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Archiv vom Januar, 2018

30. Januar 2018

Das ist die Liebe der Matrooosen…

Nennt mich Ismael“ ist wahrscheinlich einer der berühmtesten Anfangssätze der Weltliteratur. Er stammt aus Herman Melvilles Klassiker Moby Dick.

Ismael ist Matrose, und zwar Matrose auf der „Pequod„, einem Walfangschiff unter dem Kommando von Kapitän Ahab. Ein seltsamer Mensch, dieser Ahab. Als die „Pequod“ in See sticht – es dauert einige Kapitel, bis es soweit ist – , lässt er sich erst einmal tagelang nicht auf Deck blicken. Dann taucht er auf und erklärt der Mannschaft, er jage nicht irgendeinen Wal, sondern einen ganz bestimmten. Einen weissen Wal mit gefurchter Stirn und dreifach durchlöcherter Steuerbordflosse: Moby Dick. Den jagt Kapitän Ahab nicht aus kommerziellen, sondern in erster Linie aus persönlichen Gründen, und das schon lange; ein Bein hat er dabei bereits eingebüsst. Moby Dick hat nämlich gar keine Lust, sich erlegen zu lassen (vernünftiges Tier!), und er weiss sich zu wehren. Doch das stört den Kapitän nicht, im Gegenteil. Das Schiff ist also unterwegs. Es dauert recht lange, bis man den gesuchten Wal endlich sichtet (in der Zwischenzeit erfährt das Publikum viele mehr oder weniger interessante Dinge über Wale); Ahab stösst seinen zum bekannten Zitat gewordenen Ruf aus: „Dort bläst er!„, greift zur Harpune und ist kaum noch zu bremsen. Dann beginnt die wilde, verwegene Jagd.

Der Legende nach, so berichtet Ismael, ist Moby Dick weit mehr als einfach nur ein gewöhnlicher Wal. Man sagt, er sei unsterblich und allgegenwärtig… Der uralte Kampf des Menschen gegen die Natur, eine epische Schlacht. Und das Ende? Kaufen Sie das Buch (buchplanet.ch) und lesen Sie selbst.

25. Januar 2018

Friede auf Erden

Eines der (in mehrfacher Hinsicht) imposantesten Bücher, die ich in meiner Buchplanet-Karriere je auf dem Schreibtisch hatte, ist Pax Mundi. Livre d’or de la paix.

Das Buch, 1932 von der Ligue Mondiale pour la Paix herausgegeben, enthält Faksimiles von handschriftlichen Botschaften zum Thema Frieden, und zwar von den prominentesten Leuten jener Zeit. Unter den Beiträgen für Deutschland findet man Albert Einstein und Thomas Mann, aber auch den Luftfahrt-Pionier Hugo Eckener und den Präsidenten des Reichstags, Paul Löbe. Für Frankreich haben sich u. a. Paul Doumer, der Präsident der Republik, ferner Aristide Briand und Marschall Philippe Pétain eingetragen. Die Delegation von Grossbritannien umfasst beispielsweise Ramsay MacDonald, Premierminister Seiner Majestät, und „Ober-Pfadfinder“ Robert Baden-Powell. Gekrönte Häupter wie König Carol von Rumänien und König Alfonso von Spanien, ja sogar der König des Irak und der Kaiser von Annam, dem heutigen Vietnam, haben ihre Unterschriften in das Goldene Buch gesetzt. Ebenso Geistesgrössen wie Marie Curie (Frankreich, eine der wenigen Frauen), Rabindranath Tagore (Indien), George Bernard Shaw (Irland), H. G. Wells (Grossbritannien) und Maurice Maeterlinck (Belgien). Autofabrikant André Citroën (Frankreich) fehlt ebenso wenig wie Opernsänger Fjodor Schaljapin („Weisses Russland“, also nicht die Sowjetunion). Der Maharadscha von Kapurthala (Indien) bringt es kurz und bündig auf den Punkt: „Je déteste la guerre et j’aime la paix.“ Vizepräsident Charles Curtis und Franklin Roosevelt, damals noch Gouverneur von New York, gehören zu den Leuten, die Amerika repräsentieren. Die Schweiz ist u. a. durch die Bundesräte Giuseppe Motta, Jean-Marie Musy und Edmund Schulthess vertreten. Minister, Diplomaten, Bischöfe, ja selbst Generäle melden sich zu Wort. Die Lektüre ist nicht nur deswegen interessant, weil einige dieser Herrschaften beim Gedanken an den Frieden geradezu poetisch wurden, sondern auch wegen der verschiedenen Handschriften.

Rund 4 Kilo wiegt dieses Buch. Schön, wenn dem Frieden ein solches Gewicht beigemessen wird! Aber wie viel da wohl auch geheuchelt wurde…

23. Januar 2018

Da gab’s einen Maurer aus Flims…

César Keiser war einer der am längsten aktiven Kabarettisten der Schweiz. Zusammen mit Margrit Läubli, seiner Partnerin (sowohl auf der Bühne als auch im Leben), war er jahrzehntelang ein scharfsinniger Beobachter der kleineren und grösseren Katastrophen des Alltags.

Unvergesslich ist der arme Herr Kunz aus Bünzen bei Boswil, der bei der Telefongesellschaft anruft, dann von Pontius zu Pilatus weiterverbunden wird und irgendwann (nachdem er sein Anliegen immer wieder vorgetragen hat) selber nicht mehr so genau weiss, wie er heisst und was er will. Der Mann, der eine Rede übt und gleichzeitig mit seinem (seidenen!) Schlips kämpft. Der gewissenhafte Vater, der seinen Sohn über die Sexualität aufklären will und dieses Gespräch sorgfältig einstudiert. Wenn die ganze Geschichte mit den Bienen und den Blüten nur nicht so kompliziert wäre… Am bekanntesten sind aber zweifellos Keisers Limericks. Mein persönlicher Favorit: Da vermisste ein Herr in La Spezia / Eines Tags seine Gattin Lukrezia / Plötzlich sah er sie wandern / Am Arm eines Andern / Und schrie ganz erfreut: Seht, da geht sie ja!

Für Fans hat buchplanet.ch jetzt Das Grosse César Keiser Cabaret Buch im Angebot. Leider ist César (oder Cés) inzwischen längst dahingeschieden und hat auf dem Friedhof Enzenbühl in Zürich seine letzte Ruhestätte gefunden.

18. Januar 2018

Der magnetische Doktor

Das erste „wahre Märchen“ des neuen Jahres:

Es war einmal ein Mann, der 1734 in Iznang zur Welt kommt (das liegt in der Gegend von Radolfzell, nicht weit von der Schweizer Grenze entfernt). Der Sohn eines fürstbischöflich-konstänzischen Jagdaufsehers studiert in Ingolstadt und Wien zunächst Theologie, dann Medizin und promoviert 1766. Im Stephansdom heiratet der süddeutsche Arzt am 10. Januar 1768 Anna Maria von Bosch, eine der reichsten Frauen Wiens. Einige Jahre lang arbeitet er als gewöhnlicher Schulmediziner, dann jedoch entwickelt er eine eigene medizinische Theorie, den „animalischen Magnetismus“. Genau zu explizieren, was das ist, würde den Rahmen dieses Blogs sprengen; es hat jedenfalls etwas mit Magneten, Elektrizität und Wasser zu tun. Die Fachwelt mit ihren Aderlässen und ähnlichen Methoden ist zwar entsetzt, aber die Patienten strömen in Scharen herbei. Der Entdecker dieses „Universalheilmittels“ kann einige aufsehenerregende Erfolge verbuchen (was sein Selbstbewusstsein beträchtlich ankurbelt). Doch die Feindschaft der Herren Kollegen ist zu gross, deshalb zieht der Doktor 1778 nach Paris. Sein Erfolg ist sensationell, die ganze vornehme Gesellschaft geht bei ihm ein und aus (man bietet ihm sogar Geld dafür, dass er nicht wegzieht), die ersehnte Anerkennung der Ärzteschaft hingegen erreicht er auch dort nicht. Zur Zeit der Französischen Revolution ist der Doktor wieder in Wien, wird vorübergehend verhaftet (er betätigt sich nämlich auch politisch) und kehrt, aus Österreich ausgewiesen, in die Bodenseeregion zurück. Eine Weile lebt er in Wagenhausen bei Stein am Rhein, zeitweise auch in Frauenfeld, zuletzt in Meersburg, wo er am 5. März 1815 stirbt.

Er machte Furore und wurde zur Legende: Franz Anton Mesmer. Ganz Europa sprach seinerzeit von ihm. Der Spiritismus wurde ebenso von ihm beeinflusst wie die Psychoanalyse und die Hypnose. Übrigens war Mesmer auch sehr musikalisch, spielte mehrere Instrumente und zählte, besonders in Wien, zahlreiche Künstler zu seinem Freundeskreis. Ernst Florey verfolgt in Ars Magnetica den Werdegang des „Magiers vom Bodensee“.

16. Januar 2018

Mädchen, anständig, sucht…

Die gesammelten Ausgaben des Schweizerischen Katholischen Sonntagsblattes aus dem Jahr 1892 sind eine kulturhistorisch hochinteressante Lektüre.

Besonders spannend sind die Inserate beziehungsweise die Annoncen. Oft ist da von Hausangestellten die Rede. „Rechtschaffene Eltern“ sind dabei sehr wichtig (uneheliche Kinder sind also nicht erwünscht), auch auf das Wort „katholisch“ wird grosser Wert gelegt (als ob damals ein Nicht-Katholik dieses Blatt gelesen hätte). Zukünftige Dienstmädchen sollten „treu„, „brav“ und „willig“ sein. Manche Inserate entbehren aus heutiger Sicht nicht einer gewissen Komik, etwa wenn ausdrücklich „Gute Behandlung wird zugesichert“ steht oder wenn die Stellensuchende betont, es werde „mehr auf gute Behandlung als auf grossen Lohn gesehen„. Am besten gefällt mir das „Mädchen mit schöner häusl. Einrichtung„, das eine „Stelle bei einem H. Geistlichen“ sucht. Erschütternd ist hingegen die Frage, wer einer „armen Wittwe eines ihrer 4 braven Kinder abnehmen“ würde. Das Ganze verläuft übrigens äusserst diskret; meistens wird für nähere Informationen auf die Expedition des Blattes (Firma L. Gegenbauer in Wil) verwiesen. Nur ganz selten werden Namen genannt.

Doch nicht nur die Stellenanzeigen sind lesenswert. Am 27. Februar wollte jemand eine „ca. 50 Kilo schwere, ältere Glocke zu Verwendung für eine überseeische Missionsstation“ erwerben. „Der ächte Eisencognac Golliez“ wird immer wieder als „das anerkannt beste Eisenpräparat“ angepriesen.

11. Januar 2018

Herr Weihnachten Feigling

Sir Noël Coward (1899-1973), britischer Schriftsteller, Schauspieler und Komponist, ist die Hauptperson im Krimi Mordfall für Noël Coward von George Baxt.

1935: Noël Coward (Sir Noël wird er erst viel später) ist der Superstar der Londoner High Society, ein würdiger Nachfolger von Oscar Wilde (vergleiche Blog vom 18. März 2014) – nicht nur als Autor ebenso geistreicher wie satirischer Gesellschaftskomödien, sondern auch als Dandy und Salonlöwe (und als Homosexueller). Jetzt versucht Noël sein Glück in New York. Dort lässt er sich, neben Theater und Film, für die Eröffnung eines Nachtklubs engagieren – eines ebenso pompösen wie dubiosen Nachtklubs. Aber da geht während der Proben für die Eröffnung eine Kleinigkeit schief. Auf offener Bühne wird die Tänzerin Edna Dore ermordet; genauer gesagt, sie wird mit einem Pfeil aus einem Blasrohr erschossen. Noël ist höchst erstaunt (als Leser kann man förmlich sehen, wie er die Augenbrauen hochzieht), streckt seine Nase noch etwas höher in die Luft, als er das ohnehin schon immer tut, lässt einige süffisante Bemerkungen vom Stapel und beteiligt sich dann fleissig an den Ermittlungen. Da ist zunächst einmal das Gangster-Trio, das den besagten Nachtklub leitet; ein Pärchen, das sich mit Voodoo befasst; eine noch recht junge Dame, die schon sage und schreibe drei Ehemänner überlebt hat; ferner eine weitere weibliche Leiche, die kürzlich in Shanghai gefunden wurde… Nur mit seiner Zigarettenspitze und seinem Esprit bewaffnet, macht sich Noël an die Arbeit.

Ein Gentleman und Snob, letzteres aber nicht nur aus persönlicher Eitelkeit, sondern in erster Linie aus Image-Gründen – Noël Coward gibt einen famosen Krimihelden ab.

9. Januar 2018

Kräuter unter sich

Eine Variation des berühmten The Prince and the Pauper-Motivs (vergleiche Blog vom 20. März 2014) liefert Lisa Tetzner in ihrem Kinderroman –was am See geschah.

Rosmarin von Stetten (seine Eltern haben während der Schwangerschaft gehofft, es würde eine Rosemarie), wohlbehüteter Sohn aus reichem Haus, verbringt seine Ferien auf dem Land, auf dem historischen Stammsitz seiner Familie. Ganz in der Nähe, im Dorf Dittersbach, lebt ein Junge, der August Holt heisst, Rosmarin verblüffend ähnlich sieht und ausgerechnet Thymian genannt wird. Er ist als Waisenkind im Armenhaus aufgewachsen und jetzt bei verschiedenen Leuten im Dorf in Pflege. So weit, so gut. Doch die Leute auf dem Schloss wundern sich über Rosmarin, der sich so merkwürdig verhält, gar nicht wie ein wohlerzogenes Herrensöhnchen, und auch körperlich nicht ganz den Erwartungen entspricht. Zur gleichen Zeit schüttelt die Bevölkerung von Dittersbach kollektiv den Kopf über diesen kleinen Armenhäusler Thymian, der sich plötzlich so manierlich benimmt, so gewählt spricht und in der Dorfschule mit einem Wissen brilliert, dass selbst dem Lehrer angst und bange wird. Das geschätzte Publikum hat es vermutlich bereits erraten: Ros und Thym (wie sie auch genannt werden) haben sich per Zufall kennen gelernt. Nach einem Bootsunglück werden beide unbekleidet aus dem See gefischt – und prompt miteinander verwechselt. Während sich der etwas abergläubische Thymian durch einen rätselhaften Zauber in ein anderes, märchenhaftes Leben versetzt wähnt, lernt Rosmarin ausserhalb seines gewohnten Alltags eine komplett andere Welt kennen.

Ich weiss nicht, ob es den Ort gibt, aber der Sprache nach befindet sich Dittersbach irgendwo in Süddeutschland.