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Archiv vom Mai, 2015

28. Mai 2015

Der Sohn des Leibarztes

by Gabriel Weber

Innsbruck, Anno Domini 1803: Ein junger Medizinstudent verliebt sich. Und zwar in eine Kunstreiterin namens Wilma. Das ist ja eigentlich nichts Besonderes. Aber dieser Medizinstudent gibt sein Studium auf (zum Entsetzen seines Vaters, eines angesehenen Arztes) und schliesst sich der Zirkustruppe an. Aus der Beziehung mit der Kunstreiterin wird nichts, aber dies ist der Ursprung eines Schweizer Mythos. Denn der verliebte Student heisst Friedrich Knie.

Statt der Kunstreiterin Wilma heiratet Knie 1807 die Innsbrucker Baderstochter Antonia Stauffer (nachdem er sie zuvor aus einem Kloster entführt hat) und begründet mit ihr eine Dynastie von Zirkuskünstlern. Die Seiltänzergesellschaft Knie hat bald internationalen Erfolg, tritt sogar vor Fürsten auf und kommt auch immer wieder gern in die Schweiz. 1901 werden die Knies (die sich in einer Zeit, als Zirkusleute noch einen sehr schlechten Ruf haben, stets bemühen, makellos solid und gesetzestreu zu sein) Bürger von Gerlikon TG. Wenig später verbringen sie erstmals den Winter in Rapperswil. 1919 kaufen die Brüder Friedrich, Rudolf, Carl und Eugen (und zwar auf Pump) ein Zirkuszelt und gründen ganz bescheiden den „Schweizer National-Circus“. Doch was heisst national – international sind sie erfolgreich, die Knies, zum Beispiel Fredy Knie senior, der durch seine humane Pferdedressur zu Weltruhm gelangt.

2003 feierte man das 200jährige Jubiläum jenes Ereignisses in Innsbruck. Seither steht bereits die achte Generation in der Manege. Zum 97. Mal ist der Zirkus Knie auf Tournee durch die Schweiz – ein fester Bestandteil des nationalen Bewusstseins, die Familie so etwas wie das „Königshaus“ unserer Republik. Jetzt bei buchplanet.ch: Knie – die Geschichte einer Circus-Dynastie von Alfred A. Häsler.

21. Mai 2015

Briefe schreiben, und zwar richtig!

by Gabriel Weber

Briefe? Wer schreibt denn heutzutage noch Briefe? Telefon, SMS, E-mail usw. scheinen die traditionellen Briefe weitgehend verdrängt zu haben. Und dementsprechend verlernen viele Leute, wie man einen ordentlichen Brief schreibt. Dabei ist das eigentlich gar nicht so schwierig. Hier einige Faustregeln aus dem einschlägigen Duden:

Erstens: So schlicht wie möglich schreiben. Keine Floskeln, kein Kanzleistil, keine allzu komplizierten Sätze (Seite 19). Zweitens: Keine Angst vor der Verwendung des Wortes ich (Seite 17). Drittens: Immer ganz bewusst für den jeweiligen Empfänger schreiben. Beispielsweise den Stil der Sprache und den Gebrauch von Fremdwörtern entsprechend anpassen (Seite 24). Viertens: Gerade bei Einladungen entscheidet oft der erste Eindruck (Seite 85). Fünftens: Bei Bewerbungen ebenfalls (Seite 129). Sechstens: Auch bei Beschwerden stets höflich bleiben, damit erreicht man tendenziell viel mehr als mit einer aggressiven Schimpftirade (Seite 147). Siebtens: Auf das Verb schämen folgt entweder die Präposition für mit Akkusativ, die Präposition wegen mit Dativ oder (was gehobener klingt) schlicht der Genitiv (Seite 430). Achtens: Das Wort Konzession wird Kon-zes-si-on getrennt (Seite 632). Neuntens: Der Doktortitel wird in Zusammenhang mit dem Namen in der Regel mit Dr. abgekürzt, ohne Namen hingegen immer ausgeschrieben (Seite 338). Zehntens: Nicht zu viele Passivformen verwenden, das wirkt unpersönlich (Seite 30).

Jetzt bei buchplanet.ch: Briefe gut und richtig schreiben! vom Dudenverlag.

19. Mai 2015

Kleines Wort mit grosser Wirkung

by Gabriel Weber

Das goldene Kalb, um das heute die ganze Welt tanzt, heisst Öl. Und gemeint ist hier weder Olivenöl noch Teebaumöl, sondern Erdöl. Havarierte Öltanker; explodierte Bohrinseln; Ölscheichs, die ihr Geld zum Fenster raus werfen; schwankende Benzinpreise; der flüssige Rohstoff ist beinahe allgegenwärtig. Seitdem im 19. Jahrhundert entdeckt wurde, dass sich Erdöl ausgezeichnet als Brennstoff eignet (zum Beispiel für das Automobil), hat das Ölfieber die ganze Welt ergriffen. Neuerdings soll sogar in der Arktis gebohrt werden. Aber Öl ist nicht nur ein wirtschaftlicher Rohstoff, sondern auch ein Politikum.

Alles beginnt am 26. Mai 1908. An diesem Tag stösst der Kanadier William Knox d’Arcy in Persien auf Öl – und verändert damit eine ganze Weltregion für immer. Männer wie Calouste Gulbenkian treiben die Ölsuche auch in anderen Ländern am Persischen Golf voran, mit durchschlagendem Erfolg, aber nicht immer zur Freude der örtlichen Machthaber. In Russland sind es vor Allem die Familien Rothschild und Nobel, die den Handel mit dem begehrten Brennstoff aufbauen. Die Ölgeschichte Amerikas beginnt 1855 in Pennsylvania. 50 Jahre später beherrscht ein Mann das Geschäft: John D. Rockefeller, dessen Konzern 1911 von Staats wegen zerschlagen wird.

Gerhard Konzelmann schreibt in seinem Buch Öl – Schicksal der Menschheit? über die Geschichte der Erdölförderung, über ihre Gegenwart und ihre Zukunft.

7. Mai 2015

Eine Tulpe aus Amsterdam

by Gabriel Weber

Ende der 60er Jahre eroberte ein junger Holländer die Bundesrepublik im Sturm: Hendrik Simons, besser bekannt als Heintje. Nun waren Holländer in der westdeutschen Unterhaltungsbranche damals nichts Aussergewöhnliches (man denke nur an Johannes Heesters oder Rudi Carrell), aber Heintje war ein Sonderfall. Nicht nur ein bezaubernd hübsches Bübchen, sondern auch mit einer Stimme gesegnet, um ganze Orchester in Grund und Boden zu singen.

Die Bundesrepublik war entzückt, andere Länder ebenso. Konzerte, Platten, bald auch Filme – 28 goldene Schallplatten, dann (und zwar relativ spät): der Stimmbruch. Aber der frühere Kinderstar gab ein Comeback und steht in seiner Benelux-Heimat als Hein Simons auch als Erwachsener auf dem Konzertpodium. Man kann über Schlager sagen, was man will; Aber wenn ich Heintje auf alten Platten Wenn der Sommer kommt, Deine Tränen sind auch meine oder Liebe Sonne singen höre. kriege ich Gänsehaut – und zwar im positiven Sinne. So eine lupenreine Kinderstimme mit einem solchen Volumen erlebt man nicht oft. Und übrigens singt auch der erwachsene Hendrik Simons gar nicht schlecht; manchmal gibt er sogar einen seiner historischen Hits von damals zum Besten.

Im Lexikon des Deutschen Schlagers (jetzt bei buchplanet.ch) ist Heintje natürlich auch aufgeführt. Nächsten August feiert das einstige Vorzeigebübchen – horribile dictu! – seinen 60. Geburtstag…

5. Mai 2015

Zwei Jungmannen im Sudetenland

by Gabriel Weber

Eine LBA (Lehrerbildungsanstalt) in Böhmen ist der Schauplatz von Josef Holubs Jugendbuch Lausige Zeiten. Und lausig waren die Zeiten wirklich. Zwei Jungen in braunen Uniformen machen da so ihre Erfahrungen.

Sudetenland, im Herbst 1940: Josef Böhm, 14 Jahre alt, kommt in die LBA, weil er später Lehrer werden soll. Eigentlich will er gar nicht dorthin, seine streng katholische Mutter hat ihn vor diesen gottlosen Nazis gewarnt, aber es ist eben doch eine bedeutende Chance für eine Karriere. In der LBA wird der nunmehrige „Jungmann Böhm“ in eine Uniform gesteckt und muss nun sehen, wie er in dieser brutalen Umgebung zurechtkommt. Die Schüler (und zukünftigen Lehrer) lernen mehr Strammstehen, Marschieren und „Heil“-Schreien als nützliches Wissen. Und beim Wissen ist überhaupt nur noch die Frage: „Passt es denen weiter oben in den Kram?“, nicht mehr: „Stimmt es überhaupt?“  Doch es gibt in dem ganzen militaristischen Terror auch Lichtblicke, manche Lehrer behandeln die Jungmannen (so die offizielle Mehrzahl, nicht etwa „Jungmänner“!) wenigstens halbwegs menschlich, einige sind sogar richtig nett, die Mathematiklehrerin Theodora Lawatzki zum Beispiel, mit der man auch mal „ohne Tritt“ einen Ausflug in den Wald machen kann. Oder der Musiklehrer Ferdinand Mathner, der seinen Schülern Kirchenchoräle beibringt – gegen allem Widerstand von weiter oben.  Ein eigenes Kapitel sind die Mitschüler: Da ist beispielsweise Wotan Rammel, der einen hohen Parteibonzen zum Vater hat und sich dauernd aufspielt. Dann gibt es Franz Franek, der nicht kriecht und sich nicht schikanieren lässt. Und natürlich Florian Demel, der Josefs bester Freund wird. Gemeinsam versuchen die Beiden, in diesen lausigen Zeiten ihre Menschlichkeit zu behalten. Florian, der keiner Fliege etwas zuleide tun könnte, nicht einmal seinem grössten Feind, bringt dem unsicheren Josef bei, wie das geht.

Während der Heimreise in die Ferien meint ein Feldwebel mit einem Blick auf Josef nur lakonisch: „Was die heutzutage mit den Kindern treiben!

4. Mai 2015

Habemus papas

by Gabriel Weber

Es ist nun einmal eines meiner Lieblingsthemen: die fast zweitausendjährige Reihe der Päpste. In alphabetischer Reihenfolge aufgezählt sind sie in Georg Schwaigers und Manfred Heims Kleinem Lexikon der Päpste nachzulesen.

Der erste Papst, der nach der Wahl seinem Namen änderte, war Johannes II. (Papst 533-535). Er hiess nämlich Mercurius (kaum ein passender Name für einen christlichen Papst!). Lando (913-914) war der letzte Papst, der einen ganz neuen Namen in die Liste einführte – bis zur Wahl von Papst Franziskus 2012. Marcellus II. (1555) war der bisher letzte, der seinen Geburtsnamen beibehielt. Einen Papst Johannes XX. gab es seltsamerweise nie. Nach dem Tod von Gregor XI. 1378 brach das grosse Abendländische Schisma aus, das erst 1417 mit der Wahl von Martin V. am Konzil von Konstanz beendet wurde. Felix V. (1439-1449) war der letzte Gegenpapst.

Wie viele Päpste es bisher gegeben hat, lässt sich nicht genau sagen. Wenn man sich früher nicht einigen konnte, wählte man nämlich einfach zwei verschiedene Päpste. Oder sogar drei. Die Geschichtsschreiber waren sich  nicht immer einig darüber, welche Kirchenoberhäupter nun als rechtmässig einzustufen sind und welche nicht. Es kam auch schon vor, dass ein römischer Bischof lange Zeit als rechtmässig galt und irgendwann plötzlich in der Geschichtsschreibung zum Gegenpapst „degradiert“ wurde (oder auch umgekehrt).