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Archiv vom November, 2014

27. November 2014

Karajans kleines Geheimnis

by Gabriel Weber

Angenommen, da spielt ein Orchester. Jeder Musiker bläst, streicht oder schlägt sein jeweiliges Instrument. Und vorne steht einer, der mit beiden Armen wild in der Luft herumrudert, als wolle er dauernd Fliegen verscheuchen. Dem Laien mag das ebenso läppisch wie überflüssig vorkommen (dieser Mensch ist ja das einzige Orchestermitglied, das keine Töne erzeugt), doch für moderne Orchester ist der Dirigent von grösster Wichtigkeit. Wer wissen will, wie Daniel Barenboim, Zubin Mehta oder Sir Simon Rattle arbeiten, sollte Hermann Dechants Dirigieren lesen.

Wozu braucht man zum Beispiel einen Taktstock? Als masstäblich exakte Vergrösserung der Bewegung, welche die Kuppen von Daumen und Zeigefinger in der Luft beschreiben. Die sogenannte Schlagfigur wird dadurch für die Musiker besser sichtbar. Und der Stock hat meistens eine helle Farbe, damit er sich von der dunklen Berufskleidung des Dirigenten gut abhebt. Die Bewegungen beim Dirigieren sind keineswegs so willkürlich und unkoordiniert, wie es vielleicht manchmal den Anschein hat; Über hundert Seiten lang befasst sich der Autor nur mit Taktierbewegungen. Die Art des Dirigierens hat übrigens einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Interpretation eines Musikstücks.

Aber Vorsicht: Dechants Werk ist ein ausgesprochenes Fachbuch. Gewisse Grundkenntnisse in Musiktheorie sind unbedingt notwendig, sonst ist das Ganze ein einziges böhmisches Dorf.

25. November 2014

Was ist ein Trilby?

by Gabriel Weber

Herren. die es mit Eleganz und Stil sehr genau nehmen (oder übertreiben) wollen, tun gut daran, sich Bernhard Roetzels Der Gentleman. Handbuch der klassischen Herrenmode zu Gemüte zu führen (jetzt bei buchplanet.ch).

In diesem praktischen Büchlein (360 Seiten, 1,7 kg Gewicht) steht alles ganz genau drin: Wie und womit sich der stilbewusste Herr rasiert. Ob man ein Toupet tragen darf und wenn ja, was für eines. Wie bei einem Nobel-Schneider ein Massanzug hergestellt wird. Welche Schuh-Sorten es gibt. Wie man seinen Koffer am besten packt. Was man mit Taschentüchern macht (und was nicht). Wie man eine Schleife bindet. Dass ein Mantel nicht einfach ein Mantel ist und ein Kragen nicht einfach ein Kragen (da gibt es nämlich ganz verschiedene Varianten). Von der Unterhose bis zum Frack und vom Manschettenknopf bis zum Spazierstock wird jedes Kleidungsstück und jedes Accessoire genau erklärt. Und der Leser erfährt auch, wo er den ganzen Kram standesgemäss einkaufen kann – vorausgesetzt natürlich, er verfügt über das nötige Kleingeld…

Eleganz und Stil zu haben scheint verdammt anstrengend zu sein. Um nochmals auf den Titel zurückzukommen: Ein Trilby ist ein weicher, zerknautschter brauner Hut, der traditionell von Männern getragen wird, die mit Pferden zu tun haben, besonders in England (Roetzel, S. 212).

20. November 2014

Es müllert allenthalben

by Gabriel Weber

Im Dritten Reich war eine makellose (sprich arische) Abstammung das A und O. Bei buchplanet.ch gibt es jetzt eine zeitgenössische Satire darauf: Müller. Chronik eines teutschen Stammbaums von Walter Mehring.

Oberstudienrat Dr. Armin Müller, Gymnasiallehrer in Berlin-Dahlem, ist ein deutschnationaler Chauvinist. Umso schlimmer ist es für ihn, dass ausgerechnet die Regierung, die er so bewundert, weil sie Deutschland wieder „zu nationaler Grösse“ führt (glaubt er zumindest, der Depp), ihm, dem von pseudo-historischem Germanentum besessenen Patrioten und Antisemiten, Vorwürfe macht wegen seiner Ehefrau. Erna Müller-Silbermann ist nämlich jüdischer Abstammung. Wie ein Wilder stürzt sich Dr. Müller in die Erforschung seiner Familiengeschichte, um wenigstens seine Reinrassigkeit zu beweisen.

Der Stammbaum geht zurück bis auf einen Germanen, der unter dem Namen Millesius im römischen Heer diente. Später gab es einen Mühlicher und einen Mülibert, im Mittelalter dann den Kölner Magister Thomasius Müller. Johanna Müllerin beteiligte sich als „Jungfrau von Magdeburg“ am Dreissigjährigen Krieg. Dieter Müller trat als erstes Familienmitglied, wenn auch noch unfreiwillig, in preussische Dienste, Jonathan und Etzel Müller wurden zur Zeit Friedrichs des Grossen immer preussischer und militaristischer. Der neureiche Spekulant Hugo Müller verlor beim Börsenkrach von 1873 sein Vermögen und wurde, da er jüdische Geschäftsleute dafür verantwortlich machte, zum radikalen Antisemiten. Sein Sohn Armin (nunmehr Oberstudienrat) durchlief im wilhelminischen Deutschland die übliche Karriere: Gymnasium, Universität, Studentenverbindung, Militärdienst, Tätigkeit als Lehrer, Kriegseinsatz – und alles immer schön deutschnational. Nur eben, seine Frau…

Mit geistreicher Ironie und hintergründigem Spott beschreibt Mehring einen Parade-Stammbaum, wie ihn sich im Dritten Reich wohl (fast) jeder gewünscht hätte.

18. November 2014

Der Kellner aus dem Wallis

by Gabriel Weber

Ich habe eine Schwäche für moderne Märchen, besonders für wahre. Eines dieser modernen Märchen lautet so:

Es war einmal ein kleiner Hirtenjunge in Niederwald, einem weltabgeschiedene Dorf im Goms, dem deutschsprachigen Oberwallis. Als er alt genug war, liess er die Ziegenherde hinter sich und ging nach Brig, wo er eine Lehre als Kellner machte. Nach seinem unrühmlichen Rausschmiss zog der Hirtenjunge nach Paris, wo 1867 gerade eine Weltausstellung stattfand. Dort, im Nobelrestaurant Voisin, machte er seine ersten Erfahrungen in der Luxus-Gastronomie. Weitere Stationen waren Wien, Nizza, die Rigi, Locarno, San Remo – und schliesslich das Grand Hotel National in Luzern, wo der Hirtenjunge erstmals nicht nur Oberkellner oder Maitre d’Hôtel, sondern geschäftsführender Direktor war und seine eigene Vorstellung von einem erstklassigen Hotel verwirklichen konnte. Die Hautevolee Europas und Amerikas war entzückt und bald ein „einig Volk von Stammgästen“. Der Hirtenjunge, berühmt für sein Personengedächtnis und sein unschlagbares Improvisationstalent, übernahm gleichzeitig die Leitung weiterer Hotels in London, Rom, Monte Carlo, Cannes und Baden-Baden (und gewann überall eine begeisterte und zahlungskräftige Stammkundschaft), bis er sich 1898 endlich seinen Lebenstraum erfüllen konnte: Sein eigenes Hotel in Paris, das er von A bis Z selber entworfen hatte und das heute noch seinen Namen trägt. Und wenn er nicht gestorben wäre (er starb 1918 im Alter von 68 Jahren in geistiger Umnachtung), so würde er heute noch jeden Gast persönlich mit Namen und Titel begrüssen.

Der zum Hotelkönig aufgestiegene einstige „Geissenpeter“ aus Niederwald VS hiess Cäsar Ritz. Ebenso heisst auch das Buch, das seine Witwe Marie-Louise über ihn geschrieben hat.

13. November 2014

Alles falsch!

by Gabriel Weber

Es gibt Dinge, die weiss man einfach – sie gehören zum sogenannten „Allgemeinwissen“. Nur muss dieses „Wissen“ nicht unbedingt immer korrekt sein.

Im alten China trugen die Männer Zöpfe? Falsch! Erst mit der Mandschu-Fremdherrschaft ab dem 17. Jahrhundert kam das Zopftragen nach China. Mozart war arm? Falsch! Er verdiente sogar recht gut. Allerdings lebten er und seine Frau notorisch über ihre Verhältnisse und waren deshalb immer wieder knapp bei Kasse. Die Freiheitsstatue steht in New York? Falsch! Die Insel, auf der sie steht, gehört zum Bundesstaat New Jersey. Der Dudelsack ist ein typisch schottisches Instrument? Falsch! Er war bereits den alten Griechen bekannt. Kolumbus wurde ausgelacht, weil er behauptete, die Erde sei eine Kugel? Falsch! Die Kugelform der Erde war damals bereits allgemein bekannt. Naturvölker gehen mit der Natur und der Umwelt viel sorgsamer um als sogenannte „zivilisierte“ Leute? Falsch! Wenn Naturvölker die Natur schonen, dann der Not gehorchend, nicht aus ethischen Gründen. Adolf Hitler hiess ursprünglich Adolf Schicklgruber? Falsch! Schicklgruber war der Geburtsname von Hitlers unehelich geborenem und später adoptierten Vater; der Diktator selber hat nie so geheissen. Löwen sind besonders tapfer? Falsch! Sie sind im Gegenteil sogar eher feige. Die chinesische Mauer ist als einziges Gebäude auf der Erde vom Mond aus mit blossem Auge zu erkennen? Falsch! Jedenfalls nicht mit einem menschlichen Auge. Manche Menschen haben graue Haare? Falsch! Graue Haare gibt es gar nicht; es handelt sich um eine optische Täuschung aus weissen und andersfarbigen Haaren. Julius Cäsar hat bei seiner Ermordung weder „Tu quoque fili“ noch „Et tu, Brute“ gesagt (sondern wahrscheinlich gar nichts). Und das oft zitierte „Elementary, my dear Watson“ kommt in keiner einzigen Sherlock-Holmes-Geschichte von Arthur Conan Doyle vor.

Jetzt bei buchplanet.ch: Das Beste aus dem Lexikon der populären Irrtümer und Das neue Lexikon der populären Irrtümer, beide von Walter Krämer und Götz Trenkler.

11. November 2014

Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir!

by Gabriel Weber

Aber was wir für das Leben lernen, ist eine andere Frage. Schulen sind kuriose Einrichtungen, ganz besonders Internate. In England, dem Land der noblen Elite-Internate, spielt Patrick Redmonds Thriller Das Wunschspiel.

Kirkston Abbey ist 1954 ein vornehmes, traditionsreiches Knaben-Internat – nicht nur sehr exklusiv, sondern auch über jeden Zweifel erhaben, zumindest nach aussen. Hinter der ehrenwerten Fassade ist jedoch die Hölle los: Da die Lehrer sich darauf beschränken, den Schülern Bücherwissen einzutrichtern, und sie ansonsten sich selbst überlassen, gilt ausschliesslich das Recht des Stärkeren. Die Stärkeren (und Brutaleren) tyrannisieren die Schwächeren, die ihnen auf Gnade oder Ungnade ausgeliefert sind. Jonathan Palmer zum Beispiel hat unter sadistischen Mitschülern ebenso zu leiden wie unter versnobten Lehrern, die auf ihn herabsehen, weil er aus einfachen Verhältnissen stammt. Richard Rokeby hingegen hat zwar den passenden familiären Hintergrund, kapselt sich aber freiwillig von den Mitschülern ab. So sind beide soziale Aussenseiter – und freunden sich an. Der selbstbewusste Richard, der vor niemandem kuscht und sich durch nichts einschüchtern lässt, bringt dem schüchternen, gebeutelten Jonathan bei, wie er den Psychoterror bekämpfen kann. Schön und gut – doch um welchen Preis? In ihrer homoerotisch angehauchten Freundschaft verfällt Jonathan seinem Beschützer immer mehr, er wird emotional abhängig von Richard. Und dieser wird nur von etwas getrieben, nämlich von grenzenlosem Hass…

Ein verstörendes Buch. Spätestens dann, wenn allen, die sich Richard und Jonathan in den Weg stellen, auf mysteriöse Weise irgendein Unglück zustösst, bekommt der Leser ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Ausserdem sind sechs Tote und diverse ruinierte Existenzen ein ziemlich happiges Quantum. Hingegen empfand ich die Genauigkeit, mit welcher der Autor das menschenverachtende Klima in Kirkston Abbey, das geradezu nach Gewalt schreit, und die verheerenden Folgen blinden Hasses beschreibt, als sehr positiv. Der Roman ist auch hochgradig spannend; Ich habe die rund 400 Seiten in zwei Tagen verschlungen (Vorsicht! Kein Happy End!).

6. November 2014

Vivat lingua latina!

by Gabriel Weber

Lateinisch hat es schwer. In der heutigen Zeit, in der die Bildung immer mehr den Erfordernissen der Wirtschaft angepasst wird, scheint eine „tote“ Sprache kaum noch Platz zu haben. Warum das nicht so sein muss, steht in dem Buch Mutter Latein und ihre Töchter von Carl Vossen.

Latein ist nämlich allgegenwärtig. Man denke nur an die Automarken Audi und Fiat, an Supermärkte, an die Securitas, die Buchtitel Homo Faber, Quo vadis? und Via mala oder an Expresszüge. Ausserdem gibt es auch Redewendungen wie pro forma, ultima ratio, status quo oder de facto. Das lateinische Alphabet ist weltweit verbreitet. Dass Französisch, Italienisch usw. lateinischer Abstammung sind, ist bekannt.  Aber Englisch? Alle wollen heutzutage englisch können. Dabei wird häufig übersehen, dass die englische Sprache viele lateinische Wörter kennt. Zum Beispiel a. m. (ante meridiem) für vormittags und p. m. (post meridiem) für nachmittags; ArmyNavy und Airforce; hour, station, class, minor und visit sind weitere Beispiele. Auch das Deutsche kommt nicht ohne Latein aus: Das Wort „Hühnerauge“ kommt beispielsweise von oculus pullinus.

„Tote Sprache“? Von wegen, Latein lebt! Es ist geradezu allgegenwärtig, wenn man darauf achtet. Carl Vossen empfiehlt das Lateinische sogar als neue Weltsprache, da es nicht nur die Grundlage der europäischen Kultur bildet, sondern weltweit eine bedeutende Rolle spielt. Zum Schluss noch zwei kleine Quizfragen: Wie lautet der Wahlspruch der Schweizerischen Eidgenossenschaft? (Omnes pro uno, unus pro omnibus – Alle für einen, einer für alle) Und was steht auf dem Rand jeder Fünf-Franken-Münze? (Dominus providebit – Der Herr wird vorausschauen)

4. November 2014

Was Wille will

by Gabriel Weber

Niklaus Meienberg war so etwas wie das enfant terrible der Schweizer Literatur, ein kontroverser, polarisierender, hochgradig umstrittener Autor. Eines seiner berühmtesten und kontroversesten Bücher ist Die Welt als Wille & Wahn (gemünzt auf Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung). Es handelt sich um ein Meisterwerk der Polemik und Provokation.

In seinem Buch zerlegt Meienberg die umfangreiche Familie von General Ulrich Wille, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Schweizer Geschichte eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat. General Wille, der Grobian, der Bundesräte und Parlamentarier seine Verachtung fühlen liess (so ungefähr „Diese dämlichen Zivilisten haben doch keine Ahnung vom Militär, also sollen sie gefälligst die Klappe halten!“) und in seinen Briefen seelenruhig Staatsgeheimnisse ausplauderte… Oberstkorpskommandant Ulrich Wille junior, närrisch verliebt in alles Deutsche, war ein guter Bekannter von Rudolf Hess, lud 1923 Adolf Hitler nach Zürich ein und intrigierte während des 2. Weltkrieges fleissig gegen General Guisan (und befürwortete als Präsident der Pro Juventute die staatlich legitimierte Kindesentführung bei Fahrenden)… Renée Schwarzenbach-Wille, für die Erika Mann die Einführung der Prügelstrafe für Schweizer Damen empfahl… Doch nicht nur einzelne Mitglieder, auch die Familie als solche kommt dran: Man bewunderte die Preussen und verachtete die Demokraten. Der grösste Schmerz war, dass die eigene Armee, die man quasi als Familienbetrieb betrachtete, in beiden Weltkriegen nur Aktivdienst spielen, aber nicht wirklich mittun durfte. Und man war, persönlich und verwandtschaftlich, auf vielfältige Weise mit dem Nationalsozialismus verflochten…

Die Welt als Wille & Wahn ist jetzt bei buchplanet.ch in Form eines vom Autor signierten Exemplars erhältlich.