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Archiv vom September, 2015

29. September 2015

Ich hab‘ noch einen Koffer in Berlin

by Gabriel Weber

Mehr als einen Koffer hat Karl Jochum in Berlin, nämlich ein ganzes Hotel. Jenny Glanfield erzählt in ihrem historischen Roman Hotel Quadriga die Geschichte von Karl und seinem Hotel.

Karl Jochum, Sohn eines aus Wien stammenden Zuckerbäckers, wächst im Berlin der Zeit nach der Reichsgründung auf. In der Armee wird er Ordonnanz des Oberleutnants Ewald Graf von Biederstedt, der ihm trotz des Standesunterschieds bald ein guter Freund wird und Karl so manche Tür öffnet. Nach dem Militärdienst macht sich Karl, mit Unterstützung von Ewald und dem Bankier Isaak Arendt, an die Verwirklichung seines Traums: Er eröffnet 1883 am Potsdamer Platz ein Café, in dem schon bald die bessere Gesellschaft Berlins ein- und ausgeht. Einige Jahre später folgt eine entscheidende Vergrösserung – gleich beim Brandenburger Tor entsteht das Nobelhotel Quadriga, in das Karl und inzwischen auch seine Frau Ricarda nicht nur sehr viel Geld, sondern auch sehr viel Herzblut investieren. Alles läuft bestens; Kaiser Wilhelm II. ist begeistert und sorgt zusammen mit der Familie von Biederstedt und dem Schwerindustriellen Heinrich Kraus dafür, dass das Quadriga das erste Haus am Platz wird. Mit den beiden Töchtern Viktoria und Luise ist das Glück der Jochums vollkommen. Doch wird dieses Glück anhalten? Spätestens 1914 ist der Spass vorbei…

Wenn einem das Ganze auch manchmal wie eine Seifenoper vorkommt, so bietet der Roman doch ein überwältigendes Panorama einer längst vergangenen Epoche. Es gibt auch noch zwei weitere Bände über das Hotel Quadriga und die Familie Jochum. Als Vorbild für das Quadriga diente übrigens das real existierende Hotel Adlon.

24. September 2015

Wenn einer eine Reise tut

by Gabriel Weber

In eine Zeit, als es noch keinen Massentourismus und keine Billigfluglinien gab, entführt einen der Bildband Legendäre Reisen von Marc Walter.

Mit dem Siegeszug der Eisenbahn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann die Ära der Vergnügungsreisen, wenn auch vorläufig nur für die wohlhabende Oberschicht. In ganz Europa entstanden Zugsverbindungen und grosse, luxuriöse Hotels (auch in der Schweiz!). Und da damals ein grosser Teil der Welt von Europa regiert wurde, dehnte sich die Reise-Industrie bald auf den ganzen Globus aus. Man fuhr im Sommer in die Schweizer Alpen oder in die deutschen oder böhmischen Kurbäder, im Winter an die Côte d’Azur oder nach Italien (Jawohl, richtig gelesen: in den Süden reiste man im Winter, nicht etwa im Sommer), aber dank des technischen Fortschritts rückten auch Reiseziele wie die Pyramiden, die Chinesische Mauer oder die Rocky Mountains immer näher. Und selbstverständlich reiste man nicht einfach nur mit einer Reisetasche oder einem Rucksack, sondern mit einer ganzen Wagenladung von Koffern. Ausserdem logierte man zuweilen wochenlang in ein und demselben Hotel. Doch die Zeit von Baedeker und Cook, von Luxuszügen, Ozeanriesen und Grandhotels ist nun längst vorbei; nur in Romanen und Spielfilmen ist sie noch präsent.

Das waren noch Zeiten, als man sich Zeit liess für das Reisen und nicht mal eben für ein Wochenende nach New York düste… Als Jules Vernes Romanheld Phileas Fogg seinerzeit in 80 Tagen rund um die Welt reiste, galt das als sensationell schnell. Heute müsste man diese Reise wohl in 80 Minuten machen, um einen ähnlichen Effekt zu erzielen…

22. September 2015

Der Kongress tanzt

by Gabriel Weber

200 Jahre ist es nun her, dass in Wien die vermutlich bedeutendste Diplomaten-Versammlung aller Zeiten stattfand: Der Wiener Kongress. Seine Auswirkungen waren auch für die Schweiz bedeutend.

Nach zwanzig Jahren voller politischer Turbulenzen (besonders unter Napoleon) schien es den Siegermächten Grossbritannien, Österreich, Preussen und Russland dringend nötig, eine internationale Zusammenkunft abzuhalten, um Europa neu einzurichten. Am 3. November 1814 wurde der Kongress von Kaiser Franz I. von Österreich offiziell eröffnet; fast alle Staaten Europas (auch die Schweiz) hatten teils umfangreiche Delegationen geschickt, ausserdem gaben sich hunderte von Interessenvertretern, Abenteurern und Spitzeln aller Art die Ehre. Wer jedoch den Ton angab, waren die Starpolitiker Metternich und Gentz (Österreich), Hardenberg und Humboldt (Preussen), Castlereagh (Grossbritannien) und Nesselrode (Russland), ferner Talleyrand (Frankreich unter seinem legitimen Monarchen Ludwig XVIII.). Fast alles, was damals in der europäischen Politik Rang und Namen hatte, war dabei, auch Monarchen wie Zar Alexander I. von Russland und König Friedrich Wilhelm III. von Preussen. Begreiflicherweise dauerten die Beratungen endlos lange, mehr als einmal schien der Kongress in eine Sackgasse zu geraten – doch Napoleon Bonaparte rettete ihn, indem er für hundert Tage aus Elba zurückkehrte. Dieser Schreck wirkte sehr motivierend. Am 9. Juni 1815 wurde in der Wiener Hofburg die Schlussakte unterzeichnet und zwei Tage später war der Kongress offiziell beendet – sehr zum Leidwesen der Vermieter, die ein gutes Geschäft gemacht hatten…

Mit Bällen, Banketten und amourösen Abenteuern wurde dafür gesorgt, dass es den Kongressteilnehmern zwischen den Besprechungen nicht langweilig wurde (siehe Titel). Jetzt bei buchplanet.ch: 1815. Der Wiener Kongress und die Neugründung Europas von Thierry Lentz.

15. September 2015

Perlen vor die Säue werfen

by Gabriel Weber

Diese Redewendung stammt aus dem 7. Kapitel des Matthäus-Evangeliums. Sie ist ein Beispiel dafür, dass Perlen in früheren Jahrhunderten ein Symbol für etwas ungemein Wertvolles waren. Für Leute, die sich für diese kostbaren Kügelchen interessieren, hat buchplanet.ch die Perlenfibel von Elisabeth Strack im Angebot.

Was ist eine Perle eigentlich? Sie entsteht, wenn ein Fremdkörper (zum Beispiel ein Staubkorn) in eine Muschel gerät und mit Perlmutt überzogen wird. Aber nur Muscheln der Gattung Pinctada produzieren Perlen von wirklich guter Qualität, alle anderen Muschelarten sind vergleichsweise unbedeutend. Die wichtigsten Fundgebiete sind der Persische Golf, der Indische Ozean, der südostasiatische Raum und Mittelamerika. Heute sind die meisten Perlen sogenannte Zuchtperlen. Der Wert einer Perle misst sich an der Grösse (normalerweise ungefähr 4 mm Durchmesser), der Form (vorzugsweise kugelförmig bzw. symmetrisch), der Farbe (helle Farben sind besonders gefragt), der Oberfläche (möglichst makellos) und dem Lüster (Feinheit, Glanz). Perlen wurden schon im alten Persien und im alten China sehr geschätzt. Allerdings ist nicht viel davon übrig geblieben, Perlen sind nämlich sehr empfindlich (dass Kleopatra Perlen in Essig auflöste und trank, ist zwar eine Legende, aber nicht ganz abwegig). Auch später blieben die Kügelchen bei den Reichen und Mächtigen beliebt, bekamen im Mittelalter sogar eine religiöse Assoziierung, wurden teilweise aber auch abergläubisch gefürchtet (Gleichsetzung mit Tränen). Aus dem griechischen Wort für Perle entwickelte sich sogar ein Frauenname: Margaretha.

Im South Kensington Museum in London befindet sich die Hope-Perle, die 454 Karat schwer und 50 mm lang ist. Sie hat eine zylindrische Form und einen Durchmesser von 150 bz. 83 mm. Ein Riesending!

10. September 2015

Lorenzos Sterben

by Gabriel Weber

Thomas Mann (1875-1955), Literaturnobelpreisträger des Jahres 1929, Autor von Romanen und Erzählungen wie den Buddenbrooks und dem Tod in Venedig, hat in jungen Jahren einmal ein Theaterstück verfasst: Fiorenza. Darin erzählt er von den letzten Stunden im Leben Lorenzos des Prächtigen.

Careggi bei Florenz, am 8. April 1492: Während Lorenzo de‘ Medici, genannt il Magnifico, im Sterben liegt und in Florenz der religiöse Eiferer Savonarola predigt, machen sich die Künstler und Gelehrten in der Umgebung der Medici ernsthafte Sorgen um die Zukunft. Lorenzo, ein grosser Mäzen, hat sie immer grosszügig gefördert, aber was soll aus ihnen werden, wenn er stirbt? Und was wird aus Florenz, dieser Hauptstadt der Renaissance-Kultur? Lorenzos zweiter Sohn, der charmante und beliebte Giovanni, mit seinen siebzehn Jahren bereits Kardinal, weiss ganz genau, was von ihm erwartet wird: nicht mehr und nicht weniger als die Tiara (eine Erwartung, die der zukünftige Papst Leo X. 21 Jahre später tatsächlich erfüllen wird). Aber sein älterer Bruder Piero, der Lorenzos Nachfolge als Herrscher von Florenz antreten soll, gibt nicht gerade viel Anlass zur Hoffnung. Und dann erscheint plötzlich der Erzfeind der Medici in Careggi, Girolamo Savonarola, der Prior von San Marco höchstpersönlich. Lorenzos Geliebte Fiore, gewissermassen Florenz in Person, hat ihn herbestellt. Was wird geschehen, wenn die beiden Männer aufeinander treffen?

Ich weiss nicht, ob Fiorenza überhaupt jemals auf einer Bühne aufgeführt worden ist. Aber als Kuriosität (Bühnenwerk eines Autors, der nun wirklich nicht als klassischer Theaterdichter gilt) ist es auf jeden Fall lesenswert. Wie in seinen Romanen ist Thomas Manns Sprachstil auch hier unverkennbar.

8. September 2015

Wenn das stille Örtchen nicht mehr still ist

by Gabriel Weber

Jetzt bei buchplanet.ch: In diesem Sinn Ihr Herrmann Mostar. Dabei handelt es sich um eine Zusammenstellung von humoristischen Geschichten und Gedichten. Eine der Geschichten trägt den Titel Der Kinderkrieg in Dingskirchen.

Das Dorf Dingskirchen nimmt zahlreiche Flüchtlinge auf (man sieht, Mostars Geschichten sind hochaktuell!) und bringt sie im Armenhaus unter. Die Toilette dort ist zwar baufällig, der reiche Grossbauer Soundso setzt jedoch aus Sparsamkeit durch, dass der Gemeinderat den Antrag um Sanierung ablehnt. Die Kinder der Flüchtlinge sinnen auf Rache – und erledigen fortan ihren Stuhlgang auf dem Grund und Boden des besagten Bauern; im Garten, im Stall, vor der Haustür… und die einheimischen Kinder beteiligen sich auch! Es wird ausgeschieden, was die Gedärme hergeben. Der Bauer kommt sich vor wie in einer belagerten Festung  – und weil mit scharfer Munition geschiss-, äh, geschosssen wird, unternimmt er einen Ausfall. Er erwischt im Garten ein Kind in flagranti und… äh, hm, na ja, also… „derselbe tauchte dasselbe in dieselbe„, wie das Amtsgericht den unappetitlichen Tatbestand diskret umschreibt. Der Bauer wird nämlich prompt wegen Körperverletzung angeklagt. Hoffentlich wird die Verhandlung zu einer Lösung dieses delikaten Problems führen…

Witzig sind auch die nach der Melodie von bekannten Liedern („Der Papst lebt herrlich in der Welt„, „Gold und Silber lieb ich sehr„, „Ich weiss nicht, was soll es bedeuten“ u. a.) gedichteten Verse über das Weintrinken, zum Beispiel diese:

Wer trinkt, pflegt immer gut zu ruhn;
Wer schläft, der kann nichts böses tun;
Wer gut ist, geht zum Himmel ein – 
Kurzum: wer säuft, muss selig sein!

 

3. September 2015

Schadenfreude ist die schönste Freude

by Gabriel Weber

Die deutsche Sprache ist reich an Wörtern, die ursprünglich aus dem Lateinischen, dem Französischen, dem Englischen oder aus anderen Sprachen stammen (Artist, Portemonnaie, fair…). Man hat sich so an sie gewöhnt, dass man sie kaum noch als Fremdwörter empfindet. Was dabei oft vergessen wird: Es geht auch umgekehrt. Eine Auswahl von deutschen Wörtern, die sich im Ausland akklimatisiert haben, bietet das Buch „Ausgewanderte Wörter“, herausgegeben vom Deutschen Sprachrat, der Gesellschaft für deutsche Sprache und dem Goethe-Institut.

Dass man im englischen Sprachraum Ausdrücke wie Kindergarten oder Poltergeist kennt, ist bekannt. Aber auch das Wunderkind, der Zeitgeist und die Schadenfreude (siehe Titel) sind im Laufe der Zeit in der Sprache Shakespeares und Wildes heimisch geworden. Die Franzosen kennen Le leitmotiv (das Leitmotiv) und sogar das Verb schubladiser (auf die lange Bank schieben, „schubladisieren“). In Russland gibt es Buchhalter, die mit jemandem Brüderschaft trinken, in Israel die Schlafstunde (Siesta, Mittagsruhe) und den Wischer (Scheibenwischer), in Serbien den Štreber (Streber) und in Polen die Szlafmyca (Schlafmütze). Die Bulgaren verwenden die Endung -maschine für alle möglichen Apparate und das Wort Kufar für Koffer. Die Deutschen werden in Frankreich manchmal les Krauts genannt (wegen ihres „Nationalgerichts“ Sauerkraut) und in ihrer einstigen Kolonie Burundi dagi (von „Guten Tag“). Der Katzenjammer ist nicht nur als Zustand, sondern auch als Wort international verbreitet. Besonders schön ist auch das englische kaffeklatsching (die Bedeutung dürfte klar sein).

Warum importiert man eigentlich Wörter aus anderen Sprachen? Wahrscheinlich deshalb, weil man damit einen Sachverhalt irgendwie präziser ausdrücken kann als mit der eigenen Sprache. Dies gilt für Heimat (flämisch) und Gemütlichkeit (englisch) ebenso wie für Waldsterben (französisch) und besservisseri (finnisch).  Im englischsprachigen Raum hat Angst eine ganz besondere Bedeutung (die weit über das gewöhnliche scary hinausgeht), während man in der Westschweiz die Deutschschweizer zuweilen (aufgrund von gemachten Erfahrungen bei Volksabstimmungen) als les Neinsager bezeichnet.

1. September 2015

Die heimliche Königin

by Gabriel Weber

Wieder einmal ein wahres Märchen:

Es war einmal eine Französin namens Françoise, deren Leben reichlich turbulent verlief. Obwohl adlig, kam sie im Gefängnis zur Welt (ihr Vater sass wegen seiner Schulden und ihre Mutter leistete ihm freiwillig Gesellschaft). Als junge Frau heiratete sie einen gelähmten Skandaldichter, nach dessen Tod ihr Leben eine entscheidende Wendung nahm. Der damalige König von Frankreich hatte nämlich eine Geliebte, die ihm mehrere Kinder schenkte. So kam die nicht mehr ganz junge Witwe Françoise an den Hof – als Erzieherin der königlichen „Bastarde“, wie man damals sagte. Einige Jahre später fiel die Mätresse des Königs in Ungnade (sie hatte mit okkulten bis kriminellen Methoden versucht, sich die Gunst ihres Liebhabers zu erhalten); ihre Nachfolgerin wurde – Françoise. Die stets schwarz gekleidete, sehr religiöse Gouvernante hatte die Aufmerksamkeit des drei Jahre jüngeren Monarchen erregt. Er, der bis dahin viele Frauen geliebt hatte, blieb dieser einen für den Rest seines Lebens treu. Ja, mehr als das: Nach dem Tod der Königin heiratete der damals mächtigste König Europas die fast Fünfzigjährige, der er zuvor schon ein Schloss geschenkt und einen Adelstitel verliehen hatte. Die Ehe war allerdings streng geheim (da der König von Frankreich eigentlich unmöglich eine „Angestellte“ heiraten konnte); Françoise behielt ihren bisherigen Titel bei und war offiziell weiterhin nur die Mätresse des Königs. Ihr Einfluss war gross, besonders in Fragen der Religion.

Nach dem Tod Ludwigs XIV. 1715 zog sich seine heimliche Ehefrau Françoise d’Aubigné, Marquise de Maintenon aus Versailles nach Saint-Cyr (wo sie ein Mädchenpensionat gegründet hatte) zurück und starb dort 1719 im Alter von 84 Jahren. Liselotte von der Pfalz, die vom Rhein stammende Schwägerin des Königs, konnte Madame de Maintenon überhaupt nicht leiden und bedachte sie in ihren Briefen an ihre Verwandten in Deutschland mit den originellsten Schimpfwörtern („Alte Zott„, „Rompompel„). Jetzt bei buchplanet.ch: Der Sonnenkönig von Nancy Mitford.