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Deutschland, Deutschland über alles?

von Gabriel Weber

Der Untertan von Heinrich Mann (1871-1950) ist einer der Romane, die ich ganz besonders schätze.

Diederich Hessling, Sohn eines Papierfabrikanten aus der fiktiven preussischen Kleinstadt Netzig, lernt schon früh, wie man im wilhelminischen Deutschland Karriere macht. In der Schule, beim Studium in Berlin, in der Verbindung, im Militär – es ist überall dasselbe. Als Diederich schliesslich nach Abschluss seines Studiums nach Netzig zurückkehrt, um die väterliche Fabrik zu übernehmen, ist er ein Untertan, wie Seine Majestät Kaiser Wilhelm II. ihn sich gar nicht besser wünschen könnte: Chauvinistisch, autoritätsgläubig, obrigkeitshörig, voller Bewunderung für Seine Majestät und voller Hass auf alle Andersdenkenden. Diederich imitiert den Kaiser nicht nur puncto Schnurrbart, sondern auch puncto grossspurige Phrasendrescherei. So macht er sich bei den Autoritäten beliebt und hält sich für das Katzbuckeln vor den Höheren an seinen Untergebenen schadlos. Dramatischer Höhepunkt der Handlung ist ein Prozess wegen Majestätsbeleidigung.

Was mich am meisten entrüstet hat, ist die verlogene Doppelmoral; Diederich schwärmt vom Militär, versucht aber alles, um sich vor dem Dienst zu drücken; Er schimpft über die Sozialdemokraten, scheut sich aber nicht, mit ihnen zusammenzuarbeiten, solange es seinen persönlichen Interessen dient; und er wird kopfscheu, sobald ihm jemand entschlossen entgegentritt. Kurt Tucholsky nannte den Untertan das „Herbarium des deutschen Mannes“ und tatsächlich überrascht es einen nicht, dass Deutschland, getragen von dieser Denkweise, in zwei Weltkriege zog. Doch leider ist diese Sorte Mensch weder auf Deutschland noch auf die Zeit Wilhelms II. beschränkt. Bis zum heutigen Tag bevölkern unzählige Diederich Hesslings beiderlei Geschlechts die Welt. Das ist sehr gefährlich…

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