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Archiv vom März, 2015

31. März 2015

Brüderlein fein

by Gabriel Weber

Am 5. September 1836 erlag in Pottenstein (Niederösterreich) der Dichter und Schauspieler Ferdinand Raimund einer Verletzung, die er sich eine Woche zuvor durch einen Pistolenschuss in den Mund selber zugefügt hatte. Seine gesammelten Werke in zwei Bänden sind jetzt bei buchplanet.ch erhältlich.

Ferdinand Jakob Raimann, wie der Dichter ursprünglich hiess, kam am 1. Juni 1790 in der Wiener Vorstadt Mariahilf zur Welt, und zwar als Sohn eines Drechslers. Früh verwaist, kam er als Zuckerbäckerlehrling und Süssigkeitenverkäufer im Burgtheater erstmals mit der Bühne in Berührung. Nach eher mühsamen Anfängen in der Provinz erlebte Raimunds Karriere in Wien dann einen enormen Aufschwung; auf den Vorstadtbühnen in der Josefstadt und in der Leopoldstadt wurde er bald einer der Stars des Wiener Volkstheaters. 1823 wurde sein erstes eigenes Stück uraufgeführt, Der Barometermacher auf der Zauberinsel. Der Erfolg steigerte sich mit Der Diamant des Geisterkönigs, dann mit Der Bauer als Millionär, Der Alpenkönig und der Menschenfeind und Der Verschwender. Das Publikum liebte diese Mischung aus Märchenelementen und Wiener Posse. In Raimunds Stücken (in denen er auch selber auftrat) gibt es neben gesprochenem Text auch Musik und Gesang. Besonders zwei Gesangsstücke aus seiner Feder sind bis heute sehr populär: Brüderlein fein und das Hobellied.

Trotz seines Erfolgs muss Ferdinand Raimund ein sehr unglücklicher Mensch gewesen sein. Seine grosse Liebe Antonie „Toni“ Wagner durfte er nicht heiraten, weil deren Eltern, wohlhabende Kaffeehausbesitzer, keinen Komödianten in der Familie haben wollten. Stattdessen geriet er an eine etwas zweifelhafte Kollegin namens Luise Gleich, von der er nach zwei Jahren wieder geschieden wurde. Nachdem Raimund sein Leben lang immer wieder an schweren psychischen Problemen gelitten hatte, gab ihm der Gedanke, von einem möglicherweise tollwütigen Hund gebissen worden zu sein, den Rest.

26. März 2015

Von Fulgentius bis Silvester

by Gabriel Weber

Mal ganz ehrlich: Kennen Sie Ihren Namenstag? Falls nicht (und falls es Sie interessiert) empfiehlt buchplanet.ch Die Heiligen im Jahreslauf von Vera Schauber und Hanns Michael Schindler. Ich selber kenne auch nur dank dieses Buches meinen Namenstag, es ist nämlich der 29. September.

Manche Namenstage sind ja allgemein bekannt: Silvester (31. Dezember), Nikolaus (6. Dezember), Martin (11. November), Valentin (14. Februar) oder Kaspar, Melchior und Balthasar (6. Januar). Aber hätten Sie gewusst, dass Markus am 25. April und Kasimir am 4. März Namenstag hat, Dorothea am 6. Februar und Agnes am 21. Januar? Ich nicht. Es kann auch nicht schaden, zu wissen, wann die so genannten „Eisheiligen“ (Pankratius, Servatius, Bonifatius und Sophia) Namenstag haben (12. bis 15. Mai). Wer sich nicht nur mit Namen und Daten, sondern auch mit den Menschen dahinter befasst, stösst neben viel Bekanntem auch auf Unbekanntes. Der heilige Hermann Joseph (21. Mai) soll als Junge einmal in einer Kirche vor einem Bild der Jungfrau mit dem Kind gekniet und dem Jesuskind einen Apfel gereicht haben – worauf das Jesuskind prompt sein Händchen ausstreckte und die Gabe entgegennahm… Neben Legenden gibt es natürlich auch die historisch belegten Geschichten, zum Beispiel jene von Cölestin V. (19. Mai), dem bis zu Benedikt XVI. letzten Papst, der (1294) von seinem Amt zurücktrat. Oder jene des Märtyrers von Auschwitz, Maximilian Kolbe (14. August), der freiwillig anstelle eines Anderen in den Tod ging…

Es existieren im katholischen Heiligenkalender neben vielen geläufigen Vornamen auch Namen, die heutzutage praktisch unbekannt sind, beispielsweise Medardus (8. Juni), Symphorosa (19. Juli) oder Altmann (9. August). Da es wesentlich mehr als 365 Heilige gibt (Tendenz weiterhin von Jahr zu Jahr zunehmend), ist fast jeder Tag im Jahr mehrfach belegt. Manche Leute haben das Glück, gleich mehrmals im Jahr Namenstag feiern zu können, Felix zum Beispiel kommt gleich sechs Mal vor (14. Januar, 18. Mai, 12. Juli, 30. August, 11. September und 20. November). Der 25. Dezember ist der Namenstag von Anastasia, der 1. Januar jener von Fulgentius.

24. März 2015

Erich, der Musterknabe

by Gabriel Weber

Am 3. Oktober 1953 sassen im Zunfthaus zur Zimmerleuten in Zürich drei Personen zusammen: Astrid Lindgren, P. L. Travers und Erich Kästner. Die Schwedin und der Deutsche schwangen sogar das Tanzbein. Erich Kästner ist im Katalog von buchplanet.ch zahlreich vertreten.

Erich Kästner erblickte am 23. Februar 1899 in Dresden das Licht der Welt, als einziges Kind von Emil und Ida Kästner-Augustin. Besonders letztere sollte im Leben ihres Sohnes eine wichtige Rolle spielen. Da die Familie arm war (der Vater Angestellter in einer Kofferfabrik, die Mutter Friseuse), musste Erich schon früh tätig werden, im Haushalt helfen und der Mutter zur Hand gehen. All das tat er bereitwillig und fleissig. Ausserdem war er der reinste Musterschüler und sollte Lehrer werden, doch die Ausbildung am Lehrerseminar (der „Kinderkaserne“) wurde durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen. Nach dem Krieg studierte Erich in Leipzig Germanistik, promovierte und fand bald eine Betätigung als Journalist. Auffallend: er war ein Musterschüler wie Emil Tischbein und Martin Thaler und musste wie Anton Gast neben der Schule den Haushalt führen.

1929 schlug die Verlegerin Edith Jacobsohn Erich vor, ein Kinderbuch zu schreiben. Er tat es – und wurde durch Emil und die Detektive über Nacht berühmt. Es folgten Pünktchen und Anton (1931), Der 35. Mai (1932) und Das fliegende Klassenzimmer (1933). Im gleichen Jahr war Erich dabei, als in Berlin seine Bücher verbrannt wurden; durch seinen Pazifismus und seine Tätigkeit als kritischer Beobachter des Zeitgeschehens hatte er sich verdächtig gemacht. Sein Publikationsverbot hatte zur Folge, dass Drei Männer im Schnee (1934) und Emil und die drei Zwillinge (1935) im Ausland erscheinen mussten. Zur Emigration konnte Erich sich allerdings nicht entschliessen. Nach dem Krieg veröffentlichte er Das doppelte Lottchen (1949), Die Schildbürger (1954) und seine Jugenderinnerungen Als ich ein kleiner Junge war (1957). Erich Kästner starb am 29. Juli 1974. Geheiratet hat er nie (obwohl er einen Sohn hatte); an Erichs Ideal, nämlich seine Mutter, kam keine Frau heran…

19. März 2015

Schimpfwörter sind Glückssache

by Gabriel Weber

Die alten Römer waren ein Kulturvolk. Und wie alle Kulturvölker hatten sie auch eine besondere Schimpf-Kultur. Für Interessierte hält buchplanet.ch Schimpf und Schande. Eine vergnügliche Schimpfwortkunde des Lateinischen von Gerhard Fink bereit.

Tiervergleiche waren in Rom populär, zum Beispiel simia (Affe), canis (Hund, bei den alten Römern sehr negativ assoziiert), pecus (Schaf) oder cuculus (Kuckuck, besonders für einen Mann, der fremdgeht). „Rindvieh“ oder „Hornochse“ haben interessanterweise keine direkte Entsprechung im Latein. Aus dem Bereich „Verbrechen“ gab es u. a. den veneficus (Giftmischer), den parricida (Vatermörder, für Römer etwas ganz besonders schlimmes), den gladiator (Gladiatoren hatten selten eine weisse Weste) und allgemein den fur (Schuft, Schurke). Letzteres wurde durch die Blume auch mit homo trium litterarum, also mit „Dreibuchstabenmensch“ (f-u-r) ausgedrückt. Natürlich war auch geistige Beschränktheit ein beliebtes Thema: codex (Holzklotz bzw. Holzkopf), garrulus (Schwätzer), demens (Spinner), stultissimus (Vollidiot). Die Sexualität kam ebenfalls nicht zu kurz: amasiuncula („kleine Geliebte“, die Bedeutung kann man sich denken), flagitium (kaum übersetzbar, bedeutet eine lasterhafte Handlungsweise).

Das Satyricon von Petron ist eine besonders ergiebige Quelle. Auch in den derben Komödien von Plautus wimmelt es nur so von Beschimpfungen. Und selbst der Klassiker Cicero konnte, besonders wenn es um seinen Gegner Catilina ging, so richtig loslegen.

17. März 2015

Reise in das feuchte Grab

by Gabriel Weber

Neben Sachbüchern hat buchplanet.ch auch Romane zum Titanic-Desaster vom 14./15. April 1912 zu bieten, so zum Beispiel Erik Fosnes Hansens Choral am Ende der Reise.

Am 10. April 1912 besteigt das Schiffsorchester in Southampton die Titanic; Sieben Musiker aus verschiedenen Ländern, die sich untereinander grösstenteils völlig fremd sind. Sie sollen für die Passagiere musizieren – und das tun sie auch, und zwar bis zum bitteren Ende. In den paar wenigen Tagen, die den Musikern bis zu ihrem Tod noch bleiben, erinnert sich jeder an sein Leben, an Liebe und Leid, an Erfolg und Misserfolg. Der Kapellmeister, ein ehemaliger Medizinstudent; Der zweite Geiger, ein junger österreichischer Jude, der von zuhause durchgebrannt ist; Der senile Bassist aus Italien; der schweigsame Pianist, der hinter seiner geheimnisvollen, undurchdringlichen Fassade eine grosse Vergangenheit verbirgt… Doch ausser diesen Biographien erlebt der Leser auch die Tage auf dem Schiff der Superlative, er trifft Kapitän Smith, der kurz vor dem Ruhestand steht, Chefingenieur Andrews, der dauernd herumwuselt, um zu überprüfen, ob alles läuft wie geschmiert, und den Oberkellner Gatti, der während der Arbeit esoterischen Träumereien nachhängt.

Übrigens sind diese Musiker nicht identisch mit dem historischen Titanic-Orchester. Aber wenn diese Geschichte auch nicht wahr ist, so ist sie doch jedenfalls gut erfunden.

12. März 2015

Von der Zahnbürste für Zahnrückseiten bis zum Tandem für Zwölf

by Gabriel Weber

Der Buchdruck; Die Dampfmaschine; Der Computer… was gibt es nicht für grossartige Erfindungen! Aber neben den Erfindungen, die wir heute kennen, gibt es noch zahlreiche weitere, die sich (leider?) nicht durchgesetzt haben. Einige davon (besonders solche aus dem späten 19. Jahrhundert, einem goldenen Zeitalter der Technik) sind in dem Buch Technische Kuriositäten von Walter Conrad aufgezählt und ausführlich beschrieben (jetzt bei buchplanet.ch).

Da gab es einen praktischen Hut mit integriertem Schirm, der per Knopfdruck aufgespannt werden konnte (Schade, dass die Idee kein Erfolg war und der Erfinder sich seinen Schirm in einem ganz anderen Sinn „an den Hut stecken“ konnte). Geradezu visionär (aus heutiger Sicht) waren zum Beispiel das dampfbetriebene Zweirad, das rollende Trottoir, der Treppenlift, die Taschenuhr mit Zeitansage oder die Druckerpresse mit Solarantrieb. Einige Konstruktionen kommen uns heutzutage nur noch absurd vor, etwa ein „Flugfahrrad“ (E. T. lässt grüssen) mit einem Propeller, der durch Pedale angetrieben wurde. Oder eine Nähmaschine, die ein rennender Hund in einer Art Hamsterrad antrieb (erfunden übrigens erst lange nach der Dampfmaschine und dem Gasmotor). Ein Luftkissen, das man sich unter die Füsse schnallte, um im Falle eines Brandes unbesorgt aus dem Fenster springen zu können (inklusive Bleiklötze, damit man dann aber auch sicher mit den Füssen zuerst unten ankam), war auf die Dauer ebenso erfolglos wie eine Mischung aus Rettungsring und Wasserfahrrad als Hilfsmittel für Schiffbrüchige (die so nämlich gemütlich und ungefährdet über den Ozean an Land hätten schippern können sollen, sofern ihnen unterwegs nicht die Puste ausgegangen wäre). Und wie oft im Lauf der Jahrhunderte versucht wurde, ein Perpetuum mobile zu basteln…

Besonders gut gefällt mir eine (im Prinzip) geniale Idee zur Verhinderung von Zugkollisionen: Mithilfe von Rampen am Anfang und am Ende eines Zuges sowie einem zusätzlichen Gleis auf den Wagendächern sollte im Begegnungsfall der eine Zug einfach über den anderen hinwegrollen…

10. März 2015

„Bleib am Leben für unsere Kinder!“

by Gabriel Weber

Das waren die letzten Worte von Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich, gerichtet an seine Frau Sophie. Am 28. Juni 1914 fielen in Sarajevo zwei Schüsse, die eine Katastrophe auslösen sollten, wie die Welt sie bis dahin noch nicht erlebt hatte. Franz Ferdinand ist die Hauptperson des Romans Der Thronfolger von  Ludwig Winder.

Am 18. Dezember 1863 kommt Franz Ferdinand in Graz zur Welt. Er ist das erste Kind von Erzherzog Karl Ludwig, einem Bruder von Kaiser Franz Joseph, und Erzherzogin Maria Annunziata. Die Mutter, in einer Mischung aus frömmlerischer Bigotterie und geradezu krankhaftem Ehrgeiz sehr unsympathisch dargestellt, stirbt 1871; der Vater, ein schlichtes Gemüt, befolgt (wie immer) den Befehl seiner dominanten Mutter, der berühmt-berüchtigten Erzherzogin Sophie, und heiratet erneut. Franz Ferdinand erlebt eine unglückliche Kindheit, ist misstrauisch, finster und verschlossen und beneidet seinen Bruder, den überall beliebten Otto.

Durch den Suizid von Kronprinz Rudolf 1889 und den Tod seines Vaters 1896 avanciert Franz Ferdinand zum Thronfolger von Österreich-Ungarn. Wenig später tut er das, wofür er bis heute berühmt ist: Er verliebt sich in die Gräfin Sophie Chotek und will sie heiraten. Die Hofburg erbebt in ihren Grundfesten, der Kaiser ist zunächst sprachlos, dann verbietet er es: Eine Gräfin Chotek ist weit unter der Würde des zukünftigen Kaisers von Österreich. Doch Franz Ferdinand gibt nicht nach und setzt sich schliesslich durch: Er darf Sophie heiraten, wenn auch nur morganatisch. Weder wird sie Erzherzogin, noch haben ihre Kinder Anspruch auf den Thron. Franz Ferdinand wartet sehnsüchtig auf den Tod des Kaisers, dieser tut ihm den Gefallen jedoch nicht. Am 28. Juni 1914 bremst der Wagen des Thronfolgerpaares in Sarajevo zufälligerweise genau vor der Nase eines gewissen Gavrilo Princip…

Ich weiss nicht, wie weit dieser Roman historisch ist; aber wenn Erzherzog Franz Ferdinand wirklich so ein jähzorniger, rachsüchtiger Misanthrop und Egoist war, ist es vielleicht ein Glück, dass er nie Kaiser wurde…

 

5. März 2015

Gut gewappnet

by Gabriel Weber

Es gibt viele Wappen auf der Welt, Staatswappen, Stadtwappen, Familienwappen… Meistens sind sie recht hübsch anzusehen. Einige sind ganz schlicht, andere hingegen unendlich kompliziert. Wer sich mit der Wappenwissenschaft, der sogenannten Heraldik, befassen möchte, tut gut daran, mit Ottfried Neubeckers Wappenkunde anzufangen.

Entstanden ist das Wappenwesen im Mittelalter, als es nötig wurde, die in ihren Rüstungen kaum noch zu erkennenden Ritter eindeutig identifizieren zu können. Ursprünglich ganz simpel, wurden die Wappen im Laufe der Jahrhunderte immer ausgeklügelter, zum Beispiel durch Heirat oder durch eine Vergrösserung des beherrschten Territoriums. Es gab (und gibt) fast unendlich viele Möglichkeiten.

Die hohe (und komplizierte) Kunst, ein Wappen mit Worten so zu beschreiben, dass man es jederzeit zeichnen könnte, nennt man Blasonieren. Zuerst wird immer beschrieben, wie der (nicht etwa das!) Wappenschild in Felder eingeteilt ist (gespalten, geteilt, schrägrechtsgeteilt, Schräglinksbalken, Deichselschnitt usw.) Dann kommen die Farben dran (wobei man bei Weiss und Gelb von „Metallen“ spricht, genauer von Silber und Gold). Dann das „Zeichen“: Oft handelt es sich dabei um ein Tier. Übrigens interessant, was auf Wappenschildern so alles kreucht und fleucht; neben Klassikern wie Adler und Löwen findet man auch Hirsche, Elefanten und sogar Schafe als Wappentiere. Häufig enthalten Wappen auch Gegenstände, vom Löffel bis zur Harfe. Zuletzt folgt noch das Zubehör: Schildhalter, Krone (wovon es übrigens diverse verschieden Variationen gibt), Orden, Wahlspruch usw.

Das bedeutendste Symbol im christlichen Abendland ist zweifellos das Kreuz, von dem die moderne Heraldik rund 50 verschiedene Varianten kennt. Die Schweiz zum Beispiel hat ein Griechisches Kreuz in ihrem Wappen.

3. März 2015

Der bon-à-rien

by Gabriel Weber

Diktatoren haben selten Humor. In der Regel fürchten sie nichts mehr als das Gelächter der Leute über sie. Das war bei Hitler und den übrigen Nationalsozialisten auch nicht anders. Jetzt bei buchplanet.ch: Der politische Witz im Dritten Reich von Max Vandrey.

Hinter vorgehaltener Hand witzelte man über Göring und seine zahllosen Orden (Eine Militärkapelle bringt Göring ein Ständchen. Der Reichsmarschall erscheint in voller Montur auf dem Balkon. Da stürzt unten bei der Kapelle der Schellenbaum mit Geklimper und Getöse um. Frau Göring ruft entsetzt aus dem Badezimmer: „Hermann, bist du verletzt?“) ebenso wie über Goebbels (den Reichslügenbold und Schutt-Patron von Berlin) und seine Propagandalügen (Goebbels meldet bei einer Veranstaltung: „8000 SA-Männer stehen im Sportpalast und 8000 draussen – macht zusammen 88000 SA-Männer!“). Auch der Antisemitismus und die Rolle der Juden als Sündenböcke für Alles und Jedes kamen dran (Ein SS-Mann provozierend zu einem Juden: „Wer ist schuld daran, dass wir den Weltkrieg verloren haben?“ Der Jude: „Die jüdischen Generäle natürlich!“ „Hä? Deutschland hatte doch damals gar keine jüdischen Generäle.“ „Eben! Die Entente schon.“).

Im besetzten Frankreich wurde aus Hitler est un bon Arien (Hitler ist ein guter Arier) sehr bald Hitler est un bon-à-rien (Hitler ist zu nichts zu gebrauchen). Und in Anlehnung an das bekannte Goethe-Gedicht Vom Vater hab ich die Statur schrieb man über den Führer:

Vom Duce hat er die Montur,
die römischen Allüren,
von Marx die Kollektivnatur,
die Lust am Nivellieren.
Am Staat, der über Leichen geht,
ist Machiavell beteiligt
und Sankt Ignatius Pate steht
beim Zweck, der alles heiligt.