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Politik im Kinderbuch

von Gabriel Weber

Im Magazin von Buchplanet bin ich auf ein Buch von Janusz Korczak gestossen, mit dem Titel „König Hänschen I.“. Ich hatte zuvor noch nie etwas davon gehört, doch der Autor reizte mich. Janusz Korczak, mit bürgerlichem Namen Henryk Goldszmit, war seinerzeit Leiter des jüdischen Waisenhauses in Warschau. 1942 ging er freiwillig mit seinen Zöglingen nach Treblinka in die Gaskammer…
„König Hänschen I.“ ist ein besonderes Werk. Es enthält nämlich eine eindeutige politische Komponente und ist von einer Ernsthaftigkeit, wie man sie in einem Kinderbuch kaum erwarten würde. Der kleine Prinz Hans, genannt Hänschen, muss, obwohl noch ein kleiner Junge, nach dem Tod seines Vaters den Thron besteigen. Während seine Minister regieren, verbringt er eine einsame, hauptsächlich von Lernen erfüllte Kindheit, bis er eines Tages, unterstützt von seinem Freund Fritz, einen Befreiungsschlag wagt: Hänschen nimmt inkognito an einem Krieg gegen die Nachbarländer teil, den sein Reich schliesslich gewinnt. Durch dieses Kriegserlebnis quasi im Schnellverfahren „erwachsen“ geworden, nimmt Hänschen anschliessend die Zügel der Regierung selbst in die Hand. Er hat die besten Absichten, muss aber bald feststellen, dass es auch in der Politik fast unmöglich ist, es allen recht zu machen. König Hänschen bemüht sich redlich, kann aber nicht verhindern, dass sein Land schliesslich in eine ernsthafte politische Krise gerät. Als sich zu guter Letzt auch noch das Ausland einmischt und Hänschen erfahren muss, dass sein einstiger Kriegskamerad und engster Vertrauter Fritz ihn hintergangen hat, scheint die Katastrophe unausweichlich…
„König Hänschen I.“ (in Polen offenbar bis heute ein Klassiker) scheint mir ein gutes Beispiel dafür zu sein, dass auch Literatur „nur“ für Kinder durchaus ernst zu nehmende Literatur sein kann. Obgleich stellenweise – nach heutigem Verständnis – politisch völlig unkorrekt, ist es doch eine glänzende Parabel.

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