Blog von buchplanet.ch | gebrauchte Bücher zu unschlagbaren Preisen

Verne und die Deutschen

von Gabriel Weber

„Les cinq-cent Millions de la Begum“, Die fünfhundert Millionen der Begum“ ist ein Roman von Jules Verne. Weit weniger bekannt als beispielsweise „In 80 Tagen um die Welt“ oder „20000 Meilen unter dem Meer“, erschien er 1879.

Dr. Sarrasin, ein philantropischer französischer Arzt, und Prof. Schultze, ein chauvinistischer deutscher Chemiker, werden durch Zufall die Erben eines gemeinsamen entfernten Verwandten, der einst in Indien eine einheimische Fürstin (eben eine Begum) geheiratet hat. Die Erbschaft beläuft sich auf rund 250 Millionen Franc pro Person (eine für damalige Verhältnisse fast unvorstellbare Summe). Sarrasin benützt das Geld, um zusammen mit Gleichgesinnten im amerikanischen Bundesstaat Oregon eine moderne Stadt aufzubauen, gewissermassen ein neues Utopia, angelegt nach neusten Erkenntnissen bezüglich Hygiene, Raumplanung usw. Schultze hingegen wird Rüstungsindustrieller und errichtet, ebenfalls in Oregon, eine gigantische Waffenfabrik. Dort lässt er eine neuartige Kanone bauen, die nicht nur an Grösse, sondern auch an Gefährlichkeit alles Bisherige weit übertrifft. Für einen Probeschuss hat Schultze auch schon ein Ziel: die Stadt von Dr. Sarrasin…

Man merkt deutlich, dass dieses Buch kurz nach dem Krieg von 1870/1871 entstanden ist. Professor Schultze, Bier trinkend, Sauerkraut essend, gnadenlos pünktlich, von der natürlichen Überlegenheit der germanischen Rasse überzeugt, ist quasi das lebende Klischee des „Deutschen“ in den Augen der damaligen Franzosen. Was mich an der Geschichte fasziniert, ist die Tatsache, wie sehr Jules Verne (wie so oft) auch hier geradezu prophetisch zukünftige Entwicklungen vorausgesehen hat. Der grössenwahnsinnige Rassist Schultze, dessen Fabrik äusserst unangenehm an ein Konzentrationslager erinnert, und seine Kanone, die für das Publikum von 1879 wohl eine ähnliche Bedeutung hatte wie für uns heute die Atombombe…das alles weckt Assoziationen mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Der Roman ist zwar sehr simpel und einseitig (brutale Deutsche versus menschenfreundliche Franzosen), aber dennoch ein Meisterwerk, mit einem dramatischen Höhepunkt, der an einen James-Bond-Film erinnert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.