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Fürsprecher der Jugendlichen

von Sara Grob

Ich möchte still sein,
doch es schreit in mir.
Ich möchte lächeln,
doch mein Mund gehorcht nicht.
Ich will die Hand heben,
doch sie zittert.
Ich will weglaufen,
doch die Füsse sind zu schwer.
(Lisbeth S., 17 Jahre alt)

Erinnern Sie sich noch an Ihre Pubertät? Die Pubertät ist a) die Zeit, in der die Eltern schwierig werden oder b) die Zeit, in der die Kinder rebellisch werden. Einfach ist diese Zeit wohl weder für die Eltern noch für die Kinder. Mit ca. 12 Jahren entdeckte ich im Brockenhaus Degersheim ein Buch, das mir sehr durch die schwierige / rebellische Zeit geholfen hat: Es schreit in mir von Ernst Kappeler. Ernst Kappeler war ein Schweizer Schriftsteller und Lehrer, er ist im Mai 1987 gestorben. Lustig finde ich, dass ich erst im Juni 1988 geboren bin und das vorliegende Buch bereits 1979 erschienen ist, es hatte damals nichts von seiner Aktualität verloren und ist auch heute noch aktuell.

Im vorliegenden Buch hat Ernst Kappeler Briefdokumente von jungen Menschen gesammelt. Die Jugendlichen fragten ihn um Rat oder teilten ihren Frust mit ihm. Aus dem Vorwort von Ernst Kappeler:

Zuerst waren es nur wenige. Heute sind es Tausende geworden. Fast alle kamen, um Rat zu fragen, um eine unerträgliche Last abzuladen, die sonst nirgendwo Platz fand; um ein Problem loszuwerden, das sie allein nicht bewältigen konnten. Ich antwortete, so gut ich es vermochte. Jedem persönlich und von Hand geschrieben. Genau so, wie er mir geschrieben hatte. Eine Abschrift meiner Antworten  behielt ich nicht zurück, denn nie dachte ich an eine Veröffentlichung unseres Briefwechsels. Das, was ich schrieb, gehörte nur den einen, der mir geschrieben hatte. Und nur ihm. 

Ich war plötzlich nicht mehr allein. Überall regten sich die Jungen selber, um einander beizustehen. Das war meine schönste Erfahrung: dass diese so oft als gleichgültig und egoistisch verschriene Jugend so viel Mitmenschlichkeit zu geben hatte, wenn man sie nur darauf ansprach.

Die Briefe sind in diesem Buch nach Themen geordnet, zum Beispiel: Einsamkeit, Rauschgift, Selbstmord – Tod, Religion, Freiheit, Elternhaus,…

Ich war begeistert von diesem Buch, weil es mir zeigte, dass ich mit meinen Problemen und Ängsten nicht alleine dastehe, dass es noch viele andere Menschen gibt, die dasselbe oder etwas ähnliches durchmachten. Ich denke, dass dieses Buch auch für einen heutigen Jugendlichen interessant ist. Der Kern der Probleme, ist immer noch derselbe wie damals, nur das ganze Drumherum ändert sich immer ein wenig.
Das Buch haben wir zweimal in unserem Onlineshop an Lager. Buch 1 und Buch 2

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Ich hatte heute eine Ausgabe dieses Buches in meinen Händen. Ich spürte sofort, dass dieses Buch ein wenig zu dick ist. In der Mitte des Buches waren  einige A4-Blätter, gwundrig, wie ich halt bin, musste ich diese Zettel sofort begutachten. Auf den Blättern waren mehrere Gedichte aus dem Buch abgeschrieben, teils waren sie auch noch mit Filzstift verziert. Ich habe ein Beispiel für Sie gescannt.

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Ein Blatt machte mich sehr nachdenklich. Es enthielt nämlich den Entwurf für eine fristlose Kündigung. Ich habe diesen Brief anonymisiert und auch gescannt. Ich hoffe, dass dieses Mädchen den mutigen Schritt mit der Kündigung durchgezogen hat und nachher eine bessere Arbeitsstelle gefunden hat. Sehr berührt hat mich der letzte Satz des Briefes, es ist wirklich so wie Ernst Kappeler schrieb: dass diese so oft als gleichgültig und egoistisch verschriene Jugend so viel Mitmenschlichkeit zu geben hatte, wenn man sie nur darauf ansprach.

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Hat die heutige Jugend eigentlich auch so einen Fürsprecher wie es Kappeler damals war?

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