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Archiv vom November, 2015

26. November 2015

Pro specie rara

by Gabriel Weber

Dass es Tierarten gibt, die vom Aussterben bedroht sind, weiss jedes Kind.  Die Tatsache, dass auch Wörter vom Aussterben bedroht sind, ist viel weniger bekannt. Jetzt bei buchplanet.ch: Lexikon der bedrohten Wörter von Bodo Mrozek.

Heutzutage sagt man nicht mehr Börsenmakler, sondern Broker. Der Junggeselle bzw. Hagestolz und die (alte) Jungfer wurden längst durch die Singles abgelöst. Das Diktat gibt es höchstens noch in der Primarschule, aber bestimmt nicht mehr im Büro. Dort gibt es auch kaum noch Konferenzen. Berufe wie Nachtwächter und Ober kennt man kaum noch. Auch der Hausierer, der Affenzahn, der Kratzfuss und das Oberstübchen sind schon fast verschwunden. Das Mannequin heisst heute Model. Und wer benutzt schon noch Wörter wie schwofen oder dünken? Dabei könnte man mit bedrohten Wörtern so richtig originell schimpfen: Flegel! Lotterbube! Suppenhuhn! Xanthippe! Die Frischfleischparade ist keineswegs verschwunden, sie heisst nur anders: Miss- oder Mister-Wahl. Und haben Sie eine Ahnung was ein (Obacht, Luft holen!) Schallplattenalleinunterhalter ist? Nichts anderes als ein DJ.

Jammerschade um all die Philister, Pomadenhengste, QuacksalberAnimierdamen, Backfische und Blaustrümpfe. Aber was soll man machen, Sprache ist nun einmal lebendig und entwickelt sich immer weiter. Ich frage mich, welche Wörter wohl in 50 Jahren in so einem Buch stehen würden.

24. November 2015

Welche Farbe hat ein Drache?

by Gabriel Weber

„Grün!“ würden vermutlich die Meisten von Ihnen spontan antworten, geschätztes Publikum. Woher wissen Sie das? Haben Sie schon einmal einen gesehen? In Eva Hellers Buch Wie Farben wirken kann man nachlesen, warum Drachen (zumindest in Europa) grün sein sollen.

Haben Sie gewusst, dass bis ins 20. Jahrhundert hinein rosarot als Jungenfarbe (Rot als Farbe der Kraft und Aktivität) und hellblau als Mädchenfarbe (Blau als Farbe der Jungfrau Maria) galt? Überhaupt Rot – die älteste Farbe der Welt, die erste, welcher der Mensch einen Namen gab, Symbol sowohl der Liebe als auch des Zornes, Warnungs- und Signalfarbe. Purpur war ursprünglich violett; erst seit das Geheimnis seiner Herstellung verloren ging und man auf einen anderen Farbstoff umsteigen musste, ist der Purpur purpurrot. Gelb ist als Farbe ebenso zwiespältig (Sonne und Licht, aber auch Geiz, Neid und Eifersucht) wie Braun (Gemütlichkeit und Geborgenheit, aber auch Schmutz und Armut).

Warum sind Drachen denn nun grün? In Europa sind Drachen klassischerweise negative Wesen (fressen Jungfrauen, müssen von Rittern besiegt werden usw.). Und grün ist kulturhistorisch gesehen nicht nur die Farbe der Hoffnung und des Heiligen Geistes, sondern auch des Dämonischen und des Giftes. Ob Schwarzfahrer oder weisse Magier, ob blau machen oder rot sehen – Farben faszinieren.

19. November 2015

König werden ist nicht schwer…

by Gabriel Weber

Jackie Coogan, Freddie Bartholomew, Shirley Temple… In der Filmgeschichte spielen Kinderstars eine wichtige Rolle. Zu dieser Spezies gehört auch Terry Tait, Hauptperson in …König sein dagegen sehr von Sinclair Lewis.

Terence McGee „Terry“ Tait ist ein zehnjähriges Bübchen von bezauberndem Aussehen, wie ein kleiner Weihnachtsengel. Trotz seines zarten Alters ist er einer der Superstars von Hollywood und verdient eine Menge Geld. Doch während seine Eltern (besonders seine resolute Mutter Bessie), ursprünglich Besitzer einer kleinen Tankstelle im amerikanischen Bundesstaat New York, den Reichtum geniessen und sich furchtbar aufspielen, langweilt sich Terry in seinem goldenen Käfig. Dauernd dieses vornehme Getue, dieses Repräsentieren bei öffentlichen Anlässen, die Interviews, die Art, wie seine Eltern und die Filmbosse ihn ausnutzen… Und nun auch das noch: Bessie schleppt ihren Sohn nach London, um ihn, den „König der Filmkinder“, als PR-Gag dem gleichaltrigen König Maximilian von Slowarien vorzustellen. Dieser weilt nämlich zur Zeit gerade in England. Doch bei diesen vornehm-versnobten Engländern beisst die neureiche Amerikanerin auf Granit; es will und will ihr nicht gelingen, mit der königlichen Familie, die im gleichen Hotel logiert, Kontakt aufzunehmen. Währenddessen sitzt Terry in seinem Zimmer und langweilt sich, macht aber immerhin die Bekanntschaft des Hotelpagen Ginger. Und während seine Mutter vergeblich bei Königs antichambriert, lernt Terry ganz zufällig auch den jungen Monarchen Maximilian kennen, der sich ebenso langweilt wie er. Eines Tages brennen sie zu dritt durch: Der Filmstar, der König und der Page…

Was wohl in der Zukunft aus Terry wird? Erfahrungsgemäss reüssieren nur wenige Kinderstars auch als erwachsene Schauspieler.

17. November 2015

Kalter Krieg im Kleinformat

by Gabriel Weber

Im Blog vom 12. November erwähnte ich den französischen Komiker Fernand Constandin, besser bekannt als Fernandel. Seine berühmteste Rolle, die er in insgesamt fünf Filmen verkörperte, ist jene des streitlustigen italienischen Pfarrers Don Camillo.

Durch eine kleine Stadt in der Po-Ebene verläuft (bildlich gesprochen) ein tiefer Graben. Auf der einen Seite stehen die katholisch-konservativen, traditionsbewussten Bürger, auf der anderen die Anhänger der Kommunistischen Ortspartei. An der Spitze derselben steht Genosse Giuseppe Bottazzi, genannt Peppone, der ausserdem das Amt des Bürgermeisters innehat. Auf der Seite der Opposition gibt Pfarrer Don Camillo den Ton an. Don Camillo und Peppone sind sich, trotz ihrer unterschiedlichen Weltanschauungen, sehr ähnlich: zwei sture, streitsüchtige Dickköpfe, die keine Gelegenheit auslassen, sich gegenseitig eins auszuwischen und damit nebenbei auch noch die Überlegenheit ihrer jeweiligen Überzeugung zu demonstrieren. Kein Wunder also, dass es in der kommunalen Politik zu so manchem Schlagabtausch kommt – und das ist durchaus wörtlich zu verstehen… Aber im Grunde geht es den beiden Streithähnen doch in erster Linie um das Wohl ihrer Gemeinde. Und wenn es sein muss, dann ziehen sie ausnahmsweise (aber nur ausnahmsweise!) auch mal am selben Strang. Denn in Wirklichkeit sind die Fronten gar nicht so verhärtet, wie es scheint.

Wenn Don Camillo mal ausnahmsweise nicht weiter weiss, sucht er Rat bei seinem „Chef“; Vom Kruzifix über dem Hochaltar in der Kirche spricht manchmal Jesus zu ihm (und bremst ihn, wenn er zu übereifrig wird). Giovanni Guareschi, der die Geschichten von Don Camillo und Peppone geschrieben hat, ist auch im Katalog von buchplanet.ch aktenkundig.

12. November 2015

Die göttliche Gustafsson

by Gabriel Weber

Nie gehört? Kunststück! Greta Lovisa Gustafsson ist als Greta Garbo in die Filmgeschichte eingegangen. Weitere Künstlernamen sind in Manfred Barthels Lexikon der Pseudonyme nachzulesen.

Dass Lenin in Wirklichkeit Wladimir Iljitsch Uljanow hiess, ist bekannt. Der bürgerliche Name von Le Corbusier, Charles-Edouard Jeanneret, ist ebenso wenig ein Geheimnis wie jener von Molière, Jean-Baptiste Poquelin. Aber kennen sie einen Schlagersänger namens Udo Bockelmann (Udo Jürgens)? Oder einen ebenfalls unlängst verstorbenen Schauspieler namens Christopher Larradini (Christopher Lee)? Norma Jean Baker (Marilyn Monroe) und Camille Laval (Brigitte Bardot) waren früher Sex-Idole, während Rosemarie Albach-Retty (Romy Schneider) mehr als jugendliche Unschuld berühmt wurde. Fernand Constandin wurde von seiner Schwiegermutter „Fernand d’elle“ genannt (ihr Fernand,  der Fernand ihrer Tochter) – die Welt kennt ihn bis heute als Fernandel. Edith Gassion (Edith Piaf) hatte ein Pseudonym, das im Pariser Dialekt „Spatz“ bedeutet. Weil sein richtiger Name für Amerikaner kaum auszusprechen war, machte Spiro Anagnostopoulos als Spiro Agnew Karriere. Erst nach Truman Capotes Tod wurde bekannt, dass er eigentlich Truman Streckfus-Persons hiess. Er hatte sich ein Pseudonym zugelegt, ähnlich wie Samuel Clemens (Mark Twain).

Besonders hübsch ist das Pseudonym von Ivo Livi (Yves Montand): Seine Mutter rief jeweils: „Ivo, monta!“ („Ivo, komm rauf!“), wenn er zum Essen kommen sollte.

10. November 2015

Die Tücken der Damenunterwäsche

by Gabriel Weber

Was passiert, wenn eine tyrannische Dame eines schönen Tages ihrer Zofe befiehlt, ihr das Korsett nicht ganz so fest zu schnüren wie sonst? Zunächst einmal kann sie besser atmen, aber was weiter? Davon berichtet Tom Angleberger in seinem Buch Horton Halfpott.

Schloss Eigenbrötl, Sitz der sehr alten, sehr vornehmen und sehr reichen Familie Luggertuck, ist kein angenehmer Arbeitsort für die zahlreichen Dienstboten. Dort herrscht nämlich die hartherzige, tyrannische Lady Luggertuck, eine knallharte Schlossherrin, die keine Nachlässigkeit ihrer schlecht bezahlten Angestellten duldet. Doch dann, ganz plötzlich – lässt die Dame des Hauses eines Morgens ihr Korsett weniger fest schnüren als gewöhnlich. Ein unerhörter Vorgang! Und das ist erst der Anfang. Plötzlich weht ein frischer Wind durch das alte Gemäuer. Oberst Sitzwell bedankt sich bei einem Dienstmädchen, Sir Wimmerlein Luggertuck spaziert lächelnd durch den Garten, das Personal summt bei der Arbeit und neigt sogar zu der Ansicht, es müsse vielleicht nicht mehr ganz so penibel abgestaubt werden… Lady Luggertuck lässt sich sogar dazu überreden, einen Ball zu veranstalten, und zwar für ihren Neffen Montgomery Krausklammer und dessen zukünftige Frau Celia Waldzwirn. Aber noch bevor dieser Ball stattfinden kann, überschlagen sich die Ereignisse (und alles wegen des bewussten Korsetts): Im Schloss finden mehrere rätselhafte Diebstähle statt, so dass der berühmte Detektiv Portnoy St. Pomfritt hinzugezogen wird. Und Horton Halfpott, von Beruf sehr schlecht bezahlter und schlecht behandelter Küchenjunge auf Schloss Eigenbrötl, verliebt sich ausgerechnet in Celia, die Braut in spe, auf die auch der Sohn des Hauses, Luther Luggertuck, ein Auge geworfen hat (bzw. auf ihr Geld). Ausserdem tauchten Piraten auf, deren Schiff gesunken ist. Deshalb rauben sie nun gezwungenermassen an Land. Man darf also gespannt sein, wie die Geschichte ausgeht…

Was mag Lady Luggertuck bloss zu jener beispiellosen Ordnungswidrigkeit verleitet haben? Im Interesse der Menschheit kann ich nur sagen: Schluss mit dem Korsett!

5. November 2015

Chasch tänke, Babettli!

by Gabriel Weber

Die deutsche Sprache ist bekanntlich eine schwere Sprache. Und am allerschwierigsten ist sie in der Gegend zwischen Aare, Rhein, Alpen und Bodensee. In jenem fernen Land sprechen die Eingeborenen nämlich Schweizerdeutsch oder, wie sie es nennen, Schwyzertütsch. Für jene, die das auch können möchten (beispielsweise einbürgerungswillige Ausländer oder Deutsche mit Charme-Offensive), hat buchplanet.ch Peter Schneiders Sprach-Lexikon Deutsch-Schwyzertütsch im Angebot. Hier einige wichtige Grundregeln für Anfänger:

Chabis heisst nicht nur Weisskohl, sondern auch Quatsch, Blödsinn. Ein Hornuss ist nicht etwa eine männliche Hornisse, sondern hat etwas mit der Sportart Hornussen zu tun. Ein Hitzgi ist ein Schluckauf. Wenn ein Helvetier Chunsch druus sagt, meint er damit Verstehst du (nicht Komm da raus!). Plausch hat nichts mit Plüsch zu tun, es bedeutet etwa soviel wie Spass. Wenn im Land der Schokolade von jucken die Rede ist, besteht kein Grund zum Kratzen, gemeint ist nämlich springen. Obwohl poschten einkaufen heisst, ist der Pöschtler nicht etwa der Einkäufer, sondern der Postbote. Ein Puff ist nicht das, was Sie jetzt denken, sondern ein Durcheinander, eine Unordnung. Zu den wichtigsten Schimpfwörtern gehören Tubel, Lappi, Schaafseckel und blööde Siech. Wenn die Fussball-Nationalmannschaft abgekürzt Nati genannt wird, muss man das unbedingt mit kurzem „a“ aussprechen. Und übrigens: Grüezi wie Grüzi auszusprechen oder die Schweizer Währung als Fränkli zu bezeichnen sind wahre Kopfsprünge in den Fettnapf.

Korrekterweise muss noch erwähnt werden, dass Schwyzertütsch nicht gleich Schwyzertütsch ist. Gemäss schweizerischer Tradition hat jeder Kanton, ja fast jedes Dorf seinen eigenen Dialekt. Aber wir wollen die Sache ja nicht kompliziert machen.

3. November 2015

Frankenstein, Jeckyll – und Moreau

by Gabriel Weber

Zu den Klassikern des Science-Fiction-Genres gehört der Roman Die Insel des Dr. Moreau von H. G. Wells (erstmals erschienen 1896).

Edward Prendick, ein naturwissenschaftlich interessierter Engländer, wird nach einem Schiffbruch im Pazifik von einem Schoner an Bord genommen, auf dem sich auch ein Mann namens Montgomery sowie mehrere Tiere befinden. So gelangt der Schiffbrüchige auf eine Insel, wo Montgomerys Chef, ein gewisser Doktor Moreau, anscheinend biologische Forschungen betreibt. So weit, so gut – aber auf der Insel gibt es offenbar Einiges, was der Besucher nicht wissen darf. Auch die Bewohner scheinen höchst seltsam. Sie sind nicht nur bemerkenswert hässlich, sie haben auch irgendetwas an sich, das Prendicks Widerwillen erregt, auch wenn er es selber nicht so recht erklären kann… Irgendwann lüftet Prendick Moreaus schauerliches Geheimnis und erfährt, was für Experimente der Herr Doktor, offenbar ein Nachfolger Frankensteins, auf seiner Insel veranstaltet. Der Schiffbrüchige hat zunächst gedacht, die Menschen auf der Insel seien von Dr. Moreau so misshandelt worden, dass sie wie Tiere wirken. Es ist jedoch genau umgekehrt. All die merkwürdigen Inselbewohner sind ursprünglich Tiere, die in komplizierten Operationen zu (so einer Art) Menschen gemacht wurden. Prendick ist entsetzt und will nur noch eines: weg, fort von dieser Insel und dem verrückten Wissenschaftler, und zwar möglichst schnell…

Ähnlich wie die Romane Jules Vernes ist auch dieses Buch trotz seines Alters von geradezu beängstigender Aktualität. Gerade bei dem heutigen wissenschaftlichen und technischen Fortschritt ist ein Gedanke wichtig: Irgendwo sind dem Menschen Grenzen gesetzt. Nicht alles, was möglich bzw. machbar ist, ist auch wünschenswert.