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Archiv vom 20. März 2014

20. März 2014

Der Raucher vom Mississippi

by Gabriel Weber

Samuel Longhorne Clemens (1835-1910), besser bekannt als Mark Twain, wächst am Mississippi auf, in einem Milieu, das er später in seinem Roman Tom Sawyer beschreiben wird. Aus seiner Zeit als Schiffs-Lotse stammt sein Pseudonym: Mark Twain bedeutet nämlich Zwei Faden Wassertiefe.

Mein persönlicher Lieblings-Twain ist der historische Roman Prinz und Bettelknabe (The Prince and the Pauper). 1537 kommen in London zwei Jungen zur Welt.  Der eine, Edward Tudor, ist der lange ersehnte Sohn und Erbe König Heinrichs VIII. Der andere, Tom Canty, ist ein ganz ohne Enthusiasmus begrüsstes weiteres hungriges Maul in einer Bettlerfamilie. Zehn Jahre später lernen sich die beiden Jungen per Zufall kennen und tauschen im Privatgemach des Prinzen spasseshalber die Kleider. Dann machen sie vor dem Spiegel eine erstaunliche Entdeckung: Sie ähneln sich derart wie ein Ei dem anderen, dass man sie unbekleidet kaum auseinander halten könnte. Gleich darauf wird Edward in Toms Lumpen als angeblicher Bettler in hohem Bogen auf die Strasse geworfen, während Tom in Samt und Seide als angeblicher Prinz von Wales im Palast zurückbleibt… An dieser Geschichte fasziniert mich der Gedanke, dass im Grunde alles nur Schein, nur Äusserlichkeit ist – und wie leicht man unseren Begriff von „Normalität“ hinterfragen kann. Edward (der sich in der Gosse als Prinz zu erkennen gibt) und Tom (der im Palast darauf besteht, ein Bettler zu sein) werden beide für verrückt gehalten, obwohl sie doch nichts als die reine Wahrheit sagen…

1878 unternimmt Mark Twain eine Reise nach Europa – teils zu Fuss, teils per Eisenbahn. Davon berichtet er in Bummel durch Europa (A Tramp abroad). In Frankreich wird er Zeuge eines Duells, in Deutschland lernt er Richard Wagners Musik kennen und hassen. Auch die Schweiz gehört zu seinen Reisezielen. Twain besucht das Löwendenkmal in Luzern, wandert vom Berner Oberland über den Gemmipass ins Wallis und möchte vor allem das Nonplusultra erleben: Einen alpinen Sonnenaufgang auf der Rigi. Aber das erweist sich als gar nicht so einfach. Schon während des Aufstiegs geht alles schief, was schief gehen kann; und selbst nach der Ankunft im Hotel Rigi-Kulm sind mehrere Anläufe nötig, bis es (vielleicht) klappt… Auch die Besteigung des Riffelbergs bei Zermatt hat ihre Tücken. Diese Besteigung ist eigentlich ganz einfach und dauert nur einige Stunden; Aber Twain, ausgerüstet wie für eine mehrmonatige Polarexpedition, bringt es fertig, das Unternehmen auf eine Woche auszudehnen. (Wichtiger Hinweis: Diese Reiseerlebnisse sind übertrieben, überspitzt und ausgeschmückt. Ich bezweifle, dass Mark Twain sich wirklich so dumm angestellt hat.)