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Archiv vom März, 2018

29. März 2018

Die Frau Doktor

by Gabriel Weber

Ein neues „wahres Märchen“:

Es war einmal eine Frau mit dem schönen Vornamen Dorothea. Sie wird 1715 in Quedlinburg als Tochter eines Arztes geboren und zeichnet sich schon früh durch auffallende Intelligenz und einen fast unstillbaren Wissensdurst aus. Ihr Vater ermöglicht ihr eine gute Ausbildung bei Privatlehrern, obwohl ihm die Gelehrsamkeit seiner Tochter etwas unheimlich ist. Die Mutter hat gar kein Verständnis dafür; wozu braucht – ihrer Auffassung nach – eine zukünftige Hausfrau schon höhere Bildung? Aber Dorothea bringt Wissenschaft und Hauswirtschaft unter einen Hut. Nachdem sie lange ihrem Vater in seiner Praxis zur Hand gegangen ist, möchte sie in Halle Medizin studieren. Zur damaligen Zeit ein unerhörter Gedanke! Doch die Quedlinburgerin hat einflussreiche Förderer; König Friedrich der Grosse höchstpersönlich gestattet Dorothea mit Königlichem Erlass vom 15. April 1741 das Studium. Der eigentliche Beginn des Studiums verzögert sich allerdings aufgrund verschiedener Umstämde. Noch vor Beginn ihrer akademischen Karriere heiratet die begabte Arzttochter einen verwitweten Pfarrer mit fünf Kindern (vier weitere Kinder werden folgen). Neben Familie und Haushalt hat die Frau Pfarrer alle Hände voll zu tun mit den vielen Kranken, die sich an sie wenden. In der Gegend ist nämlich bekannt, dass sie mehr weiss als so mancher studierter Mediziner. Das passt den örtlichen Ärzten natürlich gar nicht! Nicht-akademische Konkurrenz, noch dazu von einer Frau! Nach vielen Schwierigkeiten gelingt – nicht zuletzt auch dank der Unterstützung durch ihren Ehemann – schliesslich doch das scheinbar Unmögliche: Am 12. Juni 1754 promoviert Dorothea an der Universität Halle zum Doctor Medicinae. Endlich kann sie ihre ärztliche Tätigkeit ganz offiziell und gegen Bezahlung ausüben (bisher war das nämlich immer etwas heikel, Dorothea hätte leicht wegen „Kurpfuscherei“ angeklagt werden können). Am 13. Juni 1762 stirbt Dorothea, die erste Ärztin Deutschlands, in ihrer Heimat Quedlinburg.

Sie war eine wahre Pionierin: Dr. med. Dorothea Christiane Erxleben, geborene Leporin. In Doktorhut und Weibermütze erzählt Julia von Brencken ihre Geschichte.

27. März 2018

Einfach tierisch!

by Gabriel Weber

Karen Duve und Thies Völker haben in ihrem Lexikon berühmter Tiere 1200 prominente Viecher porträtiert.

Da sind zunächst einmal die realen, historisch (mehr oder weniger) belegten Tiere. Bukephalos (das Pferd Alexanders des Grossen), Incitatus (das Pferd Caligulas), The Godolphin Arabian (siehe Blog vom 24. Oktober 2017) und natürlich Barry (der Inbegriff des Bernhardiners, aber ohne Fässchen). Thomas Mann, Arthur Schopenhauer und Martin Luther waren Hundebesitzer, Michael Jackson hatte eine bizarre Vorliebe für Affen. Der Elefant Jumbo war seinerzeit der tierische Nationalheld Englands, das fleischgewordene Symbol des Empire; sein Verkauf nach Amerika löste 1882 beinahe einen Volksaufstand aus. Ein Hund namens Nipper ging als „Wappentier“ von His Master’s Voice in die Geschichte der Schallplatte ein, ein anderer, Greyfriar’s Bobby, wich 14 Jahre lang nicht vom Grab seines Herrn in Edinburgh. Die amerikanische Hauskatze Dusty schenkte im Laufe der Zeit 420 Kätzchen das Leben.

Dann haben wir die Tiere aus Literatur, Film und Fernsehen. Die Pferde Fury, Black Beauty und Jolly JumperHatatitla und Iltschi; die Hunde IdefixRin-Tin-Tin, Lassie, Struppi und Pete (siehe Blog vom 1. Juni 2017); die Elefanten Babar und Dumbo; der Bär Paddington; der gestiefelte Kater; die Affen King KongCheetah und Fipps; die Meeresbewohner Moby Dick und Flipper, ferner der Weisse Hai, der die Autoren des Lexikons zu einer ganzen psychoanalytischen Abhandlung inspiriert. Den Beagle Snoopy und seinen gefiederten Kumpel Woodstock verdanken wir Charles M. Schulz. Selma Lagerlöf hat die Gans Martin beigesteuert, Felix Salten das Rehkitz Bambi und Waldemar Bonsels die Biene Maja. Rudyard Kiplings Jungle Book ist eine ergiebige Quelle, ebenso natürlich die Zeichentrick-Welt von Walt Disney. Eine eigene Kategorie sind die Fälle, in denen die Spezies fiktiv ist, zum Beispiel Drachen wie Fuchur, Grisu, Frau Mahlzahn und Nepomuk (letzterer ist allerdings ein Halbdrache!).

Die Schweiz ist namentlich mit National-Vogel Globi vertreten. Ausserdem gibt es natürlich den Amtsschimmel, den Ohrwurm und ähnliches Getier.

26. März 2018

Gefundenes – zum philosopieren

by Julia S.

Komisch gefangen

Papierbild von Carl Spitzwegs Gemälde „Aschermittwoch“

 

Fröhlich ist traurig

 

Farbenfroh hinter Gittern

 

Draußen eitler Sonnenschein,

drinnen sitzt der Clown

 

Traurig weggesperrt

 

Komik festgehalten

22. März 2018

In den Köpfen anderer Leute

by Gabriel Weber

Monica M. Vaughans Jugendbuch Die Spione von Myers Holt – Rache undercover ist der mittlere Teil einer Trilogie.

Christopher Lane, genannt Chris, ist zwölf Jahre alt. Des Weiteren ist er Schüler von Myers Holt, einer streng geheimen Schule in London. Dort lernen Chris und fünf Altersgenossen, mit der „Gabe“ umzugehen, einer ganzen Palette übersinnlicher Fähigkeiten, die jedes Kind zwischen dem 12. und dem 13. Geburtstag besitzt (bloss wissen die Meisten nichts davon – glücklicherweise!). Ein Bestandteil der Gabe ist zum Beispiel die Fähigkeit, in das Bewusstsein anderer Menschen einzudringen, ihre Gedanken, Gefühle und Erinnerungen auszukundschaften. Das ist natürlich sehr praktisch, besonders für die Verbrechensbekämpfung, in der die Schüler von Myers Holt tätig sind. Alles schön und gut, aber Chris schleppt eine gewaltige Hypothek mit sich herum. Es ist noch nicht lange her, da hat er – einen Menschen getötet. Jawohl, getötet, durch seiner Gabe. Chris hat dabei zwar, wie man so schön sagt, „nur seine Pflicht getan“, aber er leidet trotzdem furchtbar darunter, sein schlechtes Gewissen lässt ihm keine Ruhe. Und dabei weiss er noch nicht einmal, dass Ernest, der Zwillingsbruder des Toten, Rachepläne schmiedet. Ernest ist übrigens auch zwölf und verfügt ebenfalls über die Gabe…

Das Buch ist psychologisch sehr interessant. Der von Schuldgefühlen gequälte Chris, seine Mutter, die seit dem Tod ihres Mannes immer tiefer in Depressionen versinkt, und nicht zuletzt der faszinierend vielseitige Schurke Ernest, der schlicht und einfach mehr gelitten hat, als er ertragen konnte… Besonders originell sind die Sequenzen, in denen erzählt wird, wie es im Bewusstsein eines Menschen aussieht.

20. März 2018

Rette die Bücher, wer kann!

by Gabriel Weber

Nein, das ist nicht das neue Motto von buchplanet.ch. Aber manchmal ist dieser Grundsatz äusserst wichtig, etwa wenn Folgendes passiert:

Die Geschwister Alba und Diego aus Barcelona sind ausgesprochene Leseratten. Am liebsten verbringen sie ihre Freizeit in der Buchhandlung ihrer Tante Bea. Jetzt steht die Veröffentlichung eines Buches bevor, das der renommierte Literaturkritiker Leo Gutenberg als „die schönste Geschichte aller Zeiten“ bezeichnet. Das Publikum wartet schon gespannt. Doch die Seiten sind leer! Und das ist nicht alles; in der gesamten Kinder- und Jungendliteratur herrscht plötzlich Aufruhr! Seit wann benutzt Kapitän Hook eine Laserpistole? Was hat ein Pinguin-Chor in Mittelerde verloren? Wieso läuft den drei Musketieren neuerdings ein Zwerg über den Weg? Ein einziges Durcheinander! Die Buchhändlerin hat eine ziemlich heikle Aufgabe für ihre Nichte Alba und ihren Neffen Diego, um wenigstens die Sache mit der Laserpistole in Ordnung zu bringen; Tante Bea wird die Beiden als zusätzliche Romanfiguren in die Geschichte hineinschreiben. Jawohl, Sie lesen richtig! Und so finden sich die Geschwister als verlorener Junge Dinky und verlorenes Mädchen Anky in Nimmerland wieder. Schon bald lernen sie Peter Pan höchstpersönlich kennen – aber wohlgemerkt nicht den von Walt Disney, sondern den richtigen, den von James Matthew Barrie.

Wird es Alba und Diego gelingen, Kapitän Hook die Laserpistole abzunehmen und wieder aus der Geschichte herauszukommen? Und wer zum Kuckuck sabotiert da die Literatur? In Das verschwundene Buch schafft es der Autor Edward Berry, einer allgemein bekannten Geschichte wie Peter Pan einen neuen Impuls zu geben – und dabei die Magie des Lesens einzufangen.

15. März 2018

„Ja, so ein Cowboy müsst‘ man sein…“

by Gabriel Weber

Das sangen Peter Alexander (siehe Blog vom 7. August 2014) und Gunther Philipp (siehe Blog vom 7. Oktober 2014) im Film Graf Bobby im Wilden Westen. Manche Länder haben ganz spezielle Elemente zur Populärkultur beigesteuert. Japan die Ninjas, Frankreich die Fremdenlegion – und Amerika eben die Cowboys.

Ursprünglich waren die Cowboys, wie der Name schon andeutet, Rinderhirten. Nach dem Sezessionskrieg bestand im ausgehungerten Nordosten der Vereinigten Staaten eine grosse Nachfrage nach Fleisch. Also kamen Viehhändler nach Texas, wo es sehr viele Rinder gab, und begannen die Trecks, das Treiben riesiger Rinderherden über grosse Distanzen. Das Geschäftsmodell bewährte sich und breitete sich auch in Richtung Norden aus, über Nebraska bis nach Montana. Der Longhorn-Boom begünstigte nicht nur den Reichtum der Rinderkönige, sondern auch die immer weiter fortschreitende Besiedelung des amerikanischen Westens und den Nachwuchs der Cowboys. Natürlich versuchten dabei auch viele dubiose Individuen ihr Glück, indem sie beispielsweise Banken überfielen. Der Selfmade-Reichtum der Rinderkönige, der Pioniergeist der Besiedelung neuer Gebiete, „heroische“ Kämpfe mit den Indianern, das Gefühl von Freiheit und Selbstbestimmung, das „Ein-richtiger-Mann-Sein“ – das alles trug dazu bei, dass der „Wilde Westen“ zum nationalen Kulturgut wurde, besonders rückblickend, in Literatur, Film und Folklore. Auch das Gefühl, eine Waffe zu tragen und, ohne Belästigung durch den Staat, selber für sein Recht zu kämpfen, ist in Amerika leider immer noch sehr populär… Übrigens bestand ein strenger Ehrenkodex. Diebstahl von Vieh (Lebensgrundlage vieler Menschen) oder Pferden (mitten in der Wildnis oft fatal für den Bestohlenen) waren die schwersten Verbrechen. Die „Heldentat“ Wilhelm Tells in der Hohlen Gasse bei Küssnacht (das Erschiessen eines ahnungslosen Gegners aus dem Hinterhalt) hätte im wilden Westen kaum Begeisterung ausgelöst, eher Verachtung (So sind die Ansichten eben verschieden – der Freiheitskämpfer des Einen ist der Hochverräter des Anderen).

Heinz-Josef Stammel beschreibt in Das waren noch Männer die Kulturgeschichte der Cowboys fern von allen Legenden und Klischees.

13. März 2018

Herr Dante hatte Ideen

by Gabriel Weber

Die Divina Commedia, die Göttliche Komödie von Dante Alighieri gehört zu den Meisterwerken der europäischen Literaturgeschichte. Sie steht aber auch im Zentrum des Thrillers Der Dante Club von Matthew Pearl.

Boston, 1865: Eine Gruppe von Gelehrten (eben der Dante Club), nämlich der Dichter Henry Wadsworth Longfellow, der Mediziner Oliver Wendell Holmes, der Harvard-Professor James Russell Lowell, der Geistliche George Washington Greene und der Verleger J. T. Fields arbeitet an einem ambitionierten Projekt, der ersten Übersetzung der Divina Commedia für das amerikanische Publikum. Doch zur gleichen Zeit geschehen drei rätselhafte Morde – und die Herren Professoren stellen eine überraschende Tatsache fest. Der Mörder orientiert sich offenbar an Dantes Inferno, seine Untaten entsprechen jedenfalls bis ins Detail den Höllenqualen, die der italienische Dichter in seinem epochalen Werk beschreibt. Aber wie ist das möglich? Ausser Longfellow und seinen Mitstreitern hat doch bisher kaum ein Mensch in Boston je Dante gelesen! Der Club steckt in einer Zwickmühle. Wenn er seine Entdeckung der Polizei meldet, geraten womöglich seine Mitglieder in Verdacht, ausserdem ist es dann vermutlich Essig mit der Übersetzung. Aber einfach ignorieren kann man die Tatsachen auch nicht, immerhin stehen Menschenleben auf dem Spiel. Da gibt es nur eines: Den Mund halten und versuchen, den Fall selber aufzuklären. Um letzteres bemüht sich auch Nicholas Rey, der erste dunkelhäutige Polizeibeamte Bostons. In dieser Eigenschaft hat er dem weissen Establishment etwas zu beweisen. Ferner gibt es da noch einen unbekannten Mann, der sich auf der Polizeiwache aus dem Fenster in den Tod stürzt – und kurz zuvor noch einige Verse von Dante zitiert. Ein Zufall? Wohl kaum…

Ein Serienmörder, ein Literaturklassiker, die versnobte Politik der Universität Harvard und dazu die Geistesgrössen mit ihrem komplizierten Innenleben – das kann ja heiter werden! Aber Vorsicht: Die Leichenfund-Szenen sind nichts für schwache Nerven. Dieser Herr Dante muss eine reichlich verdrehte Fantasie gehabt haben.

8. März 2018

Im Schatten des Monte Generoso

by Gabriel Weber

Im südlichsten Teil des Kantons Tessin spielt die Erzählung Der Ketzer von Soana von Gerhart Hauptmann. Soana liegt auf dem Weg von Melide auf den Monte Generoso.

Der junge Priester Francesco Vela ist Pfarrer des Dörfchens Soana. Eines Tages erfährt er von einer geheimnisvollen Familie Scarabota, die ganz in der Nähe auf einer Alp lebt. Ein Mann, eine Frau und sieben gemeinsame Kinder – Mann und Frau aber nicht miteinander verheiratet, sondern Geschwister… Die Bevölkerung meidet die Scarabotas und duldet sie nicht im Dorf, besonders nicht in der Kirche. Pfarrer Vela (er stammt übrigens aus Ligornetto und ist mit Vincenzo Vela verwandt) ist erschüttert und fühlt sich verpflichtet, diesen armen, verirrten Sündern zu Hilfe zu eilen. Er macht also zunächst einmal einen Besuch auf der fraglichen Alp, um den Schlamassel persönlich in Augenschein zu nehmen – und dieser Besuch hat seine Folgen. Francesco lernt dabei nämlich Agata kennen, eine Tochter des seltsamen Paares. Von diesem Tag an ist für den jungen Priester nichts mehr wie vorher. Er, der kreuzbrave und grundsolide Geistliche, wird plötzlich von ganz und gar unzulässigen Gedanken heimgesucht…

Ich bin dem Mendrisiotto und dem Monte Generoso sehr verbunden. Deshalb fühlte ich mich quasi verpflichtet, dieses Buch hier zu besprechen.

6. März 2018

Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd‘

by Gabriel Weber

Lesen Sie gerne Heimatromane? So richtig schwülstig-romantischen bayrischen oder österreichischen Alpen-Kitsch? Nein? Dann ist Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman von Petra Piuk genau das Richtige für Sie.

Schöngraben an der Rauscher ist ein Dorf wie aus einem Heimatroman (Kunststück!). Idyllische Gegend, gute Luft, nette Einwohner. Und Liebe, wohin man blickt: Liebe zwischen Mann und Frau (auch wenn sie manchmal nicht gegenseitig ist, besonders seitens der Frau), Liebe zu den Kindern (so eine „Watschn“ dann und wann hat früheren Generationen ja schliesslich auch nicht geschadet), Liebe zu den Tieren (ein Bauer im Stall mit heruntergelassener Hose, ähm…), Liebe zur Tradition (gelebt wird gefälligst nach alter Väter Sitte und nicht anders), Liebe zum Alkohol (Prost!), Liebe zur Familie (Zusammenhalt und guter Ruf, was auch passiert) und Liebe zur Heimat (Leute von jenseits der Dorfgrenze brauchen wir nicht und Stadtmenschen schon gar nicht). Die einzige Liebe, die nicht vorkommt (bzw. schon vorkommt, aber nicht geduldet wird), ist jene zum eigenen Geschlecht.

Der Toni und die Moni kennen sich schon von klein auf. Inzwischen sind sie fast erwachsen und haben sich sogar schon einmal geküsst! Nach den Heimatroman-Gesetzen müssten jetzt eigentlich die Hochzeitsglocken bimmeln bzw. Sturm läuten – wäre da nicht Tonis Grosscousine aus der Stadt. Diese Grosscousine ist eine einzige Provokation und nur ihretwegen ist der ganze ordnungsgemässe Handlungsablauf im Eimer. Sie wohnt, wie gesagt, in der Stadt; sie ist unverheiratet, kinderlos und berufstätig; sie trinkt keinen Alkohol; sie isst kein Fleisch (ausgerechnet in einer Gegend, wo man seine zukünftigen Schnitzel und Spanferkel noch persönlich kennt); und sie stellt zu viele Fragen. Es gibt da nämlich einen dunklen Punkt in der Familiengeschichte… In Schöngraben weiss jedoch jedes Kind: Über gewisse Dinge spricht man nicht – und erst recht nicht mit einer Aussenstehenden!

Petra Piuk führt die Dirndl-und-Lederhosen-Romantik ad absurdum – satirisch, makaber und urkomisch.

1. März 2018

Anfang und Ende

by Gabriel Weber

Mit Footlights – Rampenlicht hat David Robinson eine wahre Kostbarkeit aus dem Nachlass von Charlie Chaplin zugänglich gemacht. Es handelt sich um einen Roman, den Chaplin 1947 verfasste und der seinen Film Limelight gewissermassen vorwegnimmt.

Calvero, einst ein berühmter Clown, hat den Zenit seiner Karriere längst überschritten. In Vergessenheit geraten und dem Alkohol verfallen (Betrunkene zu spielen war Chaplins Spezialität), schleppt er sich durchs Leben, bis er eines Tages die junge Tänzerin Terry vor dem Suizid bewahrt. Dadurch, dass er Terry aufpäppelt und ermutigt, wieder zu tanzen, findet auch Calvero wieder neuen Lebensmut. Neben dem Roman enthält das Buch auch eine ausführliche Dokumentation über Chaplins Arbeitsweise und darüber, wie aus einer ersten Idee nach vielen Jahren schliesslich der Film Limelight entstand – man wirft sozusagen einen Blick in die Werkstatt des Genies. Footlights ruhte lange vergessen in Corsier-sur-Vevey, auf Chaplins herrschaftlichem Anwesen, das heute ein äusserst lohnenswertes Museum ist: Chaplin’s World.

Limelight war für Charlie Chaplin Anfang und Ende zugleich. Der Abschied von Hollywood (auch wenn es nicht sein letzter Film überhaupt war) war gleichzeitig eine Rückbesinnung auf die Londoner Music Halls und Varietés, in denen seine Karriere einst begonnen hatte und in denen seinerzeit schon seine Eltern aufgetreten waren. Das autobiographische Element zeigt sich auch dadurch, dass der ehemalige Tramp hier zum ersten Mal überhaupt ohne Make-Up auftritt. Chaplin beschäftigt in dem Film diverse Familienmitglieder (von seinen Kindern aus zweiter und vierter Ehe bis zu seinem Halbbruder Wheeler Dryden) und hat ausserdem seinen einzigen gemeinsamen Auftritt mit einer anderen Stummfilm-Legende: Buster Keaton.