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Archiv vom Januar, 2014

30. Januar 2014

Mit Stock, Schnauz und Melone

by Gabriel Weber

Die Zuschauer, die sich anno 1914 den Film Kid Auto Races at Venice ansahen, ahnten vermutlich nicht, dass sie gerade die Geburt einer Legende miterlebten. Immer wieder tauchte in dem Film ein kleiner Mann mit einem schwarzen Schnauzbart unter der Nase auf; mit einer Melone, einem Bambusstock, zu weiten Hosen und zu grossen Schuhen drängte er sich immer wieder vor die Kamera…

Sir Charles Spencer Chaplin KBE (1889-1977), besser bekannt als „Charlie“, gehört zweifellos zu den berühmtesten und bedeutendsten Filmschauspielern aller Zeiten – und das als reiner künstlerischer Autodidakt! Mit seinem „Tramp“ hat er eine Kunstfigur geschaffen, die heute noch auf der ganzen Welt bekannt ist. Über 20 Jahre und über 50 Filme  lang hat sich das Äussere des „Tramps“ nur geringfügig verändert. Innerlich hingegen wandelte er sich langsam vom brutalen Egoisten zum gutmütigen Romantiker. Doch Charlie konnte auch ohne den „Tramp“ komisch sein, wie seine späten Filme beweisen (Monsieur Verdoux, Limelight, A King in New York). Weder das Aufkommen des Tonfilms noch der Abschied von der Figur des „Tramps“ schadeten seiner künstlerischen Tätigkeit. Chaplins Slapstick, mit viel Körpereinsatz und unter ständiger Zweckentfremdung von Gegenständen, ist so charakteristisch, dass es heute sogar in mehreren Sprachen ein Wort dafür gibt: chaplinesk. Aber Slapstick war bei Weitem nicht alles: Immer wieder nutzte Chaplin das Medium Film, um seine humanistische Gesinnung kundzutun (man denke nur an die berühmte Rede in The Great Dictator) oder auf Missstände hinzuweisen (wie das Leben der Fabrikarbeiter in Modern Times).

Doch so populär Chaplins Filme schon zu seinen Lebzeiten waren, so skandalumwittert war sein Privatleben. Er hat viermal geheiratet (davon zweimal notfallmässig, weil bereits ein Kind unterwegs war), erlebte einen turbulenten Vaterschaftsprozess (in dem er verurteilt wurde, obwohl er nachweislich nicht der Vater war) und wurde in den frühen 50er Jahren ein Opfer der Kommunisten-Hetze in den USA. Deshalb kehrte er 1953 nach rund 40 Jahren nach Europa zurück und verbrachte seinen Lebensabend in der Schweiz, in Corsier-sur-Vevey VD. Und übrigens: drei Monate nach Chaplins Tod wurde seine Leiche aus dem Grab gestohlen, tauchte aber wenig später wieder auf.

Ein Standardwerk für jeden Chaplin-Fan ist David Robinsons Chaplin. Sein Leben, seine Kunst (jetzt bei buchplanet.ch).

27. Januar 2014

Auf, auf zum fröhlichen Morden

by Gabriel Weber

Dame Agatha Christie DBE (1890-1976) wird auch als Queen of Crime bezeichnet – und das mit Recht. Ihre zahlreichen Kriminalromane werden bis heute weltweit millionenfach verkauft.

Dame Agathas bekannteste (aber nicht einzige) Detektive sind Hercule Poirot, ein belgischer Ordnungsfanatiker mit imposantem Schnurrbart, und Miss Jane Marple, eine reizende ältere Dame aus der englischen Provinz. Während Poirot in der mondänen High Society seine Fälle löst indem er sich zurücklehnt und seine „kleinen grauen Zellen“ arbeiten lässt, sitzt Miss Marple strickend in ihrem Lehnstuhl und vergleicht aktuelle Probleme mit Ereignissen, die sich früher in ihrem Dorf abgespielt haben. Es gibt nichts, was sich in St. Mary Mead nicht auch schon ereignet hätte!

In den zahlreichen Romanen und Erzählungen geht die Post ab: Da wird erschossen, vergiftet, erdrosselt, erschlagen, erstochen… Als Leser kann es einem angst und bange werden; ich weiss nicht, ob ich mit Dame Agatha unter einem Dach hätte leben wollen! Alles fing damit an, dass in dem Lazarett, in dem die damalige Miss Agatha Miller während des ersten Weltkriegs arbeitete, Gift gestohlen wurde. Ein interessantes Thema für eine Kriminalgeschichte… Manches von dem, was daraus entstanden ist, befindet sich im Katalog von Buchplanet.

Übrigens: Dame Agatha hat (unter einem Pseudonym) auch Liebesromane verfasst…

23. Januar 2014

Millionärsmarotten

by Gabriel Weber

Neben Emil und die Detektive, Das fliegende Klassenzimmer, Das doppelte Lottchen, Pünktchen und Anton u. a. hat Erich Kästner auch ein Buch mit dem Titel Drei Männer im Schnee verfasst.

Geheimrat Eduard Tobler ist ein etwas verschrobener, aber sympathischer Millionär aus Berlin. Neulich hat er unter dem Decknamen Schulze an einem Preisausschreiben seiner eigenen Firma teilgenommen und prompt den zweiter Preis gewonnen – zehn Tage Winterurlaub im Grand Hotel Bruckbeuren in den bayrischen Alpen. Zum Entsetzen seiner Tochter Hilde und seiner Haushälterin Frau Kunkel staffiert sich Tobler  mit Kleidern dritter Wahl aus und fährt inkognito in den Urlaub – als armer Mann namens Eduard Schulze. Begleitet wird er von seinem treuen Kammerdiener Johann, der sich allerdings auf Weisung seines Chefs als reicher Reeder ausgeben muss. Klammheimlich warnt Hilde die Hoteldirektion vor einem Millionär, der sich als armer Mann ausgibt.

Gleichzeitig reist auch Dr. Fritz Hagedorn nach Bruckbeuren, ein arbeitsloser junger Werbefachmann, der in dem bewussten Preisausschreiben den ersten Preis gewonnen hat. Es kommt, wie es kommen muss: „Schulze“ und Hagedorn treffen gemeinsam im Nobelhotel ein – und dort hält man den falschen armen Mann für den verkappten Millionär. Während Dr. Hagedorn nun von allen Seiten hofiert wird und gar nicht weiss, wie ihm geschieht, geben sich Hoteldirektor Kühne und Portier Polter alle Mühe, den unerwünschten Herrn Schulze loszuwerden. Johann versucht inzwischen verzweifelt, die Situation zu retten…

Drei Männer im Schnee, mein persönlicher Lieblings-Kästner, ist jetzt bei buchplanet.ch in einer antiquarischen Ausgabe von 1942 erhältlich.

20. Januar 2014

Der junge Ehemann

by Gabriel Weber

Zu den weniger bekannten Werken des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann gehört der Roman Königliche Hoheit.

Prinz Klaus Heinrich wächst in einem deutschen Kleinstaat um 1900 auf – im ständigen Bewusstsein, dass er in einer Welt des „schönen Scheins“ lebt und vom wirklichen Leben keine Ahnung hat. Der einzige, der ihm einige „tiefere Einblicke“ vermittelt, ist sein Lehrer Dr. Raoul Überbein. Eines Tages erhält Klaus Heinrich von seinem Bruder, dem regierenden Grossherzog Albrecht II., den Auftrag, ihn bei zahlreichen repräsentativen und zeremoniellen Anlässen zu vertreten. Der Grossherzog ist nämlich ein ausgeprägter Hypochonder und hegt ausserdem eine tiefe Abneigung gegen Anlässe mit Publikum. Deshalb ist er ganz froh, die meisten öffentlichen Auftritte an seinen Bruder delegieren zu können. Klaus Heinrich, der übrigens in der Öffentlichkeit immer seinen verstümmelten linken Arm verbergen muss (Verweis auf Kaiser Wilhelm II.), macht seine Sache gut und wird bei der Bevölkerung bald sehr populär.

Über dem Grossherzogtum schwebt dauernd der Pleitegeier. Die Wirtschaft liegt darnieder, der Staat steht vor dem Bankrott. Hoffnung erscheint in der Gestalt von Samuel N. Spoelmann. Dieser amerikanische Multimillionär deutscher Abstammung lässt sich in der Hauptstadt nieder und bewirkt dort nur schon durch seine Steuern ein gewisses Aufatmen. Prinz Klaus Heinrich hingegen interessiert sich weniger für den stets grantigen Spoelmann als vielmehr für dessen schöne Tochter Imma. Er macht ihr eifrig den Hof, doch die resolute Millionenerbin, sarkastisch und spitzzüngig, lässt durchblicken, dass sein Prinzentum ihr nicht im geringsten imponiert. Inzwischen wittern Ministerpräsident Knobelsdorff und Finanzminister Krippenreuter Morgenluft. Prinz Klaus Heinrich als Schwiegersohn des sagenhaft reichen Industriemagnaten… Eine solche Verbindung könnte das Land unter Umständen vor dem endgültigen Ruin bewahren…

Thomas Mann selbst bezeichnete Königliche Hoheit als „Roman eines jungen Ehemannes“. In diesem Roman (einem seiner seltenen Ausflüge ins heitere Fach) verarbeitete er Erfahrungen aus der Zeit, als er um die Tochter eines reichen Professors warb.

14. Januar 2014

Marienbader Elegien und Münchner Abkommen

by Gabriel Weber

Den meisten Leuten hierzulande dürfte das Sudetenland wohl nur in Zusammenhang mit dem Jahr 1938 ein Begriff sein. Für solche, die es genauer wissen wollen, ist beim Buchplanet das „Sudetenland-Lexikon“ von Rudolf Hemmerle erhältlich.

Sudetendeutsche ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts die Bezeichnung für die deutschsprachige Bevölkerung von Böhmen, Mähren und Schlesien (heute Teile von Tschechien und Polen). Der Name leitet sich von den Sudeten her, einem Gebirge an der heutigen tschechisch-polnischen Grenze. Im Sudetenland befinden sich unter anderem die berühmten Kurorte Karlsbad und Marienbad, ferner die Stadt Eger (wo Wallenstein ermordet wurde) und der durch Otfried Preussler weltbekannt gewordene Ort Hotzenplotz.

Die Sudetendeutschen sind zwar kein eigener Stamm, aber eine Volksgruppe mit langer Tradition und einem langen gemeinsamen Schicksal. Im „Herzen Europas“ gelegen, sozusagen auf halbem Weg zwischen Frankreich und Russland, haben das Sudetenland und seine Bewohner in der europäischen Geschichte immer wieder eine wichtige Rolle gespielt. Lange Zeit Bestandteil des Königreichs Böhmen bzw. der Donaumonarchie, wurde das Land 1918 Bestandteil der Tschechoslowakei und 1938 von Nazi-Deutschland geschluckt. Heute liegt das Sudetenland wieder hauptsächlich in Tschechien. Sein reichhaltiges kulturelles Erbe hat alle Kriege , die NS-Besetzung und die Zeit des Ostblocks überdauert.

Berühmte Sudetendeutsche waren u. a. Sigmund Freud, Ferdinand Porsche und Oskar Schindler.

9. Januar 2014

Was ein Urlaub für Folgen haben kann

by Gabriel Weber

In einem Hotellift begegnen sich zwei Männer: Ein 36jähriger Herr aus München und ein 11jähriger Junge aus Polen. Der kleine Pole ist über alle Massen hübsch und der schnauzbärtige Deutsche mit der eindrucksvollen Nase ist dafür sehr empfänglich. Seine stille Bewunderung bleibt nicht unbemerkt. Beim Verlassen des Fahrstuhls spricht die Gouvernante des Jungen ihren Schützling darauf an. Dieser erwidert: „Das ist doch bloss einer dieser Herren, denen ich gefalle.

Das alles ereignete sich 1911 im Grand Hotel des Bains auf dem Lido von Venedig. Der Herr aus München war ein gewisser Thomas Mann, der polnische Adonis hiess Wladyslaw Moes und hörte auf den Spitznamen Adzio. Thomas Mann war entzückt und schrieb, inspiriert von dieser Begegnung, wenig später im heimischen Bayern eines seiner bekanntesten und erfolgreichsten Werke: Tod in Venedig. Adzio sollte erst über zehn Jahre später erfahren, welche literarischen Folgen sein Urlaub hatte.

Der Autor Gilbert Adair ist in seinem Buch „Adzio und Tadzio“ der Frage nachgegangen, wer der polnische Baron Wladyslaw Moes (1900-1986) eigentlich war und was aus ihm geworden ist. Das ist hochinteressant. Der in Reichtum aufgewachsene Dandy, adliger Erbe einer Papierfabrik, verarmte durch den Kommunismus und hatte jahrzehntelang Mühe, seine Familie durchzubringen. 1971 sah er in Paris den Film Death in Venice (dessen Regisseur ihm  geschrieben hatte, sich aber nicht mit ihm treffen wollte) und hörte in einer Szene dieses Films sogar klar und deutlich seinen Familiennamen.

Die Baronin Moes war übrigens entrüstet über Silvana Manganos filmische Darstellung ihrer Schwiegermutter…

7. Januar 2014

S‘ isch znacht am zwölfi

by Gabriel Weber

Schon der gute alte Shakespeare wusste: Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde als Schulweisheit sich träumen lässt. Das Übernatürliche, das Unheimliche, das Gruslige ist immer wieder ein beliebtes Thema in der Literatur. Edgar Allan Poe, E. T. A. Hoffmann und Guy de Maupassant sind nur einige Grössen der Weltliteratur, die gelegentlich in die Welt des Grauens eingetaucht sind.

Schon in den alten Sagen und Märchen wimmelt es nur so von Geistern, Hexen usw. Im 18. Jahrhundert kamen dann Schauergeschichten in Mode, in denen es – ganz dem Zeitgeist der Aufklärung entsprechend – zuletzt für alles scheinbar Übersinnliche doch eine völlig natürliche Erklärung gibt. In der folgenden Epoche, der Romantik, kehrte sich die Entwicklung um: Jetzt interessierte man sich für das, was über die menschliche Vernunft hinausgeht – Gefühle, Empfindungen, Geisteskrankheiten und eben auch das Übernatürliche (aber jetzt ohne rationale Erklärung).

Eigentlich seltsam; sich zu gruseln ist ja im Grunde eine unangenehme Empfindung. Aber es gibt Leute, die sich dem freiwillig aussetzen und sogar noch dafür bezahlen. Von der Geisterbahn auf dem Jahrmarkt über die Gespenstergeschichte am Lagerfeuer bis zum Horrorthriller im Kino: Grusel ist beliebt. Vielleicht liegt das daran, dass man auch als moderner, aufgeklärter Mensch nicht alles wissen und begreifen kann, was um einen herum vorgeht. Da tut es gut, das Unbekannte zwischen Buchdeckeln oder auf Filmrollen sicher aufzubewahren. Dann kann man sich immer wieder sagen: Das ist ja alles gar nicht wahr…

Nanu? Was war das eben für ein Geräusch?…

6. Januar 2014

Vaterländische Erbauungsliteratur

by Gabriel Weber

Lange vor Fernsehen, Internet usw. war das Buch das wichtigste Mittel der Volkserziehung. Auch in der Schweiz wurde versucht, die Bürgerinnen und Bürger mit patriotischen Geschichten  zu erziehen – nicht nur während nationaler Krisen. Vom heutigen Standpunkt aus wirken solche Bücher in ihrer durchschaubaren „Heimatlichkeit“ oft unfreiwillig humoristisch.

Ein besonders wichtiges (da noch formbares) Publikum war die Jugend, ganz besonders die männliche, also die zukünftigen Soldaten und Stimmbürger. Mit herzerwärmenden, erbaulichen Jugendbüchern sollten die jungen Männer zu „richtigen“ Schweizern gemacht werden – tüchtig, anständig, solidarisch untereinander, aber auch gehorsam gegenüber den Autoritäten und natürlich kritiklos vaterlandsliebend; im Kriegsfall steht man selbstverständlich mit Freuden an die Grenze, um die liebe Heimat zu beschützen! Oft kommen Burschen vor, die noch gar nicht dem helvetischen Ideal entsprechen und erst „zurechtgehobelt“ werden müssen. Bei Erwachsenen geschieht das oft im Militär, bei Minderjährigen zum Beispiel im Vor-Militär (Kadettenkorps).

Aber auch die weibliche Jugend wurde beglückt – nicht nur mit „Heidi“. Hier lauteten die Parolen: brav, folgsam, bescheiden und fern von jeglicher Eitelkeit – und nähere Herrenbekanntschaften natürlich erst, wenn man mit dem betreffenden Herrn verheiratet ist! Die beruflichen Perspektiven beschränken sich auf Küche und Kinder; und wehe der Frau, die irgendwelchen modernen Ideen puncto Berufstätigkeit u. ä. zum Opfer fällt!

Vom historischen Standpunkt aus gesehen hatte diese Literatur in Zeiten der „geistigen Landesverteidigung“ durchaus ihre Berechtigung. Heute jedoch kann man über diese veraltete Spiessigkeit nur noch den Kopf schütteln.

Beispiele für „Vaterländische Erbauungsliteratur“ im Buchplanet:

  • „Fahrerin Scherrer“ von Max Werner Lenz
  • „Die Kadetten von Wallingen“ von Paul Girardin
  • „Schwarzwasser“ von René Gardi