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Archiv vom August, 2014

28. August 2014

Peters Burg

by Gabriel Weber

Damit eines klar ist: Russland wird momentan und bis auf weiteres von mir boykottiert, und zwar aus politischen Gründen. Aber der flächenmässig grösste Staat der Welt hat, Politik hin oder her, unermessliche Schätze zu bieten. Einer dieser Schätze ist die Stadt St. Petersburg.

Nur bei wenigen Städten in Europa ist es möglich, genau zu sagen, wann sie gegründet wurden. St. Petersburg aber hat einen Gründungstag: den 27. Mai 1703. Die Stadt verdankt ihre Entstehung einem beinahe grössenwahnsinnigen Vorhaben des Zaren Peters des Grossen. Um Russlands Anspruch auf Zugang zur Ostsee zu demonstrieren, liess der (gut 2 Meter) grosse Peter mitten in einer Sumpflandschaft eine neue Hauptstadt aus dem Boden stampfen – eine neue Haupstadt, die (im Gegensatz zur alten Hauptstadt Moskau) nach dem Willen des Zaren voll und ganz „europäisch“ sein sollte.

Gut zweihundert Jahre lang blieb St. Petersburg die Hauptstadt und das kulturelle Zentrum des riesigen Russischen Reichs. In dieser Zeit entstanden Unmengen von Kirchen, Palästen und mit der Eremitage eines der bedeutendsten Kunstmuseen der Welt. Auch die Umgebung hat mit Tsarskoye Selo, Peterhof und Pawlowsk einiges zu bieten.

Für jene Leute, die nicht selber nach St. Petersburg fahren können oder wollen, ist bei buchplanet.ch momentan ein herrlicher Bildband in englischer Sprache erhältlich.

26. August 2014

Was man nicht wissen muss, aber wissen sollte

by Gabriel Weber

Es gibt Kenntnisse, die man im praktischen Leben vermutlich nie brauchen wird; zum Beispiel das korrekte Verhalten für den Fall, dass man einer Sphinx begegnet (einer echten, also einer mit Nase) und die Begegnung überleben möchte. Oder die besten Zaubersprüche aus der Literatur (von Goethe über Preussler bis Rowling). Aber man kann ja bekanntlich nie wissen. Und weil man eben nie wissen kann, sollte man Dr. Ankowitschs Kleines Universal-Handbuch lesen (jetzt bei buchplanet.ch).

Mal ehrlich: Können Sie das Vaterunser auswendig? So, wie Sie es vor vielen Jahren im Religionsunterricht gelernt haben? Falls nicht: Ankowitsch, Seite 123. Wollten Sie schon immer wissen, wie man sich ohr-dnungsgemäss die Ohren putzt? Falls Ja: Ankowitz, Seite 70. Ausserdem wird erklärt, wie man einen Papierflieger faltet, wie man eine Wünschelrute verwendet, wie man Glacéhandschuhe reinigt, wie man der Seekrankheit vorbeugt und wie die Einwohner der Elfenbeinküste heissen (nämlich Ivorer). Eine Birke kann bis zu 120 Jahre alt werden. Zahlen sind durch 9 teilbar, wenn die Quersumme durch 9 teilbar ist. Und im Konzert wird zwischen den einzelnen Sätzen einer Sinfonie niemals applaudiert!

Wie gesagt, es ist teilweise fraglich, ob man dieses Wissen jemals praktisch anwenden kann; aber um ein wenig damit anzugeben, ist Dr. Ankowitschs Kleines Universal-Handbuch jedenfalls sehr nützlich.

21. August 2014

Ich wollt‘, ich wär ein Huhn

by Gabriel Weber

ist nur einer der Hits, mit denen die Comedian Harmonists berühmt wurden und die heute noch bekannt sind. Andere sind beispielsweise „Mein kleiner grüner Kaktus“, „Veronika, der Lenz ist da“ oder „Das ist die Liebe der Matrosen“. Die Geschichte dieser sechs Herren aus Deutschland erzählt Tilo Köhler in seinem Roman Comedian Harmonists.

Harry Frommermann, Robert Biberti, Roman Cycowski (Pole), Erich A. Collin und Ari Leschnikoff (Bulgare) sowie der Pianist Erwin Bootz haben sich 1927 in Berlin kennengelernt, und zwar aufgrund eine Anzeige, die Frommermann aufgegeben hatte zwecks Gründung eines „einzig dastehenden Ensembles“. Und einzig stand es wirklich da, das Vokalensemble, das nach monatelanger Probenarbeit an die Öffentlichkeit trat und in kurzer Zeit zu Weltruhm gelangte. Konzerte und Plattenaufnahmen führten die Herren in aller Herren Länder, bis nach Australien. Das Besondere daran war, dass sie nur alle zusammen funktionierten und keiner das Ensemble dominierte. Köhler beschreibt die kurze, aber eindrucksvolle Karriere, die nach acht Jahren brutal und abrupt zu Ende ging, detailliert und eindringlich. Zentrale Hauptfigur ist Harry Frommermann, der durch jene Anzeige einst den Anstoss für die Gruppe gab und, ironischerweise, als Jude auch „mitverantwortlich“ für ihr Ende war.

Das Ende der Erfolgsgeschichte kam mit den Nazis. Für so etwas „Undeutsches“ wie Komidiän Harmonisten, die Lieder von Nichtariern vortrugen, war im Dritten Reich kein Platz. Und nicht nur die Autoren der Lieder, auch die Sänger waren teilweise nichtarisch! Die jüdische Hälfte des Sextetts rettete sich 1935 in die Emigration, die legendären Comedian Harmonists waren Geschichte. Die Herren traten nie wieder gemeinsam auf.

19. August 2014

Die schwarze Venus

by Gabriel Weber

Momentan ist in Ferguson, einem Vorort von St Louis im amerikanischen Bundesstaat Missouri, die Hölle los. Auch die in St Louis geborene afroamerikanische Tänzerin und Sängerin Josephine Baker (1906-1975) hat in ihrer Kindheit so einiges erleben müssen.

Josephine Freda MacDonald (Baker war der Name ihres zweiten Ehemannes) kam als Kellnerin in einem Tanzclub zum Showbusiness. In den 1920er Jahren kam sie nach Paris – und eroberte es im Sturm! Josephine verzauberte ganz Europa durch ihre exotischen Tänze (insbesondere denjenigen, bei dem sie nur ein Röckchen aus Bananen und sonst nichts trug) und durch ihre Chansons. Da sie jedoch in Amerika als Schwarze trotz ihres Erfolges immer unter der Rassentrennung zu leiden hatte, liess sie sich schliesslich dauernd in Frankreich nieder. Nach dem Zweiten Weltkrieg (in dem sie sich grosse Verdienste um die Résistance erwarb) begann Josephine ihr grosses Experiment, mit dem sie der Welt beweisen wollte, dass ein friedliches Zusammenleben aller Völker und Religionen möglich ist: Sie adoptierte ein Dutzend Kinder, jedes mit einer anderen Nationalität. Zur Ruhe setzte sie sich nie; da sie offenbar nicht besonders gut mit Geld umgehen konnte und daher ständig in finanziellen Schwierigkeiten steckte, blieb sie bis zu ihrem Tod auf der Bühne aktiv.

Josephine Baker, die Kämpferin für Toleranz und Menschenrechte, starb im Alter von 69 Jahren und wurde in Paris mit einem Staatsbegräbnis in der Madeleine-Kirche geehrt. Vermutlich würde sie sich im Grab umdrehen, wenn sie wüsste, was sich heute in Ferguson abspielt…

Der erste schwarze Weltstar überhaupt ist im Magazin von buchplanet.ch gleich mehrfach vertreten.

14. August 2014

Schrecklich nette Familien

by Gabriel Weber

Es war einmal ein jüdischer Kaufmann namens Simon Meyer Guggenheim. Dieser stammte aus dem Dorf Lengnau im Kanton Aargau (einem der wenigen Orte in der Schweiz, wo Juden sich niederlassen durften) und wanderte im 19. Jahrhundert nach Amerika aus. Dort machte er ein Vermögen im Bergbau und begründete eine der grossen Unternehmerdynastien der Vereinigten Staaten: die Guggenheims. David Landes erzählt in seinem Buch Die Macht der Familie die Geschichte dieser und anderer Wirtschaftsfamilien.

Die wahrscheinlich berühmteste Wirtschaftsdynasie der Welt sind wohl die Rothschilds, Juden aus Frankfurt am Main, die im 19. Jahrhundert das europäische Bankenwesen beherrschten. Henry Ford begann als Ingenieur im Betrieb von Thomas Edison, arbeitete sich zu einem der grössten Automobilfabrikanten der Welt hoch, war ein radikaler Antisemit und betrachtete jede Konkurrenz als persönliche Beleidigung. Die Agnellis waren Fiat und das Symbol für den italienischen Kapitalismus schlechthin. John Davison Rockefeller wurde in einem kometenhaften  Aufstieg einer der reichsten Männer, die je gelebt haben – und verordnete seinen Kindern strikteste Enthaltsamkeit. Die Peugeots begannen mit Getreidemühlen, sattelten später auf die Metallindustrie um landeten schliesslich beim Automobil.

Die liebe Familie – man kann sie sich nun einmal nicht aussuchen. Ist es ein Fluch oder ein Segen, in eine Sippe von Wirtschaftsmagnaten hineingeboren zu werden?

12. August 2014

Der Maulkorb in der Bowle

by Gabriel Weber

Kennen Sie Heinrich Spoerl? Nein? Kennen Sie den Film Die Feuerzangenbowle? Ja? Na bitte. Diese „Loblied an die Schule, aber es ist möglich, dass die Schule es nicht merkt“ basiert auf einem Roman von Heinrich Spoerl. Die Feuerzangenbowle war einer seiner grössten Erfolge. Der erfolgreiche junge Schriftsteller Johannes Pfeiffer hat durch seinen Privatunterricht nie die Atmosphäre an einem Gymnasium kennengelernt. Das will er jetzt gründlich nachholen…

Ein anderes Werk von Spoerl ist der Roman Der Maulkorb. Eine kleine deutsche Residenzstadt vor dem Ersten Weltkrieg erbebt in ihren Grundfesten: Eines Nachts hat irgendein Witzbold das Denkmal des Landesfürsten mit einem Maulkorb versehen. Majestätsbeleidigung im höchsten Grade! Staatsanwalt Herbert von Treskow stürzt sich mit Feuereifer in die Ermittlungen. Nur seltsam, dass immer wieder Indizien auftauchen, die auf ihn, Treskow, hinweisen. Und dass er wegen reichlichen Alkoholkonsums an die fragliche Nacht überhaupt keine Erinnerung mehr hat. Richtig interessant wird die Sache, als mit dem Kunstmaler Rabanus plötzlich ein Augenzeuge auftaucht… Wenn wir alle Engel wären: Kanzleivorsteher Christian Kempenich und seine Frau Hedwig haben beide je einen Seitensprung zu verbergen. Das ist nicht so schlimm. Aber es bringt einige Turbulenzen im ehelichen Haushalt mit sich…

Heinrich Spoerl’s Gesammelte Werke sind jetzt bei buchplanet.ch erhältlich.

7. August 2014

Seavas as Wean!

by Gabriel Weber

Im Allgemeinen sind Schlager nicht mein Fall, und Schlagersänger schon gar nicht. Aber es gibt Ausnahmen, zum Beispiel den vor einigen Jahren verstorbenen Wiener Peter Alexander Neumayer, besser bekannt als Peter Alexander. Das liegt nicht nur an der Tatsache, dass dieser viele Jahre lang im Tessin lebte, sondern auch an seinem „weanarischen“ Charme, seiner Stimme und seinem umwerfenden Talent zur Imitation anderer Leute, beispielsweise Hans Moser.

Schon als Kind sang Peter (geboren am 30. Juni 1926) so gut, dass er beinahe Wiener Sängerknabe geworden wäre. Der berühmte Chor hätte ihn mit Vergnügen aufgenommen, doch Klein Peter wehrte sich mit Händen und Füssen dagegen. Erstens war ihm schon damals jede Art von Uniform zuwider und zweitens hatte er nicht das geringste Bedürfnis, zu reisen (da es ihm in Wien sehr gut gefiel).Von der Schule, in der er nicht besonders glänzte, kam Peter dann 1944 direkt nach Kopenhagen zur Marine, wo er erst recht nicht besonders glänzte. Nach dem Krieg (in dem er glücklicherweise letztlich gar nicht mehr zum Einsatz kam) und längerer Kriegsgefangenschaft bewarb er sich an einer Wiener Schauspielschule mit der Absicht, grosse tragische Heldenrollen zu spielen. Nach seinem Vorsprechen wurde er auch tatsächlich aufgenommen – allerdings als komisches Talent (da muss er irgendetwas falsch gemacht haben)… Anfangs der Fünfziger Jahre begann dann Peters grosse Karriere, nicht nur als Sänger, sondern auch als Schauspieler und Fernseh-Showmaster. Selbst am Tag seiner Hochzeit mit Hilde Hagen am 22. September 1952 nahm er eine Schallplatte auf; und weil die Aufnahme länger dauerte als geplant, schwitzte der Bräutigam im Tonstudio Blut und Wasser, während seine Braut auf dem Standesamt wartete… Aber die Ehe kam dann schliesslich doch zustande.

Diese und viele andere Geschichten erzählt der Entertainer in Gestatten, Peter Alexander (jetzt bei buchplanet.ch). Besonders empfehlenswert für Schweizer ist übrigens Peters kombinierte Wilhelm Tell/Bonanza-Parodie in dem Film Hurra, die Schule brennt.

5. August 2014

Monsieur et Madame Charlot

by Gabriel Weber

Wie schon einmal (nämlich am 30. Januar) angedeutet, bin ich ein grosser Bewunderer Charlie Chaplins. Mit entsprechender Begeisterung habe ich mich daher auf das Buch Herr und Frau Chaplin von Frederick Sands gestürzt. Der Autor, der den Filmstar persönlich kannte, erzählt darin von der nicht ganz konventionellen Ehe zwischen zwei nicht ganz konventionellen Menschen: Charles Chaplin und Oona O’Neill.

Im Jahr 1943 steckte Charlie Chaplin in der grössten Krise seines Lebens. Er war ständigen Anfeindungen der Öffentlichkeit ausgesetzt, die ihn für einen verkappten Kommunisten hielt und es ihm übel nahm, dass er nach 30 Jahren immer noch nicht amerikanischer Staatsbürger geworden war. Ausserdem war gegen ihn ein Vaterschaftsprozess im Gange und landauf, landab wurde die Ansicht verbereitet, er sei ein gieriger Lustmolch. Aber mitten in diesem ganzen Drama trat Oona O’Neill, die Tochter des amerikanischen Dramatikers und Literaturnobelpreisträgers Eugene O’Neill, in sein Leben. Schliesslich heirateten der 54jährige und die 18jährige, ein Schritt, der gewaltiges Aufsehen erregte. Eugene O’Neill sprach für den Rest seines Lebens kein Wort mehr mit seiner Tochter und für die Klatschzeitungen war Oona nur ein weiteres Opfer des dreifach geschiedenen Schürzenjägers Chaplin. Doch eine von Oonas Qualitäten war ihre unbedingte Loyalität. Sie hielt zu Charlie, ganz egal, was passierte. Sie war für ihn das, was seine früheren Gattinnen nicht gewesen waren: eine treue, zuverlässige Hausfrau, die sich um ihn kümmerte. Aus der Ehe mit dem skandalumwitterten Anfang gingen acht Kinder hervor. Charlie und Oona, die beide zuvor nie ein eigentliches Familienleben gekannt hatten, waren 34 Jahre lang (bis zu Charlies Tod 1977) sehr glücklich.

Frederick Sands berichtet aus allererster Hand über das Familienleben der Chaplins in Corsier-sur-Vevey VD. Zum Beispiel davon, dass die Kinder des Weltstars die Dorfschule besuchten (sogar mit Schweizer Kalbfell-Theks). Und davon, dass der Besuch des Zirkus Knie für die Familie Chaplin schon bald ein festes jährliches Ritual wurde.