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Der Prinz von Köpenick

von Gabriel Weber

Die Geschichte des Hauptmanns von Köpenick (Blog vom 18. August 2015) ist bekannt. Es gibt aber noch einen zweiten, ähnlichen Fall: Harry Domela erzählt in Der falsche Prinz seine unglaubliche, aber wahre Geschichte.

Harry Domela ist deutschbaltischer Abstammung. Im Ersten Weltkrieg wird er so eine Art Kindersoldat, danach fällt er zwischen sämtliche Stühle: Im Militär kann er nicht bleiben, weil er zu jung ist, er hat keine Familie, keine Papiere, keine Ausbildung… So schlägt er sich als Hilfsarbeiter in der Landwirtschaft und mit anderen Gelegenheitsjobs durch, ohne je wirklich vorwärts zu kommen. Nachdem Domela eine Zeit lang buchstäblich auf der Strasse gelebt (und einige Male im Gefängnis gesessen) hat, verlegt er sich auf die Hochstapelei. Als angeblicher Graf findet er Zugang zu den besten Kreisen von Potsdam. Doch die Sache geht schief; wieder Gefängnis, wieder Not und Elend. In Heidelberg beginnt schliesslich Domelas grosse „Karriere“. Die vornehme Studentenverbindung Saxo-Borussia empfängt den arbeits- und obdachlosen Niemand mit offenen Armen – aber nur, weil derselbe sich als Prinz vorgestellt hat. Tja, und irgendwann gilt Domela dann allgemein als Prinz Wilhelm von Preussen, ältester Sohn des Ex-Kronprinzen und Enkel des Ex-Kaisers. Die Monarchie ist zwar abgeschafft, aber 1926 ist das Haus Hohenzollern offenbar immer noch sehr gegenwärtig. Fersen zusammenschlagen, Hände an den Hosennähten oder an den Mützen, Kratzfüsse, Knickse, „Königliche Hoheit“ hier, „Königliche Hoheit“ da… (Um es mit dem sächsischen Ex-König Friedrich August III.  in einer ähnlichen Situation zu sagen: „Ihr seid mir ja schöne Demokraten!„) Wie lange das wohl gut geht?

Harry Domela beschreibt in seinen Memoiren nicht nur seinen tragischen Werdegang und seine Einblicke in die Welt der Notleidenden, sondern auch die unmenschlichen Mühlen der Bürokratie und der Justiz. Vor Allem aber beklagt er die hohle Aufgeblasenheit der sogenannten „besseren Herrschaften“, die vor einem falschen Prinzen katzbuckeln, einem echten bedürftigen Arbeiter hingegen nicht helfen wollen.

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