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Der kleine Bruder des Phantoms

von Gabriel Weber

Gaston Leroux (1868-1927) ist bis heute berühmt als Verfasser von Le phantome de l’opéra (Das Phantom der Oper). Er hat aber auch noch andere Bücher geschrieben, zum Beispiel Le mystère de la Chambre Jaune (Das Geheimnis des Gelben Zimmers, erschienen 1908).

Mathilde, Tochter und Mitarbeiterin von Professor Stangerson, einem bekannten Wissenschaftler, wird Opfer eines Mordversuchs. Sie wird blutüberströmt in ihrem Schlafzimmer (eben dem „Gelben Zimmer“) aufgefunden, nachdem ihr Vater und der Diener Jacques die einzige Tür des Raumes, die von innen verriegelt war, eingetreten haben. Schreie aus dem Gelben Zimmer, die einzige Tür verriegelt, das einzige Fenster unversehrt, von einem Täter keine Spur, das Opfer nicht vernehmungsfähig, dann obendrein noch das Tier Gottes, eine geheimnisvolle Katze, die markerschütternd miaut… Der junge Journalist Joseph Rouletabille macht sich auf, um das Geheimnis zu lüften.

Es handelt sich hier um ein Exemplar der sogenannten locked-room mystery, einer klassischen Form des frühen Kriminalromans: In einem (wenigstens scheinbar) hermetisch abgeriegelten Raum findet ein Verbrechen statt. Die Frage, die es zu klären gilt, ist nicht nur „Wer war es?“ sondern auch „Wie hat er es gemacht?“ Edgar Allan Poe (der im Buch übrigens namentlich erwähnt wird) hat dieses Genre begründet. Auch der allererste Sherlock-Holmes-Krimi war ein locked-room mystery; eine weitere Parallele ist die Konstellation der Personen mit Rouletabille als „Holmes“ (der brillante Ermittler, der in der Regel schon viel mehr weiss, als er sagt) und dem Ich-Erzähler Sainclair als „Watson“ (der etwas begriffsstutzige Begleiter, dem alles erklärt werden muss). Klassisch ist auch die Tatsache, dass es sich bei dem Detektiv nicht um einen Polizeibeamten handelt, sondern um eine interessierte Privatperson. Leroux‘ Chambre Jaune ist also in vielerlei Hinsicht ein Klassiker der Kriminalliteratur.

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