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Archiv vom Juni, 2018

28. Juni 2018

Von Hunden und Pferden

Da wir gerade von Detektiven sprechen: Ein ganz frühes Exemplar dieser Spezies findet man bei Voltaire. Moment mal! Hat Voltaire (vergleiche Blog vom 26. September 2013) etwa Krimis geschrieben? Das nicht gerade, aber in seinem Roman Zadig erlebt das Publikum ein Kabinettsstück des detektivischen Spürsinns.

Zadig ist ein ebenso reicher wie kluger junger Mann, der in Babylon lebt. Eines Tages werden der Hund der Königin und ein Pferd aus den königlichen Stallungen vermisst. Zadig kann über die Tiere genau Auskunft geben: Es handelt sich einerseits um eine kleine Hündin mit langen Ohren, die erst kürzlich Junge bekommen hat und auf dem linken Vorderfuss hinkt. Und andererseits um ein 5 Fuss hohes Pferd mit auffallend kleinen Hufen und einem 3,5 Fuss langen Schweif. Die Buckel des Zaumzeugs sind aus Gold, die Hufeisen aus Silber. So weit, so gut. Bloss… Zadig hat keines der beiden Tiere je gesehen. Aber er hat Spuren entdeckt: Pfotenabdrücke eines kleinen Hundes, wobei beim linken Vorderfuss der Sand weniger eingedrückt ist, als bei den anderen; längliche Furchen, die nur von herabhängenden Zitzen herrühren können; herabgefallene Blätter, die aus einer Höhe von 5 Fuss stammen; Abrieb von Metall an einem Stein…

Das nenne ich Schlussfolgerungen! Sherlock Holmes hätte es kaum besser machen können.

26. Juni 2018

Kombiniere…

Mal ehrlich: Was wäre die Filmwelt ohne den Kriminalfilm bzw. ohne Detektive?

Angefangen hat es (wie könnte es anders sein) mit… Na? Erraten! Sherlock Holmes. Noch vor dem Ersten Weltkrieg kam er berühmteste Detektiv der Welt mehrmals auf die Leinwand – obwohl es gerade im Stummfilm eher schwierig war, die komplexen Gedankengänge eines Meisterdetektivs darzustellen – und ist im Lauf der Jahrzehnte immer wieder dorthin zurückgekehrt, dargestellt durch ganz verschiedene Leute von Basil Rathbone über Robert Downey junior bis zu Ian McKellen. Im Fall von Agatha Christie war es so, dass zunächst vor allem ihre „Werke ohne Detektiv“ verfilmt wurden (Ten little Indians, Witness for the Prosecution). Hercule Poirot- und Miss Marple-Filme gab es erst etwas später, da diese Bücher ursprünglich als zu literarisch (zu viel Intellekt, zu wenig Action) für die Leinwand galten. In den Dreissiger Jahren kamen asiatische Detektive in Mode (wohlgemerkt waren nur die Figuren Asiaten, die Darsteller nicht): Charlie Chan, dargestellt von Warner Oland, Mr. Moto, dargestellt von Peter Lorre, und Mr. Wong, dargestellt von Boris Karloff, traten alle in mehreren Filmen auf. Nicht zu vergessen, besonders nach dem Zweiten Weltkrieg, ist natürlich auch der private eye, der typisch amerikanische Privatdetektiv im Trenchcoat – gewissermassen das Gegenteil des klassischen europäischen Lehnstuhl-Ermittlers. Nicht intellektuell, sondern kämpferisch; kein „besserer Herr“, sondern eine eher bescheidene, um nicht zu sagen gescheiterte Existenz; kein idealistischer Verbrechensbekämpfer, sondern ein bezahlter Arbeiter. Oft hat ein solcher private eye, im Gegensatz zu diesen unterkühlten Kopf-Akrobaten, auch ein Privatleben ausserhalb der Arbeit. Humphrey Bogart hat dieses Fach geprägt wie kaum ein anderer. Mit der Zeit entstanden immer wieder neue Sub-Genres des Kriminalfilms, zum Beispiel die Kriminalkomödie, der Krimi mit paranormalem Unterton und der Krimi für Kinder bzw. Jugendliche. Entsprechend gab und gibt es auch immer mehr unterschiedliche Variationen der Detektiv-Figur.

Jetzt bei buchplanet.ch: Filmwissen Detektive von Georg Seesslen.

21. Juni 2018

Keine grosse Freiheit

In Die kleine Freiheit betrachtet Erich Kästner mit Kurzgeschichten, Liedern und Glossen die ersten Jahre der Bundesrepublik Deutschland.

Die grosse Freiheit ist es nicht geworden. / Es hat beim besten Willen nicht gereicht. So kommentiert Kästner ohne Illusionen den Neuanfang nach dem Krieg. Den Schulkindern gibt er einige gute Ratschläge mit: Haltet das Katheder weder für einen Thron noch für eine Kanzel! Lacht die Dummen nicht aus! Misstraut gelegentlich euren Schulbüchern! Auch das Goethe-Jahr 1949 wird eingehend betrachtet, besonders die zahlreichen Publikationen dazu: „Goethe und die Bekämpfung der Kleidermotten“, „Goethe als Christ“, „Goethe als Atheist“, „Goethe als Junggeselle“, „Goethe und die doppelte Buchführung“ und so weiter und so fort. „Wir haben ziemlich jeden Schwur / geschworen und gehalten. / Das liegt nun mal in unsrer Natur / und wir sind noch ganz die alten. / Wir kommen, sehen und siegen / in ziemlich allen Kriegen, / ganz wurscht, unter welcher Regierung.“ Wem legt Kästner wohl diese Worte in den Mund? Ganz einfach: Die militärische Wiederaufrüstung der jungen Bundesrepublik brachte vielen ehemaligen Wehrmachts-Generälen wieder Arbeitsmöglichkeiten.

Dann gibt es, wie überall, in der BRD auch den Pechvogel. Der Pechvogel hat immer die Finger dazwischen, wenn irgendwo eine Tür zufällt. Sogar dann noch, wenn es sich zuletzt um die Himmelstür handelt…

18. Juni 2018

Klimbim

(Dies ist mein Blog Nr. 450!) Einer der grössten Skandäle in der Geschichte Frankreichs war im Jahr 1785 die sogenannte Halsbandaffäre (L’affaire du collier).

Louis René Édouard de Rohan –  Aristokrat, Kardinal, Bischof von Strassburg, Gross-Almosenier von Frankreich etc. – hatte fast alles. Doch etwas fehlte ihm: Königin Marie Antoinette strafte ihn mit Verachtung. Um die Gunst Ihrer Majestät zu gewinnen, war der lebenslustige Kirchenfürst bereit, fast alles zu tun. Jeanne de La Motte war eine verkrachte Gräfin, die unbedingt ein Leben in Saus und Braus führen wollte. Zu diesem Zweck becircte sie den Kardinal, tat so, als verstehe sie sich gut mit der Königin, und bat ihn „für sie“ um Geld. Kardinal de Rohan tat ihr natürlich gern den Gefallen. Zur gleichen Zeit hatte zwei Pariser Juweliere ein Diamanten-Collier fabriziert, dass nicht seinesgleichen hatte; Die Königin zeigte jedoch wenig Interesse. Deshalb wandte sich die Juweliere Böhmer und Bessange mit der Bitte um Fürsprache an Madame de La Motte, die angebliche Busenfreundin der Königin. Das Ende vom Lied: Die Königin sah das Collier nie; Die Juweliere sahen ihr Geld nie; Die La Motte verduftete mit den Diamanten; Rohan, der die Sache vermittelt und für die Bezahlung gebürgt hatte (im Glauben, Ihrer Majestät damit einen Gefallen zu tun), war blamiert. Er wurde sogar verhaftet, später allerdings freigesprochen. Der Skandal war auf jeden Fall perfekt. Umso mehr, als auch ein guter Bekannter des Kardinals, Graf Cagliostro, in die Sache verwickelt zu sein schien. Ungerechterweise entlud sich der Volkszorn weder über Seiner leichtgläubigen Eminenz noch über der später verurteilten Comtesse, sondern über der schon damals sehr unbeliebten Marie Antoinette.

Nachlesen kann man die ganze Geschichte in Marie Antoinette und die Halsbandaffäre von Benedetta Craveri. Wie konnte aus einem im Grunde harmlosen Betrug eine solche Staatsaffäre werden? Auch sonst gibt es in diesem Thriller noch einige offene Fragen.

14. Juni 2018

Bilder eines Jahrhunderts

Decades enthält unzählige Fotos aus dem 20. Jahrhundert. Nach Jahrzehnten geordnet und ausführlich kommentiert, wird so eine zum Teil noch gar nicht so ferne Zeit lebendig.

Willy Brandts Kniefall in Warschau (1970), Wladimir Lenin in seinen letzten Wochen (1923), Emmeline Pankhurst wird nach einer politischen Aktion vor dem Buckingham Palace von der Polizei buchstäblich weggetragen (1914), Sowjetische Panzer rollen durch Budapest (1956), Michail Gorbatschow und Ronald Reagan in Genf (1985). Leute wie Harry Houdini (1900), James Matthew Barrie (1906), Mata Hari (1907), Anna Pawlowa (1913), Josephine Baker (1920), Walt Disney (1924), Shirley Temple (1935), Edith Piaf (1960), Orson Welles (1971) und Günter Grass (1997). Zu sehen gibt es Kuriositäten wie den achtjährige Mark Harman aus London, der pro Woche sechs Stunden lang zur Entspannung auf einem Nagelbett liegt (1976) oder eine Karmeliterin, die der Kamera den Rücken zuwendet, weil die Ordensregeln ihr verbieten, ihr Gesicht der Aussenwelt zu zeigen (1904). Der kleine Maharadscha von Jodhpur spielt, auf einem vornehmen Stuhl sitzend, selbstvergessen mit einem einfachen Spielzeughäuschen (1925). Kriminalbeamte testen eine kugelsichere Weste – über das Schicksal des Mannes, der die Weste bei diesem Test trug, ist leider nichts bekannt (1930). Ein älterer, vollschlanker Lette promeniert am Nudisten-Strand (1992).

Nicht zu vergessen sind natürlich auch Szenen aus dem Alltagsleben von damals. Haushalt, Schule, Sport… Grandiose neue Errungenschaften wie das Telefon oder das Flugzeug…

12. Juni 2018

Die Krone im Tornister

Ein weiteres „wahres Märchen“:

Es war einmal ein Mann – nennen wir ihn ganz einfach Karl. Karl stammt aus relativ bescheidenen Verhältnissen und beginnt seine Karriere als einfacher Soldat. Innerhalb von 24 Jahren bringt er es bis zum Marschall, dem höchsten Dienstgrad in seiner Armee. Während er noch Unteroffizier ist, ereignet sich in seiner Heimat nämlich ein politisches Erdbeben, infolgedessen die Offizierslaufbahn fortan nicht mehr den Adligen vorbehalten ist. Seine Karriere schafft Karl zum Teil im Gefolge eines anderen Militärs, der zuerst im eigenen Land die Macht übernimmt und schon wenige Jahre später den grössten Teil Europas beherrscht. Und eines Tages nimmt Karls Leben ein ganz unerwartete, geradezu märchenhafte Wendung. In einem Land im Norden wird dringend ein Thronfolger gesucht. Karls militärisches Können und seine Beziehungen zum damaligen Herrscher Europas geben den Ausschlag; der vom einfachen Soldaten zum Marschall aufgestiegene Bürgerliche wird vom Parlament des betreffenden Landes zum Thronerben gewählt und vom alten, kinderlosen König adoptiert. Acht Jahre später stirbt dann der König und Karl (der den Sturz seines einstigen Förderers dadurch überstanden hat, dass er rechtzeitig die Seite wechselte) besteigt im Alter von 55 Jahren den Thron. Es ist im wahrsten Sinn des Wortes die Krönung seiner Laufbahn.

Vom Tornister über den Marschallstab zur Königskrone – Jean Baptiste Bernadotte bzw. König Karl XIV. von Schweden und Norwegen (1763-1844) und seine Frau Desirée Clary bzw. Königin Desideria (einst die Verlobte Napoleons) begründeten eine Dynastie, die bis heute auf dem schwedischen Thron sitzt. Bürger – Marschall – König ist eine Publikation zu einer Ausstellung auf der Insel Mainau 1998.

7. Juni 2018

Schützen wir die Lehrer!

Dass Schüler von Lehrern gepiesackt werden, ist ja nichts neues. Im Deszö Kosztolanyis Roman Der Goldene Drachen ist es einmal anders herum.

Doktor Antal Novák ist Mathematik- und Physiklehrer am Gymnasium einer kleinen Stadt in Ungarn. Die Schüler grinsen über seinen Strohhut, über seine Anzüge, über seine Gewohnheiten, aber im Grunde ist er gar nicht so unbeliebt. Übrigens ist der Doktor Witwer und hat eine Tochter namens Hilda. Diese wiederum ist mit dem Schüler Tibor Csaijkás liiert, was ihr Vater gar nicht schätzt. Vili Liszner, Gyuszi Oláh, Bandi Huszár und die anderen Pennäler bereiten sich inzwischen auf das Abitur vor, allerdings mit wenig Enthusiasmus. Besonders Vili hat mit der Schule wenig am Hut; er ist Sportler, ein richtiger Athlet, und dafür braucht er weder Quadratwurzeln noch Pendelbewegungen! Novák wiederum kann nicht begreifen, warum er sich eigentlich jahrelang mit so einem vernagelten Burschen herumschlägt. Dann kommt es zum offenen Konflikt: Vili fällt beim Abitur durch und sinnt auf Rache. Eines Abends wird der nichtsahnende Doktor Novák auf der Strasse überfallen und verprügelt. Und das ist erst der Anfang…

Schützen wir die Polizei! forderte einst Georg Kreisler (siehe Blog vom 12. November 2013). Ich würde sagen: Schützen wir die Lehrer! Sie haben es nötig!

5. Juni 2018

Upstairs, Downstairs

So eine Art Mischung aus Oliver Twist, Downton Abbey und Harry Potter ist Holly Webbs Roman Rose und das Geheimnis des Alchemisten.

Die kleine Rose lebt in einem stark fiktionalisierten viktorianischen London, und zwar im Waisenhaus von St Bridget’s (Viktorianische Waisenhäuser! Ich kann es mir lebhaft vorstellen…). Ihre grosse Stunde schlägt, als sie Dienstmädchen wird. Bei Aloysius Fountain lernt Rose einen echten Upper-Class-Haushalt kennen: Downstairs (unten) lebt das Personal, streng hierarchisch gegliedert, regiert von der Haushälterin. Als jüngstes Dienstmädchen steht Rose natürlich zuunterst in der Rangordnung. Upstairs (oben) lebt die Herrschaft, Mr Fountain, von Beruf Alchemist bzw. Zauberer, seine Tochter Isabella, eine furchtbar verzogene Göre – und Frederick „Freddie“ Paxton, der Zauberlehrling des Hausherrn. Das neue Dienstmädchen lernt bald die wichtigsten Regeln. Immer die Hintertreppe benutzen, nie die Haupttreppe! Für die Herrschaft möglichst unsichtbar und unhörbar bleiben! Nur dann reden, wenn man gefragt wird! Vorläufig hat Rose nicht viel mit der Herrschaft zu tun, allerdings lernt sie den etwa gleichaltrigen Freddie näher kennen. Zunächst ist sie angewidert von diesem blonden Schnösel im Samtanzug, doch bei näherer Betrachtung sind sich die Beiden gegenseitig gar nicht so unsympathisch. Dann ist da noch der weisse Kater Gustavus, genannt Gus. Dass Rose sich mit ihm verständigen kann, ist nur eines von mehrerern seltsamen Ereignissen, die darauf hindeuten, dass Rose ebenfalls magische Kräfte besitzt. Sie ist zwar selber gar nicht so erpicht darauf, doch Freddie erkennt mit fachmännischem Blick ihr Talent. Viel dringender ist aber im Moment die Frage, warum in London immer wieder Kinder spurlos verschwinden, darunter auch Roses Waisenhaus-Freundin Maisie. Rose, Freddie und Gustavus (etwas später gesellt sich auch Isabella hinzu, die viel brauchbarer ist, als man annehmen sollte) machen sich auf die Suche. Und sie entdecken etwas Schauerliches…

Wie schon eingangs angedeutet: Dieses Buch bietet jedem etwas, von der Sozialgeschichte bis zur Fantasy.