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Verbrechen auf Papier

von Gabriel Weber

Eines der berüchtigsten Bücher der Weltgeschichte sind ohne Zweifel die Protokolle der Weisen von Zion. Dieses Machwerk, das angeblich den Beweis für eine jüdische „Weltverschwörung“ enthalten soll und seit über hundert Jahren als Ausrede für jede Form von Antisemitismus dient, ist das Thema von Hadassa Ben-Ittos Buch „Die Protokolle der Weisen von Zion“.  Anatomie einer Fälschung.

1933 wird der junge jüdische Rechtsanwalt Georges Brunschvig in Bern beauftragt, die Herausgeber der Protokolle vor Gericht zu bringen und die Verbreitung dieses Buches (als „Schundliteratur“ im Sinne eines Gesetzes von 1916) verbieten zu lassen. Dabei geht es Georges und seinen Mitstreitern weniger um eine effektive Verurteilung der Beklagten als vielmehr um die offizielle und öffentliche Feststellung, dass es sich bei den Protokollen nicht etwa um einen Tatsachenbericht, sondern um eine bösartige Verleumdung handelt. Dieser (übrigens historische) Prozess, bei dem der Schriftsteller Carl Albert Loosli als Sachverständiger fungierte und die Beklagten sich sogar mit der Bitte um Hilfe an die NSDAP wandten, beleuchtet ein düsteres Kapitel europäischer – und nicht nur europäischer – Kulturgeschichte. Die Ursprünge der Protokolle liegen in Russland. 1905 veröffentlichte Sergej Nilus erstmals diese angeblichen Originaldokumente von Treffen einer Geheimgesellschaft (es handelt sich aber weniger um Sitzungsprotokolle als um Ansprachen an ein unbekanntes Publikum), die darauf hinarbeitet, dass die Juden die Weltherrschaft übernehmen können. Russland steckte damals bis über beide Ohren in politischen Schwierigkeiten und man brauchte dringend einen Schuldigen. Ähnliches galt für Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. Für judenfeindliche Pogrome im Russland der Zarenzeit dienten die Protokolle ebenso als „Beweismittel“ wie für den Nationalsozialismus. Walter Rathenau musste sterben, weil einige Hitzköpfe ihn für einen der „Weisen von Zion“ hielten.

Hadassa Ben-Itto entlarvt die Protokolle nicht nur als Fälschung, sondern auch als katastrophalen Unfug, der jeder jüdischen Tradition und Lehre widerspricht. Es scheint fast unvorstellbar, dass irgendjemand dieses hanebüchene Geschreibsel je für bare Münze nehmen konnte.

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