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Archiv vom September, 2014

30. September 2014

Der Tapezierer Poquelin

by Gabriel Weber

Jean-Baptiste Poquelin, geboren 1622, war Tapissier du Roi, also königlicher Tapezierer, bevor er feststellte, dass seine besondere Begabung nicht im Tapezieren, sondern im Theaterspielen lag. Er schloss sich einer Schauspieltruppe an, gab sich den Künstlernamen Molière und begann bald, selber Stücke zu schreiben. Meistens führte er auch Regie und spielte selbst eine Hauptrolle.

In seinen Komödien, die heute zu den grössten Klassikern des französischen Theaters gehören, nahm Molière immer wieder menschliche Schwächen aufs Korn, sei es nun Heuchelei (Tartuffe), Geiz (L‘ Avare), Hypochondrie (Le Malade imaginaire) oder übertriebener gesellschaftlicher Ehrgeiz (Le Bourgeois Gentilhomme). Und da er von König Ludwig XIV. unterstützt wurde (der König war sogar Pate von Molières Sohn), konnte Molière es sich auch leisten, den oberen Zehntausend Frankreichs satirisch den Spiegel vorzuhalten. Sein bleibendes Verdienst besteht darin, die Komödie „salonfähig“ gemacht zu haben, quasi gleichberechtigt mit der Tragödie. Molière bewies, dass komisches Theater nicht nur simple Volksbelustigung ist, sondern auch hohe Kunst sein kann. Aus seiner Truppe ging später die Comédie française hervor, heute noch das bedeutendste Theater von Paris.

Molière starb 1673. Während einer Aufführung des Malade imaginaire brach er auf der Bühne zusammen und verschied wenig später. Damit endete ein Leben, in dem vieles bis heute ungeklärt ist.

25. September 2014

Der Ver-Führer

by Gabriel Weber

Joseph Goebbels (1897-1945) gehörte neben Adolf Hitler, Hermann Göring und Heinrich Himmler zum engsten Führungszirkel des Dritten Reichs. Bis heute gilt er als einer der einflussreichsten Nazis und als Schlüsselfigur des Holocaust.

Dr. phil. Paul Joseph Goebbels war ein erfolgloser Schriftsteller und Gelegenheitsjournalist, gequält von Depressionen und der Sehnsucht nach „Erlösung“, als er 1924 in der NSDAP seine geistige Heimat fand – und in Adolf Hitler seinen Abgott. Dieser erkannte bald Goebbels‘ Talent, übertrug ihm die Leitung der Parteipropaganda und machte ihn 1933 zum Reichsminister. Der Rheinländer verbreitete mit Leidenschaft eine Ideologie, die er selber nie so ganz einhielt; er entsprach äusserlich so gar nicht dem arischen Ideal… und als er 1931 heiratete, war es keine unberührte arische Jungfrau von achtzehn Jahren, die er heimführte, sondern eine fast dreissigjährige geschiedene Frau, die einen Sohn aus erster Ehe mitbrachte und obendrein einen jüdischen Stiefvater hatte. Magda Goebbels wurde trotzdem die inoffizielle „First Lady“ des Dritten Reichs. Noch viel mehr als an Magda hing Goebbels aber an seinem Führer, dem er in emotionaler Abhängigkeit völlig ergeben war. Hitler gab Goebbels die Anerkennung, die der geradezu krankhafte Egomane brauchte; im Gegenzug spielte Goebbels so virtuos auf der Klaviatur der Volksseele, dass viele Deutsche mit Begeisterung in den „totalen Krieg“ zogen. Zuletzt folgte Goebbels als einziger führender Nazi Hitler in den Freitod. Er hatte sich übrigens schon seit 1943 keine Illusionen mehr gemacht über den angeblichen „Endsieg“, den er dem Volk dauernd predigte…

Jetzt im Katalog von buchplanet.ch: Goebbels von Peter Longerich (deutsch) und Goebbels von Ralf Georg Reuth (englisch).

23. September 2014

Die tapferen Schneiderlein

by Gabriel Weber

Paris ist und bleibt eine der Hauptstädte der Mode. Warum das so ist? Davon erzählt Rudolf Kinzel in Die Modemacher.

Erfunden wurde die Pariser Haute Couture nicht etwa von einem Franzosen, sondern von einem Engländer: Charles Frederick Worth (1825-1895). Sein Anfang: Ein bettelarmer Bursche aus Lincolnshire, der in einem Tuchgeschäft arbeitete. Sein Ende: Der Modekönig Europas, millionenschwerer Inhaber des „Maison Worth“ an der Rue de la Paix, Lieferant von Königinnen ebenso wie von Kurtisanen, aber auch ein exzentrischer Sonderling, über den ganz Paris grinste und der ein lohnendes Sujet für Karikaturen war. Als 1870 die Pariser Bevölkerung die Tuilerien stürmte, stürmte Worth mit; er hoffte, die Garderobe der nach England geflohenen Kaiserin Eugenie retten zu können…  Sein „Nachfolger“ war Paul Poiret (1879-1944), der die Ganz- und auch die Halbwelt der Belle Époque einkleidete, aber nach dem Ersten Weltkrieg mit der Entwicklung nicht mehr Schritt halten konnte und verarmt und vergessen starb… Elsa Schiaparelli (1886-1973) kam aus enttäuschter Liebe und finanzieller Not in die Modebranche und begann ihre Karriere damit, dass sie Pullover strickte. Ihre grösste Konkurrentin Gabrielle „Coco“ Chanel (1883-1971) pflegte zuweilen vom Fenster ihrer Suite im Hotel Ritz aus Schiaparellis Schaufenster gegenüber per Fernglas zu beobachten, weil sie nicht dabei ertappt werden wollte, wie sie die Auslagen der Konkurrenz begutachtete…

Den Pariser Modekönigen scheint nichts menschliches fremd geblieben zu sein. Immer wieder wurden sie Mitwisser von Skandalen, zum Beispiel wenn ein hoher Herr anstatt seiner Frau seine Geliebte einkleiden liess… Das macht Kinzels Buch so unterhaltsam, selbst wenn man sich nicht für Mode interessiert.

18. September 2014

Freude, schöner Götterfunken

by Gabriel Weber

Einer der berühmtesten und meistgespielten Komponisten aller Zeiten. Ein Genie, dessen Werk Jahrhunderte überdauert hat und noch überdauern wird. Und der vermutlich berühmteste Schwerhörige der Welt: Ludwig van Beethoven (1770-1827). Meine Empfehlung für Fans: Beethoven von Robin May.

Am 17. Dezember 1770 in Bonn geboren und mit elf Jahren von der Schule abgegangen, kam Beethoven 1792 nach Wien, wo er bei Joseph Haydn und Antonio Salieri Unterricht nahm und am 29. März 1795 sein erstes öffentliches Konzert gab. Sein Karriere als Pianist musste er allerdings wegen beginnender Schwerhörigkeit bald wieder aufgeben. Seinem Ruhm tat dies keinen Abbruch: Beethoven wurde bald berühmt als Komponist und Musikpädagoge und „berüchtigt“ für seinen schwierigen Charakter und sein cholerisches Temperament. Er muss wirklich ein schwieriger Mensch gewesen sein. Aber trotzdem fand er immer wieder reiche Freunde und Gönner, die ihn unterstützten.

Der weltberühmte 4. Satz der 9. Sinfonie (siehe Titel); Das nicht minder bekannte Ta-ta-ta-taaaa aus der 5. Sinfonie; Das wohl jedem Klavierschüler vertraute Für Elise – Ludwig van Beethovens Werke sind längst Allgemeingut geworden. Aber auch in anderer Hinsicht war der taube Bonner bemerkenswert: Als einer der ersten wirklich freischaffenden Komponisten der europäischen Musikgeschichte und als ein Mensch, der unerschrocken seine persönliche Meinung vertrat – zu einer Zeit, als dies in Österreich noch gefährlich war.

16. September 2014

Ein Jahrzehnt, das die Welt veränderte

by Gabriel Weber

Die Jahre zwischen 1940 und 1949 waren recht ereignisreich. Von Dünkirchen bis zu den Katakomben von Wien: In James Lescotts „The Forties in Pictures“ lässt sich das ganze Jahrzehnt in eindrucksvollen Schwarzweiss-Fotos verfolgen.

Politik: In Dünkirchen werden französische und britische Truppen mit knapper Nor gerettet. Wenig später besucht Hitler für drei Stunden das besetzte Paris. Auf dem Times Square in New York verleiht ein amerikanischer Seemann seiner Freude über das Kriegsende Ausdruck. In Nürnberg werden zehn führende Nazis gehängt. Mahatma Gandhi fällt einem Attentat zum Opfer. David Ben Gurion proklamiert den Staat Israel. Auch weitere Staaten werden gegründet, wie etwa die Volksrepublik China.

Kunst und Kultur: Von Citizen Kane über La Belle et la Bête bis The Third Man – in diesem turbulenten Jahrzehnt entstehen berühmte Filmklassiker. Das „Komitee zur Bekämpfung unamerikanischer Umtriebe“ nimmt auf der Jagd nach Kommunisten Hollywood ins Visier.

Gesellschaft: In London heiratet Prinzessin Elizabeth (die heutige „ewige Queen“) Philip Mountbatten – die Hochzeitstorte ist 2, 7 Meter hoch. Alfred Kinsey erregt Aufsehen mit dem nach ihm benannten Buch über Sexualität.

Sport: Die olympischen Spiele 1948 sind die ersten nach dem Krieg. Deutschland und Japan sind noch ausgeschlossen.

Übrigens: Mit dem Maler und Bildhauer Alberto Giacometti ist auch die Schweiz in diesem Bildband vertreten.

11. September 2014

Heil dir im Verliererkranz

by Gabriel Weber

Lange hatte er sich dagegen gesträubt, aber schliesslich musste es sein: Im November 1918 verzichtete Kaiser Wilhelm II. auf den Thron und ging nach Holland ins Exil. Immerhin fand er mit Haus Doorn eine halbwegs standesgemässe Residenz und durfte obendrein einen Güterzug voll Kostbarkeiten (buchstäblich!) aus seinen deutschen Schlössern mitnehmen, was ihm ein komfortables Leben ermöglichte (verglichen mit seinen Kaiser-Kollegen Karl und Nikolaus kam Wilhelm also sehr gut weg). Jetzt bei buchplanet.ch: Warten auf den Kaiser von Dolf Verroen.

Niederlande, 1927: Nicht jeder hat einen Kaiser in der Nachbarschaft. Der kleine Willem schon. Er lebt nämlich in Doorn und ganz in der Nähe wohnt Wilhelm II., der ehemalige Deutsche Kaiser. Willem träumt davon, den Ex-Kaiser kennen zu lernen, bringt es jedoch vorläufig nur zu einer Anstellung als Pfannenputzer in der Küche von Haus Doorn. Das ist immerhin besser als nichts, aber Willem wartet doch sehnsüchtig auf seine grosse Chance, den Holz hackenden Hausherrn einmal aus der Nähe zu sehen…

Dolf Verroen beschreibt Wilhelms Hofhaltung in Doorn (die heute besichtigt werden kann) äusserst detailliert. Allerdings wird der Ex-Kaiser für meinen Geschmack etwas zu positiv dargestellt. Nur ganz am Schluss wird seine Wahnidee angetönt, er werde eines Tages im Triumph auf seinen Thron zurückkehren…

9. September 2014

Einer spinnt immer

by Gabriel Weber

Dass Begabung und Geisteskrankheit zuweilen nahe beieinander liegen, ist spätestens seit Friedrich Nietzsche bekannt. Aber der Friedrich Wilhelm mit dem Riesenschnauzer war nicht der einzige. In dem Buch Genie, Irrsinn und Ruhm von Wilhelm Lange-Eichbaum und Wolfram Kurth werden Persönlichkeiten der Weltgeschichte auf ihre psychischen Gebrechen hin analysiert. Auch die Frage „Was ist ein Genie?“ wird erörtert.

Der „Marschall Vorwärts“, Gebhard von Blücher, war zeitweise schwer depressiv. Dante Alighieri reagierte mit seinen Schilderungen der Hölle seinen Sadismus ab. Ebenfalls sadistisch veranlagt war Wilhelm Busch. Michelangelo litt an Paranoia, während Napoleon einen ausgeprägten Ödipuskomplex aufwies. Sigmund Freud wird „fast schon verdächtige Musterknabenhaftigkeit“ attestiert, William Shakespeare als „in sexueller Hinsicht hemmungslos“ bezeichnet. Christoph Columbus war anscheinend ein notorischer Aufschneider.

Genie, Irrsinn und Ruhm ist das reinste Panoptikum. Wenn man zu lange darin liest, kommt einem die Weltgeschichte irgendwann wie eine einzige psychiatrische Klinik vor. Offenbar hatte fast jede historisch bedeutende Persönlichkeit einen Sprung in der Schüssel bzw. einen Dachschaden (irgendwie beruhigend, finde ich). Das Werk ist alles andere als leicht; wenn man es wirklich konzentriert lesen will, sollte man ein psychiatrisches Wörterbuch hinzuziehen. Über Franz Liszt heisst es beispielsweise: „Zyklothyme Konstitution, passionierter Idealismus, artistisches Proselytentum.“ Wie bitte? Prosely-was? Ich verstehe nur Bahnhof…

4. September 2014

Von Amadeus bis Zwischensaison

by Gabriel Weber

Für besonders grosse Film-Enthusiasten hält buchplanet.ch jetzt einen besonderen Leckerbissen bereit: Das Lexikon des internationalen Films. Ein sehr praktisches, handliches Nachschlagewerk zum Mitnehmen, bloss aus zehn Bänden mit insgesamt rund 7600 Seiten bestehend.

Filmbegeistert wie ich bin, konnte ich mir einen Blick (oder auch zwei) nicht verkneifen. Alle meine Lieblingsstreifen sind dabei: Das Spukschloss im Spessart (Die Geister von fünf Räubern aus dem 19. Jahrhundert mischen die Bundesrepublik Deutschland der Wirtschaftswunderzeit auf), Der Mann, der Sherlock Holmes war (Zwei erfolglose Privatdetektive verkleiden sich als Sherlock Holmes und Dr. Watson – prompt beginnt ihr Geschäft zu florieren), The private war of Major Benson (Ein Soldatenschinder wird als Ausbildner an eine Militärschule strafversetzt und muss sich nun mit uniformierten Dreikäsehochs herumschlagen), Sunset Boulevard (Ein längst vergessener Stummfilm-Star ist so besessen von dem Gedanken an ein Comeback, dass die Realität unter die Räder kommt), Almost Angels (Ein Junge macht Karriere bei den Wiener Sängerknaben), La grande Illusion (Französische Offiziere in deutscher Kriegsgefangenschaft verhalten sich je nach Stand und Herkunft sehr unterschiedlich), Der Katzenprinz (Zwei Geschwister machen sich auf die Suche nach dem Wasser des Lebens, um ihre Katze zu retten), The Innocents (Eine Gouvernante versucht verzweifelt, ihre beiden Schützlinge vor bösen Geistern zu bewahren) und viele andere.

Das Ganze hat einen Nachteil, nämlich dass dieses Exemplar des Lexikons des internationalen Films schon 1995 erschienen ist. Die neuste Entwicklung ist daher logischerweise nicht berücksichtigt. Aber das Filmschaffen von acht Jahrzehnten ist übersichtlich aufgelistet und dokumentiert, kurz und knapp zwar (sonst wäre das Werk noch umfangreicher), aber sehr informativ.

2. September 2014

Die Zürcher Buddenbrooks

by Gabriel Weber

In seinem Roman Schweizerspiegel liefert der Schriftsteller Meinrad Inglin ein grosses Panorama der Schweiz zur Zeit des Ersten Weltkriegs.

Zur Zeit des Staatsbesuchs Kaiser Wilhelms II. in der Schweiz im September 1912 ist für die Zürcher Familie Ammann die Welt noch in Ordnung: Alfred Ammann, Oberst, Brigadekommandant und Nationalrat, und seine Frau Barbara sind wohlhabende, angesehene Bürger. Die Tochter Gertrud ist standesgemäss verheiratet, der älteste Sohn Severin arbeitet als Journalist, Fred studiert noch, nur Paul macht den Eltern Sorgen, denn der promovierte Philologe scheint partout keiner geregelten Tätigkeit nachgehen zu wollen. Knapp zwei Jahre später beginnt der Aktivdienst und mit ihm der langsame „Verfall einer Familie“, wie Thomas Mann gesagt hätte. Vater Ammann muss nach einer blamablen Manöver-Niederlage seiner Brigade (Kommentar von Divisionär Bosshart: „Deine ganze Gesellschaft ist versohlt und versäckelt!“) das Kommando niederlegen; Gertrud verlässt ihren Gatten, Oberstleutnant Albrecht Hartmann, zugunsten des mittellosen Dichters Albin Pfister; Severin treibt durch seine Sympathie für Deutschland einen Keil zwischen die Ammanns und ihre Westschweizer Verwandtschaft; Der Freigeist Paul entzieht sich seiner bürgerlichen Familie immer mehr und mehr; Fred bringt es zwar zum Leutnant, scheint es aber mit einem zivilen Broterwerb nicht eilig zu haben…

Alles ist in diesem Buch enthalten: Die umstrittene Wahl General Willes. Der Standesdünkel der Offiziere und die berüchtigte „Schule Wille“. Die Spannungen zwischen Deutschschweiz und Romandie.  Der Ärger mancher Soldaten darüber, dass sie zwar ständig für den Krieg gedrillt werden, aber letztlich doch nie ernsthaft mit ihm in Berührung kommen. Und dann ist da auch noch die spanische Grippe 1918…