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Archiv vom 1. Juli 2014

1. Juli 2014

Die tiefsten Abgründe menschlicher Existenz

by Gabriel Weber

Das bekannteste Werk des Literaturnobelpreisträgers William Golding ist zweifellos der Roman Lord of the Flies (Herr der Fliegen). Ich kenne dieses Buch noch aus der Schule.

Eine Gruppe von zehn- bis zwölfjährigen Schuljungen verschlägt es nach einem Flugzeugabsturz auf eine einsame Insel mitten im Ozean. Hilfe ist keine in Sicht, aber Trinkwasser und Nahrung sind auf der Insel reichlich vorhanden, so dass den Buben (es ist nämlich eine Zeit noch ohne Handys, iPhones und dergleichen) nichts anderes übrig bleibt, als sich häuslich einzurichten. Zuerst gelingt ihnen das auch leidlich; besonders einer namens Ralph legt grossen Wert darauf, dass er und die anderen Jungen nicht völlig verwildern. Aber einige Leidensgenossen fallen, fern der „Zivilisation“ und ganz auf sich allein gestellt, leider in immer primitivere Verhaltensweisen zurück. Bald bilden sich zwei Parteien, die eine angeführt von Ralph (die „Zivilisierten“), die andere von Jack (die „Wilden“). Der Kampf ums Überleben wird nach und nach zu einem Kampf zwischen den beiden Gruppen. Nicht alle Knaben werden die Insel lebend verlassen…

Zugegeben, das Buch ist ziemlich starker Tobak. Die pessimistische Grundhaltung, dass nämlich (um es mit dem englischen Philosophen Thomas Hobbes zu sagen) der Mensch „dem Menschen ein Wolf“ (Homo homini lupus) ist und sein wahres Gesicht zeigt, sobald die Fassade der Zivilisation weg fällt, ist nicht jedermanns Sache. Spätestens dann, wenn Ralph mit Speeren gejagt wird wie ein wildes Tier, möchte man an der Menschheit verzweifeln. Aber jedenfalls vermag der Roman den Leser mitzureissen. Herr der Fliegen ist kein schönes Buch, aber ein bewegendes.