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Es müllert allenthalben

von Gabriel Weber

Im Dritten Reich war eine makellose (sprich arische) Abstammung das A und O. Bei buchplanet.ch gibt es jetzt eine zeitgenössische Satire darauf: Müller. Chronik eines teutschen Stammbaums von Walter Mehring.

Oberstudienrat Dr. Armin Müller, Gymnasiallehrer in Berlin-Dahlem, ist ein deutschnationaler Chauvinist. Umso schlimmer ist es für ihn, dass ausgerechnet die Regierung, die er so bewundert, weil sie Deutschland wieder „zu nationaler Grösse“ führt (glaubt er zumindest, der Depp), ihm, dem von pseudo-historischem Germanentum besessenen Patrioten und Antisemiten, Vorwürfe macht wegen seiner Ehefrau. Erna Müller-Silbermann ist nämlich jüdischer Abstammung. Wie ein Wilder stürzt sich Dr. Müller in die Erforschung seiner Familiengeschichte, um wenigstens seine Reinrassigkeit zu beweisen.

Der Stammbaum geht zurück bis auf einen Germanen, der unter dem Namen Millesius im römischen Heer diente. Später gab es einen Mühlicher und einen Mülibert, im Mittelalter dann den Kölner Magister Thomasius Müller. Johanna Müllerin beteiligte sich als „Jungfrau von Magdeburg“ am Dreissigjährigen Krieg. Dieter Müller trat als erstes Familienmitglied, wenn auch noch unfreiwillig, in preussische Dienste, Jonathan und Etzel Müller wurden zur Zeit Friedrichs des Grossen immer preussischer und militaristischer. Der neureiche Spekulant Hugo Müller verlor beim Börsenkrach von 1873 sein Vermögen und wurde, da er jüdische Geschäftsleute dafür verantwortlich machte, zum radikalen Antisemiten. Sein Sohn Armin (nunmehr Oberstudienrat) durchlief im wilhelminischen Deutschland die übliche Karriere: Gymnasium, Universität, Studentenverbindung, Militärdienst, Tätigkeit als Lehrer, Kriegseinsatz – und alles immer schön deutschnational. Nur eben, seine Frau…

Mit geistreicher Ironie und hintergründigem Spott beschreibt Mehring einen Parade-Stammbaum, wie ihn sich im Dritten Reich wohl (fast) jeder gewünscht hätte.

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