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Archiv vom Juni, 2015

30. Juni 2015

Der Mörder ist immer der Gärtner

by Gabriel Weber

Schon Wachtmeister Studer wusste: „Zu einem Mord gehört der Schuldige wie die Butter aufs Brot, sonst reklamieren die Leute.“ Geschieht ein Verbrechen, will die Öffentlichkeit einen Täter sehen. Und wenn sie keinen findet, kann es leicht geschehen, dass irgendjemand in ein schiefes Licht gerät, obwohl er völlig unschuldig ist. Davon erzählt Willi Fährmann in seinem Jugendbuch Es geschah im Nachbarhaus.

Im Rheinland, um 1890: Ein Kind wird ermordet! Der kleine Jean Seller liegt erstochen in einer Scheune. Natürlich ist die ganze Kleinstadt entsetzt. Wer ist der Täter? Es dauert nicht lange, da kursieren bereits die ersten Gerüchte: „Das kann nur der Viehhändler Bernhard Waldhoff gewesen sein, der ist nämlich Jude! Und jedes Kind weiss doch, dass die Juden Blut von christlichen Kindern brauchen, das war schon immer so!“ So beginnt ein regelrechtes Kesseltreiben. Zuerst ist es nur ein Gerücht, dann fällt diesem und jenem etwas dazu ein… Was man so alles gesehen und gehört hat… Man hat es ja schon immer gewusst, und überhaupt, diese Juden… Es wird getuschelt, man weicht dem Verdächtigen aus, Bekannte ziehen sich plötzlich zurück, Geschäftspartner gehen auf Distanz… Wer nicht aktiv mittut, schweigt aus Feigheit und schaut weg, viele scheinen direkt froh zu sein, endlich ihre Vorurteile und Ressentiments ausleben zu können. Plötzlich ist die Familie Waldhoff auf sich allein gestellt. Für Vater Bernhard, Mutter Hannah, Tochter Ruth und Sohn Sigi beginnt eine sehr schwierige Zeit. Nur Karl Ulpius bleibt unerschütterlich Sigi Waldhoffs bester Freund.

Ein erschütterndes Buch, umso mehr, als es auf historischen Tatsachen beruht.

25. Juni 2015

Von Morden, Pendeln und Schätzen

by Gabriel Weber

Edgar Allan Poe (1809-1849) ist einer der bedeutendsten Schriftsteller englischer Sprache. Seine Spezialität war das Unheimliche. Buchplanet.ch hat verschiedene Erzählungen von ihm im Angebot.

Der Goldkäfer: Eine klassische Schatzsuche, auch wenn sie reichlich seltsam beginnt. Ausgangspunkt ist ausgerechnet die inzwischen auf traurige Art berühmt gewordene Stadt Charleston in South Carolina… Die Grube und das Pendel: Eines von Poes bekanntesten Werken. Ein von der spanischen Inquisition Verurteilter liegt gefesselt in einem Kerker. Über ihm schwingt ein Pendel aus messerscharfem Stahl hin und her – und senkt sich langsam, gaaanz langsam… Das ovale Portrait: Was für eine tragische Geschichte sich hinter einem eigentlich sehr schönen Bildnis verbergen kann… Das Fass Amontillado: Zwei Männer steigen tief in die Katakomben hinab. Einer davon hat Mordabsichten… Streitgespräch mit einer Mumie: Einige Herren aus England untersuchen eine ägyptische Mumie und erleben dabei mehrere Überraschungen… Das verräterische Herz: Scheinbar der perfekte Mord – wenn nur das schlechte Gewissen nicht wäre… Die Morde in der Rue Morgue: Zwei Damen, Mutter und Tochter, werden in Paris auf äusserst brutale Weise ermordet. Dies ist übrigens einer der ersten Krimis der Weltliteratur, Auguste Dupin sozusagen ein Vorläufer von Sherlock Holmes.

Bekannt ist Poe ausserdem auch für sein Alkoholproblem. Er starb vierzigjährig im delirium tremens

18. Juni 2015

Der sächsische Landesvater

by Gabriel Weber

Nein, nicht der Dumme August; der Starke August wird er genannt, Friedrich August I., Kurfürst von Sachsen und zeitweise auch König von Polen. Er ist zweifellos der berühmteste Monarch in der Geschichte Sachsens und hat in Dresden und Umgebung Spuren hinterlassen, die bis heute unübersehbar sind.

Geboren wurde August der Starke am 12. Mai 1670 in Dresden, als zweiter Sohn des Kurprinzen und Enkel des regierenden Kurfürsten Johann Georgs II. Zunächst genoss er das Leben, bis 1694 sein älterer Bruder starb und er die Nachfolge antrat. 1697 wurde August zum König von Polen gewählt – begünstigt durch Übertritt zum katholischen Glauben (ungewöhnlich für den Herrscher des traditionell protestantischen Sachsen) und einen Haufen Geld (für das er sogar Teile seines Landes verkaufte). Seine Frau Christiane Eberhardine weigerte sich, Polen zu betreten, was sie ihrem Mann vollends entfremdete; nach der Geburt des Sohnes und Thronerben Friedrich August 1696 sahen sich die beiden kaum noch. Als August am 1. Februar 1733 starb, erbte sein Sohn zwar die sächsische und auch die polnische Krone; zu einer Wettiner-Grossmacht kam es allerdings nicht.

Der Dresdner Zwinger, die Hofkirche, das Taschenbergpalais, Schloss Pillnitz, Schloss Moritzburg… August der Starke hat seinem Land trotz seines kostspieligen Lebenswandels bleibende Werte hinterlassen. Seinen Beinamen trug er nicht zu Unrecht: Man sagte, er sei so stark, dass er mit blossen Händen Eisenstangen verbiegen könne. Berühmt wurde August nicht nur für seine Bautätigkeit und für seine Körperkraft, sondern auch für seine Kraft als Liebhaber. Aurora von Königsmarck war seine erste offizielle Mätresse, dann folgte Ursula Lubomirska, die spätere Fürstin von Teschen, und schliesslich die berühmteste: Anna Constantia von Brockdorff, besser bekannt als Gräfin Cosel. Auf sie folgte eine Gräfin Denhoff, zwischendurch gab es noch eine Türkin namens Fatime. Es wurde sogar behauptet, August der Starke habe in seinem Leben über 300 Kinder gezeugt. Die Bezeichnung „Landesvater“ erhielt dadurch eine ganz neue Bedeutung…

16. Juni 2015

Da ist etwas im Busch

by Gabriel Weber

Ach was muss man oft von bösen / Kindern hören oder lesen!! / Wie zum Beispiel hier von diesen / Welche Max und Moritz hiessen“ Wer kennt sie nicht, die beiden Lausebengel, welche die Witwe Bolte, den Lehrer Lämpel und andere Zeitgenossen quälen und schliesslich ein gar schröckliches Ende nehmen? Wilhelm Busch (1832-1908) und seine Werke sind im Katalog von buchplanet.ch zahlreich vertreten.

Es ist ein Brauch von Alters her / Wer Sorgen hat, hat auch Likör!“ „Einszweidrei, im Sauseschritt / Läuft die Zeit; wir laufen mit.“ „Ich warne dich als Mensch und Christ: / Oh, hüte dich vor allem Bösen! / Es macht Pläsier, wenn man es ist, / Es macht Verdruss, wenn man’s gewesen!“ „Das Schlüsselloch wird leicht vermisst, / wenn man es sucht, wo es nicht ist.“ „Musik wird oft nicht schön gefunden, / weil sie stets mit Geräusch verbunden.“ „Vater werden ist nicht schwer / Vater sein dagegen sehr.“ „Der Künstler fühlt sich stets gekränkt / Wenn’s anders kommt, als wie er denkt.“ Berühmte und witzige Zitate. Schlichte und leicht zu merkende Verse. Aber warum lacht man eigentlich über diese brutalen und grausamen Geschichten, deren Autor auch schon des Sadismus bezichtigt wurde? Max und Moritz lassen ihr Leben im Mahlwerk einer Mühle; Der Rabe Hans Huckebein erhängt sich versehentlich mit Tante Lottes Strickzeug; Der Affe Fipps wird erschossen; Die fromme Helene verbrennt bei lebendigem Leib – überhaupt wird bei Wilhelm Busch gestorben und verwundet, was das Zeug hält. Aber gerade dieses makabere Schadenfreude amüsiert die Menschen. Wahrscheinlich ist man erleichtert, dass es einem selber besser ergeht.

Manchmal schimmert in Buschs ach so humoristischen Werken durch, wes‘ Geistes Kind er war. So spottet er zum Beispiel gern über die Katholiken. Und einen Vers aus Die fromme Helene finde ich wirklich höchst bedenklich: „Und der Jud mit krummer Ferse, / Krummer Nas‘ und krummer Hos‘ / Schlängelt sich zur hohen Börse, / Tiefverderbt und seelenlos.

11. Juni 2015

Wo Tschaikowski Strauss begegnete

by Gabriel Weber

Das erste Haus am Platz in St. Petersburg (einer Stadt, über die ich übrigens bereits am 28. August 2014 geschrieben habe) ist das Grand Hotel Europa.

Eröffnet wurde dieses erste Haus am Platz 1875, zu einer Zeit, als man in ganz Europa (unter Anderem auch in der Schweiz) massenweise Eisenbahnlinien und Hotels für eine gut betuchte Klientel baute, die sich Vergnügungsreisen leisten konnte. Da konnte und wollte die Hauptstadt des Zarenreichs natürlich nicht zurückstehen. Das Grand Hotel Europa (auch Evropeyskaya genannt) setzte Massstäbe (es hatte von Anfang an eine Zentralheizung!) und gewann bald eine internationale Kundschaft. Grossfürsten gingen ein und aus, Rasputin zechte hier, Prinz Hiroyashu von Japan kam und Antiquitätenhändler trafen sich in diskreten Räumen mit Aristokraten, die heimlich Familienerbstücke versilbern wollten… Krieg und Revolution machten natürlich auch hier nicht Halt. Das Ausbleiben der Adligen, Wirtschaftsmagnaten und Künstler aus der ganzen Welt bedeutete eine jahrelange Durststrecke für das Hotel, das zeitweise als Waisenhaus verwendet wurde, bevor es 1933 wiedereröffnet wurde, und zwar als Gästehaus für prominente Besucher der Sowjetunion, die natürlich nur das Beste vom Besten zu sehen bekommen sollten. Während des Zweiten Weltkriegs diente das Hotel als Spital. 1991 wurde das Europa wiederum neu eröffnet, als erstes Fünf-Sterne-Haus Russlands, und sicherte sich bald erneut einen Platz unter den führenden Luxushotels der Welt.

Johann Strauss, Peter Tschaikowski, Dimitri Schostakowitsch, George Bernhard Shaw, Enrico Caruso, Elton John, Michail Gorbatschow, Peter Ustinov, Bill Clinton, Harrison Ford … die prominente Gästeliste ist fast endlos. Jetzt bei buchplanet.ch: Grand Hotel Europe St Petersburg von Andreas Augustin und Igor Bogdanov.

9. Juni 2015

Frau Blavatsky in Shangri-La

by Gabriel Weber

Wie bereits im Blog über die oft turbulente Geschichte der Dalai Lamas (23. April 2015) angedeutet, entspricht das Klischee von Tibet als einem friedlichen, idyllischen Paradies auf Erden nur bedingt der Realität. Martin Brauen geht in seinem Buch Traumwelt Tibet der Frage nach, wie solche Klischees eigentlich entstanden sind.

Sehr abgelegen und  nur schwer zugänglich, so ist Tibet geradezu zur geheimnisvollen Märchenwelt prädestiniert. Die ersten Europäer dort waren im 17. Jahrhundert Jesuiten, die in Tibet nach einem geheimnisvollen christlichen Land suchten, dem Reich des legendären Priesterkönigs Johannes. Helena Petrowna Blavatsky, die Begründerin der Theosophie, behauptete im 19. Jahrhundert, sie sei auserwählt, das geheime Wissen tibetischer Meister nach Europa zu bringen. Auch wenn sie wahrscheinlich nie einen Fuss in jenes Land gesetzt hat, begründete die Blavatsky doch den Ruf Tibets als Land der Weisheit, als Sitz weiser, beinahe allwissender Männer, die zuweilen sogar übersinnliche Kräfte besitzen. Um 1900 griffen zivilisationsmüde Materialismuskritiker diesen Gedanken auf. 1933 erschien der Roman Lost Horizon, in dem James Hilton den Mythos Shangri-La prägte: Eine weise Bruderschaft lebt irgendwo in Tibet in einem Utopia, fern von Kriegen und Gewalt. Romane, Filme, Comics, überall dasselbe: In rotbraune Roben gehüllte Mönche, die weise und friedfertig sind und sich auf Hellsehen, Levitation u. Ä. (manchmal auch auf Kampfsport) verstehen. Menschen aus dem Westen, die Tibet als innerlich geläuterte, reuige Sünder verlassen. Ritualgegenstände, zum Beispiel Dolche, die mit Magie zu tun haben. Und der Yeti darf natürlich auch nicht fehlen…

Doch Tibet hat in der Populärkultur auch negative Seiten: Es gibt auch Darstellungen Tibets als brutale Gegend, sogar als Sitz einer „Weltverschwörung“. Ein anderes Problem ist der Rassismus, dem schon die Blavatsky mit der theosophischen Rassenlehre Vorschub leistete. Heinrich Himmler und Rudolf Hess sollen sich sehr für Tibet und seine „arische“ Bevölkerung interessiert haben haben, der Beginn einer langen, unerfreulichen Verbindung (besonders in Comics und Groschenromanen) zwischen Tibet und dem Nationalsozialismus.

Selbst der sonst immer so realistisch arbeitende Hergé kann sich in Tim in Tibet einen kleinen Ausflug ins Übernatürliche nicht verkneifen. Tibet, angeblich Rückzugsort aller möglichen Leute (von Jesus bis Hitler), Wirkungsstätte von Ausserirdischen und/oder Ursprungsort der Menschheit, fasziniert die Menschen – ob nun real oder irreal.

4. Juni 2015

Die Fledermaus und die lustige Witwe

by Gabriel Weber

Geliebt und gehasst, gelobt und geschmäht – die  Operette ist eine höchst umstrittene Kunstform. Allerlei Anekdoten aus ihrer Geschichte kann man in Alexander Witeschniks Buch Dort wird champagnisiert nachlesen.

Theaterdirektor Steiner erwirbt eine französische Komödie mit dem Titel Reveillon – und stellt verärgert fest, dass es sich bloss um eine französische Version der Posse Das Gefängnis handelt. Nachdem er erfolglos versucht hat, den Fehlkauf einem Kollegen anzudrehen, lässt Steiner schliesslich einen Operettentext daraus machen und übergibt das ganze Johann Strauss. Das Resultat ist die Operette aller Operetten: Die Fledermaus.

Franz Lehar und Emmerich Kalman begegnen sich und Kalman nimmt versehentlich den Mantel seines Kollegen von der Garderobe. Darauf Lehar: „Noten kannst du mir nehmen, so viel du willst, aber meinen Mantel lass ich mir von dir nicht stehlen!

Von Ralph Benatzky erzählte man sich, dass er – süchtig nach Beifall – aufstehe und sich verbeuge, wenn Regentropfen ans Fenster klatschten.

Karl Kraus schreibt nach der Wiener Premiere von Franz Lehars Klassiker Die lustige Witwe: „Das  Widerwärtigste, was ich je in einem Theater erlebt habe!

Johann Strauss an einen Librettisten, der ihm einen Einakter angeboten hat: „Warum nur einen Akt? Das Publikum ist gewöhnt, sich bei dreien zu langweilen. Es soll nicht so billig davonkommen!

2. Juni 2015

Die königliche Krankheit

by Gabriel Weber

1904 kam der russische Zarewitsch Alexei zur Welt, der lange ersehnte Thronfolger. Russland freute sich. Doch wenig später stellte sich heraus, das der Kleine an einer unheilbaren Erbkrankheit litt: Hämophilie, die Bluterkrankheit. Diese schlichte Tatsache begünstigte (indirekt) wesentlich den Ausbruch der Russischen Revolution. Über die „königliche Krankheit“, wie die Hämophilie ihrer Verbreitung in Herrscherhäusern wegen auch genannt wurde, und ihre zuweilen welthistorischen Folgen schreibt Jürgen Thorwald in seinem Buch Blut der Könige, einer Mischung aus Sachbuch und Roman.

Am Anfang stand die britische Königin Victoria (1819-1901). Woher sie das defekte Gen hatte, weiss man nicht genau. Tatsache ist, dass sie es an ihre zahlreiche Nachkommenschaft weitervererbte. Im Zentrum stehen drei Bluter: Prinz Alexei von Russland (1904-1918), Prinz Alfonso von Spanien (1907-1938) und Prinz Waldemar von Preussen (1889-1945), alle drei Urenkel Victorias.

  • Miami (USA), 1938: Alfonso, ältester (und einer unstandesgemässen Heirat wegen enterbter) Sohn des Ex-Königs Alfonso XIII. von Spanien, erzählt seiner Geliebten aus seinem unglücklichen Leben.
  • Tutzing (Bayern), 1945: In einem Lazarett sucht ein Arzt verzweifelt nach einem Blutspender für einen alten Mann – den im Sterben liegenden Neffen Kaiser Wilhelms II. Doch wer schert sich so kurz vor Kriegsende schon noch um einen Hohenzollern?
  • Ein Chirurg aus St. Petersburg berichtet in seinen Memoiren davon, wie er 1904 die Krankheit des russischen Thronfolgers diagnostizieren musste und später miterlebte, wie diese Diagnose dem Einfluss eines sibirischen Wunderheilers namens Rasputin Tür und Tor öffnete.

Eine Ironie des Schicksals wollte es , dass Zarewitsch Alexei tatsächlich noch vor seinem 14. Geburtstag starb – allerdings nicht an den Folgen seiner Krankheit, sondern im Kugelhagel der Bolschewiken…