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Die durchgeknallten Professoren

von Gabriel Weber

Vor langer Zeit (am 24. Oktober 2013, um genau zu sein) habe ich über Mary Shelleys Frankenstein geschrieben. Viktor Frankenstein ist das Paradebeispiel einer Spezies, die aus Literatur und Film nicht wegzudenken ist: des mad scientist, des „verrückten Wissenschaftlers“.

Ein mad scientist zeichnet sich dadurch aus, dass er von seiner Arbeit besessen ist. Er lebt nur für seine Forschung und nimmt dafür jede Entbehrung in Kauf. Es gibt zwei Kategorien: Da ist zum Einen der Gute, der für den Fortschritt der Wissenschaft und zum Wohle der Menschheit arbeitet. Er ist in der Regel ein Exzentriker, aber nicht unsympathisch; oft hat er etwas liebenswert-kindliches an sich. Aber er kann auch zur Gefahrenquelle werden, nämlich dann, wenn seine Erfindungen in die falschen Hände gelangen – oder wenn seine Arbeit ausser Kontrolle gerät. Zum Anderen der Böse, der selbstsüchtige Motive verfolgt, vielleicht sogar die Weltherrschaft anstrebt und für seine Forschungen auch den Tod von Menschen in Kauf nimmt. Schon früh war der Typ des „verrückten Alchemisten“ bekannt, der – und zwar ohne Rücksicht auf Verluste – Gold oder ein Lebenselixier herstellen wollte. Überhaupt waren Naturwissenschaftler einst grundsätzlich verdächtig; jeder Versuch, die von Gott geschaffene Natur zu ergründen oder sogar in sie einzugreifen, galt als potentiell ketzerisch. Im 18. und 19. Jahrhundert führte der wissenschaftliche Aufschwung dazu, dass man glaubte, die Forschung sei praktisch zu Allem imstande. Gleichzeitig gewannen durch die Aufklärung die experimentellen Laborwissenschaften (besonders die Chemie) an Bedeutung – während die Universalgelehrten der alten Schule langsam ausstarben. Dies alles förderte das Bild des älteren Mannes im Laborkittel.

Genie und Irrsinn, Nutzen und Gefahren des Fortschritts… Verrückte Wissenschaftler eignen sich hervorragend für Satire, Gesellschaftskritik und zum Ausdruck allgemeinen Unbehagens. In meiner Blog-Karriere bin ich ausser Frankenstein auch anderen klassischen mad scientists begegnet, etwa Robert Louis Stevensons Dr. Jekyll (3. Dezember 2015), H. G. Wells‘ Dr. Moreau (3. November 2015) und Jules Vernes Professor Schultze (22. August 2013).

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