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Archiv vom Februar, 2014

27. Februar 2014

Von Baronen, Direktoren und anderen Zeitgenossen

by Gabriel Weber

Das Grand Hotel in Berlin: Ein Haus der Luxusklasse. Gut betuchte Gäste kommen, gut betuchte Gäste wohnen, gut betuchte Gäste gehen. Nach aussen hin ist alles blitzblank. Aber zuweilen wirbelt ein Aufenthalt im Grand Hotel das Leben verschiedener Menschen so durcheinander, dass kein Stein auf dem anderen bleibt. Davon erzählt Vicki Baum in ihrem Roman Menschen im Hotel von 1929.

Da ist zum Beispiel Otto Kringelein, Buchhalter in einer sächsischen Textilfabrik, ein einfacher, braver kleiner Angestellter. Da er todkrank ist und wahrscheinlich nicht mehr lange zu leben hat, hat er seine ganzen Ersparnisse abgehoben, um seine letzten Wochen so richtig zu geniessen. Er steigt im Grand Hotel ab, jenem Hotel, in dem auch sein oberster Chef, Generaldirektor Preysing, logiert. Dieser hat auch seine Sorgen – seine Firma steht kurz vor dem Ruin, nur eine günstige Fusion kann sie noch retten. Dann ist da noch die Ballerina Grusinskaja, die gegen das Ende ihrer Karriere ankämpft und auf Baron von Gaigern stösst. Dieser charmante junge Mann von Welt hat allerdings etwas zu verbergen… Fräulein Flamm, genannt Flämmchen, ihres Zeichens Sekretärin, wird demnächst einen äusserst bedeutsamen Moment erleben. Und mittendrin sitzt der Kriegsveteran Dr. Otternschlag, Dauergast im Grand Hotel, tagtäglich in der Hotelhalle und wartet darauf, dass endlich etwas passiert.

Menschen im Hotel wurde sofort ein Bestseller und begründete Vicki Baums internationalen Ruf als Autorin gehobener Unterhaltungsliteratur. Was mich an dem Buch fasziniert, ist die Darstellung des Mikrokosmos „Hotel“, in dem die unterschiedlichsten Menschen für kurze Zeit aufeinander treffen, Leute, die sich sonst vermutlich niemals getroffen hätten. Mein Lieblingscharakter ist der gute Kringelein, der, in der Gewissheit seines baldigen Todes, nach und nach seine Hemmungen ablegt. Erwähnt werden sollte hier auch noch die Verfilmung dieses Romans aus dem Jahr 1932, Grand Hotel mit Greta Garbo (Grusinskaja), Joan Crawford (Flämmchen) sowie John (Gaigern) und Lionel Barrymore (Kringelein).

26. Februar 2014

Eloisa Cartonera in Buenos Aires

by Sara Grob

REISEERINNERUNG VON SARA GROB

Dies ist der erste Bericht meiner Argentinienreise. Passenderweise hat eine Mitarbeiterin von buchplanet.ch diesen Beitrag in die spanische Sprache übersetzt. Herzlichen Dank!

In Buenos Aires fielen mir sofort die Cartoneros (der Ausdruck stammt vom Wort Karton) auf. Mit dreirädrigen Karren ziehen sie durch die Strassen der Grossstadt und suchen im Müll nach verwertbaren Gegenständen. Man sagt, dass man anhand der Anzahl Cartoneros sehr gut abschätzen kann, wie es der Wirtschaft von Argentinien gerade geht.
Die Cartoneros verkaufen die eingesammelten Güter an die Sammelstellen für Wertstoffe und erzielen so ein sehr bescheidenes Einkommen.

Im Jahr 2003 gründete der argentinische Schriftsteller Washington Cucorto gemeinsam mit Javier Barilaro (bildender Künstler)  die Verlagskooperative Eloisa Cartonera.
Das besondere an diesem Verlag ist der soziale und ökologische Hintergrund (wie bei buchplanet.ch!). Die Kooperative kauft den Cartoneros den Karton um ein Vielfaches des Marktpreises ab. In der Werkstatt von Eloisa Cartonera wird der Karton von Mitarbeitern zurecht geschnitten und bunt bemalt, er wird als Einband für das Buch verwendet. Die Bücher werden teils gedruckt, teils kopiert.
Die Mitarbeiter bei Eloisa Cartonera sind ehemalige Cartoneros, Arbeitslose, Ehrenamtliche oder Künstler, die das Projekt unterstützen.

Anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2010 (Argentinien war Gastland), fand ein Fussball-Freundschaftsspiel zwischen der argentinischen Autorennationalmannschaft und der deutschen Autorennationalmannschaft statt. Zu diesem Zweck veröffentliche Eloisa Cartonera ein zweisprachiges Buch mit dem Titel „Resto del Mundo – Rest der Welt“, die Fussball-Kurzgeschichten wurden von den Spielern verfasst.
Der Grossteil der Bücher von Eloisa Cartonera sind aber in spanischer Sprache.

Die Bücher von Eloisa Cartonera sind auch in einigen Buchhandlungen in Buenos Aires erhältlich. Die grösste Auswahl gibt es in der Werkstatt von Eloisa Cartonera.
Die Adresse lautet: Aristóbulo del Valle 666, La Boca, Buenos Aires

Wir dachten, dass wir den Einkauf in der Verlagskooperative mit einem Ausflug zum „Caminito“ (die bekannten farbigen Häuser beim Hafen) verbinden könnten. Im Caminito fühlte ich mich gar nicht wohl, es ist sehr touristisch und die Stimmung dort ist sehr hektisch. Zu Fuss machten wir uns dann auf die Suche nach der Werkstatt.

Die bekannten farbigen Häuser beim Caminito und einige Touristen.

Die bekannten farbigen Häuser beim Caminito und einige Touristen.

„Aristóbulo del Valle“ war leider auf unserer Karte nicht eingezeichnet, nach Gefühl schlenderten wir also einmal los. Das Boca-Viertel hat nicht gerade den besten Ruf. Uns fiel auf, dass es in den Strassen dieses Quartiers viel weniger Autos hatte als in anderen Vierteln. Der Kontrast zwischen dem Caminito und den normalen Boca-Strassen war extrem, so farbig wie im Caminito sind die Häuser sonst nirgends.

 

Normale, nicht touristische, Strasse im Boca-Quartier

Normale, nicht touristische, Strasse im Boca-Quartier

Auf dieser Fotografie erkennt man sehr gut, wie diese Häuser hergestellt wurden. Der Kontrast zwischen den zwei Autos ist auch interessant.

Auf dieser Fotografie erkennt man sehr gut, wie diese Häuser hergestellt wurden. Der Kontrast zwischen den zwei Autos ist auch interessant.

Wir fragten dann eine Arbeitergruppe, die gerade Pause hatte, nach dem Weg. Sie erklärten uns den Weg und warnten uns dies zu Fuss zu machen, wir sollen doch ein Taxi nehmen. Mit viel Gottvertrauen und etwas Naivität setzten wir unseren Weg zu Fuss fort.
Endlich fanden wir die Werkstatt von Eloisa Cartonera. Sie ist etwa 2 Minuten vom Boca-Stadion entfernt.

Das Fussballstadion von La Boca, Spitzname: La Bombonera, die Pralinenschachtel.

Das Fussballstadion von La Boca, Spitzname: La Bombonera, die Pralinenschachtel.

Eine ehemalige Cartonera bediente uns, mit Händen und Füssen konnten wir uns auch ein wenig mit ihr austauschen. Ich kaufte mir einige Bücher, die ich gar nicht verstehe. Ein Kinderbuch, das weiter unten noch genauer vorgestellt wird, ein Gedichtband von Cristian Aliaga (zwei Gedichte davon finden Sie weiter unten) und eine Kurzgeschichte von Alan Pauls. Im Angebot haben sie auch ein Notizbuch, das sogar einen Schutzumschlag hat. Vom Notizbuch kaufte ich für mich ein Exemplar und eines für unsere Freunde von altbooken.

Das Notizbuch wurde in einen wiederverwertete Plastik eingepackt und oben mit einem Karton (Bosch!) verschlossen.

Das Notizbuch wurde in einen wiederverwertete Plastik eingepackt und oben mit einem Karton (Bosch!) verschlossen.

Drei spanische Bücher.

Drei spanische Bücher.

Die Rückseite der Bücher ist nicht bemalt. Dieser Karton wurde für Alfajores benutzt, Alfajores ist eine süsse, argentinische Delikatesse.

Die Rückseite der Bücher ist nicht bemalt. Dieser Karton wurde für Alfajores benutzt, Alfajores ist eine süsse, argentinische Delikatesse.

 

Eloisa Cartonera ist eine Erfolgsgeschichte, die ihre Kreise immer weiter zieht. In anderen Teilen von Südamerika sind ebenfalls Verlagskooperativen entstanden. In einem Artikel der FAZ aus dem Jahr 2010 las ich, dass es nun sogar in China eine Filiale von Eloisa Cartonera gäbe.

Im Internet findet man verschiedene Berichte über Eloisa Cartonera und im youtube findet man auch einige Videos (in spanischer Sprache).

Ich wünsche Eloisa Cartonera weiterhin viel Glück und Erfolg auf ihrem farbigen Weg.

Zur Homepage von Eloisa Cartonera

Zwei Gedichte aus dem Buch „La Suciedad del Color Blanco“ (Die Schmutzigkeit der Farbe Weiss) von Cristian Aliaga, netterweise übersetzt von meiner Mitarbeiterin.

Dónde arranca la mente

Dónde arranca la mente a componer la forma, la que no existe todavía, en su imagen lejana. Dónde existe la marca de fósforo que no sabemos retener, disciplinar, repetir. Otro pensamiento se pierde a velocidad de astros y mi mente vuelve a recrear con leves matices la historia conocida, el tic del autista, la tristeza de una frase estúpida y preconcebida.

Cristian Aliaga

Wo beginnt der Geist

Wo beginnt der Geist um die Form zu bilden, diese die noch nicht existiert, in seinem fernen Bild. Wo existiert die Phosphormarke die wir nicht zurückhalten wissen, nicht disziplinieren können, nicht wiederholen.  Anderer Gedanke geht verloren mit der Geschwindigkeit der Sterne und mein Geist mit leichten Nuancen erstellt wieder die bekannte Geschichte, der Tic der Autist, die Traurigkeit eines vorgefassten dumme Phrase.

Cristian Aliaga

Cómo administrar la pena

Cómo administrar la pena.
Lo que preexiste
a cada amanecer.
El choque con un despertar
A nuestro propio recuerdo.

Cristian Aliaga

Wie verwaltet man die Qual

Wie verwaltet man die Qual
Was bereits vorhanden
vor Jedem Tagesanbruch.
Der Zusammenstoss mit einem Erwachen
mit unserer eigenen Erinnerung.

Cristian Aliaga

Buchcover "La Tortuga Gigante"

Buchcover „La Tortuga Gigante“

LA TORTUGA GIGANTE
(Cuentos de la selva, 1918)

Die Riesenschildkröte
(Dschungel-Geschichten 1918)

En este libro, el genio del escritor Horacio Quiroga supo captar la otra cara de la selva, la que sirve de escenario de grandes y emocionantes aventuras iluminadas por la naturaleza en todo su esplendor. Quiroga escribió estas historias para los lectores jóvenes en un leguaje fresco y lleno de humor. Estos cuentos encantan a los niños, proveen la oportunidad de despertar el gusto por la lectura y estimulan el respeto por la naturaleza.

In diesem Buch das Genie, der Schriftsteller Horacio Quiroga hat  das andere Gesicht des Dschungels erfasst, diese die für grosse  und spannende Abenteuer ist,  beleuchtet von der vollen Natur in seiner ganzen Pracht. Quiroga hat diese Geschichte für Kinder und Jugendliche geschrieben in eine frischen und humorvollen Art. Kinder und Jugendliche sind begeistert, es fördert das Lesevergnügen und den Respekt vor der Natur.

Klicken Sie auf „Weiterlesen“ um diesen Beitrag in spanischer Übersetzung zu lesen

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25. Februar 2014

Der Geist, der stets verneint

by Gabriel Weber

Nach Thomas und Heinrich kommt jetzt noch ein weiteres Mitglied der Familie dran: Klaus Mann (1906-1949).

Mephisto ist die Geschichte des Schauspielers Hendrik Höfgen, der sich gerade in Spanien aufhält, als Hitler Reichskanzler wird. Was soll Höfgen tun? Die Nazis widern ihn an, ausserdem hat er in der Vergangenheit mit der politischen Linken Kontakt gehabt… Doch er kann sich nicht zur Emigration entschliessen. Nach Berlin zurückgekehrt, beginnt Hendrik, die Bekanntschaft mit seiner Kollegin Lotte Lindenthal wieder aufzuwärmen. Diese ist nämlich die Freundin (und später die Gattin) eines gewissen prunksüchtigen Luftwaffenoffiziers, der unter dem neuen Regime Preussischer Ministerpräsident geworden ist. Über Lotte erhält Hendrik Zugang zur Macht – und protegiert von der dicken Nummer 2 im Staate beginnt für ihn eine glänzende Karriere. Der brillante Schauspieler und Regisseur unterdrückt seine Skrupel, redet sich ein, doch nur ein unpolitischer Künstler zu sein, und erkennt zu spät, dass sein Lieblingsstück Faust gewissermassen Wirklichkeit geworden ist – mit ihm als Faust…

Klaus Mann hat immer wieder bestritten, in seinem Roman ganz bestimmte Personen porträtiert zu haben. Aber die Parallelen sind allzu offensichtlich. Sein Ex-Schwager Gustaf Gründgens (von 1926 bis 1929 mit Klaus‘ Schwester Erika Mann verheiratet) war der erfolgreichste Schauspieler des dritten Reichs; trotz grosser Bedenken wollte er nicht auf seine Karriere in Deutschland verzichten; seine Paraderolle war, wie bei Höfgen, der Mephisto in Goethes Faust. Gefördert wurde er von dem eitlen, prachtliebenden „Fliegergeneral“ (Göring) und dessen Frau, einer ehemaligen Schauspielerin (Emmy Sonnemann), wesentlich schwieriger war seine Beziehung zum „Propagandaminister“ oder „Reklamechef“ (Goebbels).

Das Bemerkenswerte an Mephisto ist meiner Ansicht nach die Tatsache, dass der Roman bereits 1936 erschien; Klaus Mann war damit wohl einer der allerersten Schriftsteller, die sich literarisch mit dem Dritten Reich befassten – und er attackiert „den Führer, den Dicken und den Hinkenden“ mit herzerwärmendem, bissigem Spott. Gründgens hat sich übrigens sein Leben lang gegen diesen Roman gewehrt.

20. Februar 2014

Die jüngsten Botschafter Österreichs

by Gabriel Weber

Im Augarten-Palais sind sie zuhause, wenn sie nicht gerade die Welt bereisen: Die Wiener Sängerknaben. Diese „Goldkehlchen“ in ihren Matrosenanzügen sind – und zwar zu Recht – der Stolz Wiens. ich selbst hatte schon einmal das Vergnügen, den berühmtesten Knabenchor der Welt live zu erleben, nämlich im Dezember 2012 in der St. Laurenzenkirche in St. Gallen – ein unvergessliches Erlebnis.

Gegründet wurde der Chor in seiner heutigen Form erst 1924, er geht jedoch unmittelbar auf die kaiserlichen Hofsängerknaben zurück, deren Geschichte bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Zum 50jährigen Jubiläum hat der ehemalige Sängerknabe Franz Endler ein Buch veröffentlicht (Die Wiener Sängerknaben – Aus der Hofburgkapelle in die Welt, jetzt bei buchplanet.ch), in dem er von Vergangenheit und Gegenwart „seines“ Chors berichtet. Sonntägliche Messen in der Hofburgkapelle, Auftritte im Musikverein und ihm Konzerthaus, gelegentliche Mitwirkung beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker oder bei Inszenierungen der Staatsoper – und natürlich Tourneen. Der Vienna Boys Choir füllt Säle in aller Welt, von Paris bis Tokio. Gekrönte und ungekrönte Staatsoberhäupter, Päpste und Filmstars gehören zu seinen Fans. Dabei haben die Sängerknaben keineswegs nur klassische Werke aus Europa im Repertoire, sondern es werden (leicht adaptiert) auch zeitgenössische und aussereuropäische Werke interpretiert. Und irgendwann beginnt dann das „Mutieren“, das berühmt-berüchtigte Kratzen im Hals, das jede Sängerknaben-Karriere beendet…

Ich hoffe, dass die Sängerknaben vom Augarten (es sind, nebenbei bemerkt, bei weitem nicht nur Österreicher) noch viele Jahre lang die Welt bezaubern werden. Übrigens: Warum tragen die Wiener Sängerknaben eigentlich Matrosenanzüge? Ganz einfach: Die waren zur Zeit der Neugründung des Chors 1924 der letzte Schrei für kleine Buben.

18. Februar 2014

Eine Box, die es in sich hat

by Gabriel Weber

Wie meinem geschätzten Lese-Publikum mittlerweile bekannt sein dürfte, habe ich nun einmal eine Schwäche für englische Kinderbücher. Ein weiteres Beispiel dafür ist John Masefields Das magische Kästchen (The Box of Delights) aus dem Jahr 1935.

Der Junge Kay Harker kommt kurz vor Weihnachten aus dem Internat nach Hause. Diese Weihnachtsferien wird er wohl nicht so bald vergessen. Unterwegs lernt er nämlich mehrere seltsame Leute kennen: einen geheimnisvollen alten Puppenspieler und zwei dubiose Geistliche. Zuhause häufen sich die ungewöhnlichen Vorfälle. Wölfe sind in der Gegend unterwegs, Geistliche verschwinden reihenweise und eines Tages wird der alte Puppenspieler vor Kays Augen entführt. Kurz zuvor hat der alte Mann aber noch Gelegenheit, Kay ein mysteriöses Holzkästchen zu übergeben, das ungeahnte magische Schätze enthält. Und Kay muss feststellen, dass ein Mann namens Abner dieses Kästchen unbedingt haben will – und vor nichts zurückschreckt, um es zu bekommen…

Das ist eine Weihnachtsgeschichte der ganz besonderen Art. Ohne genau zu wissen, worum es eigentlich geht, stellt Kay sich mutig der Herausforderung, Abner von dem Kästchen fernzuhalten und gleichzeitig den Puppenspieler zu befreien. Dabei erweisen sich die Eigenschaften des magischen Kästchens als sehr nützlich. Wer das audiovisuelle Kulturgut dem gedruckten vorzieht, dem sei die sechsteilige Fernseh-Verfilmung der BBC wärmstens empfohlen.

13. Februar 2014

Deutschland, Deutschland über alles?

by Gabriel Weber

Der Untertan von Heinrich Mann (1871-1950) ist einer der Romane, die ich ganz besonders schätze.

Diederich Hessling, Sohn eines Papierfabrikanten aus der fiktiven preussischen Kleinstadt Netzig, lernt schon früh, wie man im wilhelminischen Deutschland Karriere macht. In der Schule, beim Studium in Berlin, in der Verbindung, im Militär – es ist überall dasselbe. Als Diederich schliesslich nach Abschluss seines Studiums nach Netzig zurückkehrt, um die väterliche Fabrik zu übernehmen, ist er ein Untertan, wie Seine Majestät Kaiser Wilhelm II. ihn sich gar nicht besser wünschen könnte: Chauvinistisch, autoritätsgläubig, obrigkeitshörig, voller Bewunderung für Seine Majestät und voller Hass auf alle Andersdenkenden. Diederich imitiert den Kaiser nicht nur puncto Schnurrbart, sondern auch puncto grossspurige Phrasendrescherei. So macht er sich bei den Autoritäten beliebt und hält sich für das Katzbuckeln vor den Höheren an seinen Untergebenen schadlos. Dramatischer Höhepunkt der Handlung ist ein Prozess wegen Majestätsbeleidigung.

Was mich am meisten entrüstet hat, ist die verlogene Doppelmoral; Diederich schwärmt vom Militär, versucht aber alles, um sich vor dem Dienst zu drücken; Er schimpft über die Sozialdemokraten, scheut sich aber nicht, mit ihnen zusammenzuarbeiten, solange es seinen persönlichen Interessen dient; und er wird kopfscheu, sobald ihm jemand entschlossen entgegentritt. Kurt Tucholsky nannte den Untertan das „Herbarium des deutschen Mannes“ und tatsächlich überrascht es einen nicht, dass Deutschland, getragen von dieser Denkweise, in zwei Weltkriege zog. Doch leider ist diese Sorte Mensch weder auf Deutschland noch auf die Zeit Wilhelms II. beschränkt. Bis zum heutigen Tag bevölkern unzählige Diederich Hesslings beiderlei Geschlechts die Welt. Das ist sehr gefährlich…

11. Februar 2014

Eine solche Jugend ist schwer

by Gabriel Weber

Wenn es auch nur einen einzigen Deutschschweizer Jugendbuchklassiker gibt (einmal abgesehen von Heidi), dann ist dies wohl Klaus Schädelins Mein Name ist Eugen.

Der fast dreizehnjährige Eugen lebt an der Herrengasse in Bern. Die jungen Leute von heute (bzw. von 1955) haben es nicht leicht. Eltern, Lehrer und andere verdächtige Subjekte haben einfach kein Verständnis für die Bedürfnisse eines Schweizerbuben – da nützt alles brav sein nichts. Deshalb müssen Eugen und sein Freund Franz, genannt Wrigley, sich öfters etwas einfallen lassen. Wird ein Kostüm für eine Tante in einem Theaterstück benötigt? Kein Problem, schliesslich wohnt im gleichen Haus Tante Melanie mit einem ganz Schrank voller Kleider. Zu dumm, dass besagte Tante bei der Aufführung im Publikum sitzt… Und was können brave Buben schon dafür, wenn im Museum ein Helm so provokativ aussieht, dass man ihn einfach aufprobieren muss? Und dass man den blöden Helm hinterher nicht mehr los wird, hat einem ja schliesslich auch niemand gesagt (Ich weiss nicht, ob diese Geschichte wirklich auf Schädelins Mit-Gymnasiasten Richard von Weizsäcker zurückgeht, aber wenn das nicht wahr ist, ist es jedenfalls gut erfunden)… Ganz zu schweigen davon, dass der Weg vom Tessin nach Zürich per Velo nun einmal mit Versuchungen (beispielsweise Turmuhren) gepflastert ist …

Eugen berichtet „frisch von der Leber weg“, grammatikalisch nicht immer korrekt und mit unzähligen Helvetismen gespickt. Und genau das macht, neben der Nostalgie, den Charme dieses Buches aus. Eine weitere fast unerschöpfliche Quelle des Witzes sind Wrigleys (in der Regel erfolglose) Versuche, Beispiele seiner hohen Bildung zum Besten zu geben…

6. Februar 2014

Nietzsches Ariadne

by Gabriel Weber

Um den Jahreswechsel 1888/1889, kurz vor seinem psychischen Zusammenbruch, schickte Friedrich Nietzsche in Turin einige Zeilen an Cosima Wagner in Bayreuth. Und in einem Brief an Jacob Burckhardt (dem letzten, den Nietzsche je schrieb) heisst es: „Der Rest für Frau Cosima… Ariadne.“

Cosima Wagner, geschiedene von Bülow, geborene Liszt (1837-1930) war eine faszinierende Frau. In Como geboren, war sie die uneheliche, aber legitimierte Tochter Franz Liszts und der französischen Gräfin Marie d‘ Agoult. 1857 heiratete sie den Dirigenten Hans von Bülow, einen Schüler ihres Vaters, und bekam später zwei Töchter, Daniela und Blandine. Cosimas dritte Tochter, Isolde (geboren 1864), war bereits das Kind eines gewissen Richard Wagner, den sie 1857 in Zürich kennengelernt hatte. Nach Jahren der ménage à trois trennte Cosima sich endgültig von ihrem Mann und heiratete Wagner nach der Scheidung 1870. Sie schenkte ihm noch zwei Kinder, Eva (1867) und Siegfried (1869).

Durch die Ehe mit Wagner fand Cosima quasi ihre „Privatreligion“. Fortan lebte sie nur noch für ihn, sie liebte ihn nicht nur, sie betete ihn regelrecht an. Nach seinem Tod 1883 war sie so verzweifelt, dass ihre Angehörigen einen Suizid befürchteten. Stattdessen übernahm sie die Leitung der Bayreuther Festspiele. Neben den Festspielen „leitete“ sie auch den Personenkult um Wagner und hatte grossen Anteil daran, dass die Wagnerianer in den folgenden Jahrzehnten eine geradezu sektenähnliche Gemeinde wurden, nationalistisch, antisemitisch und voller Verehrung für den „Meister“ Wagner, die „Meisterin“ Cosima und den „Meistersohn“ Siegfried.

Was mich an Cosima fasziniert (neben ihrer bewegten Familiengeschichte) ist ihre Widersprüchlichkeit. Wie kam die in Italien geborene und in Paris aufgewachsene Tochter eines Ungarn und einer Französin dazu, so „deutschnational“ zu werden? Warum hielt diese intelligente, musikalische und hochgebildete Frau störrisch an der „männlichen Erbfolge“ in Bayreuth fest und betrachtete sich selbst im Grunde nur als Regentin für ihren unmündigen Sohn? Als Lektüre empfehle ich „Herrin des Hügels“ von Oliver Hilmes.

4. Februar 2014

Das bisschen Garten, oh wie wohl das tut

by Gabriel Weber

Nach Edith Nesbit (26. November 2013) muss ich nun auch noch einer anderen britischen Kinderbuchautorin ein Kränzchen winden: Frances Hodgson Burnett. Ihr wohl bekanntestes Werk ist Little Lord Fauntleroy (Der kleine Lord), aber mein persönlicher Favorit ist The Secret Garden (Der geheime Garten).

Nordengland, zu viktorianischer Zeit: Nach dem Tod ihrer Eltern kommt Mary Lennox, bisher in der Kronkolonie Indien aufgewachsen, nach Misselthwaite Manor, dem herrschaftlichen Landsitz ihres Onkels in Yorkshire. Die kleine Mary ist ein äusserst unsympathisches Mädchen, griesgrämig und herrschsüchtig; ihre Eltern haben sich nie für sie interessiert und überliessen sie devoten indischen Dienstboten, die das Kind hoffnungslos verzogen und verhätschelten. In Misselthwaite scheint Mary zunächst vom Regen in die Traufe zu kommen: ihr depressiver Onkel hält sie von sich fern, für die gestrenge Hausdame Mrs. Medlock ist das Waisenkind nichts weiter als eine zusätzliche Belastung und über die seltsamen Schreie und das Weinen, das Mary manchmal hört, will ihr niemand Auskunft geben.

Doch im Laufe der Zeit macht Mary in und um Misselthwaite allerhand Entdeckungen. Im Park befindet sich ein geheimnisvoller, ummauerter Garten, der schon seit Jahren verschlossen ist; dann ist da der sympathische Naturbursche Dickon, der alles über die Pflanzen und Tiere von Yorkshire weiss; und schliesslich entdeckt Mary eines Nachts ihren Vetter Colin Craven, der, offenbar an Hypochondrie leidend, sein Leben fast ausschliesslich im Bett verbringt, in der festen Überzeugung, bald zu sterben. Ausserdem ist er beinahe noch griesgrämiger und herrschsüchtiger als seine Cousine. Mary kümmert sich gemeinsam mit Dickon um den vernachlässigten Garten. Sie ahnt, dass diese Tätigkeit nicht nur ihr selbst gut tut, sondern vielleicht auch Colin helfen könnte…

Als klassischer „Stubenhocker“ habe ich das ganze Theater wegen diesem Garten nie so recht begriffen. Diese Welt ist mir völlig fremd. Aber ich verstehe, dass so ein „Projekt“ jemanden, der wie Colin und ich an einer schweren Angsterkrankung leidet, aus seiner Lähmung befreien kann. Ich schätze das Buch The Secret Garden, weil ich mich nur allzu gut einfühlen kann in Colins deprimierte Verzweiflung (wenn ich auch hoffentlich nie so ein Ekel war). Ich kann nur hoffen, dass ich vielleicht eines Tages auch so einen „Garten“ finde.