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Schwacher Moment; Zweiter Teil

von Simone Gröbli

Geschätzte Blog Leser

Aufgrund des Titels werden sie es bereits ahnen; mein Krimi kommt wieder ins Spiel. Den ersten „Appetithappen“ haben sie ja rege angeklickt und hoffentlich nicht nur dass, sondern auch gelesen. Und um bei der Metapher zu bleibe, hoffentlich war der Abschnitt geniessbar und leicht verdaulich.

Da ich selbstverständlich von dieser Annahme ausgehe, serviere ich ihnen nun also den zweiten „Appetitanreger:“

7. Kapitel 

Das war auch meine erste Tat am nächsten Tag. Lauber hatte auf der Rückseite der Visitenkarte seine private mobile Telefonnummer hingekritzelt, mit dem deutlichen Hinweis ihn nur über diese Nummer anzuwählen. Folgsam tat ich dass auch. Er meldete sich ziemlich hektisch.

„Moment Frau v. Arnegg.“

Dann herrschte Stille. Nach ein paar Sekunden wieder Laubers Stimme.

„Ich bin gerade mit dem Auto unterwegs zur Arbeit. Darum musste ich zuerst einen Standplatz suchen.“.

„Wo wohnen sie eigentlich?“

„In Wabern. Wie war es gestern bei Eva?“

Ich gab eine Kurzfassung vom gestrigen Gespräch und erzählte ihm von meiner Betroffenheit als ich Evas Trauer erlebte. Lauber schickte einen mitfühlenden Laut durch die Verbindung.

„Und sonst was steht an?“

Ich erzählte ihm von meinen nächtlichen Gedankengängen. Diesmal gab Lauber einen Pfiff von sich.

„Sie meinen also es gibt nicht nur die Frage warum Matt an diesem Ort war, sondern auch wieso er sich wehrte.“

„Ja“.

„Es ist wirklich manchmal so, dass man vor lauter Bäume den Wald nicht sieht. Diesen Punkt hätten wir näher unter die Lupe nehmen müssen. Das ist ein Ansatz den wir unbedingt im Auge behalten sollten.“

„Wenn meinen sie mit wir?“

Meine Neugier war wieder mal unstillbar, aber schliesslich ist dass eine Grundvoraussetzung um Schnüfflerin zu werden.

„Bei der Polizei gibt es keine einsamen Wölfe von Ermittlern, Teamarbeit wird bei uns gross geschrieben.“

Wieder ging ein lieb gewonnenes Bild das vom Fernsehen herrührte baden. Als Entschädigung dafür wollte ich einen angenehmen Gesprächsabschluss mit meinem Teamermittler Lauber hinkriegen.

„Haben sie jetzt gestern im Bellevue ohne Krawatte Einlass bekommen.“

Kurzes Lachen von Lauber:

„Ich gestehe Frau v. Arnegg ich bin eingeknickt. Die Krawatte habe ich kurz vor dem Hotel um den Hals gehängt.“

Ein kurzes Lachen meinerseits beendete unser Gespräch.

Mittlerweile war es kurz vor 8 Uhr 15. Zeit also sich nach Oberhofen zu begeben.

Bis nach Thun ging es noch mit dem Verkehr, aber entlang des linken Thunerseeufers war auch um diese Morgenstunden einiges in Bewegung.

Ich will hier keine versteckte Werbung machen. Aber obwohl ich unzählige Male dass linke Seeufer befahren habe, fasziniert mich die Landschaft immer noch. Besonders heute, wo es ein strahlender Sommermorgen war. Nachdem ich Hünibach und Hilterfingen passiert hatte kam als nächster Ort mein Ziel. Oberhofen liegt, leicht versetzt, dem am anderen Ufer liegenden Spiez gegenüber. Wenn also ein Motorboot mein eigen gewesen wäre, hätte ich nur ebenmal so kurz quer über den See brettern können.

Noch ein kleiner touristischer Hinweis an die geschätzte Leserschar: nein, ich meine nicht dass Schloss Oberhofen. Wenn sie einmal Lust bekommen an die Riveria zu fahren, muss es nicht gleich die Französische und Italienische sein. Sie haben quasi eine vor der Haustür. Oberhofen wird nämlich gerne als Riveria des Thunersees genannt. Jetzt habe ich aber genug gesülzt.

Gemäss Karl Wegmüllers Wegbeschreibung musste ich auf der Staatsstrasse bis zum Cafe Hart bleiben. Dort dann links einspuren um in den Riederweg zu gelangen. Er ging rechts schräg weg und war eine Sackgasse. An dessen Ende war das Wohndomizil von Christoph Matt. Ein Wohnhaus mit vier Wohnungen verteilt auf zwei Etagen. Matt wohnte im 2. Stock und aus meiner Warte gesehen rechts, wie ich nach meinem Treppenhausaufstieg feststellte. Ich nahm den Schlüssel aus der vorderen Rucksacktasche und schloss auf. Ich hoffte nur, dass sein Nachbar das nicht auf irgendeine Weise mitbekam und das Gefühl hatte er müsse der Sache nachgehen. Seine Fragen zu beantworten wären nicht so einfach gewesen. Da dass Haus parallel zum Riederweg stand hatte man einen wunderbaren Ausblick auf See und die dahinter liegenden Niessen.

Nach dem Eintritt stand ich in einem kurzen Flur mit Parkettboden. Der zog sich durch die ganze Wohnung. Seine Luxusausführung konnte er voll entfalten, da keine Teppichläufer vorhanden waren. Zu rechter Hand befand sich das Badezimmer. Ich brauchte vier Schritte um das Ende des Korridors zu erreichen. Vor mir lag jetzt der einiges an Quadratmeter aufweisender Wohnraum. Rechts um die Ecke ging es in die Küche. Zu meiner linken Seite gab es eine Glastür die auf einen Balkon führte, bei dem dank seiner Länge, die der des Wohnzimmers entsprach locker zehn Personen Platz gehabt hätten. An die Balkontür anschliessend folgte eine Fensterfront. Ein beiges Sofa mit einem Glastisch belegt mit Zeitschriften und zwei gegenüberliegende Sessel befanden sich, mit einem gewissen Abstand versehen, davor. Die Glasfront endete am Beginn der Wohnzimmerrückwand bei der als erstes eine Tür folgte, dann ein Sideboard und nochmals eine Tür. Die rechte Seite, also die, die sich gegenüber der Fensterfront befand. wies ein spezielles Gestell auf. Darauf standen ein Fernseher, dessen abgedeckter Bildschirm Richtung Sofa schaute und eine Stereoanlage, dessen Lautsprecher, die wie Orgelpfeifen aussahen, auf der gleichen Seite in den Ecken platziert waren. Alle Geräte stammten, wie ich mit Kennerblick feststellte, von einer bekannten dänischen Edelschmiede. (Den Kennerblick deshalb, weil ich ebenfalls im Besitz einer Anlage der gleichen Marke inklusive denselben hier vorhandenen Lautsprecher war und das war mein ganzer Stolz).

Als nächstes folgte ein Büchergestell, das neben Lesestoff auch eine CD-Sammlung beinhaltete. Als Abschluss folgte ein leicht in den Raum gesetzter runder Glas-Esstisch. Der wurde von vier Stühlen umringt. Der mir am nächsten stehender Stuhl war mit seiner Lehne mit dem vorderen Küchentürrahmen genau bündig. Neben dem hinteren Türrahmen befand sich eine mit einer geschlossenen Schiebetüre versehende Küchendurchreiche.

Ein Zuhause dass dem Attribut Traumwohnung gerecht wurde. Aber ohne dem armen Christop Matt Unrecht anzutun, egal ob Freischaffender, Festangestellter oder einigermassen bekannter Journalist, so ein Zuhause hätte er sich nie leisten können. Und es war nicht nur die Wohnung, auch die Einrichtungsgegenstände sprachen eher für Interieurgeschäft als für Möbelkaufhaus. Eva musste ihn also auf finanzieller Weise kräftig unter die Arme gegriffen haben.

Nach diesem Rundblick war es angebracht loszulegen. Als erstes wollte ich sehen was die Tür zu meiner linken Seite verbarg. Ich setzte mich gerade in Bewegung als jemand anfing einen Schlüssel in die Wohnungstür zu stecken. Also doch der neugierige Nachbar. Wenn es mich auch in diesem Augenblick störte, es freute mich trotzdem irgendwie, dass es hier anscheinend noch kein anonymes Wohnen gab.

Ich ging die paar Schritte die ich bereits zur besagten Tür gemacht hatte zurück legte mein Rucksack auf den Boden und stellte mich, mit dem Gesicht zur Haustür am Ende des Flurs auf. Ich hatte meinen ausgeliehenen Schlüssel von innen her ins Schloss gestossen, aber nicht umgedreht. Man konnte also von aussen den Schlüssel nicht drehen, aber dass war auch nicht nötig, denn die Tür hatte ich nicht abgeschlossen. Zu dieser Erkenntnis gelangte auch die einlassbegehrende Person. Die Türfalle senkte sich nach unten, die Tür schwang nach innen auf und Eva kam in mein Blickfeld.

 

8. Kapitel

Unwillkürlich atmete ich auf.

Wir begrüssten uns auf der Distanz Fluranfang und Ende, dann überbrückte Eva die Entfernung und wir umarmten uns rasch. Ich nahm ihr Eau de Toilette war, dezent herb, was genau meinem Geschmack entsprach. Auch sonst strömte Eva Klasse und Eleganz aus. Sie trug ein maßgeschneidertes graues Kostüm und schwarze Schuhe Über der rechten Schulter hing eine schwarze Umhängetasche. An ihrem linken Ärmel befand sich ein Trauerflor, ich hatte gar nicht gewusst, dass man heutzutage noch so etwas trug. Das Haar war wie gestern zu einem Pferdeschwanz gebunden. Ihr ebenmässiges Gesicht wurde durch ein dezentes Make-up betont. Die Business-Frau schlechthin. Wenn nicht die Trauerbinde gewesen wäre, man hätte meinen können Eva wäre direkt der Vogue entsprungen.

Ich machte ihr ein ehrliches Komplement:

„Du siehst toll aus. Wenn du in unserem Dorf so herumlaufen würdest, würdest du die uneingeschränkte Aufmerksamkeit haben.“

„Hör auf Süssholz zu raspeln Lea, in der Freizeit habe ich auch meine Jeans, wohlgemerkt keine „Designer“, an.“

Ich war nicht nur erstaunt, sondern empfand für Eva Hochachtung weil sie heute anscheinend arbeiten wollte. Dass sagte ich ihr auch. Eva wischte kurz mit der Hand durch die Luft und antwortete:

„Zu Hause fällt mir die Decke auf den Kopf und ich kann meine Assistentin Maria nicht weiter allein strampeln lassen.“

Wir standen immer noch am Ende des Flures.

„Setzen wir uns doch auf Sofa.“

Eva war einverstanden. Jeder von uns nahm an einem Couchende Platz. Eva legte ihre Tasche in die Mitte. Ich hoffte, dass das keine symbolische Barriere zwischen uns war.

„Eva, woher wusstest du dass ich hier bin.“

„Gewusst habe ich es eigentlich nicht, Ich habe Onkel Willi heute Morgen wegen der Trauerfeier angerufen. Auf seine Nachfrage bestätigte ich ihm, dass du den Schlüssel hast. Da war er der Meinung dass du sicher heute Vormittag hier hinkommst. Nicht dass du meinst dass ich dir nachspioniere. Ich habe dir gestern vergessen mitzuteilen, dass Christoph einen Wohnungssafe hat. Ich hätte dir die Öffnungskombination auch telefonisch mitteilen können. Aber da ich sowieso ins Büro wollte, dachte ich mir, es wäre irgendwie persönlicher wenn ich sie dir vorbei bringe.“

Eine kurze Pause trat ein. Mit belegter Stimme fuhr Eva weiter:

„Damit hatte ich auch einen Vorwand, mich den Erinnerungen zustellen.“

Ich begriff vollkommen. Wie viele glückliche Stunden hatte sie hier mit Christoph verbracht.

Es war angebracht einen Themenwechsel zu vollziehen.

„Was hast du genau für eine Firma?“

„Ich nehme Models unter meine Fittiche. Wenn irgendeine Boutique oder Modehaus einen Event plant, damit meine ich vor allem Modeschauen, dann kann man sie engagieren. Da ich in den letzten Jahren vor allem im Ausland einen Bekanntheitsgrad erlangt habe, bin ich, was den Erfolg meiner Agentur anbelangt, zuversichtlich.“

Ich wollte Eva nicht noch mehr in ihre Trauer verstricken, aber das was sie eben gesagt hatte tönte mehr nach Fortsetzung der Karriere auf anderer Ebene, anstatt nach Kinder und Küche. Mit Ende Dreissig konnte man bekannterweise, dass Kinderkriegen zumindest nicht mehr allzu weit hinausschieben.

Als ich ihr dass sorgsam auseinander setzte, schaute Eva mich so an, als überlege sie sich ob sie mir trauen könne und sagte tonlos:

„Wir hätten keine Familie gründen können. Dass Problem lag bei Christoph.“

„Dann hättet ihr auch nicht heiraten müssen.“

Kaum war mir der Satz herausgerutscht, schimpfte ich mich einen Idioten.

Etwas Unsinnigeres konnte man nicht von sich geben. Dass war schon fast taktlos hoch drei.

Eva, die bis jetzt mit kerzengeraden Rücken dagesessen hatte, liess sich nach hinten fallen und schlug ihre langen Beine übereinander. Das war die einzige Reaktion, wenn es überhaupt eine gewesen war.

„Es mag blöd tönen, es wäre die Abrundung unserer Liebe gewesen.“

Nach dieser Aussage griff Eva in ihre Handtasche und zog ein Papiertaschentuch hervor. Sie tupfte ihre Nase damit ab und behielt es dann in ihrer linken Hand.

Statt weiter in schmerzvollen Erinnerungen von anderen herum zu wühlen, war es aus meiner Sicht gescheiter, mit der Produktivität an zu fangen.

Ich deutete auf die Türe die sich links von uns befand. „Was ist hinter dieser Tür?“

„Christophs Arbeitszimmer und die rechte führt ins Schlafzimmer.“

„Die Polizei hat ja die Räume durchsucht.“

„Stimmt, aber so wie ich Onkel Willi verstanden habe, nur oberflächlich. Christophs Laptop haben sie mitgenommen und kurz einen Blick in den Tresor geworfen. Bei einem anscheinend klaren Tathergang wird die Wohnung des Opfers nicht mehr auseinander genommen.“

Eva fasste mit ihrer freien rechten Hand wieder in ihre Tasche. Diesmal kamen Zigaretten und goldenes Feuerzeug zum Vorschein, die sie neben sich ablegte Dann wanderte ihre Hand in die rechte Kostümtasche und beförderten einen gelben Post-it Kleber ans Tageslicht.

„Dass ist die Safekombination.“

Danach fasste sie ihre Raucherutensilien zusammen und erhob sich.

„Wenn du mich brauchst, ich bin auf dem Balkon.“

Ich stand ebenfalls auf. „Du rauchst?“.

„Eigentlich habe ich schon längstens aufgehört, aber seit Christophs…, ich meine seit letztem Freitag habe ich wieder angefangen.“

Eva verschwand, begleitet von meinem nachdenklichen Blick auf den Balkon. Wie ihr letzter Satz bewies, war sie noch nicht fähig die zwei Wörter „Christophs Tod“ zu benützen. Vermutlich erst wenn sie dass „Warum“ begreifen konnte, war sie bereit dass zu tun. Dass ein höchst wahrscheinliches „Wieso“ dazukam, wollte ich ihr so lange wie möglich vorenthalten.

Ich ging ins Arbeitszimmer.

 

9. Kapitel

Matts Arbeitszimmer war ein quadratischer Raum. Was mir hier auffiel war, dass es wie im Wohnraum, keine Bilder an den Wänden gab. Anscheinend hielt Christoph nicht viel von Kunst jeglicher Art.

Als erstes nahm ich sozusagen wieder die Witterung des Inhalts des Zimmers auf. Auf der linken Seite gab es zwei Fenster mit der schon erwähnten Postkartenausicht. Zwischen diesen Fenstern lag eine Wand, vor der leicht abgerückt, ein Schreibtisch mit einem davor stehendem einfachen Bürostuhl stand. An der folgenden rückwärtigen Wand befand sich, fast die gesamte Länge der Mauer einnehmend ein Holzschrank. Zu meiner rechten Seite befand sich einfaches Holzgestell.

Ich fing mit der Materialdurchsicht beim Schreibtisch an. Das Ding sah so aus, als hätte Matt ihn aus dem Sperrmüll befreit. Verglichen mit der Wohnstubeneinrichtung war er fast schon eine Beleidigung. Dazu konnte man auch den Bürostuhl zählen; dass Polster verschliessen und durchgesessen.

Als erstes kamen die Schubladen, die sich links vor mir befanden, an die Reihe. Vier an der Zahl waren es und in keinem von denen gab es etwas Geheimnisvolles zu entdecken. Druckerpapier, Schreib- und Post-it-Blöcke, Bleistifte, Kugelschreiber und eine Reservedruckerpatrone war die ganze Ausbeute. Am äusseren rechten Rand der Schreibtischplatte befand sich ein Kombidrucker. Auf der anderen Seite befanden sich eine Halogenlampe und ein Bild von Eva. Ich nahm es in die Hand. Es war eine Aufnahme aus dem Leben und da konnte man schon sehen wie fotogen sie war. Wie es schien, war dieses Bild irgendwo in den Bergen geschossen worden. Eva hockte im Schneidersitz auf einem Felsbrocken der in einer Alpweide lag. Aus ihren Augen sprühte wie kleine Teufel die Lebensfreude. Einen grösseren Kontrast gab es nicht. Dieselbe Frau war jetzt wenige Meter vor mir auf dem Balkon und kämpfte mit dem Verstehen wieso nichts mehr so war, wie es sein sollte.

Mit einem Seufzen stellte ich die Fotographie auf die Schreibplatte zurück und machte weiter. Die Inspektion des Gestelles ergab auch nichts Erhellendes. Fachbücher, Zeitungs- und Zeitschriftenartikel türmten sich auf die aus drei Unterteilungen bestehende Ablage. Jetzt blieb also nur noch der Wandschrank übrig. Er war zweitürig, mehr flach als hoch und ging Richtung Ikea. Design in der Stube und Ikea und Sperrmüll im Arbeitszimmer war auch eine interessante Mischung.

Wie erwartet befand sich im Schrankinnern und zwar rechts auf einer Ablage der Safe. Links befanden sich drei Tablare mit Ordner voller Rechnungsbelegen gekennzeichnet mit der entsprechenden Jahreszahl. Der Safe war so ein Ding wie man sie in jedem Bürofachgeschäft erstehen konnte. Er war an die Schrankrückwand angeschraubt. An der Vorderseite befand sich eine Zahlentastatur. Ich tippte anhand von Evas Zettel die Kombination ein. Mit einem leisen Klicken gab der Safe sein Innenleben preis. Und da registrierte ich erst, dass die Zahlenfolge dem Datum des übernächsten Samstags entsprach, also dem Tag von Eva Wegmüllers und Christoph Matts Hochzeit.

Der Safe wurde nicht durch eine Ablage geteilt. Am Boden befand sich rechts ein Lederbeutel mit, wie ich mittels einem Blick feststellen, drei Goldmützen. Links gab es eine Papierbeige. Die nahm ich in die Hand. Es waren Aktienpapiere. Ich hielt dass Bündel an der Seite fest und blätterte sie durch. Und fast hätte ich sie übersehen. Nämlich die letzten zwei Seiten. Das besondere an denen war, dass sie eben nichts Besonderes waren. Es waren zwei Internetausdrucke. Die eine Seite war ein Kurzbeschrieb über das Hilfswerk „Regenbogen“, die andere ein Porträt über dessen Gründer Alt – Nationalrat Alfred Wittmann. Den Name hatte ich schon einmal gehört, genau gestern, dass war unter anderem der Präsident des Schweizerischen Gastroclubs. Dieser Wittmann hatte bei Christoph Matt eine Jubiläumsschrift in Auftrag gegeben. Das war natürlich keine Erklärung wieso diese Ausdrucke sich in Matts Safe befanden. Wieso sollte man Papiere, die jedermann mit einem Internetzugangfähigen PC ausdrucken konnte einschliessen? Mein Fragenkatalog wurde durch ein zweites „Wieso“ erweitert.

Es wurde Zeit Eva in die Gegenwart zu holen. Die Aktienpapiere wanderten in den Safe zurück. Ich schloss ihn mit dem an der Tür befindlichen Drehknopf zu. Die Ausdrucke in der Hand kehrte ich in das Wohnzimmer zurück, öffnete kurz die Tür auf der andere Seite des Sideboards Es war wie Eva schon erwähnt hatte, dass Schlafzimmer, als dessen Mittelpunkt dass französische Bett herrschte. Da hatte ich nichts verloren. Kurzer Blick auf das mit allerwelts Literatur versehene Büchergestell inklusive CD Sammlung; die sich vor allem aus Swing und Pop zusammenstellte.

Ich schlenderte in Richtung Balkontüre, stellte mich in den Rahmen der Glastüre und beobachtete wie Eva, die an einen roten  Gartentisch lehnte, ohne etwas vermutlich wirklich wahrzunehmen, zum Niesen schaute. Mit gedämpfter Stimme rief ich sie beim Namen. Sie zuckte unmerklich zusammen.

„Entschuldige, ich war in Gedanken.“

Entschuldigen musste sie sich sowieso nicht und dass ihre Gedanken mehrheitlich vergangenheitsgerichtet waren, war nur zu verständlich.

Ich stellte mich ebenfalls an die Tischkante und zeigte ihr mein Fund. Erklärte dann was ich nicht begreifen konnte. Eva begutachtete sie.

„Ist mir auch nicht verständlich wieso Christoph diese Papiere im Tresor aufbewahrte“.

„Kennst du dieses Hilfswerk?“

Eva nickte.

„Sollte allgemein bekannt sein, vor allem seit der Tsunami-Hilfe.“

Sie hatte Recht.

„So.“

Eva stiess sich von der Kante ab. Ich dachte, sie wolle damit andeuten, dass es Zeit für sie sei zu gehen. Dementsprechend war ich überrascht, als sie sich kerzengerade vor mich hinstellte.

 

10. Kapitel

„Du weißt jetzt einiges von mir Lea v. Arnegg, jetzt will ich einiges von dir wissen.“ Ich blieb in meiner halbsitzenden Haltung und hob die Hände in die Höhe als wollte ich mich ergeben.

„Ich gestehe alles.“

Und Eva begann wirklich, als würde sie ein Verhör führen.

„Ich rekapituliere: Vier Semester Jura und dann Abbruch. „Wieso?“

„War mir zu theoretisch und als mir bewusst wurde, dass ich Schuldige verteidigen sollte und dazu ihre möglichen schwersten Vergehen quasi bagatellisieren sollte, mit dem Ziel die geringste mögliche Strafe für den Klienten herausholen, da wusste ich, dass das nicht meine Baustelle sein kann. Und zum Beispiel in eine juristische Abteilung einer Firma einzutreten, ging nicht nur gegen meinen Freiheitsdrang, sondern dieses Rechtsgebiet interessierte mich nie.“

„Aha.“

Eva machte eine kurze Pause um sich eine Zigarette aus dem jetzt neben mir liegenden Päckchen heraus zu fischen. Überlegte es sich und liess den Glimmstengel, in dem sie ihn zurücktat, „am Leben.“

„Und dann erwachtest du eines Morgen, sagtest zu dir ich werde Privatdetektivin und warst es von diesem Zeitpunkt an.“

Ich lachte laut auf.
„So einfach geht dass nicht. Es gibt Kurse, die kosten ein Heidengeld aber dafür kriegst du nichts Seriöses. Ich habe die Ausbildung über die Zentralstelle für die Ausbildung im Detektivgewerbe gemacht. Deren Sitz ist in Braunschweig. Ich musste eine zweijährige Theorielehre auch mittels Fernunterricht und eine Rechtskundeprüfung über mich ergehen lassen. Anschliessend absolvierte ich noch einen gleichlangen praktischen Teil in einem Detektivbüro in Zürich. Das ist auch der Weg der vom Fachverband schweizerische Privat-Detektive empfohlen wird.“

Eva war vom Gehörten ehrlich beeindruckt.

„Ihr habt also ein Fachverband?“

„Nicht nur dass, sondern auch ein Ehrenkodex.“

„Wer kann dich engagieren?“

„ Privatpersonen, Versicherungen Banken und Industrien“.

„Aber dein Beruf ist nicht anerkannt?“

„Genauso wenig wie deiner“ gab ich mit freundlichem Spott zurück.

Mit einem Blick auf ihre etliche Tausend Franken Uhr sagte Eva:

„Verflixt, es ist halb zehn, ich sollte längstens im Büro sein.“

Wir beiden gingen in dass Wohnzimmer zurück. Eva nahm ihre Handtasche vom Sofa und stopfte ihre Rauchersachen hinein. Ich wiederum packte die ominösen Papiere von Christophs Safe in mein, immer noch im Flur liegenden Rucksack ein. Gemeinsam verliessen wir die Wohnung und dass Haus. Neben der Eingangstür waren die Briefkästen angebracht. Eva nahm den angesammelten Stapel von Briefen und Zeitungen aus Christophs Kasten.

„Ich sortiere dass im Büro.“

Ich schaute zum Haus zurück. Ich fand es schmucklos; nichts weiter als ein grauer Betonklotz. Aber vielleicht war es bei Häusern ähnlich wie bei den Menschen. Nicht aufs Äussere kam es an, sondern dass Innere zählte.

Mein Wagen hatte ich vor dem Plattenweg der zum Hauseingang führte parkiert. Ich musste mich zweimal um schauen bis ich Evas Auto sah. Neben dem Haus stand eine mächtige Tanne, in dessen Schatten hatte sie ihn abgestellt. Es war genau dieses schnuckelige silbergraue Auto das mir gestern bei Wegmüllers aufgefallen war. Eva bemerkte meinen bewundernden Blick.

„Es ist ein Aston Martin Vanquish“.

Es war erstaunlich was man mit einem gutem Aussehen und sich in Pose werfen alles sich leisten konnte. (Bitte jetzt keine Empörungen meine Leserinnen, ich gebe es zu, es ist ein Knochenjob und den Olymp zu erreichen, ist mindestens genau so hart wie Manager zu werden).

Die Scheibe auf der Beifahrertür war heruntergelassen. Der Grund wurde gleich sichtbar. Zuerst tauchten Vorderpfoten auf und dann ein weisser Wuschelkopf. Alice war also auch da. Ich zeigte auf sie und sagte:

“Die ist dass pure Gegenteil von meinem unnahbaren Stanislaus.“

Ich erzählte Eva von meinem Kater.

„Dein Mitbewohner hat dass, was du immer verleugnest.“

Ich sah Eva völlig konsterniert an.

„Was meinst du damit?“

„Standesbewusstsein Lea.“

Eva gab mir einen Wangenkuss. Ein kurzes Salü und dann eilte sie zu ihrem Auto wo sie von Alice begeistert empfangen wurde. Ein kurzes Motoraufheulen und weg war sie.

Ich gebe es zu. Ja mir fehlte dass, was man Standesbewusstsein nennt. Nur weil ich von einem alten Berner Patriziergeschlecht aus dem 17.Jahrhundert abstamme bin ich kein anderer Mensch. Für meine Tante Gerda waren diese Standesunterschiede nach wie vor wichtig. Das ging soweit, dass nach wie vor in ihrem Freundeskreis nur französisch gesprochen wurde, obwohl alle perfekt Berndeutsch verstehen und sprechen konnten. Ich hatte, seit sie sich vor 3 Jahren bei meinen Eltern einquartiert hatte, immer die Befürchtung sie wolle dass auch noch in unserer Familie einführen.

 

10. Kapitel

Ich setzte sich mich in meinen Theo und überlegte meinen nächsten Schritt. Der sah so aus, dass ich genauere Auskünfte über dieses Hilfswerk Regenbogen brauchte. Und da konnte mir David Schwander helfen. Bei David und mir hatte es mal gefunkt. Es entstand aber daraus kein Liebesgewitter, sondern nur ein kurzes Wetterleuchten. Aber trotzdem können wir eine Freundschaft pflegen. David war, gleich wie Christoph Matt, freischaffender Journalist.
Ich holte mein Handy aus dem Handschuhfach und stellte die Verbindung her. Nach siebenmal klingeln wollte ich gerade den Knopf drücken, als sich, wie es schien nicht ein allzu munterer David meldete.
„Hallo Lea.“
Ich wollte gerade loslegen, da ertönte plötzlich Davids Stimme, bedingt dass er den Kopf auf eine Seite drehte, sehr gedämpft.
„Lass mich, du siehst dass ich telefoniere. Geh ins Bad!“
Es gab einen Frauenqietscher und dann herrschte Ruhe. Ich hörte richtiggehend fasziniert zu.
„Bist du noch da Lea?“
„Ja, ist dass deine neue Spielgefährtin?“
„So ist es, wir müssen uns noch aneinander gewöhnen.“
Ich wollte dass Thema nicht vertiefen, es ging mich schliesslich auch nichts an.
„Hast du irgendwo noch eine Zeitlücke, die ich buchen kann?“
Für einen Moment tönte nur Stille an mein Ohr. David ging im Geiste seine Verpflichtungen durch.
„Kommt darauf was es ist.“
„Informationen über dass Hilfswerk „Regenbogen.“
„Die kannst du über das Internet beziehen Lea.“
„Dass weiss ich auch, es geht mir mehr darum was die Volkesstimme über diesen „Regenbogen“ sagt. Gibt es Gerüchte oder Spekulationen irgendwelcher Art. So etwas in der Richtung. Da bist du näher an der Quelle als ich.“
David war wieder am überlegen. Nach einer Weile sagte er:
“Verstehe, ich muss heute Abend an eine Vernissage, die hier in Bern stattfindet. (Zur Information David wohnte in Zollikofen). Ich muss für unsere staatstragende Zeitung (Er meinte damit „Den Bund“) über diesen Anlass schreiben. Da könnte ich mich umhören.“
Zum Dank wollte ich ihn ein bisschen foppen.
„Ich wusste gar nicht dass du dich in die Niederungen des Journalismus begibst.“
„Man kann nicht nur von Liebe und Luft leben Lea, das müsstest du auch wissen. Ich nehme an, du musst zwischendurch auch hartes Brot essen.“
David hatte Recht. Bevor ich ihm dass sagen konnte ertönte auf seiner Seite ein Knall.
„Lebst du noch David?“
Mit Gleichmut antwortete er:
„Sonja ist aus dem Bad gekommen. Sie hat gesehen dass ich noch am telefonieren bin, deshalb hat sie die Petflasche vom Nachttisch genommen und nach mir geworfen Hat aber nur die Wand getroffen. Sie ist glaube ich in die Küche verschwunden.“
„In diesem Fall ist es besser wenn wir Schluss machen. Sonst kommt sie mit einer Pfanne zurück.“
„Ich danke dir für deine Fürsorge Lea, ich melde mich morgen.“
„Viel Spass bei der Zähmung deiner Wildkatze.“
Natürlich hätte ich ihn einige Fragen über Christoph Matt stellen können, er kannte ihn bestimmt. Frei arbeitende Journalisten pflegten untereinander immer irgendwelche Beziehungspunkte. Nach meiner Ansicht wäre er aber sehr hellhörig geworden, da hätte ihn auch sein heisser Feger nicht ablenken können.
Denn er war absolut topp in seinem Beruf, dafür aber in seinem Privatleben ein ebenso absoluter Chaot. Dass war auch der Hinderungsgrund gewesen, dass es bei uns nur zu einem Funkenregen gereicht hatte.

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