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Jack und sein Schrank

von Gabriel Weber

Dass am 22. November 1963 John F. Kennedy starb, weiss jeder. Weit weniger bekannt ist, dass am gleichen Tag in der englischen Universitätsstadt Oxford ein bedeutender Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Religionsphilosoph verschied. Clive Staples Lewis, der seine Vornamen so sehr hasste, dass er schon als Kind nur auf den Namen „Jack“ hörte, ist heute vor allem als Verfasser der Chroniken von Narnia ein Begriff.

The Chronicles of Narnia – ein Mythos, bewundert viel und noch mehr gescholten. Die sieben dünnen Bände stehen heute im Schatten der ganzen Bibliothek, die Jacks Freund und Kollege J. R. R. Tolkien über Mittelerde und seine Bewohner verfasst hat. Weil Jack Narnia ausdrücklich für Kinder schrieb, werden die Bücher oft nicht ernst genommen. Und weil der gläubige Christ Jack (ursprünglich Atheist, später von Tolkien bekehrt) viel religiöse Symbolik in seine Narnia-Bände hineinlegte, wurden diese auch schon als „fundamentalistische Bibelstunde“ geschmäht.

Tolkiens Werke sind mir zu monumental. Ich habe dabei immer das Gefühl, quasi eine Wagner-Oper zu hören. Bei Jack ist alles eine Nummer kleiner, einfacher, übersichtlicher (in Narnia spricht zum Beispiel alles, was da kreucht und fleucht, dieselbe Sprache, nämlich englisch). Im Gegensatz zu vielen Leuten, für die Kinderliteratur ein eher abwertender Begriff (Bedeutungslosigkeit, mangelnde Qualität, keine ernst zu nehmende Literatur) ist, halte ich Kinder für die anspruchsvollsten Leser, die es überhaupt gibt. Ausserdem sind sie das erwachsene Publikum der Zukunft, folglich ist ihre Literatur auch Literatur! Und von wegen fundamentalistisch: Im letzten der sieben Bände, The last Battle (Der letzte Kampf), enthüllt Jack sein ausgesprochen tolerantes Credo: Es kommt darauf an, ob das, was man tut, gut oder schlecht ist! Und nicht darauf, auf wen man sich dabei beruft! Da könnten sich nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene eine Scheibe abschneiden…

Aus all diesen Gründen schätze ich (selbst in meinem „fortgeschrittenen“ Alter) Jacks Narnia-Bücher sehr. Man kann sie – ganz nach Wunsch – entweder als christliche Allegorie oder als spannende Fantasy lesen – oder als witzige Erzählungen voll britischen Humors. Seine Geburtsstadt Belfast gedenkt des Autors übrigens mit einem Denkmal, das Jack zusammen mit seinem Kleiderschrank aus The Lion, the Witch and the Wardrobe (Der König von Narnia) zeigt.

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