicht mehr öffnen lässt und dass sich zweitens die Jungen, als sie schliesslich über die Mauer klettern, in einer völlig fremden Welt wiederfinden, sind doch recht merkwürdig. Die Strassen und Häuser ausserhalb des Gartens sind plötzlich verschwunden, stattdessen erstrecken sich Getreidefelder bis zum Horizont, nur das bewusste Kinderheim ist noch da. Dort lebt jetzt eine Gruppe von Kindern unter dem strengen Regiment einer gewissen Frau Heinrich, welche die Kinder zu einem intensiven Lauf-Training zwingt. Aber wozu? Was ist mit den „Hohen Herren“, von denen immer wieder die Rede ist? Wer sind die weisse und die schwarze Gestalt, die im Garten herumgeistern? Wer ruht unter der Grabplatte vor dem Herrenhaus? Lässt ein mysteriöser Tee die Trinkenden alles vergessen? Gibt es im Garten tatsächlich Wölfe, wie behauptet wird? Wo sind Achim und Karl überhaupt? Und wie zum Kuckuck kommen sie wieder nach Hause?

Was als reine Fantasie-Geschichte beginnt, bekommt ganz plötzlich eine neue, historisch-politische Komponente. Die beiden Protagonisten bilden ein geradezu klassisches Duo: Achim ist der schüchterne, zurückhaltende Denker – Karl der kräftige, zupackende Mann der Tat. Ihre Beziehung zueinander wird im Laufe dieser Geschichte auf eine harte Probe gestellt. Achim will sich nicht mehr dauernd von Karl beschützen lassen und Karl will nicht mehr, dass Achim ständig für sie beide denkt.

3. Juli 2018

Hereinspaziert!

„Wenn ich in den Zirkus gehe, abends dann und wann…“ Das ist aus Emmerich Kalmans Operette Die Zirkusprinzessin. Genau in diesem Milieu spielt auch das Kinderbuch Die Zirkusbuben von Jenö Marton.

Jimmy und Jacky Fontanelli sind Zwillinge, Söhne des Zirkusdirektors Orlando Fontanelli und die jüngsten Kunstreiter der Welt. Als besonderes Merkmal tragen sie stets Breecheshosen (elegante Reithosen, die am Oberschenkel weit und am Unterschenkel eng sind) und Reitstiefel. Mit dem elterlichen Zirkus ziehen sie durch die Welt und erleben dabei so Manches. Zum Beispiel adoptieren sie mit dem Waisenjungen Jonny noch einen dritten Zwilling bzw. Drilling dazu. Aber am wichtigsten ist die Reise nach Atlantika. Die Zirkusbuben planen nämlich nicht nur eine spektakuläre neue Nummer für diese Tournee, sondern sie sind auch den dubiosen Machenschaften eines Tierwärters mit dem hochtrabenden (angeblichen) Namen Jean Jacques de Huquenbergée auf der Spur. In der atlantikanischen Stadt Coxburry machen Jimmy, Jacky und Jonny zunächst die Bekanntschaft von Betty, der Tochter des steinreichen Industrie-Magnaten Thomas Th. Knätschbull. Ausserdem schliessen die Zirkusbuben auch noch weitere nützliche Freundschaften mit einheimischen Kindern. Wird es ihnen wohl gelingen, den Schmugglern in der Flibustierbucht das Handwerk zu legen?

Eine echte Trouvaille im Katalog von buchplanet.ch, vom Autor selber originell illustriert.