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Frau Blavatsky in Shangri-La

von Gabriel Weber

Wie bereits im Blog über die oft turbulente Geschichte der Dalai Lamas (23. April 2015) angedeutet, entspricht das Klischee von Tibet als einem friedlichen, idyllischen Paradies auf Erden nur bedingt der Realität. Martin Brauen geht in seinem Buch Traumwelt Tibet der Frage nach, wie solche Klischees eigentlich entstanden sind.

Sehr abgelegen und  nur schwer zugänglich, so ist Tibet geradezu zur geheimnisvollen Märchenwelt prädestiniert. Die ersten Europäer dort waren im 17. Jahrhundert Jesuiten, die in Tibet nach einem geheimnisvollen christlichen Land suchten, dem Reich des legendären Priesterkönigs Johannes. Helena Petrowna Blavatsky, die Begründerin der Theosophie, behauptete im 19. Jahrhundert, sie sei auserwählt, das geheime Wissen tibetischer Meister nach Europa zu bringen. Auch wenn sie wahrscheinlich nie einen Fuss in jenes Land gesetzt hat, begründete die Blavatsky doch den Ruf Tibets als Land der Weisheit, als Sitz weiser, beinahe allwissender Männer, die zuweilen sogar übersinnliche Kräfte besitzen. Um 1900 griffen zivilisationsmüde Materialismuskritiker diesen Gedanken auf. 1933 erschien der Roman Lost Horizon, in dem James Hilton den Mythos Shangri-La prägte: Eine weise Bruderschaft lebt irgendwo in Tibet in einem Utopia, fern von Kriegen und Gewalt. Romane, Filme, Comics, überall dasselbe: In rotbraune Roben gehüllte Mönche, die weise und friedfertig sind und sich auf Hellsehen, Levitation u. Ä. (manchmal auch auf Kampfsport) verstehen. Menschen aus dem Westen, die Tibet als innerlich geläuterte, reuige Sünder verlassen. Ritualgegenstände, zum Beispiel Dolche, die mit Magie zu tun haben. Und der Yeti darf natürlich auch nicht fehlen…

Doch Tibet hat in der Populärkultur auch negative Seiten: Es gibt auch Darstellungen Tibets als brutale Gegend, sogar als Sitz einer „Weltverschwörung“. Ein anderes Problem ist der Rassismus, dem schon die Blavatsky mit der theosophischen Rassenlehre Vorschub leistete. Heinrich Himmler und Rudolf Hess sollen sich sehr für Tibet und seine „arische“ Bevölkerung interessiert haben haben, der Beginn einer langen, unerfreulichen Verbindung (besonders in Comics und Groschenromanen) zwischen Tibet und dem Nationalsozialismus.

Selbst der sonst immer so realistisch arbeitende Hergé kann sich in Tim in Tibet einen kleinen Ausflug ins Übernatürliche nicht verkneifen. Tibet, angeblich Rückzugsort aller möglichen Leute (von Jesus bis Hitler), Wirkungsstätte von Ausserirdischen und/oder Ursprungsort der Menschheit, fasziniert die Menschen – ob nun real oder irreal.

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