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Archiv vom Dezember, 2015

31. Dezember 2015

Das Riechorgan Ihrer Majestät

by Gabriel Weber

Grossbritanniens Rekord-Königin Elizabeth II (die übrigens nächstes Jahr neunzig wird) schmückt bis heute jede Münze und jede Briefmarke ihres Landes. Um das Profil Ihrer Majestät auf einer Münze geht es auch in Dick King-Smiths Kinderbuch Die Nase der Queen (Originaltitel The Queen’s Nose).

Die kleine Harmony Parker aus Wimbledon hat es wirklich nicht leicht: mit ihren Eltern und besonders mit ihrer grossen Schwester Melody. Der Einzige, der Verständnis für sie hat, ist ihr weitgereister Onkel Ginger. Er schenkt ihr eine 50-Pence-Münze – aber nicht etwa irgendeine, sondern eine ganz besondere! Wenn Harmony die Nase der Queen auf der Münze reibt, darf sie sich etwas wünschen – und es geht prompt in Erfüllung. Eine tolle Sache; aber was soll Harmony sich nun wünschen? Sieben Wünsche hat sie insgesamt frei… Was hätte sie gerne? Ein Kaninchen, eine Armbanduhr, ein Fahrrad? Oder sollte sie am Ende vielleicht nicht bloss immer für sich selbst wünschen, sondern auch mal für jemand anderen? Vielleicht ausgerechnet für ihre grässliche Schwester? Eine schwierige Entscheidung! Ausserdem ist es mit dem Wünschen, das kennt man ja aus Märchen und Sagen, immer so eine Sache. Und dann ist die Zaubermünze mitsamt dem königlichen Riechkolben plötzlich verschwunden. Alles, was Harmony findet, ist ein Loch in ihrer Hosentasche. Was nun?

Auf der Münze sind auch die Buchstaben D. G. REG. F. D. zu lesen. Das bedeutet Dei Gratia Regina Fidei Defensor (Von Gottes Gnaden Königin, Verteidigerin des Glaubens). Wer hätte gedacht, das der Gesichtserker der Elizabeth Alexandra Mary Mountbatten, geborene Windsor, eine solche Wirkung hat…

29. Dezember 2015

Miss Pins Arthritis

by Gabriel Weber

Wie meinem hochgeschätzten Blog-Lese-Publikum inzwischen nicht mehr unbekannt sein dürfte, schwärme ich (unter Anderem) für angelsächsische Kinderliteratur. Ich habe schon verschiedene Exemplare dieses Genres besprochen, jetzt folgt ein weiteres: Der Geheimgang (Originaltitel The Secret Passage) von Nina Bawden.

Die Geschwister John, Mary und Ben Mallory kommen aus Kenia, wo sie aufgewachsen sind, nach England, in die Obhut ihrer Tante Mabel. Ihre Mutter ist kürzlich gestorben und ihr Vater kann sie nicht bei sich behalten, weil ihr Haus einer Überschwemmung zum Opfer gefallen ist. Tante Mabel betreibt eine kleine Pension am Meer und ist ganz und gar nicht begeistert davon, dass ihr drei Kinder aufgehalst werden. Den Kindern gefällt es zunächst überhaupt nicht in dem kalten und nassen England, so weit entfernt von Allem, was sie bisher gekannt haben; aber bald entdecken sie Interessantes. Zum Beispiel das leerstehende Haus gleich nebenan, in dem es allerlei zu sehen gibt, wenn man erstmal weiss, wie man ungesehen hineinkommt. Wer ist dieser Mr. Reynolds, der das Haus gekauft hat und es mit Kostbarkeiten vollstopft, ohne dort zu wohnen? Wer ist das seltsame Mädchen, das Klavier spielt? Und hat John wirklich ein Gesicht am Fenster gesehen? Der kleine Ben macht die Bekanntschaft der vornehmen Miss Pin, die, von Arthritis geplagt, den ganzen Tag in ihrem Zimmer sitzt und die sonderbarsten Geschichten zu erzählen weiss. Ist die geheimnisvolle alte Dame wirklich so reich, wie sie behauptet? Oder so arm und verwirrt, wie Tante Mabel sagt?

Das Buch ist übrigens 1963 erschienen, erinnert aber deutlich an ältere Vorbilder.

24. Dezember 2015

Ruckzuck, zackzack!

by Gabriel Weber

Einige Herren stehen in der Warteschlange am Skilift. Ein Deutscher empört sich lautstark über die mangelhafte Organisation, die seiner Meinung nach an der langen Warterei schuld ist, und wird dafür von einem schnauzbärtigen Grossmaul mit einer wahren Lawine von originellen Beschimpfungen traktiert („Dä mit sim Chopf wie ne VW-Türe, weisch eso richtig zum Driigingge“). Kommt Ihnen das bekannt vor? Nein? Ich muss doch sehr bitten! Der Skilift ist bis heute eine der populärsten Nummern des Cabaret Rotstift.

Alles begann damit, dass im Jahr 1954 einige Lehrer aus Schlieren bei Zürich Geld für ein Skilager sammeln wollten. Deshalb entschlossen sie sich (wohlgemerkt zu einer Zeit, als Lehrer noch strenge Respektspersonen waren), als Cabaret aufzutreten – zunächst einmalig, in einem umgerüsteten Schwingkeller. Doch dann stellte sich plötzlich der Erfolg ein, und zwar auch ausserhalb Schlierens. Das Personal wechselte natürlich mit der Zeit. Ab 1980 bestand das Rotstift (Darbietung, Texte und Musik) aus drei Herren, davon zwei mit Glatze und Brille: Jürg Randegger, Heinz Lüthi und Werner von Aesch – letzterer war schon seit der Gründung dabei und wurde besonders populär als grossmäuliger Sprücheklopfer Jimmy Muff. Der Ruhm des Rotstift breitete sich bis nach Amerika aus, wo das Cabaret vor Auslandschweizern auftrat. Der Gewinn floss übrigens stets in den Schlieremer Skilagerfonds.

Als diese humoristische Lehrertruppe aus dem Limmattal 1994 ihr 40jähriges Jubiläum feierte, veröffentlichte der Rotstiftler Heinz Lüthi ein Buch über ihre Geschichte: 40 Jahre Cabaret Rotstift (jetzt bei buchplanet.ch). Um es mit dem Rotstift zu sagen: „Das isch vernünftig! Das isch richtig! Das isch mänschlich! Das isch gsund!“

22. Dezember 2015

Das macht die Berliner Luft, Luft, Luft…

by Gabriel Weber

In vielen Ländern schnödet man gern über die Hauptstadt. Na ja, bei uns vielleicht weniger… Bern hat ja kaum etwas, worüber es sich zu schnöden lohnte… aber dafür haben wir unsere heimliche Hauptstadt Zürich! In Deutschland gibt es seit über zwanzig Jahren wieder eine Hauptstadt, die man so richtig toll hassen kann. Jetzt bei buchplanet.ch: Das fröhliche Berlinhasserbuch von Norbert Golluch und Stano Kochan. Sehr empfehlenswert für alle, die sich wieder einmal richtig von Herzen über Berlin ärgern (oder amüsieren) wollen.

40 Jahre lang hatte die Bundesrepublik eine Hauptstadt, die unserem guten alten Bern ähnelte: kleinstädtisch, gemütlich, verschlafen, kaum lohnenswert für Hass. Doch dann zogen Regierung und Parlament nach Berlin um. Hurra! Seither hat der Hauptstadthass wieder ein lohnendes Ziel! Rote, Schwarze, Braune, alles durcheinander, ferner Schrebergärtner, Motorradfahrer, Hundehalter und Hobybastler – Zank und Streit, wohin das geschulte Berlinhasser-Auge blickt! Der Tiergarten, ein müder Abklatsch des New Yorker Central Park! Der „grosse“ Wannsee, die reinste Pfütze gegen den Bodensee! Und dann haben die Berliner mit ihrem übertriebenen Selbstwertgefühl (dem „Icke“) auch noch die Currywurst erfunden! Das Schlimme am Berliner Nachtleben ist, dass man immer Gefahr läuft, auf besoffene Politiker oder Diplomaten zu stossen (in Bonn war das ganz anders, da gab’s nämlich gar kein Nachtleben).

Was tut man gegen so viel Hass? Man lenkt ihn um. Man sagt sich: „Ich hasse Berlin so sehr, dass ich ihm nicht einmal die Ehre antue, es zu hassen. Nee, ich hasse Greiz, Ludwigshafen, Salzgitter… Alles viiiel hassenswerter als Berlin, jawohl. Ich liebe Berlin! Ätsch, bätsch!“

17. Dezember 2015

Marie, Marguerite und Violetta

by Gabriel Weber

Einer der grössten Erfolge Sarah Bernhardts (Blog vom 27. Oktober) war die Hauptrolle in Die Kameliendame von Alexandre Dumas fils. Das Stück beruht auf einem Roman von Dumas und wurde später weiterentwickelt zu Giuseppe Verdis Meisterwerk La Traviata. Michel Parouty verfolgt in Verdis Meisterwerk: La Traviata die Geschichte dieses Klassikers.

Am Anfang steht Marie Duplessis (1824-1847), die Königin der Pariser Halbwelt, eine Kurtisane wie aus dem Bilderbuch – und schwer lungenkrank. Kamelien sind die einzigen Blumen, deren Duft sie erträgt. Zu ihren zahlreichen Verehrern zählt auch Alexandre Dumas, Sohn des gleichnamigen Autors der Drei Musketiere. Schon bald nach Maries frühem Tod schreibt Dumas den R0man La dame aux camélies, in dem er sie als Marguerite Gautier verewigt. Der Roman ist ein riesiger Erfolg, dem bald, ebenfalls aus Dumas‘ Feder, eine ebenso erfolgreiche Bühnenversion folgt. Und der nächste Schritt besteht darin, dass Francesco Maria Piave ein Opernlibretto verfasst – für Giuseppe Verdi, bei dem Venedig eine neue Oper für die Karnevalssaison 1853 bestellt hat. In der Oper heisst Marie jetzt Violetta Valéry.

Am 6. März 1853 (also nur gerade sechs Jahre nach dem Tod von Marie Duplessis), wurde La Traviata im Teatro La Fenice in Venedig uraufgeführt – und von dort aus (wenn auch mit einigen Anfangsschwierigkeiten) ein Welterfolg.

15. Dezember 2015

Es lebe der Konjunktiv!

by Gabriel Weber

Ach ja, die schöne deutsche Sprache… Ihr Gebrauch ist so alltäglich und selbstverständlich, dass man oft vergisst, wie viele Überraschungen die Sprache Schillers und Raimunds bereithält. Jetzt bei buchplanet.ch: Der Coup, die Kuh, das Q von CUS. Darin erfährt man einiges.

Wieso spricht man eigentlich bei Aktie, Arie, Familie usw. das letzte e aus, bei Demokratie, Garantie oder Kategorie hingegen nicht? Heisst es das Gehalt oder der Gehalt? Ist Oberin die weibliche Form von Ober? Ist ein silbernes Hochzeitspaar etwa ein Ehepaar aus Edelmetall? Die Sachertorte, das Sandwich, das Grahambrot und der Kir sind alle nach Menschen benannt. Sehr schön, aber leider vom Aussterben bedroht ist der Konjunktiv II: ich früge, ich spiese, ich fröre, ich pflöge… Die Buchstabenpaare jj und yy gibt es im Deutschen nicht, alle anderen schon. Im Wort Dialektforschung ist bei 16 Buchstaben kein Buchstabe zweimal enthalten. Es gibt Sätze, die sich selbst widersprechen, zum Beispiel Was du nicht sagst! oder Ich bin sprachlos. Ausserdem gibt es ein Wort, bei dem sich im Plural zwar die Aussprache ändert, aber nicht die Schreibweise, nämlich Knie.

Zum Schluss noch eine kleine Quizfrage: Im Duden gibt es ein Wort mit fünf Buchstaben und sechs verschiedenen Bedeutungen. Welches? (Antwort: Atlas)

10. Dezember 2015

Der Tessiner, der den Kreml baute

by Gabriel Weber

Kein Witz: 1489 berief der russische Zar Iwan III. den aus Carona im Tessin stammenden Architekten Pietro Antonio Solari nach Moskau. Bis zu seinem frühen Tod 1493 entwarf Solari für den Zaren grosse Teile des heutigen Kremls, unter anderem sieben der insgesamt zwanzig Türme. Diese und andere Geschichten kann man in Helmut Stalders Buch Verkannte Visionäre. 24 Schweizer Lebensgeschichten nachlesen.

Um das Jahr 1500 herum vollbrachte der Schweinekastrator (jawohl, Sie lesen richtig!) Jacob Nufer aus dem Thurgau eine revolutionäre Tat: Er führte bei seiner hochschwangeren Frau einen Kaiserschnitt durch – und rettete Mutter und Kind! Im 17. Jahrhundert begründete ein religiöser Eiferer namens Jakob Ammann die heute noch existierende Gemeinschaft der Amischen (von „Ammannischen“, in Amerika Amish People genannt). Jost Bürgi aus Lichtensteig im Toggenburg konstruierte die präzisesten Messinstrumente seiner Zeit, erfand den Logarithmus und führte in der Zeitmessung die Sekunde ein. Die Vereinigten Staaten von Amerika verdanken ihr Staatswappen und die legendenumwobene Gestaltung ihrer Banknoten einem Genfer: Pierre Eugène du Simitière. Der legendärste Gastgeber in der Geschichte der USA war zweifellos Oscar Tschirky, ein halbes Jahrhundert lang die Seele des Nobelhotels Waldorf-Astoria in New York („Oscar of the Waldorf“). William Hailmann, der jenseits des Atlantiks die ersten Kindergärten begründete, war ebenso schweizerischer Abstammung wie John Krüsi, einer der engsten Mitarbeiter Thomas Edisons. Eine gewisse Marie Grosholtz, aus eher dubiosen Verhältnissen stammende Tochter einer Köchin aus Bern, wurde als Madame Tussaud weltberühmt. Und Josephine Zürcher war eine Frau, die offensichtlich keine Hindernisse scheute: Sie wurde nicht nur promovierte Ärztin (1895!), sondern arbeitete auch noch dort, wo weibliche Ärzte es damals noch viel schwieriger hatten als anderswo, nämlich im Osmanischen Reich.

Dass der Architekt Pietro Antonio Solari heute weitgehend vergessen ist, liegt übrigens hauptsächlich an den Sowjets. Die konnten es einfach nicht ertragen, dass ihr Kreml, dieses Symbol russischer Macht und Grösse, von einem Ausländer gebaut worden war…

8. Dezember 2015

Die Sphinx des 20. Jahrhunderts

by Gabriel Weber

So wurde er genannt: Jiddu Krishnamurti (1895-1986), Philosoph, Denker und spiritueller Lehrer. Im Katalog von buchplanet.ch findet sich eine Biographie Krishnamurtis von Mary Lutyens, die ihn persönlich kannte.

Krishnamurti war der Sohn (das achte von insgesamt zehn Kindern) eines Inders, der für die britische Kolonialverwaltung arbeitete. 1909 kam es zu einem folgenschweren Ereignis: Am Strand von Adyar begegnete Krishnamurti einem Mann namens Charles Leadbetter, einem führendes Mitglied der Theosophischen Gesellschaft. Diese internationale esoterische Vereinigung hatte ihren Hauptsitz in Adyar. Leadbetter war so begeistert von der Aura des jungen Inders (gemäss seiner eigenen Aussage), dass er ihn unter seine Fittiche nahm und seinen Kollegen als den „Neuen Messias“, den „Kommenden Weltenlehrer“ vorstellte. Viele Theosophen waren nämlich der Ansicht, fast 2000 Jahre nach Jesus Christus würde erneut ein grosser Religionsstifter zur Welt kommen. Den Rest seiner Jugend verbrachte Krishnamurti also bei den Theosophen, in der Obhut von Charles Leadbetter und Annie Besant, die ihn in ihrem Sinne ausbilden liessen. 1911 wurde er nach England gebracht, wo er auch die Jahre des Ersten Weltkriegs verbrachte und vergebens versuchte, ein Universitätsstudium aufzunehmen (Oxford wollte ihn seiner Verbindung mit den Theosophen wegen nicht aufnehmen, in London fiel er bei der Aufnahmeprüfung zweimal durch). 1929 verabschiedete sich Krishnamurti endgültig von der Theosophie und begann, seine eigene Philosophie zu vertreten, aber ganz ohne religiöse Bindung. Er war kein Sektenprediger und betonte stets, seine Lehre sei nicht autoritativ zu verstehen. Jahrzehntelang schrieb er Bücher, reiste, hielt Vorträge in aller Welt und gab Interviews. Drei Monate vor seinem 91. Geburtstag starb Krishnamurti in seiner Wahlheimat Kalifornien.

George Bernard Shaw, Aldous Huxley, Pablo Casals, aber auch Jawaharlal Nehru, Indira Gandhi und der Dalai Lama – sie alle waren mit Krishnamurti bekannt. Ein faszinierender Mann; nicht jeder hätte es fertig gebracht, aus der Rolle, in die man ihn so früh hineingezwängt hatte, auszubrechen und etwas Eigenes zu schaffen.

3. Dezember 2015

Der Doktor auf Abwegen

by Gabriel Weber

Die klassische Schauerliteratur ist eines meiner Steckenpferde. In dieses Genre fällt auch Robert Louis Stevensons Erzählung Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

London, zu viktorianischer Zeit: Der Anwalt Utterson macht sich grosse Sorgen um seinen Freund, den Arzt Henry Jekyll. Dieser scheint nämlich unter den unheilvollen Einfluss eines Mannes namens Edward Hyde geraten zu sein, der bei ihm aus- und eingeht und von Jekyll sogar testamentarisch zum alleinigen Erben bestimmt worden ist. Dieser Edward Hyde ist ein brutaler, rücksichtsloser Mensch, der allen möglichen Lastern frönt und eines Nachts sogar einen Mord begeht. Doch was auch passiert, Jekyll hängt in unverbrüchlicher Treue an diesem gemeinen Schuft. Warum bloss? Es dauert eine Weile, bis Utterson die Wahrheit erfährt: Jekyll und Hyde sind in Wirklichkeit ein und dieselbe Person. Der Arzt hat nämlich ein Mittel entdeckt, mit dem er, der gutmütige, menschenfreundliche Biedermann, äusserlich und innerlich zum Schurken mutieren kann. Ursprünglich forschte er zum Wohle der Menschheit; aber insgeheim macht es ihm seit dem ersten Selbstversuch mit dem besagten Mittel grosses persönliches Vergnügen, sich als Hyde so richtig auszutoben. Konsequenzen hat er dabei keine zu fürchten, denn danach wird er ja immer wieder zum harmlosen Jekyll, während Hyde spurlos verschwindet. Doch langsam läuft das Experiment aus dem Ruder; die Persönlichkeitsspaltung, die Dr. Jekyll zunächst ganz gut kontrollieren konnte, macht sich selbständig…

Die Geschichte Dr. Jekylls, der versucht, das Gute und das Böse, das in jedem Menschen enthalten ist, von einander zu trennen, gehört zu den Klassikern der englischsprachigen Literatur und wurde schon mehrmals verfilmt.

1. Dezember 2015

Mainz bleibt Mainz

by Gabriel Weber

Da meine Mutter in Mainz das Licht der Welt erblickt hat, fühle ich mich dieser Stadt verbunden. Und zu Mainz gehört – wie das Oktoberfest zu München – die Fasnacht. Carl Zuckmayer erzählt in seinem Werk Die Fasnachtsbeichte von folgender Begebenheit während der Fasnacht 1913:

Am Fasnachtssamstag betritt ein junger Dragoner im Mainzer Dom den Beichtstuhl, in dem der Domkapitulant Dr. Henrici sitzt und auf reuige Sünder wartet. Der Dragoner kniet nieder, faltet die Hände, spricht vier Worte („Ich armer, sündiger Mensch…“) – und sinkt tot zusammen. Erstochen. Mit einem Stilett. In den Rücken. Allem Anschein nach handelt es sich um einen gewissen Clemens Bäumler – doch wenig später wird Clemens Bäumler quieklebendig, wenn auch sturzbetrunken, in einem Bordell festgenommen. Wer ist also der Tote? Warum trug er Bäumlers Uniform? Und vor Allem: Wer hat ihn umgebracht? Der reiche Gutsbesitzer und Karnevalsprinz Panezza, sein Sohn, der junge Offizier Jeanmarie, dessen gerade zu Besuch in Mainz weilende italienische Cousine Viola, Mutter Bäumler, eine geheimnisvolle alte Frau, die Prostituierte Rosa und deren Chefin, Frau Guttier (französisch auszusprechen!), werden in die Sache verwickelt…

Zuckmayers Erzählung ist im Grunde ein Krimi, allerdings kein klassischer. Mitten im Mainzer Fasnachtsgetümmel muss ein Mord aufgeklärt werden; Zeugenbefragung ausgerechnet am Rosenmontag, also bitte!