Blog von buchplanet.ch | gebrauchte Bücher zu unschlagbaren Preisen

Archiv vom Juli, 2014

24. Juli 2014

Der Simpl

by Gabriel Weber

Am 4. April 1896 erschien in München die erste Ausgabe der Satirezeitschrift Simplicissimus, die schon bald berühmt werden sollte. So eine Art „Best of“ ist jetzt bei buchplanet.ch erhältlich: Das Beste aus dem Simplicissimus aus dem Jahr 1977.

Gegründet wurde der Simplicissimus (lateinisch: Superlativ von simplex „einfach, töricht, einfältig“) in München von dem Verleger Albert Langen (1869-1909). Unter seinen Mitarbeitern befanden sich u. a. Frank Wedekind (der übrigens gerade heute 150 Jahre alt wird), Ludwig Thoma und der Zeichner Thomas Theodor Heine. Der Simpl, wie er auch genannt wurde, feuerte aus allen Rohren: gegen weltliche und geistliche Obrigkeiten, gegen Spiesser, Militaristen und Sittenwächter. Ein besonderer „Freund“ der Redaktion war die preussische Eisenbahn, besonders nachdem diese den Verkauf des Simplicissimus an den Bahnhöfen verboten hatte. Die Zeitschrift mit ihren Karikaturen und Spottgedichten galt höheren Ortes als unpatriotisch, unmoralisch und als Gefahr für die heiligsten Güter der Nation (beispielsweise die Verehrung der Monarchen, die Bewunderung für das Militär oder die „Deutsche Zucht und Sittlichkeit“). Da liessen sich die Autoritäten natürlich nicht lange bitten: Ganze Auflagen des Simplicissimus wurden wegen Unsittlichkeit konfisziert und einmal musste Langen sogar eine Weile nach Frankreich ins Exil, weil gegen ihn ein Haftbefehl wegen Majestätsbeleidigung vorlag. Die letzte Ausgabe des Simpl erschien am 13. September 1944, nachdem er schon zehn Jahre zuvor von den Nazis „gleichgeschaltet“ worden war.

Einmal irrte sich der Simplicissimus auf tragische Weise: Zu Beginn des Jahres 1933 erschienen nämlich die Verse Eines lässt sich sicher sagen / und das freut uns rundherum: / Hitler geht es an den Kragen / Dieses Führers Zeit ist um!

22. Juli 2014

Knigge für Fortgeschrittene

by Gabriel Weber

Gute Manieren sind heutzutage wieder „in“. Aber was sind eigentlich gute Manieren? Das ist schwer zu definieren. Ein weiteres Problem besteht darin, dass Umgangsformen auch eine Frage des Zeitgeistes sind, sich also im Laufe der Zeit verändern. Für Leute, die wissen wollen, was in den 1950er Jahren comme il faut war, empfehle ich die Hohe Schule der Lebensart von Erna Horn.

500 Seiten Benimmregeln! Und zwar für jede Lebenslage: Für Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen, auf Reisen, im Theater bis hin zur persönlichen Körperpflege. Kein Detail wird ausgelassen. So ist beispielsweise die Frage, wer wem wann auf welche Weise vorgestellt wird, eine Wissenschaft für sich. Ähnlich verhält es sich mit dem Problem des korrekten Gehens und Sitzens. Und erst die Kleidung! Männer haben es mit ihren Anzügen ja noch recht einfach (man erinnere sich: das Buch ist aus den Fünfziger Jahren), aber für Damen ist es wesentlich komplizierter. Wann zu welchem Anlass was für ein Kleid in welcher Farbe? Mit Hut? Wenn ja, mit welchem? Und was ist mit der Frisur? Während einige Benimmregeln (etwa die, dass die jüngere Person der älteren die Tür aufhalten soll) nie aus der Mode kommen, ist der (hier noch beschriebene) Handkuss inzwischen völlig überholt.

Die Hohe Schule der Lebensart ist zum Fürchten. Es zeigt deutlich, dass man es mit den Umgangsformen auch übertreiben kann. Vermutlich wäre das Leben zu kurz, um alle in diesem Buch aufgeführten Vorschriften zu verinnerlichen. Ich frage mich, ob die Verfasserin selber stets alle angeführten Benimmregeln im Kopf hatte und auch einhielt!

17. Juli 2014

„Kein Laster und kein Verbrechen“

by Gabriel Weber

sei die Homosexualität, heisst es schon 1897 in der Gründungserklärung des Wissenschaftlich-Humanitären Komitees, einer der ersten Organisationen, die sich für die Rechte der Homosexuellen einsetzten. In ihrem Buch Out! führen Karen-Susan Fessel und Axel Schock 500 homo- oder bisexuelle Persönlichkeiten der Weltgeschichte auf.

Da sind zum einen die üblichen Verdächtigen, deren Homosexualität allgemein bekannt ist (Oscar Wilde, Harvey Milk, Liberace, Thomas Mann). Interessant fand ich aber ganz besonders die Einträge über Personen, bei denen es mir neu war (Selma Lagerlöf, Coco Chanel, John Maynard Keynes, Benjamin Britten). Diese wie auch weitere Namen (Peter Tschaikowsky, Jean Cocteau, Gertrude Stein, Vita Sackville-West, Leonard Bernstein, Greta Garbo, Hans Christian Andersen, André Gide, Andy Warhol, Sokrates, Michelangelo, Judy Garland) sollten jenen Leuten zu denken geben, die Schwule und Lesben immer noch als perversen Abschaum betrachten. „Addiert“ man den Inhalt von Out!, so stellt man fest, dass homo- und bisexuelle Menschen insgesamt einen nicht unbeträchtlichen Beitrag zur Welt- und Kulturgeschichte geleistet haben.

Übrigens werden in dem Buch auch Personen von entschieden negativem Ruhm erwähnt, etwa Ernst Röhm, der Gründer der SA, oder der Serienmörder Fritz Haarmann. Es geht nicht darum, zu beweisen, dass Homosexuelle gewissermassen „bessere Menschen“ seien, denn das sind sie nicht; aber auch keine schlechteren!

14. Juli 2014

Habermützer, Aalfüsse, Glasnägel und einen Eimer voll Pressluft

by Sara Grob

Seit heute befindet sich das Buch „Der Habermützer“ einmal in unserem Onlineshop. „Habermützer“, diesen Ausdruck findet man in keinem Lexikon, es handelt (oder handelte sich) um einen Oberaargauer Brauch. Früher alses noch keine Dreschmaschinen gab und mühsam mit dem Flegel gedroschen wurde, versuchten die Jugendlichen sich die schwere Arbeit mit allerlei Streichen zu erleichtern und abwechslungsreicher zu gestalten. Sie schickten also einen Knecht oder einen armen Güterbuben bei Sturm und kalten Wetter nach einem weit entfernten Hof um den „Habermützer“ zu holen.  Den „Habermützer“ gibt es aber gar nicht, man schickte also einen Unschuldigen in den April. Der Gefoppte erhielt vom Bauernhof einen schweren Stein oder ein Stück Holz, das er mühselig zurück schleppte. Gross war dann das Gelächter von den Anderen…

Das Buch finden Sie hier zum Preis von CHF 11.00.

Die Kurzbeschreibung dieses Buches hat mich an die „Lehrlingsscherze“ erinnert. Ich wurde in meiner Lehre nie von meiner Lehrmeisterin hereingelegt, aus Erzählungen kenne ich jedoch einige solcher Scherze. Zum Beispiel wird der Lehrling beauftragt eine neue Blase für die Wasserwaage zu besorgen oder einen 180°-Winkel. Es gibt noch viele weitere solcher Scherze, die man Ausbildungsinitiationsriten nennt. Auf Wikipedia findet sich eine grosse Liste, die Aalfüsse, die Glasnägel und der Eimer voll Pressluft werden dort ebenfalls erklärt.  Zum Wikipedia-Eintrag.

 

Buchumschlag "Der Habermützer"

Buchumschlag „Der Habermützer“

10. Juli 2014

Hokuspokus in Montevideo

by Gabriel Weber

Curt Goetz war Schauspieler, Regisseur und Schriftsteller. Er schrieb Komödien, in denen meistens er und seine Frau Valerie von Martens die Hauptrollen spielten, und hatte damit grossen Erfolg auf der Bühne, bevor er Mitte der Dreissiger Jahre mit Napoleon ist an Allem schuld ins Filmgeschäft einstieg. Während des Krieges versuchte Goetz sein Glück in Hollywood, was jedoch, wie sich herausstellte, mit seiner Arbeitsweise nicht vereinbar war. Deshalb kehrten er und Valerie schon bald nach Kriegsende wieder nach Deutschland zurück.

Manche seiner Komödien hat Goetz später auch auf die Leinwand gebracht (und damit glücklicherweise nicht nur seine Werke, sondern auch sein famoses Können als Schauspieler der Nachwelt erhalten), Zum Beispiel Hokuspokus: Bei einem aufsehenerregenden Mordprozess taucht plötzlich ein neuer Verteidiger auf, der mit seinen unkonventionellen Methoden alles durcheinanderwirbelt. Der Prozess nimmt einige überraschende Wendungen… Das Haus in Montevideo: Ein äusserst sittenstrenger Gymnasiallehrer reist einer Erbschaft wegen nach Uruguay. Dort erwartet den selbsternannten Moralapostel eine unangenehme Überraschung… Dr. med. Hiob Prätorius: Ein Arzt, der mit einer sehr ungewöhnlichen Methode, nämlich mit Humor und Menschenfreundlichkeit arbeitet, macht sich in seiner Zunft nicht unbedingt beliebt…

Goetz‘ Stücke sind wahre Feuerwerke brillanten Wortwitzes. Bei buchplanet.ch sind jetzt seine gesammelten Bühnenwerke in drei Bänden zu haben.

8. Juli 2014

Zeig mir, wie du schreibst…

by Gabriel Weber

…und ich sage dir, wie du bist. Das ist die Grundidee der Graphologie, der Lehre von der Schriftdeutung. Im Katalog von buchplanet.ch befindet sich ein Kleiner Führer durch die Graphologie von Charlotte Jäger und Richard Harder.

Die Autoren erläutern in dem Buch genau das Vorgehen bei einer graphologischen Analyse. Natürlich sollte zunächst einmal ein Schriftstück vorhanden sein; ein möglichst umfangreiches, am besten mehrere. Auch einige Informationen über den Schreiber sind wichtig, zum Beispiel wann und wo er schreiben gelernt hat. Nach einem ersten Eindrucksurteil (bei welchem wichtig ist, dass man die Schrift betrachtet und nicht etwa liest) folgen die einzelnen Schriftmerkmale: Grösse, Lage (Winkel zwischen Buchstabe und Zeile), Fülle (runde Buchstaben eher bauchig oder eher mager), Bereicherungen (Buchstaben verschnörkelt oder nicht), Oberzeichen (Position der i-Punkte usw.) und noch viele andere. Bei jedem Merkmal wird genau erklärt, wie es zu deuten ist. Füllige Buchstaben zum Beispiel bedeuten fantasievoll, aber auch wichtigtuerisch. Magere Buchstaben weisen auf Schüchternheit und Scharfsinn hin.

Ich persönlich habe immer ein bisschen Mühe, an diese Schriftdeuterei zu glauben. Meine Befürchtung ist nämlich, dass man nur lange genug hinzusehen braucht, um in einer Handschrift alles zu sehen, was man sehen will. Aber dieses Buch macht einen sehr seriösen Eindruck.

3. Juli 2014

Kinkerlitzchen

by Gabriel Weber

Die Schweiz ist eines der sehr wenigen Länder auf der Welt, die keine Orden kennen. Fast überall gibt es diese metallenen Schmuckstücke, mit denen ausgezeichnete Zeitgenossen Brust, Hals oder Hüften verzieren können. Für Sammler und solche, die es werden wollen, hat buchplanet.ch Jörg Nimmerguts Orden Europas im Angebot.

Im späten Mittelalter gingen aus den geistlichen Ritterorden (Templer, Deutscher Orden) die ersten weltlichen Ritterorden hervor, mit denen die Monarchen ihre Ritter an sich binden und sich ihre Loyalität sichern wollten (Gründung des Order of the Garter, des Hosenbandordens 1348). Diese Orden waren in der Regel dem Adel vorbehalten. Mit der „Demokratisierung“ des Staats- und Militärdienstes im 18. und 19. Jahrhundert wurden dann allgemeine, allen zugängliche Verdienstorden nötig, die üblicherweise in mehreren Stufen (meistens 3 oder 5) verliehen werden konnten (Gründung der Legion d’Honneur, der Ehrenlegion 1802).

„Man mag das Firlefanz nennen. Aber mit solchem Firlefanz lenkt man die Menschen“ hat Napoleon über das Ordenswesen gesagt. Natürlich kann man über den moralischen Wert dieser zur Schau getragenen Bedeutung geteilter Meinung sein. Fest steht jedoch, dass viele Orden von grosser historischer Bedeutung für das jeweilige Land sind, man denke nur an die französische Ehrenlegion, den englischen Hosenbandorden oder das preussische Eiserne Kreuz. Beeindruckend ist auch die Kontinuität: Orden hat es in den letzten 200 Jahren praktisch immer und überall gegeben, ihnen kann fast nichts passieren (die Ehrenlegion zum Beispiel hat seit 1802 alle Regierungswechsel in Frankreich unbeschadet überstanden; einige ehemals regierende Fürstenhäuser wie die Habsburger verleihen weiterhin ihre Hausorden). Manche Ordenskleinode haben ausserdem einen nicht zu verachtenden künstlerischen und ästhetischen Wert.

1. Juli 2014

Die tiefsten Abgründe menschlicher Existenz

by Gabriel Weber

Das bekannteste Werk des Literaturnobelpreisträgers William Golding ist zweifellos der Roman Lord of the Flies (Herr der Fliegen). Ich kenne dieses Buch noch aus der Schule.

Eine Gruppe von zehn- bis zwölfjährigen Schuljungen verschlägt es nach einem Flugzeugabsturz auf eine einsame Insel mitten im Ozean. Hilfe ist keine in Sicht, aber Trinkwasser und Nahrung sind auf der Insel reichlich vorhanden, so dass den Buben (es ist nämlich eine Zeit noch ohne Handys, iPhones und dergleichen) nichts anderes übrig bleibt, als sich häuslich einzurichten. Zuerst gelingt ihnen das auch leidlich; besonders einer namens Ralph legt grossen Wert darauf, dass er und die anderen Jungen nicht völlig verwildern. Aber einige Leidensgenossen fallen, fern der „Zivilisation“ und ganz auf sich allein gestellt, leider in immer primitivere Verhaltensweisen zurück. Bald bilden sich zwei Parteien, die eine angeführt von Ralph (die „Zivilisierten“), die andere von Jack (die „Wilden“). Der Kampf ums Überleben wird nach und nach zu einem Kampf zwischen den beiden Gruppen. Nicht alle Knaben werden die Insel lebend verlassen…

Zugegeben, das Buch ist ziemlich starker Tobak. Die pessimistische Grundhaltung, dass nämlich (um es mit dem englischen Philosophen Thomas Hobbes zu sagen) der Mensch „dem Menschen ein Wolf“ (Homo homini lupus) ist und sein wahres Gesicht zeigt, sobald die Fassade der Zivilisation weg fällt, ist nicht jedermanns Sache. Spätestens dann, wenn Ralph mit Speeren gejagt wird wie ein wildes Tier, möchte man an der Menschheit verzweifeln. Aber jedenfalls vermag der Roman den Leser mitzureissen. Herr der Fliegen ist kein schönes Buch, aber ein bewegendes.