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Archiv vom 8. Mai 2018

8. Mai 2018

Ludwigs Haar in der Suppe

by Gabriel Weber

Um eine ganz besondere Reliquie geht es im Buch Beethovens Locke von Russell Martin.

Ludwig van Beethoven stirbt am 26. März 1827 in Wien – 56 Jahre alt, stocktaub und menschenscheu, aber in ganz Europa berühmt. Ferdinand Hiller ist zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt und erst kürzlich von seinem Musiklehrer Johann Nepomuk Hummel mit Beethoven bekannt gemacht worden. Der musikbegeisterte Junge schneidet eine Locke aus der berühmten Mähne des Maestro und bewahrt sie auf. Über ein halbes Jahrhundert später schenkt Hiller, inzwischen Kapellmeister in Köln, das Andenken seinem Sohn Paul. Das nächste Mal tauchen die bräunlich-weissen Haare im Jahr 1911 auf, als Paul Hiller das Medaillon, in dem sie aufbewahrt werden, von Hermann Grosshennig restaurieren lässt. Dann wird es schwierig, den Weg dieser Dinger, welche einmal Bestandteile des grossen Beethoven waren, zu verfolgen. Paul stirbt 1934; wie es seiner (der Abstammung nach jüdischen) Familie in der Folge ergeht, ist ebenso unbekannt wie der Verbleib von Beethovens Locke. Doch dann kommt der 6. Oktober 1943. In der kleinen dänischen Hafenstadt Gilleleje übergibt ein Unbekannter dem Arzt Kay Fremming – im Zusammenhang mit einer grossen Rettungsaktion für die dänischen Juden – das Medaillon mit den kostbaren Haaren darin. Woher weiss man, dass es dieselben Haare sind, dass es sich gerade um dieses Medaillon handelt? Ganz einfach: Bei der Restaurierung 1911 wurde das Medaillon sorgfältig versiegelt und beschriftet. Am 1. Dezember 1994 versteigert das Auktionshaus Sotheby’s in London das gute Stück, den Zuschlag erhält ein Käufer aus Amerika. Bald wird die Locke wissenschaftlich untersucht. Gibt sie vielleicht Aufschluss über Beethovens Krankengeschichte? Eventuell sogar über die Todesursache?

Die Odyssee von Beethovens Locke ist der reinste Krimi. Wie bedeutsam und wertvoll doch einige uralte gekräuselte Haare sein können, wenn sie vom Kopf eines Menschen namens Ludwig van Beethoven stammen! Früher waren es die körperlichen Überreste von Heiligen, um die man sich riss, heute sind es jene von Prominenten.