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Archiv vom April, 2014

29. April 2014

Näher, mein Gott, zu dir

by Gabriel Weber

Am Montag, dem 15. April 1912, um ca. 2.20 Uhr bot sich im Nordatlantik ein Bild, das zu einer der „Ikonen“ des 20. Jahrhunderts werden sollte:  Ein gigantisches Schiff stand fast senkrecht im Meer, bevor es krachend entzwei barst und die beiden Teile auf Nimmerwiedersehen im Ozean verschwanden. Bilanz: rund 1500 Tote. Eine Blamage der fortschritts- und technikgläubigen Belle Epoque. Der persönliche Ruin des Reeders. Ein fast unerschöpfliches Thema für Bücher und Filme. Abenteuerliche Legenden und Verschwörungstheorien. Und eine ungeheure Faszination, die bis heute anhält. Für Interessenten hat buchplanet.ch Titanic: Der Mythos des „unsinkbaren“ Luxusliners von Geoff Tibballs im Angebot. Der Autor berichtet darin nicht nur von jener denkwürdigen Nacht, sondern auch davon, was davor und danach geschah.

Nach dem Desaster entstanden natürlich sofort allerhand Gerüchte, unter anderem war von einer absichtlichen Versenkung zwecks Versicherungsbetrug die Rede. Geradezu unheimlich muten im Nachhinein die Berichte von Menschen an, die regelrechte Vorahnungen hatten… und die Geschichte von jenem sterbenden schottischen Mädchen, das in der fraglichen Nacht von einem untergehenden Schiff phantasierte… Natürlich suchte die Öffentlichkeit nach Schuldigen. Da Kapitän Edward Smith mit seinem Schiff untergegangen war (ein höchst standesgemässer Tod für einen Seemann), entlud sich der Volkszorn über dem anderen „Chef“ an Bord, dem Verwaltungsratspräsidenten der White Star Line, J. Bruce Ismay. Dieser wurde das Image des fahrlässigen Katastrophen-Verursachers zeitlebens nicht mehr los. Selbstverständlich bleiben in dem Buch auch die vielen bewegenden Szenen nicht unerwähnt, die sich auf dem sinkenden Schiff abspielten; die Postbeamten, die bis zum bitteren Ende bei ihren Postsäcken ausharrten; die Ehepaare, die lieber gemeinsam in den Tod gingen, als dass nur einer von beiden gerettet worden wäre; der amerikanische Millionär Benjamin Guggenheim, der sich im Smoking in seine Kabine zurück zog und erklärte, „wie ein Gentleman“ zugrunde gehen zu wollen…

Die Aussagen darüber, welche Melodie das Orchester zuletzt spielte, sind widersprüchlich. Aber die Legende, es sei der Choral „Nearer, my God, to thee“ (siehe Titel) gewesen, ist so schön, dass sie sich bis heute hält. Ach ja, übrigens: Die Wäschekammern der Titanic enthielten u. a. 45’000 Servietten, in den Gastrobetrieben an Bord waren genau 400 Zuckerzangen im Gebrauch und das Schiff hatte 2’750 kg Tomaten geladen.

22. April 2014

Die spinnen, die Römer!

by Gabriel Weber

Obelix wusste es ja schon immer: Delirant isti romani (siehe oben)! Aber andererseits waren Cicero, Cäsar und Co., ebenso wie ihre Zeitgenossen, doch auch zu beachtlichen Leistungen fähig – im positiven wie im negativen Sinne. Eine Auswahl dieser Höchst- und Tiefstleistungen in Politik, Kunst etc. haben Allan und Cecilia Klynne in ihrem Buch der antiken Rekorde zusammengetragen. Hier eine kleine Auswahl:

Die einzige Frau, die jemals das Gebäude des römischen Senates betrat, war Julia Domna, die Grossmutter von Kaiser Elagabal (um 220 n. Chr.). Während der Belagerung von Ambrakia wurden die römischen Truppen von den Belagerten durch das Verbrennen von Federn (Freisetzung von Blausäuregas) in die Flucht geschlagen – der erste Einsatz von chemischen Waffen (189 v. Chr.). Die vermutlich erste Boulevardzeitung der Welt wurde 59 v. Chr. in Rom gegründet. Cäsar wurde einmal ein Junge vorgestellt, der zwar ohne Arme zur Welt gekommen war – aber mit den Zehen einen Bogen spannen konnte. Der jüngste Olympia-Sieger aller Zeiten war der zwölfjährige Damiskos (368 v. Chr.). Das Jahr 121 v. Chr. galt als bester Jahrgang für römischen Wein. Kaiser Severus Alexander (3. Jahrhundert n. Chr.) liess im Circus Ferkel und Welpen gegeneinander antreten – eine sehr humane Art der Tierhetze, da alle Beteiligten im Grunde nur spielen wollten…

Das Buch ist sehr unterhaltsam. Aber wie immer in solchen Fällen stellt sich auch hier die Frage nach der Zuverlässigkeit der Informationen. Die Autoren geben deshalb bei jedem Rekord genau an, welcher antike Autor in welchem Werk darüber geschrieben hat. Zu den wichtigsten Quellen gehören Cassius Dio, Plutarch und Plinius der Ältere.

15. April 2014

Hie gut Württemberg alleweg

by Gabriel Weber

Die Gegend jenseits des Bodensees hat zahlreiche bedeutende Poeten hervorgebracht: Friedrich von Schiller, Ludwig Uhland, Eduard Mörike, Friedrich Hölderlin… und, nicht zu vergessen, Wilhelm Hauff. Letzterer verfasste neben bekannten Kunstmärchen wie Die Geschichte vom kleinen Muck, Zwerg Nase oder Kalif Storch auch den historischen Roman Lichtenstein (ohne ie, da hier nicht vom Fürstentum Liechtenstein die Rede ist).

Herzogtum Württemberg, anno 1519: Das Land befindet sich mitten im Krieg. Der Schwäbische Bund besiegt und vertreibt den regierenden Herzog Ulrich. In diesem ganzen Getümmel bewegt sich, neben vielen anderen Abenteurern, der verarmte Ritter Georg von Sturmfeder, allerdings weniger von persönlichem Interesse angetrieben als von seiner Zuneigung zu einer jungen Dame namens Marie von Lichtenstein, die er in Tübingen kennengelernt hat und später in Ulm wiedersieht. Er steht jedenfalls auf der gleichen Seite wie seine geliebte Marie – ganz egal, welche Seite das ist, württembergisch oder bündisch. Aber die Zeiten sind äusserst verworren und der junge Georg muss erkennen, dass romantische Liebe einem in der Politik oft nicht weiterhilft…

Wenn man sich erst einmal an die altmodische und umständliche Ausdrucksweise gewöhnt hat (und wenn einem die romantische Liebesgeschichte zwischen Georg und seiner Marie nicht allzu sehr auf die Nerven geht), ist der Roman ganz spannend und interessant. Die Burg Lichtenstein, die in dem Roman eine wichtige Rolle spielt, existiert tatsächlich; auch sonst spart Hauff nicht mit Worten über die herrliche Landschaft Schwabens. Der Lichtenstein gehört zu dieser (meiner Ansicht nach) schönsten Gegend Deutschlands wie der Wilhelm Tell von Hauffs Landsmann Schiller zur Schweiz.

10. April 2014

Die saure Gurke

by Gabriel Weber

Was heisst „Cornichon“? Zum Einen: Essiggurke. Zum Anderen: Eine Stück Schweizer Geschichte.

1934 gegründet, attackierte das Cabaret Cornichon im Hotel „Hirschen“ im Zürcher Niederdorf mit Witz, Satire und vor allem viel Mut die Herrschaft der Nazis in Deutschland. Mit Textschreibern wie Max Werner Lenz und Walter Lesch, Komponisten wie Otto Weissert und Tibor Kasics, Schauspielern wie Emil Hegetschweiler, Heinrich Gretler, Elsie Attenhofer, Zarli Carigiet und Margrit Rainer (die ursprünglich an der Kasse sass) hatte das Cornichon grossen Erfolg. Aber nicht ohne Kehrseite, denn die Arbeit war gefährlich: Mehrmals gab es Ärger mit der deutschen Botschaft, die sich über die Verunglimpfung ihrer Regierung beschwerte, und die Cornichon-Mitglieder wussten genau, was ihnen im Falle eines deutschen Einmarschs geblüht hätte.

1975 gab Cornichon-Veteranin Elsie Attenhofer die Erinnerungen an ein Cabaret heraus (jetzt bei buchplanet.ch). Darin finden sich neben zahlreichen Bildern aus der Geschichte des Cabarets auch Informationen über das Ensemble, zeitgeschichtliche Notizen und – für mich das interessanteste – Texte. Sketche, Chansons und Gedichte von Lesch, Lenz und anderen, witzig, pointiert und bitterböse. „Mensch ohne Pass“, „Heissi Marroni“, „Sokrates im Kerker“… Zum Teil auch heute noch beängstigend aktuell! So schwer jene Zeit ansonsten auch gewesen sein mag – für die Schweizer Kleinkunst war sie jedenfalls ein „goldenes Zeitalter“.

8. April 2014

Drei Liter!

by Gabriel Weber

Es existieren so viele Bücher über das Dritte Reich, dass man damit eine ganze Bibliothek füllen könnte. Es gibt wohl kaum ein Detail aus jener Zeit, über das noch nichts geschrieben worden wäre. Jetzt bei buchplanet.ch: Die Reichskanzlei von 1933-1945 von H. S. Hegner aus dem Jahr 1959.

Der Vorzug dieses Buches besteht meiner Ansicht nach darin, dass der Autor nicht einfach Daten und Fakten aneinanderreiht. Stattdessen ist das Ganze mehr im Roman-Stil verfasst, wodurch der Leser alles vor seinem geistigen Auge quasi live miterleben kann, den Regierungsantritt des Kabinetts Hitler, den Reichstagsbrand, die Annahme des Ermächtigungsgesetzes, den „Röhm-Putsch“, Görings pompöse Hochzeit, die Intrigen gegen General von Fritsch… – und schliesslich  das bittere Ende im Bunker… so eine Art realer Thriller. Auf diese Weise ist Geschichte spannend! Dabei wird bei diesem Blick hinter die Kulissen der Reichskanzlei auch deutlich, wie brutal, hinterhältig und verlogen Hitler und seine Spiessgesellen vorgingen.

Bei Büchern dieser Art stellt sich immer die Frage nach der Wissenschaftlichkeit, also nach der Verlässlichkeit der Informationen. Was ist Faktum, was ist Fiktion? Dass alle Szenen, Gespräche usw., die der Autor wiedergibt, wortwörtlich historisch sind, wage ich zu bezweifeln. Aber soweit ich (als ehemaliger Geschichtsstudent) das beurteilen kann, sind die Angaben grundsätzlich korrekt.

3. April 2014

M, Mabuse und Mackie Messer

by Gabriel Weber

Der Film wurde ursprünglich in Frankreich erfunden. Heute ist Amerika die „Kino-Grossmacht“ Nr. 1. Zwischen den beiden Weltkriegen jedoch schrieb Deutschland Filmgeschichte, worüber Siegfried Kracauer in seinem Buch von Caligari bis Hitler berichtet.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs war Deutschland nicht nur militärisch, sondern auch politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich zerrüttet. Unter dem Eindruck des Chaos und der Unordnung entstanden Filme wie Das Cabinet des Doktor Caligari und Dr. Mabuse, der Spieler – Filme über verbrecherische Tyrannen, die andere Menschen ihrem Willen unterwerfen. Mabuse-Regisseur Fritz Lang inszenierte auch Metropolis (ein Meilenstein der Filmarchitektur) und M – Eine Stadt sucht einen Mörder (ein Serienmörder nicht nur als Täter, sondern auch als von Trieben gebeuteltes Opfer – damals revolutionär). Der Film sollte ursprünglich Mörder unter uns heissen und die Nazis waren angeblich sehr erleichtert, als sie erfuhren, dass damit nicht sie gemeint waren…

Ein deutscher Film wurde nicht nur ein Welterfolg, sondern begründete auch eine Weltkarriere: die des ersten deutschsprachigen Hollywood-Stars Maria Magdalena Sieber, besser bekannt als Marlene Dietrich. Der blaue Engel entlarvte nicht nur einen typischen Vertreter der spiessbürgerlichen Mittelschicht, sondern zeigte auch einen damals ganz neuen, ungewohnten Typ Frau. Diese Darstellung machte „die Dietrich“ zum internationalen Sex-Symbol.

Der Abstieg aus der Weltgeltung begann für den deutschen Film im Januar 1933. Viele Filmkünstler kehrten Deutschland den Rücken, und wer da blieb, musste sich in Zukunft von Propagandaminister Goebbels beaufsichtigen lassen. Zu den ersten Filmen, die der Bannstrahl der Nazis traf (und zwar noch bevor er auch nur einmal öffentlich gezeigt worden war) gehörte Fritz Langs Das Testament des Doktor Mabuse – ein Werk, das durchaus als Parabel auf den Zusammenbruch der Weimarer Republik und den Aufstieg des Nationalsozialismus verstanden werden kann.

1. April 2014

Grosse Klappe und etwas dahinter

by Gabriel Weber

Kein Aprilscherz: Jonathan Strouds Bartimäus: Die Pforte des Magiers, dritter Band einer mehrteiligen Saga, macht Spass.

Das Buch spielt in einem pessimistisch gezeichneten zukünftigen Grossbritannien, in dem eine Minderheit (die Zauberer) autoritär über die Mehrheit (die „gewöhnlichen“ Leute) herrscht. Auch Dämonen, Kobolde und andere magische Wesen werden von den Zauberern unterdrückt. Der Dämon Bartimäus zum Beispiel (einst einer der bedeutendsten und mächtigsten seiner Art überhaupt) steht schon seit Jahren unter der Fuchtel des jungen Zauberers John Mandrake und ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Eines Tages macht ihm die Widerstandskämpferin Kitty Jones einen ungewöhnlichen Vorschlag: „Gewöhnliche“ Menschen und  Dämonen sollen sich verbünden, um die autoritäre Regierung der Zauberer zu stürzen. Bartimäus weist diesen Gedanken entrüstet zurück; für ihn sind die Menschen allesamt brutale Sklaventreiber. Nur einen einzigen Menschen hat er im Lauf der Jahrtausende wirklich gemocht, den jungen Prinzen Ptolemäus aus dem Ägypten des 2. Jahrhunderts v. Chr. Doch irgendwie und obwohl er das nie zugeben würde sind auch Kitty und sogar Mandrake (übrigens zwei alte Bekannte) Bartimäus nicht völlig gleichgültig. Als schliesslich einige Dämonen auf eigene Faust zum Aufstand gegen die Zauberer blasen, steht Bartimäus vor einer schwierigen Entscheidung…

Zugegeben, die Handlung ist Geschmacksache. Der Hauptgrund, warum mir dieses Buch so viel Spass gemacht hat, sind die Dialoge. Bartimäus hat nämlich das, was man auf gut Schweizerdeutsch ä grossi Röhrä nennt. Er ist masslos von sich selbst  überzeugt und prahlt gern mit seinen früheren Grosstaten. Ausserdem ist er ein Zyniker reinsten Wassers und wenn er Mandrake auch gehorchen muss, so heisst das noch lange nicht, dass er diesen auch mit Respekt behandelt… Das beste sind die Fussnoten, in denen Bartimäus das Geschehen süffisant kommentiert.